rheinische ART
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rheinische ART 09/2013

 

ARCHIV 2013
Eine andere Perspektive – präsentiert vom Centre Pompidou in Metz

 

Alles von oben

 

Was ist anders, wenn man die Welt aus der vertikalen Aufsicht betrachtet? Alles! Der völlig veränderte Blickwinkel, die Verflachung der Oberfläche, der Panoramablick, die Verkleinerung der Objekte, die Totale auf eine neu komponierte Landschaft. Also eine rundweg geänderte Wahrnehmung von Raum, bei der Nah und Fern schwindet.

 

Margaret Bourke-White scheute die Höhe des Chrysler Building in New York nicht. Die Aufnahme entstand 1935

 

SEIT EINIGEN Jahren fällt auf, dass des Menschen Sicht aus der Höhe eine Renaissance erfährt. Ob Fernsehfilme oder die zahlreichen und oft auch bestechenden Fotobände mit Luftbildern in Buchhandel und Bibliotheken: Die Vogelperspektive, so scheint es, zieht die Menschen in ihren Bann.


Neue visuelle Erfahrungen


Diese Aktualität ist für das Pompidou-Museum in Metz Anlass, mit der multimedialen Ausstellung „Der Blick von oben“ die Historie der Luftbilder nachzuzeichnen und ihren Einfluss auf die Kunst zu beleuchten. Auf rund 2000 Quadratmetern präsentiert der noch junge lothringische Ableger des Pariser Mutterhauses Pionieraufnahmen aus Heißluft- Ballonen bis hin zu heutigen Satelliten- und Drohnenfotos.
   Inspiriert hat die Abkehr von der Zentralperspektive Generationen von Künstlern, wie die Exposition eindrücklich vermittelt. Vertreten sind etwa Albers und Braque, Gropius und Gursky, Kandinsky, Klee, Monet, Picasso, Polke und Richter, sowie Riefenstahl und Schiele. Gut 500 Exponate haben die Kuratoren für diese ungewöhnliche Schau zusammengetragen: Gemälde, Fotografien, Zeichnungen, Filme, Architekturmodelle, Installationen, Bücher und Zeitschriften – eine multimediale Kollektion, die den Einfluss der neuen „modernen“ Technologien des 19. und 20. Jahrhunderts, also der Luftfahrt und der Fotografie, auf die Formensprache der modernen und zeitgenössischen Kunst belegt.


Balkon, Ballon, Flugzeug, Satellit

 

Robert DelaunayTour Eiffel et Jardin du Champs de Mars, 1922

 

Nach dem Blick vom Balkon markieren die ersten Fotos aus Heißluft-Ballonen, gefertigt vom französischen Fotografen Félix Nadar ab 1858 in Paris und James Wallace Black 1860 in Boston, den Beginn der neuen Sichtweise – und verändern die Wahrnehmung der Künstler. Aus der Höhe betrachtet ist die Welt verflacht.
   Nadar schreibt dazu: „Die Erde entrollt sich wie ein riesiger Teppich ohne Rand, hat weder Anfang noch Ende.“ Mit der illustrierten Presse und den ersten Filmen werden die Bilder aus der Vogelsicht populär und finden ihren Widerhall im Werk der Impressionisten, die für ihre Stadtansichten zusehends steilere Blickwinkel wählen. Um 1910 sind kubistische Maler wie Picasso, Braque, Léger und Delaunay fasziniert von der Eroberung des Himmels durch die Luftfahrt und huldigen der Devise „l´avenir est dans l´air“ (Die Zukunft ist in der Luft). Sie reagieren auf den technischen Fortschritt mit einer malerischen Revolution: der Dekonstruktion des traditionellen dreidimensionalen Raumkonzepts.


Geänderte Wahrnehmungen


Fünfzehn Jahre später begründet László Moholy-Nagy einen neuen Ästhetikbegriff, der die moderne Fotografie in ganz Europa prägen sollte. Das wesentliche Merkmal dieses Neuen Sehens, für das außergewöhnliche Blickwinkel wie etwa die extreme Aufsicht charakteristisch sind, besteht „in einer gesteigerten Komplexität der Wahrnehmung“, wie die Kuratoren hervorheben. Von oben betrachtet ist die Welt kaum mehr wieder zu erkennen, Größenverhältnisse verschwimmen, die Erde erscheint fremd. Auch den Architekten Le Corbusier lässt dieser Aspekt der Luftbilder nicht unberührt: Für seine Stadtplanungsprojekte in Rio de Janeiro und Algier sieht er eine radikale Umgestaltung des bestehenden Territoriums vor. In den USA wird die Flugbildfotografie - insbesondere die Fotos von Margaret Bourke-White - in neuen Magazinen wie der 1936 gegründeten Zeitschrift LIFE zu einem wichtigen Instrument, um den amerikanischen Way of Life wirkungsvoll in Szene zu setzen.

Paul KleeSizilien [Sicile], 1924

 

   Mit dem Aufschwung der Zivilluftfahrt ab 1950 regt der Blick aus dem Flugzeugfenster erneut viele Kreative an, vor allem in den USA. Die Kartografie entwickelt sich zu einem neuen ästhetischen Modell für die abstrakte Malerei der 1950er- und 1960er-Jahre und die Luftbildarchäologie, die verborgene Geländestrukturen sichtbar macht, wird für die Land-Art-Künstler zu einer wichtigen Referenz. Auch Architekten und Stadtplaner wie Frei Otto und Michel Desvigne nutzen die Luftbildtechnik, um ihre großräumig verankerten Arbeiten in der Landschaft sichtbar zu machen.

 

 Die acht thematischen Sektionen der Schau, überschrieben mit Umschwung, Planimetrie, Ausdehnung, Verfremdung, Dominanz, Topografie, Urbanisierung und Überwachung, beleuchten das Sujet in chronologischer Abfolge, beginnend im späten 19. Jahrhundert und weiterführend über die Einschnitte zweier Weltkriege bis in die Gegenwart. Die speziell konzipierte Ausstellungsarchitektur macht den Besuch zu einer Reise durch Zeit und Raum: Der Blick steigt mehr und mehr, erhebt sich vom Balkon über Ballon und Flugzeug bis zum Satelliten.
K2M

 

Die Ausstellung „Der Blick von oben“ wird bis zum 7. Oktober 2013 gezeigt.
Centre Pompidou Metz
1, Parvis des Droits-de-l’Homme
CS 90490
57020 Metz Cedex 1/ Frankreich

Tel. +33 (0) 3 87 15 39 39

Öffnungszeiten
MO, MI, DO, FR 11.00-18.00 Uhr
SA 10.00-20.00 Uhr
SO 10.00-18.00 Uhr

 

 

Die alte Garnisonsstadt Metz, geschichtsträchtig und an Denkmalen reich, war die erste französische Provinzstadt, in der ein nationales Museum aus Paris eine Dependance einrichtete. Das Centre Pompidou Metz, ein bemerkenswerter, heller pilzartiger Bau mit Wellendach, entworfen vom japanischen Architekten Shigeru Ban, wurde im Mai 2010 eröffnet. Es zeigt auf rund 11.000 Quadratmetern neben Wechselausstellungen zeitgenössische Kunstwerke aus Beständen der Zentrale in Paris. Die Dezentralisierung von Kunst, wie sie seit jüngstem auch im nordfranzösischen Lens (Musée du Louvre-Lens) praktiziert wird, stellt einen Beitrag zum Abbau kultureller Imagedefizite in Altindustrieregionen Frankreichs dar.


 

© Fotos (3) Centre Pompidou Metz

 

 

 

 

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