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rheinische ART 11/2019

Archiv 2019

GRAPHIC NOVEL
Corbu im Comic

 

Es gibt ein interessantes Phänomen zu beobachten: Studierte Architekten zeichnen Comics über berühmte Baumeister und Künstler. Jetzt ist in Zürich eine Bildergeschichte über Le Corbusier erschienen.

 

Le Corbusier entwirft den Zürcher Pavillon, inspiriert von einem Flugzeugträger. Szene aus „Der Pavillon“ © Edition Moderne Zürich, Andreas Müller-Weiss

 

Es ist keine trockene, bildgewaltige Graphic Novel über das Leben jenes weltweit gefeierten wie kritisierten großen Visionärs, der die Architektur des 20. Jahrhunderts prägte.
     Es ist eher eine Art Architektur-Krimi, wenn es sowas gibt! Noch dazu ein Mix aus viel Realem und wenig, den dramaturgischen Rahmen bildenden, Fiktivem. Kurzweilig, detailreich, spannend und – was das Reale an dieser Comic-Story angeht – an prominenten Originalschauplätzen in Europa nachvollziehbar, oder doch wenigsten „nachsehbar“. Wann wird einem sowas schon geboten?

 

Buchcover Foto © Edition Moderne Zürich 2019

 

Der Leser muss sich zum Beispiel nur nach Zürich begeben und jenes Bauwerk besuchen, das der Bildgeschichte den Titel gab.
     Der lautet „Der Pavillon – Mord an der Promenade Le Corbusier“. Autor ist der Schweizer Illustrator und Architekt Andreas Müller-Weiss. Die Geschichte dreht sich im Kern um ein Zürcher Gebäude aus Glas und Stahl, ein Wohn-Pavillon, den die Schweizer Möbelgaleristin Heidi Weber (*1927) als Bauherrin errichten ließ. Die lange „Heide-Weber-Pavillon“ genannte verschraubte Konstruktion ist seit 2019 als „Pavillon Le Corbusier“ (mehr) ein öffentliches Museum. Es war das letzte Bauprojekt des weltberühmten Architekten. 

 

Das Grab von Le Corbusier und seiner Ehefrau Yvonne Gallis auf dem Friedhof von Roquebrune. Foto © rheinische ART 2019

 

Interessierte können aber auch gleich an die Côte d´Azur, den zweiten Schauplatz, reisen und sich dort auf Spurensuche begeben. Sozusagen auf eine literarisch-kriminalistische Wanderung. In Roquebrune-Cap-Martin zwischen Monaco und Menton liegt die spartanische „Sommerresidenz“ des gebürtigen Schweizers Le Corbusier (1887–1965).

     Die rustikale Holzhütte, Cabanon genannt, ist seit wenigen Jahren UNESCO-Weltkulturerbe. Dort hatte der vielfältig begabte Architektur-Neuerer den Zürcher Pavillon entworfen, dort wurden Treffen arrangiert und Entscheidungen getroffen. Nicht ohne Humor notierte Le Corbusier, dessen Wahrzeichen lebenslang eine große schwarze Hornbrille war: „Ich habe ein Schloss an der Riviera, es misst 3,66 mal 3,66 Meter“. Unmittelbar daneben lag das Restaurant „L´Etoile de mer“ der Wirtsleute Rebutato. Es war für Le Corbusier und seine Entourage quasi die tägliche Kneipe und Haus-Kantine. Der Architekt verstarb 1965 unweit seines Cabanons nach einer (vermutlichen) Herzattacke im Meer vor der Plage de Buse. Sein Grab befindet sich oberhalb des Ortskerns auf dem Gemeindefriedhof von Roquebrune.

 

Villa E 1027 - ein Haus mit bewegter Historie: erbaut zwischen 1926 und 1929 von Eileen Gray. Foto © rheinische ART 2019

 

Über einen alten Zöllnerweg entlang der Küste, heute Promenade Le Corbusier genannt, gelangen Wanderer zu des Meisters Refugium. Es bildet mit fünf von ihm für Rebutato gebaute Gästehütten, einer Bürobaracke, dem ehemaligen Restaurant und der Bauikone Villa E 1027 der berühmten Designerin Eileen Gray (mehr) ein besuchenswertes Gebäude-Ensemble.

