rheinische ART
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rheinische ART 07/2010

Archiv 2010: aus "Kunst erleben"

Das schönste Museum der Welt: Ein Fest für die Kunst

Hagener Impuls und Museum Folkwang bis 1933
 

Die Stadt Essen, die Region, die Ruhr 2010 feiern. Sie feiern das neue Folkwang Museum, das zu Jahresbeginn eröffnet wurde. Dem Neubau mit dem integrierten denkmalgeschützten alten Folkwang Museum gab der Architekt David Chipperfield mittels mehrerer Gebäudetrakte eine großzügige Gestalt. Die weitläufige innere Raumaufteilung mit Freitreppe, Wandelgängen und Lichthöfen lässt das natürliche Licht allgegenwärtig scheinen.


 

Museum Folkwang um 1930

Raum mit Georg Minnes Brunnen und Oskar Schlemmers Gemälden
(c) Museum Folkwang, 2010, Fotografie: Albert Renger-Patzsch

Festsaal mit Emil Noldes mehrteiligem Werk "Das Leben Christi"
(c) Museum Folkwang, 2010, Fotografie: Albert Renger-Patzsch

 

Der Neubau ist so gelungen, dass er eine kurze Weile selber zum Ausstellungsobjekt avancierte. Ermöglicht wurde der neue Bau durch die Stiftung Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, die ohne öffentliche Gelder das Einzelprojekt mit 55 Mio. Euro finanzierte. Der Kuratoriumsvorsitzende Berthold Beitz begründete diesen Entschluss mit der historischen Verbundenheit des Unternehmen Krupp mit den Menschen der Stadt Essen. „Hier hat das Unternehmen seine Wurzeln.“

  Im neuen Museumskomplex findet derzeit wohl eine der spektakulärsten Kunstpräsentation statt. Gezeigt wird die Sammlung Folkwang bis 1933. Das Datum 1933 ist das eigentlich Sagenhafte, denn es war das Naziregime, das der berühmten Sammlung in der damaligen Form ein vernichtendes Ende setzte. 1937 beschlagnahmten die Nationalsozialisten mehr als 1.400 Werke als so genannte „entartete“ Kunst. Damit wurde der Kollektion ein Großteil der Kunstschätze genommen. Viele davon wurden verkauft und zählen heute zu den Höhepunkten privater wie öffentlicher Sammlungen, denen sie jetzt gehören. Und eben jene Meisterwerke sind nun für die derzeitige Sonderausstellung aus Amerika, Asien und Europa nach Essen zurückgekehrt.

  Das ursprüngliche Museum Folkwang wurde ab 1898 von Karl Ernst Osthaus in der Stadt Hagen gegründet. Jenes Haus beherbergte die Sammlung des Kunstmäzens, dessen Lebenswerk sich unter dem Begriff Hagener Impuls in die Kunstgeschichte einschrieb. Doch wer war Karl Ernst Osthaus?

 

- Hagener Impuls -
 

Ernst Ludwig Kirchner
Fünf Frauen auf der Straße, 1913
Museum Ludwig, Köln
© Rheinisches Bildarchiv Köln, 2009

 

„Ohne die Mitwirkung der Kunst sind die wichtigsten Fragen des Lebens unlösbar.“ Der diesen Satz geprägt hat verfügte freilich über die Mittel, um sich über die profanen Belange des Lebens hinwegzusetzen. Karl Ernst Osthaus, geboren 1874 in Hagen als Sohn des Bankiers Ernst Osthaus, war seit seiner Jugend davon überzeugt, dass er sein Leben den Künsten widmen wolle. Nach einem eher erfolglosen Versuch, sich selbst als Künstler zu etablieren, orientierte er sich neu und strebte die Rolle eines zukünftigen Mäzen an, dem „die Möglichkeit und Begabung zuteil wurde, einen Umschwung im künstlerischen Leben und Schaffen herbeizuführen“.

  Sein Vater zeigte sich hiervon wenig begeistert und drängte den jungen Karl Ernst in eine kaufmännische Lehre, die dieser nach einem Nervenzusammenbruch vorzeitig beendete. Anschließend studierte er Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie. Im Jahr 1896, mit nur 22 Jahren, erbte Osthaus das Millionenvermögen seines Vaters. Für ihn stand sofort fest, dass er dieses Geld in ein Museum investieren möchte. Er beauftragte den Berliner Baurat Carl Gérard mit dem Entwurf eines Gebäudes im damals populären Repräsentationsstil der Neorenaissance. Durch einen schriftlichen Aufsatz wurde er auf den belgischen Künstler und Architekten Henry van de Velde aufmerksam und ließ von diesem die Innenräume des Museums im Jugendstil gestalten – das erste Folkwang-Museum ist ein eklektischer Architekturmix.


