rheinische ART
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rheinische ART 08/2022

SCHLOSS MOYLAND
Einfach nur modern

 

Anlässlich des 100. Geburtstags des Künstlers Erwin Heerich richtet das niederrheinische Museum Schloss Moyland dem Bildhauer eine Sonderschau aus.

 

Erwin Heerich unbetitelt, undatiert Kartonschnitt: weißer Karton, aufgelegt auf schwarzem Karton, Tusche 65 x 100 cm Stiftung Insel Hombroich, Archiv Erwin Heerich, HA_P_5062 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Foto: Stiftung Insel Hombroich


Der Titel dieser Schau klingt, wie dessen Arbeiten zuvorderst sind, technisch-rational: Erwin Heerich. Plastiken, Zeichnungen, grafische Serien. Nicht mitliefern kann dieser Titel, dass der Künstler gerne als „plastischer Denker“ bezeichnet wird und damit zum Kreis jener Kreativen zählt, die eine Fläche oder Figur zu einem unerwarteten Raumerlebnis performen können.

     Doch wer schon einmal auf der Museumsinsel Hombroich bei Neuss seine begehbaren Skulpturen, die an diesem rheinischen Kulturort als Kunst-Ausstellungshäuser funktionieren, erlaufen und erlebt hat, weiß, dass er ein Künstler war, der mit Präzision und spielerischem Mut zur freien Formfindung überraschende Formen zu schaffen vermochte. Überraschend sind sie, weil sie wirken. Seine Arbeiten sind architektonische Glanzstücke, die ihresgleichen suchen.

 

Erwin Heerich unbetitelt, (um 1965) Kartonplastik 50 x 50 x 50 cm Museum Schloss Moyland, MSM 45969 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland/Maurice Dorren


So ist es auch wenig verwunderlich, dass die Stiftung Insel Hombroich mit zu den Leihgebern der Ausstellung zählt, genauso wie die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg und das Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré Sammlung. Speziell dem letztgenannten Haus kommt eine besondere Rolle zu, denn der Student Erwin Heerich (1922-2004) war Schüler des Kunstprofessors Ewald Mataré an der Kunstakademie Düsseldorf und er teilte sich vier Jahre lang, zwischen 1950 und 1954, ein Meisteratelier mit Joseph Beuys. Es sind wahrlich drei große Künstlernamen, die sich da im ländlichen Niederrhein verbinden.

 

Erwin Heerich unbetitelt, 1972 Collage: Karton in Hell- und Dunkelrot und Tusche auf schwarzem Karton 70,5 x 50,2 cm Museum Schloss Moyland, MSM 11914 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland/Maurice Dorren

 

Das Museum Schloss Moyland, dass die Sammlung van der Grinten beherbergt, ist mit diesem Konvolut herausragend aufgestellt, um Heerich umfassend zu würdigen. Wenig bekannt ist, dass die Brüder van der Grinten nicht allein mit Beuys, sondern auch mit Heerich eng befreundet waren und sich infolgedessen eine umfassende Heerich-Kollektion – darunter auch seltene erste studentische Arbeiten – in ihren Sammlungsbeständen befindet.

     Die Brüder van der Grinten waren es auch, die ihm 1964 die erste Einzelausstellung ausrichteten. Eine weitere organisierten sie 1992 im Kranenburger Museum Katharinenhof. Da das Interesse der Sammler auch Entwürfen galt, ist ein Großteil der in der Schau präsentierten Arbeiten „Ohne Titel“.

 

Erwin Heerich unbetitelt, undatiert Bleistift auf kariertem Papier 41,7 x 29,8 cm Stiftung Insel Hombroich, Archiv Erwin Heerich, HA_P_8292 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Foto: Stiftung Insel Hombroich

 

Die Ausstellung umfasst circa 110 Werke und beinhaltet unter anderem 25 Kartonplastiken aus den 1950er und 1960er Jahren, aber auch Skulpturen aus Holz, Gips und Messing. Einige großformatige Zeichnungen werden zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert und von Seltenheitswert sind die textilen Gemeinschaftsarbeiten von Erwin Heerich mit seiner Frau Hildegard. Bei diesen Objekten handelt es sich um Leihgaben aus der Familie des Künstlers. Ebenso bemerkenswert sind die druckgrafischen Serien aus allen Werkphasen. Diese verhelfen dem Besucher zu einem einfacheren Zugang zum Verständnis der Arbeitsweise des Künstlers.


Diese ist denn doch nur scheinbar einfach, wie ein Studium der ausgestellten Kartonplastiken verdeutlicht. Überraschend ist immer wieder die Formfindung, die Ästhetik des scheinbar Einfachen, und beim Betrachter reift wieder einmal die Erkenntnis, dass für Leichtigkeit und Natürlichkeit im Ergebnis komplexes Wissen und Denken Voraussetzungen sind.

 

Installationsansicht mit Kartonplastiken von Erwin Heerich. Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland/Maurice Dorren


Übrigens Natürlichkeit: dieser war Erwin Heerich weit mehr verbunden, als seine präzisen und geometrischen Arbeiten vermuten lassen. Es war ausgerechnet eine menschliche Gliederpuppe, die ihn dazu veranlasste, der Natur mehr Achtsamkeit zu widmen.

     Aufschluss gibt ein Wandtext in der Schau: „Bei dem Begriff der Gliederpuppe werden Beziehungen zum Menschen und damit zum Organischen, zur Natur geknüpft. In meinen vielen Versuchen und Beobachtungen im Umgang mit solchen Phänomenen kam mir sehr deutlich zum Bewußtsein, wie weit und komplex diese ‚Natur‘ als Ausgangspunkt für einen künstlerischen Prozess sein kann. Die Erfahrung dieser Auseinandersetzung war eine wesentliche Station für die Entscheidung, die mich zu einer freieren Formfindung kommen ließ.“
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Die Ausstellung „Erwin Heerich - Plastiken, Zeichnungen, grafische Serien“ ist bis zum 16. Oktober 2022 zu sehen.
Museum Schloss Moyland
Am Schloss 4
47551 Bedburg-Hau
Tel. 02824 / 9510-0
Öffnungszeiten
DI – FR 11 – 18 Uhr
SA + SO 10 – 18 Uhr


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