rheinische ART
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rheinische ART 04/2013

 

ARCHIV 2013

EIN TEIL DER KUNSTGESCHICHTE

 

Als Kitsch noch Kunst war

 

 

Sunlight Soap, nach George Dunlop

Leslie, Chromolithographie,

London 1887

 

Walter Crane, The Yellow Dwarf, London

& New York, 1878

 

Bernhard Zickendrath, Raucherin, als

Plakat verwandt von S. Ottenberg &

Brothers, Cigar Manufacterers,

New York, Druck: Otto Troitzsch,

Chromolithographie, Berlin 1890

 

Der Titel ist wörtlich zu nehmen: Viele der nach heutigem Geschmack oft süßlichen Chromolithografien des 19. Jahrhunderts gelten heute als Kitsch, doch sahen die meisten der damaligen Zeitgenossen in ihnen Kunst und die Möglichkeit, ihr Heim zu schmücken. Das Käthe Kollwitz Museum Köln präsentiert eine Ausstellung mit rund 200 farbigen Drucken aus dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

 

 

 

DER Farbendruck gehörte im 19. Jahrhundert zu den großen innovativen Techniken. Die technische und organisatorische Entwicklung im Druckerei- und Verlagswesen zwischen 1840 und 1890 lässt sich durchaus mit der digitalen Revolution von heute vergleichen. Denn die Verbreitung von Zeitschriften, Büchern und Werbung nahm explosionsartig zu.

 

   Überall gab es Bilder, die unterhielten oder über die Welt informierten: in Tageszeitungen, in Schulbüchern, auf Plakatwänden und Verpackungen. Sie zeigten schöne Damen, liebliche Kinder, Märchenillustrationen, Stadt- und Fabrikansichten oder Schiffsbilder. Es gab bunte Menükarten des Berliner Königshauses, Sammelbilder, Weinetiketten und dekorative Drucke für das Wohnzimmer.

 

Bilder für jedermann

 

 

Das nie Dagewesene rief natürlich Bedenkenträger auf den Plan. Kulturkritiker beobachteten diesen Fortschritt durchaus mit Vorbehalt und prognostizierten einen Verfall der Sitten in einer solchen „Chromo-Zivilisation“.
   Mit welchem Staunen die Zeitgenossen den Wandel wahrgenommen haben mögen, kann man sich heute kaum vergegenwärtigen. Eine bilderlose Welt, wie es sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab, ist uns heute unvorstellbar, die Freude über ein schnell zu habendes, preislich erschwingliches farbiges Bild aber begreiflich. Das farbige gedruckte Bild wurde ein Massenprodukt. Als sich um 1890 eine junge Generation von Künstlern wie Henri de Toulouse-Lautrec an die moderne farbige Künstlergrafik wagten, hatten die rein industriell angefertigten Chromolithografien bereits die Welt erobert.

 

   1837 meldete Godefroy Engelmann aus Mulhouse die „Chromolithographie“ bei der Académie française als Patent an. Er war nicht der erste, der in Farbe druckte, doch lieferte er bessere Ergebnisse als seine Vorgänger. Engelmann war ernsthaft davon überzeugt, mit farbigen Lithografien den Gemälden Konkurrenz machen zu können. Eine Behauptung, die seinerzeit an Größenwahn grenzte – doch sollte es nur wenige Jahrzehnte dauern, bis die Drucktechnik so ausgereift und die Auflagen so hoch waren, dass sich fast jede Familie ein buntes Bild über dem Sofa leisten konnte. Vor allem Druckereien in Deutschland, aber auch in Frankreich, England und nach 1880 besonders auch in den USA sollten das international agierende Gewerbe dominieren.

 

 Die Ausstellung aus den einmaligen historischen Hamburger Beständen beleuchtet die Erfolgsgeschichte des farbig gedruckten Bildes und gewährt erstaunliche Einblicke in die ‚rosigen’ Seiten des Industriezeitalters. Die meisten Drucke, die damals in großen Auflagen erschienen, sind heute äußerst selten. Hier wird ein gleichermaßen interessanter wie unterhaltender – und auch bedeutsamer – Teil der Kunst- und Gesellschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts vorgestellt.
bra

 

Die Ausstellung „Als Kitsch noch Kunst war“ ist bis zum 9. Juni 2013 zu sehen.
Käthe Kollwitz Museum Köln
Kreissparkasse Köln
Neumarkt 18-24
50667 Köln
Tel. 0221 / 227 -2899 oder 227 -2602
Öffnungszeiten
DI - FR 10 - 18 Uhr
SA/SO/Feiertag 11 - 18 Uhr

 

 Den populären Druckgrafiken des 19. und 20. Jahrhunderts ist auf der Raketenstation als Teil des Kulturraums Hombroich in Neuss gleich ein ganzes Haus gewidmet. Aus einer privaten Sammlung: Das Feld-Haus (mehr)

 

  

© Fotos: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

 

 

 


 

 

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