Franz Marc
Weidende Pferde IV (Die roten Pferde), 1911
Harvard Art Museum, Busch-Reisinger Museum
Promised Gift from an Anonymous Donor
© President and Fellows of Harvard College / Foto: Rick Stafford

 

Paul Gauguin
Barbarische Erzählungen
Contes Barbares, 1902
Museum Folkwang, Essen
© Museum Folkwang, Foto: Jens Nober 2009

 

  Folkwang – so nannte Osthaus sein Museum, das mit der Übersetzung „Halle für das Volk“ seine Intention und seine Vision über die veränderbare gesellschaftliche Kraft der Kunst deutlich ausdrückt. Ein Leitsatz von ihm lautete denn auch: „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“.

 

- Neue Sichtweise -

 

Mit van de Velde besuchte Osthaus die namhaften Kunsthändler und Kunstschaffenden seiner Zeit, etwa Ambroise Vollard in Paris und Paul Cassirer in Berlin, und erwarb Werke u.a. von Monet, Renoir, Signac, Seurat und Gauguin. Daheim in Hagen kombinierte er seine Schätze auf völlig neuartige Weise mit Werken anderer Kulturkreise, etwa Maskenstillleben von Nolde mit afrikanischer Stammeskunst.

  Vor allem die Kulturschaffenden selber zeigten sich begeistert und allmählich wurde das Folkwang-Museum zum Anziehungspunkt für progressive Strömungen. Für viele symbolisierte es geradezu den Übergang aus der vorindustriellen wilhelminischen Epoche hinein in eine Moderne, in der der Mensch durch die Kunst die Aussöhnung mit dem Industriezeitalter erstrebt.

  Osthaus sammelte Werke und verteidigte die damalige künstlerische Avantgarde. Die damals junge Künstlervereinigung „Brücke“ hatte hier 1907 eine ihrer ersten Ausstellungen. Osthaus: „Es wäre unrecht, Künstlern die Möglichkeit zum Ausstellen zu versagen, weil sie Widerspruch hervorrufen könnten. Der Zweck unserer Anstalt ist nicht, die Menschheit vor Entwickelung zu schützen.“ Das Folkwang galt damals als das Museum für zeitgenössische Kunst.

  Osthaus Interesse beschränkte sich nicht auf die bildenden Kunst. Bis zu seinem Tode entwickelte er gestalterische Großprojekte, die auch Städtebau und Architektur mit einbeziehen. Es war ihm ein Anliegen, die hiesige Region zu einem bedeutenden kulturellen Anziehungspunkt - wie es damals Berlin und München waren - zu entwickeln. Er setzte sich für eine einheitliche Regionalplanung des Ruhrgebietes ein – eine Idee, die Jahre später in Form des Siedlungsverbandes Ruhrkohlebezirk umgesetzt wurde.

  Die von dem Jugendstilarchitekten Olbricht gestaltete Mathildenhöhe in Darmstadt inspirierte ihn 1909 zur Entwicklung der Künstlerkolonie Gartenstadt Hohenhagen, mit deren Ausbau er Henry van de Velde beauftragte. Auch wenn der Beginn des ersten Weltkrieges 1914 die Vollendung unmöglich machte, galt Osthaus Ansatz, der ein gesamtes Environment vor dem Hintergrund der Vision eines wagnerischen Gesamtkunstwerkes mit einbezog, als revolutionär.

 

- Folkwang-Schule -

 

Nach dem Krieg ruhte Osthaus nicht. Mit dem Architekten Bruno Taut entwarf er einen gewaltigen Kulturkomplex mit Folkwang-Museum und Folkwang-Schule in Hagen und nannte diesen „Ein Stützpunkt im künstlerischen Leben“. Seinem Ruf folgten viele und Osthaus wurde seiner selbst gestellten Rolle eines Mäzens mehr als gerecht. Osthaus starb 1921 in Italien. Sein Wirken ging als „Hagener Impuls“ in die Kunstgeschichte ein. Ein Jahr nach seinem Tod verkauften seine Erben einen Großteil der Bestände des Folkwang-Museums an die Stadt Essen und dem eigens gegründeten Folkwang-Museumsverein, dem die großen Unternehmen der Region angehörten. Die Stadt Hagen hatte das Angebot abgelehnt. Doch die Kommune hat ihren großen Sohn nicht vergessen. Dort gibt es heute das Osthaus Museum Hagen.

Robert Woitschützke

Franziska Bradel

 

Die Ausstellung ist bis zum 25. Juli 2010 zu sehen. 

 

Museum Folkwang

Museumsplatz 1

45128 Essen

Tel. 0201 / 8845 444

Öffnungszeiten

DI – SO 10 – 20 Uhr

FR 10 – 24 Uhr

 

 

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