rheinische ART
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rheinische ART 07/2012

 

ARCHIV 2012

Wegbereiter der Moderne

 

Rodin in St. Petersburg

 

 

Die Arbeiten des französischen Bildhauers und Zeichners Auguste Rodin markieren den Beginn der modernen Skulptur. Oft als sinnlichster Bildhauer aller Zeiten gepriesen, vertrat der Meister die bemerkenswerte Ansicht: „… auch das Hässliche ist schön“. In der Kunstmetropole St. Petersburg - die auch ein Ludwig-Museum beherbergt (mehr) - ist erstmals in Russland die skulpturale und zeichnerische Kunst Rodins in einer großen Schau zu sehen. Ort der Präsentation ist das Staatliche Museum der Geschichte in der mächtigen und einzigartigen Peter-und-Paul-Festung am Newaufer.

 

 

„Rodin. Von St. Petersburg nach Moskau“ titelt das ehrgeizige Projekt. Mit der Ausstellung verfolgen die Kuratoren zum einen das Ziel, die Kunst des François Auguste René Rodin (1840-1917) in Russland bekannter zu machen. Zum anderen soll der interkulturelle Dialog mit Westeuropa gefördert werden. Gezeigt werden zahlreiche richtungsweisende Werke des Franzosen, darunter Hauptwerke wie die berühmte Plastik „Der Kuss“ (1886), die als geradezu zeitlose Ikone für die Wiedergabe körperlicher, sinnlicher Liebe angesehen wird. „Der Denker“ (1880) und „Ewiger Frühling“ (1884) sind weitere Highlights.

 

Auguste Rodin: seine erste Bronzeskulptur "Das eherne Zeitalter" von 1876. Der ursprüngliche Titel lautete "Der Besiegte"

 

Auguste Rodin - Signatur

 

Allerdings ist keines der ausgestellten Werke jemals von der Hand des Meisters geformt oder gegossen worden, denn es werden nicht die Originale gezeigt, sondern zertifizierte Nachgüsse der berühmten Werke in Bronze. Anders wäre die Vielzahl der Rodin-Skulpturen wohl kaum in einer Schau zu versammeln gewesen. Nach Ansicht der Organisatoren können diese sogenannten „zweiten Formen“ ebenso gut wie die Originale die Kreativität und die Genialität Rodins vermitteln, womit sie durchaus Recht haben. Nach der Auftaktveranstaltung in St. Petersburg werden die 42 Bronzegüsse und die zahlreichen ergänzenden Rodin-Zeichnungen in Moskau ausgestellt.

 

Repliken

 

Für die Konzeption der schwergewichtigen Schau zeichnet ein französisch-russisches Kuratorenteam um den Kunsthändler und -experten Patrick Carpentier (Carpentier Art Gallery) in Zusammenarbeit mit Serge Goldenberg sowie der Petersburger Galeristin Svetlana Risunova (Risunova Art Gallery).

   In Carpentiers Regie wurden zunächst die Original-Gipsformen der Rodin-Arbeiten aus dem Nachlass des Künstlers zusammengetragen und danach für Repliken verwendet. Diese werden nun weltweit gezeigt.
Den Besucher empfangen vor dem Eingang zum eigentlichen Ausstellungsraum gleich zwei monumentale Werke: das „Denkmal für Honoré de Balzac“ (1897) und die berühmte Gruppenplastik „Die Bürger von Calais“, eine Auftragsarbeit Rodins aus dem Jahre 1884, die mit einem Gewicht von über drei Tonnen eine besondere Herausforderung für die Arrangeure der Schau bildete. Die im Innenraum ausgestellten Skulpturen sind zu Gruppen geordnet. Die Stirnseite ziert ein Bild des „Höllentors“ von 1885, das ebenfalls zu den Hauptwerken des Bildhauers zählt.
   40 Plastiken Rodins bilden den Ausstellungskern, flankiert von 129 Skizzen und Zeichnungen, die als „Fenaille Album“ oder auch „Goupil Album“ in der Kunstgeschichte bekannt sind. Eine Version des „Denkers“ (Objekt Nr. 41) ist eine Schenkung an die Sankt Petersburger Kunstakademie.

