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rheinische ART 06/2019

AFRIKAMUSEUM TERVUREN
Ideologische Kernsanierung


Das Afrikamuseum in Tervuren bei Brüssel ist seit Dezember 2018 wieder zu besichtigen. Das reorganisierte Haus, ein Kolonialpalast von Leopold II., König der Belgier, aus dem Jahre 1898 ist umstritten. Ein Streifzug!

 

Außenansicht des Afrikamuseums. Eine unterirdische Galerie verbindet den neuen gläsernen Empfangspavillon mit dem alten Gebäude. Fotoquelle © RMCA Tervuren 2019 © David Plas

 

Die Eröffnung des neu ausgerichteten Museums fand ausgerechnet in einer Zeit statt, in der koloniale Raubkunst und deren Rückgabe für Schlagzeilen sorgten. Vor allem in Frankreich und Deutschland. Das umgebaute Ausstellungshaus heißt nach wie vor „Königliches Museum für Zentral-Afrika“ (Royal Museum of Central Africa / RMCA). Es wurde 2013 geschlossen, edel restauriert und mit einem neuen Programm ausgestattet.

 

King Kasai Der afrikanische  ElefantAbteilung „Landschaften und Artenvielfalt“ © RMCA, Tervuren, Photo Jo Van de Vijver 

 

Luba Helmmaske (Luba helmet mask), Luba. Katanga, D.R. Congo. Wood (Ricinodendron rautanenii), H 39 cm, inv. no. EO.0.0.23470 © RMCA, Tervuren, Photo Jo Van de Vijver

Bis zu seinem Umbau vermittelte das alte Museum mit seinem gewaltigen Bestand an Exponaten ein verherrlichendes Bild der belgischen Kolonialzeit in Zentralafrika; unkritisch, rassistisch und überheblich.

     Von Ausbeutung, Elend, Versklavung und Grausamkeiten an der Bevölkerung war in dem Museum keine Rede. Genau genommen widmete sich die Ausstellung vor allem der Epoche der königlichen Privatkolonie „Freistaat Kongo“ und jener des späteren Belgisch-Kongo. „Wir wurden deshalb manchmal als ´letztes Kolonialmuseum der Welt´ bezeichnet“, wie Generaldirektor Guido Gryseels anlässlich der Neugestaltung betonte.


Man muss einen Blick auf die Historie werfen, um zu verstehen, warum dieses Museum nach wie vor so kritisch beäugt wird. Es wurde als „Kongo-Museum“ im neobarocken Stil von Leopold II. (1835–1909) in Auftrag gegeben und vom französischen Architekten Charles Girault realisiert.

     Der Monarch, reichster in Europa, ließ den zentralafrikanischen Kongo – den er von 1885 bis kurz vor seinem Tod tatsächlich als Privatbesitz beherrschte – in brutalster Weise ausbeuten. Das royale Terror-Regime hatte System. Das Land wurde nur als Rohstofflieferant gesehen, unter anderem für Kautschuk, und regelrecht ausgeplündert.

     Bis zu 10 Millionen Afrikaner kamen nach Berechnungen dabei in einem Vierteljahrhundert ums Leben. Leopolds menschenverachtende Herrschaft wird heute zu den größten Verbrechen der modernen Kolonialgeschichte gerechnet. Als diese verheerenden Zustände unter dem Begriff „Kongogräuel“ schließlich öffentlich wurden, war das internationale Entsetzen groß.

     Der Staat Belgien übernahm 1908, ein Jahr vor des Regenten Tod, die Regie über die Kolonie und nannte sie bis zur Unabhängigkeit 1960 Belgisch-Kongo. Seine Fläche überstieg die von Belgien um das 80 fache. Heute heißt der Staat Demokratische Republik Congo.

 

 

Anthropomorpher Sarg. NTOMBA (Nkundo-Mongo), Wangatawa Ibonga. Äquatorgebiet, DR Congo, gesammelt zwischen 1884 und 1887 EO.0.0.37340 Foto © RMCA, Tervuren

 

Wie sieht sich das nun neu positionierte Museum heute? Hat sich was geändert? In seiner Eigenwerbung versteht es sich „als eines der schönsten und beeindruckenden afrikanischen Museen der Welt“.

