
ARCHIV 2012
David Hockney´s Bilderzauber in London

Winter Timber, 2009 , Ölbild aus 15 Leinwänden und den Ausmaßen 274 x 609.6 cm. Privatkollektion. © David Hockney, Foto Jonathan Wilkinson
DER 74-jährige Star der britischen Pop-Art, der einst im Kalifornien der 60er-Jahre einzigartige Swimmingpool- und Badebilder schuf, die wie die bildgewordenen Klänge des Mamas & Papas-Songs „California Dreamin´“ wirken und ihn weltberühmt machten, zeigt sich im Alter heimatverbunden. In East Yorksshire, wo er geboren wurde und wo er seit einigen Jahren wieder in dem Nordseebad Bridlington wohnt, ist er zum Landschaftsmaler geworden. Die hier in den letzten acht Jahren von Hockney geschaffenen wunderbaren Landschaftsgemälde bilden den Kern der Ausstellung unter dem Titel „A Bigger Picture“.
Farbpatchwork
Was auf den Besucher am Piccadilly einstürmt, ist ein wahres Farbenfestival. Felder, Wälder, Büsche, Hohlwege und flache Gehölze, Gärten, Häuser und Holzberge, alles in Großformaten, in heiteren und frischen Kolorits, vor Energie sprühend, auch strahlend leuchtend in Orange, Magenta, Rosa, in Giftgrün und Schieferblau.
Manche Motive hat der Künstler gleich mehrfach dargestellt: zu verschiedenen Jahreszeiten, in unterschiedlicher Wirkung und Schönheit. Und, so wird berichtet, alles sei in freier Natur entstanden, „Pleinair“-Malerei der Moderne in der Tradition des Expressionismus, an die Farbexplosionen bei van Goch, Matisse oder Seurat erinnernd. Man möchte meinen, David Hockney habe wie im Rausch mit unbändigem Schaffensdrang die letzten Jahre mit den Großbildwerken verbracht. Sind es Hockney´s späte Liebeserklärungen an das nordenglische Yorkshire, das Land seiner Kindheit?

The Arrival of Spring in Woldgate, East Yorkshire in 2011 (twenty eleven). Dieses Ölbild hat die Ausmaße von 365.8 x 975.4 cm. Courtesy of the artist, © David Hockney, Foto: Jonathan Wilkinson
Der Brite hatte sich schon in Kalifornien mit Fragen der Raumwahrnehmung und der Abbildung von Weite und Landschaft befasst und dies unter anderem in Bildpanoramen des Grand Canyon verarbeitet. Die Landschaftsmalerei ist somit in den zurückliegenden Jahren geradezu ins Zentrum seines Schaffens gerückt.
Allen jüngeren Werken gemeinsam ist jedoch der Charakter eines spektakulären Farbfestes, faszinierend daneben die Dimension. Natur - völlig anders gesehen, oder gar neu interpretiert? Da gehen die Meinungen allerdings auseinander. Während Hockney-Fans ihren Meister in einer Reihe mit den großen Landschaftsmalern und Romantikern des Landes, William Turner und John Constables, sowie dem Niederländer Vincent Van Gogh sehen, beklagen Kritiker seine Monumentalgemälde als zu grell, die Motive als zu naiv und das Genre eh als überholt- Bilder ohne visionäre Kraft.

The Big Hawthorne, 2008 . Ölbild in neun Teilen und den Ausmaßen 275.5 x 366 cm. Courtesy of the Artist, © David Hockney, Foto Richard Schmidt
Der Betrachter wird sich ein eigenes Urteil bilden. Damit er das überwältigende Gefühl einer Unendlichkeit der Natur erfährt, sich quasi mitten in ihr stehend fühle, hat der Altmeister aus bis zu 50 einzelnen Bildelementen riesige Ölgemälde zusammengefügt – satte zwölf mal vier Meter misst beispielweise sein Werk „Bigger Trees Near Water“. Auch zahlreiche andere Exponate erreichen rekordverdächtige Maße und werden damit dem Titel der Schau „Im großen Rahmen“ mehr als gerecht. Interessant ist auf jeden Fall die Verknüpfung von Kunst und Kunstförderung. Hockney hätte vermutlich nie derartig viele großformatige Yorkshire-Landschaften auf die Leinwände gebracht, wenn ihm die Academy nicht vor Jahren bereits so viel Präsentationsraum in ihren ehrwürdigen Ausstellungshallen zugesichert hätte.
Neue Technik
Hockney war stets für neue Techniken aufgeschlossen. Früh verwendete er für seine Arbeit Polaroid-Bilder oder nutzte Farbkopierer und Faxgeräte. Neben der traditionellen Malerei experimentiert er seit Jahren mit Bildschirm-Zeichnungen. Per iPhone-App „Brushes“ schuf er jüngst auf dem Touchscreen seines Smartphones wie auch auf seinem iPad Bilder, die eine starke Lebendigkeit ausstrahlen. Sowohl mit ihrer Leuchtkraft direkt auf den Screens als auch in großformatigen Ausdrucken bilden sie eine weitere Exponate-Gruppe in der Ausstellung. Für die Monumentalbilder verwendete der als eigensinnig und querköpfig geltende Brite ein iPad als Skizzenbuch und auf Leinwand-Raster projizierte Filmaufnahmen als Hilfsmittel.
Bei Landschaftsdarstellungen setzt Hockney neuerdings auch beeindruckende Multi-Fokus-Filme ein. Diese von ihm entwickelte Aufnahmetechnik, die eine Projektion auf neun gekoppelte Monitore ermöglicht, bietet ein einzigartig intensives Seherlebnis. In ihrer Komplexität zeigt die Ausstellung in der Londoner Royal Academy of Arts einen Mann, der stets nach vorne schaut, Neues erprobt – ein Kreativer eben. Er gilt längst in seiner Heimat als größter lebender Maler Großbritanniens - der dem klassischen Thema Landschaft auf souveräne Weise neue Impulse verleiht, wobei in all diesen Arbeiten eine tiefe Liebe zur sichtbaren Welt und zur Schönheit der Dinge durchscheint.
Claus P. Woitschützke
Die Ausstellung „David Hockney. A Bigger Picture“ ist bis zum 9. April 2012 in London zu sehen.
Royal Academy of Arts
Burlington House, Piccadilly, City of Westminster
London W1J OBD
Öffnungszeiten.
SA-DO 10.00 - 18.00 Uhr
FR 10.00 - 22.00 Uhr
► Das Museum Ludwig Köln zeigt die Ausstellung „David Hockney. A Bigger Picture“ in veränderter Form vom 27. Oktober 2012 bis zum 3. Februar 2013. Sie wird dann in Köln von Stephan Diederich in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler kuratorisch betreut.
©rheinische-art.de
©Fotos Royal Academy of Arts, London