 

Kunst als Brücke zwischen Gestern und Morgen

 

…so sah Auguste Rodin seine eigene Arbeit. Stark beeinflusst von der Bildhauerei der griechischen Antike und vor allem von Michelangelo, den er 1875/76 in Italien studierte, verstand es Rodin, aus der Tradition und Konvention heraus neue Themen und Gestaltungsweisen zu entwickeln. Die Fragmentierung der Körper oder das „non-finito“ wurden neue ausdrucksstarke Stilmittel; modern wirkt noch heute Rodins Technik der Assemblagen, mit denen er neue Sinnzusammenhänge schuf. Als geradezu revolutionär gilt seine Kunstauffassung und Innovationskraft bei der Gestaltung der „Bürger von Calais“, die er nicht in der üblichen erhabenen Postamentform schuf, sondern dem Betrachter auf Augenhöhe auf einer Plinthe gegenüberstellte – ein Stilbruch par excelence in der Denkmalskunst des 19. Jahrhunderts. Wie sehr die Auftraggeber der Stadt Calais erbost gewesen sein mussten, mag verdeutlichen, das Rodins Meisterwerk erst 1895 - also elf Jahre nach seiner Fertigstellung - zunächst mit Marmorsockel, und erst 1945 ebenerdig vor dem Rathaus von Calais platziert wurde.

 

Wie sein impressionistischer Zeitgenosse, der Maler und Bildhauer Edgar Degas (mehr), favorisierte Rodin bei seinen modellierten Figuren klassische Posen. Mit steigendem Alter hielt er hingegen in erotischen Skizzen gerne und häufig das fest, was er nicht in Bronze gießen konnte oder wollte. Diese Erotika reichten aus, um 1906 einen Ausstellungseklat im Weimarer Großherzoglichen Museum für Kunst und Kunstgewerbe (heute Neues Museum Weimar) zu provozieren, der zur Entlassung des progressiven Leiters des Museums, Harry Graf Kessler, führte. Kessler hatte sich maßgeblich für Aufkäufe von Werken der französischen und deutschen Moderne eingesetzt.

 

Auguste Rodin - Portrait von 1902

 

Auguste Rodin war bekannt für turbulente Liebesbeziehungen. Selbst im nicht prüden Paris galt sein Atelier als Sündenpfuhl, wo nackte Modelle zu geistlichen Liedern tanzten. Berühmt ist die zehnjährige Liaison mit Camille Claudel, seiner ehemaligen Schülerin. Vier Jahre nach ihrer Trennung wandte sich der 57-Jährige der 33 Jahre jungen russischen Bildhauerin Anna Semjonowna Golubkina (1864-1927) zu, die er als Assistentin beschäftigte. Golubkina hatte an der Kaiserlichen Akademie der Künste in St. Petersburg studiert und in Frankreich ein zweijähriges Kunststipendium erhalten. Die russische Muse und der Franzose passten offenbar nicht zueinander. Im Jahre 1900 verließ sie das gemeinsame Atelier in der Kleinstadt Meudon in der Île-de-France. Der Meisterbildhauer stellte im selben Jahr auf der Pariser Weltausstellung im eigenen Pavillon rund 170 seiner Werke aus. Arbeiten der Russin finden sich in der Petersburger Rodin-Ausstellung nicht. Die nächste Geliebte war die waliser Malerin Gwen John, die ihm auch als Model diente. Schließlich heiratete Auguste Rodin 1917 im Alter von 76 Jahren seine langjährige Lebensgefährtin Rose Beuret.

Georg Simet

 

Die Ausstellung "Rodin. Von St. Petersburg nach Moskau" kann noch bis zum 19. August 2012 besucht werden.

Peter-und-Paul Festung
Staatliches Museum der Geschichte
Pavillon Atrium
St. Petersburg / Russland

Tel. (812) 230 6431

Metrostation: Gorkowskaja

Öffnungszeiten:
täglich 11 – 20 Uhr

 

 

 

©Fotos Simet (2), Veranstalter (2)

 

 

 


 

 

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