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rheinische ART 05/2011

 

Archiv 2011: aus "Kunst erleben"

„Leonardo des Nordens – Joos van Cleve“ in Aachen

 

Begegnung mit einem Meister

 

 

Selbstbildnis des Joos van Cleve, um 1519
© Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza

 

Er war mit überragenden malerischen Qualitäten gesegnet, ein großartiger Kolorist und exzellenter Porträtist und zu seiner Zeit in Antwerpen ein etablierter und gefragter Renaissance- Maler. Erstaunlich, dass Joos van Cleve (1485/90 – 1540/41) lange nur den Kunsthistorikern ein Begriff war. Im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum wird das Œuvre des gebürtigen Niederrheiners erstmals in einer sehenswerten und längst überfälligen großen monografischen Übersichtsschau vorgestellt.

 

JOOS VAN CLEVE wurde etwa um 1485 als Joos van der Beke in Kleve geboren, das genaue Geburtsjahr ist unklar. Erste größere künstlerische Arbeiten am Niederrhein sind an einem Hochaltaraufsatz der St. Nicolai-Kirche zu Kalkar verbürgt; zu wahrer Bedeutung gelangte van Cleve aber im seinerzeitigen künstlerischen Kraftzentrum der Renaissance, der flämischen Handels- und Kunstmetropole Antwerpen. Von hier aus fanden seine Meisterwerke zu Beginn des 16. Jahrhunderts Käufer und Liebhaber in ganz Europa.

 

Joos van Cleve, Die Kirschenmadonna, 1525-1530
Aachen, Suermondt-Ludwig-Museum, Dauerleihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung, © Anne Gold

 

Joos van Cleve, Porträt einer Frau, um 1530, Isle of Bute, Privatsammlung in Mount Stuart
© The Bute Collection at Mount Stuart, Isle of Bute

Die flämischen Primitiven

 

1511 wird Joos van Cleve dort in die Malergilde aufgenommen und baut in den Folgejahren deren größte und erfolgreichste Atelierwerkstatt auf. Das „Vlaams Geweest“ - also die flämische Region - gilt zu jener Zeit als Zentrum der altniederländischen Malerei, ihre Begründer werden als die „flämischen Primitiven“ bezeichnet. Sie schufen einen selbstständigen niederländischen Stil, die bekanntesten Vertreter dieser Epoche sind die frühen Meister Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und Hans Memling.

   Wie keinem anderen gelang es van Cleve, die Präzision und Klarheit der flämischen Primitiven mit der Emotionalität und Eleganz italienischer Renaissancekünstler zu verknüpfen. Seine Arbeitsdrang und seine Produktivität überstieg die seiner künstlerischen Zeitgenossen um ein Vielfaches. Rund 200 Werke werden der Cleveschen Werkstatt heute zugeschrieben. Dem Künstler gelang es durch wegweisende Organisation und spezielle Kopierverfahren, schnell, effizient und ohne Qualitätseinbußen mehrere Aufträge gleichzeitig auszuführen. Dieses einer Serienfertigung nicht unähnliche „Produktionsverfahren“ betrieb der Meister bis zum Ende seines Lebens.

 

Altarstücke, Andachtsbilder und Porträts

 

In Aachener können die bedeutendsten transportfähigen Werke van Cleves bewundert werden. Die Leihgaben stammen aus 34 internationalen Museen und gut einem Dutzend privater Sammlungen. Einige Werke werden erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.

   Die thematisch gegliederten 60 Exponate umfassen Altarstücke, Andachtsbilder und Porträts. Es handelt sich ausschließlich um Arbeiten auf empfindlichem Holz. Die Farbqualität der gezeigten Werke ist außergewöhnlich brillant. Dies zeigt sich u.a. beispielhaft an dem Altarbild Triptychon mit der Beweinung Christi (1524) sowie auch an den zwei erfolgreichsten Motivserien seiner Zeit: den Andachtsbildern Kirschenmadonna (um 1530) und Christus und Johannes als Kinder, einander umarmend (1525-1530).

   Van Cleve fertigte Bildnisse von zahlreichen einflussreichen Adels- und Kaufleuten. Als prestigeträchtigster Auftrag gilt der des französischen Königs Franz I., den er ebenso wie den englischen Königs Heinrich VIII. porträtierte. Das große malerische Können des Rheinländers zeigt sich bei den Bildnis-Arbeiten unter anderem in raffinierten Farb- und Lichteffekten, so etwa in den Werken Porträt des Joris Vezeleer und Porträt der Margaretha Boghe (beide 1518), die der Künstler zu deren Hochzeit fertigte.

 

Joos van Cleve, Triptychon mit der Beweinung Christi, 1524
Frankfurt a.M., Städel Museum, © U. Edelmann - Städel Museum - ARTOTHEK

 

Vorbild Leonardo da Vinci

 

Höchster Wertschätzung erfreuten sich van Cleves meisterliche Kompositionen in Anlehnung an Stil und Motive Leonardo da Vincis (1452-1519), weshalb ihm die Nachwelt den Beinamen „Leonardo des Nordens“ verlieh. Einflüsse des Norditalieners treten in vielen Werken van Cleves deutlich zu Tage. So beim Santa Maria della Pace-Altar (um 1525) oder bei Madonnen-Abbildungen.

Joos van Cleve, Hieronymus in seinem Studierzimmer, nach 1521
Privatsammlung, Abbildung freundlicherweise über Haboldt & Co.

   Die Werkstatt des Wahl-Flamen van Cleve kopierte und variierte die Vorlagen des Universalgenies aus Mailand (aber auch des ebenso berühmten Dürer) ohne Zweifel in reichhaltigem Maße. Tatsächlich aber büßten seine Werke ihre stilistische Eigenständigkeit nicht ein. Denn van Cleve verstand es, die malerischen Elemente der nördlichen mit der der südlichen Renaissance - etwa bei seinen Andachtsbildern - auf einzigartige Weise miteinander zu verbinden: Landschaftlich und farblich ist der Charakter flämisch, die weiche Modellierung der Inkarnate mit Hilfe braun-grauer Schattierungen („sfumato“) ist der Maltechnik Leonardos angelehnt. Mit dieser Symbiose wurde Joos van Cleve nicht nur der wichtigste Vertreter des Leonardo-Stils im Norden, er trug maßgeblich zur rasanten Verbreitung der stilistischen Elemente italienischer Renaissance-Malerei in der flämischen Kunst bei.
Klaus M. Martinetz

 

Der Ausstellungskatalog umfasst rund 200 Seiten und etwa 150 farbige Abbildungen. Es ist die erste deutschsprachige Monografie zum Künstler. Belser Verlag, Stuttgart; Preis: 29,95 EUR

 

Die Ausstellung „Leonardo des Nordens – Joos van Cleve“ ist bis zum 26. Juni 2011 zu sehen.

Suermondt-Ludwig-Museum
Wilhelmstr. 18
52070 Aachen
Tel. 0241 / 479 800
Öffnungszeiten:
DI - FR 12 - 18 Uhr
MI 12 - 20 Uhr
SA + SO 11-18 Uhr

 

 

©rheinische-art.de

 

 

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