     Nach fünf Jahren Renovierung und Reorganisation, für die über 65 Millionen Euro aufgewendet wurden, tauche es den Besucher „in die vielfältige Natur des Kontinents und seine kulturellen Reichtümer und kreativen Städte ein.“

     Es zeige das Leben so wie es sei, präsentiere die ältesten und neuesten Sprach- und Musiktraditionen und blicke „auf eine dauerhafte Beziehung zwischen Afrika und Europa zurück, die aus der schwierigen Kolonialgeschichte“ hervorgegangen sei und „die unser Land mit Zentralafrika teilt.“ Das Museum will, soviel ist zu erkennen, ein Museum für das Afrika von heute sein.

 

Arsène Matton (1873-1953), Belgien bringt die Zivilisation in den Kongo (Belgium brings civilisation to Congo) gilded bronze, 1922. © RMCA, Tervuren, Photo Jo Van de Vijver

 

Diesem hehren Gedanken steht die Tatsache gegenüber, dass das Haus nach wie vor eine Art koloniale Aura verströmt. „Belgien bringt dem Kongo die Zivilisation“ lautet etwa eine Inschrift unter einer goldenen Statue von 1922, die den König mit zwei schwarzen Kindern zeigt.

     Eine Arbeit des belgischen Künstlers Arsène Matton und eine von vier allegorischen Skulpturen in der Rotunde des Gebäudes, die das Regime von Leopold II. in seiner Privatkolonie „Freistaat Kongo“ regelrecht verklären, die Wirklichkeit aber ausblenden.
     Zwar geht die neue Dauerausstellung auch auf diese furchtbare Zeit ein, koloniales Denken und Andenken lassen sich gleichwohl in allen möglichen Ecken des Hauses verorten. Dies mag daran liegen, dass sowohl das Gebäude als auch die Interieurs unter Denkmalschutz stehen und nicht verändert werden durften. Die Initialen des Herrschers prangen daher 54 Mal im Gebäudekomplex.

     Dem Denkmalschutz unterlagen auch Vitrinen, Wandgemälde oder Bodenbeläge. Unübersehbar, da erhalten: Der Mosaik-Stern des "Kongo-Freistaates", einst Symbol der Königsdomäne, auf dem Boden der Rotunde. Der Geschichte des Gebäudes zu entkommen, so stellte Direktor Gryseels fest, sei unmöglich, man muss sich ihr stellen.

 

Die Rotunde The rotunda mit Skulpturen und "Freistaat-Stern" © RMCA, Tervuren, Photo Jo Van de Vijver

 

Mit der Ausstellung von zeitgenössischer Kunst aus Afrika wie auch mit klärenden Blicken auf die Kolonialgeschichte versucht Gryseels, neue Ideen und Schwerpunkte zu realisieren.

     Wer einen Rundgang durch die restaurierte Anlage unternimmt, erfährt so allerhand. Denn die kulturhistorischen wie naturgeschichtlichen Artefakte sind beeindruckend. Mit der Generalüberholung haben auch moderne Museumstechniken Einzug gehalten. Erläuterungen mittels QR-Code, die schon vor dem Besuch auf Smartphones oder Tablets geladen werden können, sind nur eine gefällige Neuerung. Eine Museologie der Kategorie „Old School“ ist hier nicht mehr zu finden.
cpw

 

► Die Museumsgründung hängt mit der Brüsseler Weltausstellung von 1897 zusammen. Leopolds II. verlegte die koloniale Thematik der Schau nach Tervuren in seinen ‚Palast der Kolonien‘. Es wurde allerhand Lehrreiches aus dem Kongo gezeigt, darunter ausgestopfte Tiere, Gesteine, Pflanzen, ethnografische und künstlerische Gegenstände. Der Herrscher verstand die Präsentation als Propagandainstrument für sein Kolonialprojekt und als Akquise von Investoren. 1898 wurde aus der temporären Ausstellung das ständige Museum.

 

Königliches Museum für Zentral-Afrika (Afrikamuseum)
Leuvensesteenweg 13
3080 Tervuren / Belgien
Tel +32 2 769 5211
Öffnungszeiten
DI – FR 11 – 17 Uhr
SA, SO 10 – 18 Uhr

 

 

 

 

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