     Das Gray´sche Anwesen, eine von der Irin selbst entworfene schneeweiße Flachdach-Konstruktion der Moderne, wurde eines Tages im Innern von Le Corbusier mit Malereien versehen; Gray empfand diese eher als unpassend. Daraus erwuchs eine formidable gegenseitige Abneigung. 

 

Le Corbusier vor seinem „Wandgemälde“ in der Villa E 1027. Szene aus „Der Pavillon“ © Edition Moderne Zürich, Andreas Müller-Weiss. 


Andreas Müller-Weiss lässt die Bildergeschichte am 26. August 1996 beginnen. An diesem Tag, einem Montag, wird der Schweizer Arzt Peter Kaegi erstochen vor der Villa E 1027 aufgefunden.

     Als die Masterstudentin Nadja Gilg, eine fiktive Zentralfigur in dem Comic, mehr als 20 Jahre später im Zürcher Pavillon Kunstgeschichtliches recherchiert, stößt sie auf Zusammenhänge, die den mysteriösen Mord an dem Mediziner mit allerlei Verschwörungstheorien offenbar in ein völlig neues Licht rücken.

     In einer verwegenen „Tour de Force“ illustriert der Autor die letzten Monate vor dem Tod Le Corbusiers und den beharrlichen Kampf der Innenarchitektin und Kunstmäzenin Heidi Weber um den Bau des Pavillons in Zürich. Es ist ein tolles Panoptikum und ein verzwicktes Krimi-Puzzle, das der Comiczeichner ausbreitet, voll mit Erlebnissen, Anekdoten und realen Namen jener Jahre.

 

Prominente: Multimilliardär Onassis und die griechisch-amerikanische Sopranistin Maria Callas im Restaurant „Le Pirate“. Szene aus „Der Pavillon“ © Edition Moderne Zürich, Andreas Müller-Weiss

 

Das Restaurant „Le Pirate“ in Roquebrune-Cap-Martin. Szene aus „Der Pavillon“ © Edition Moderne Zürich, Andreas Müller-Weiss

 

Nicht nur „Corbu“, die Bauherrin Weber und Grays Villa spielen eine Rolle. Mehrere Berühmtheiten des damaligen Jet-Set an der Côte d´Azur kommen in der Story vor, als mehr oder weniger amüsante Randfiguren. So etwa der griechische Reeder Aristoteles Onassis und seine Frau, die Operndiva Maria Callas oder Frankreichs Kulturminister André Malraux.

     Die Gegend in der Nachbarschaft Monacos war bekanntermaßen luxuriöser Spielplatz für allerlei Stars. Ihr Meeting-Point: das noch heute existierende Restaurant „Le Pirate“ an der Avenue Winston Churchill in Roquebrune-Cap-Martin.

 

Eine bedeutende Figur ist ferner die reiche Schweizer Immobilienmaklerin Marie-Louise Schelbert, die neue Nachbarin von Le Corbusiers Cabanon. Sie hatte die Villa E 1027 gekauft, ihren Hausarzt „Dr. med. Peter H. Kaegi“ als Erben eingesetzt und starb bald darauf, genaue Ursache: unbekannt. Soviel zur kriminalistischen Seite.
     Wer allerdings in Architekturhistorie nicht so sattelfest ist, dürfte die eine oder andere Verständnis-Schwierigkeit haben. Darin liegt gleichwohl auch ein Reiz, denn man lernt dazu. Hilfreich ist ein ausführliches und überaus interessantes Glossar, sortiert nach den Seiten des Comics, das die komplexen und spannenden Zusammenhänge deutlicher werden lässt.

     In Summe ein gut illustrierter „Bilder-Roman“, mit einem ungewöhnlichen Thema. Unterhaltsam, informativ und eine schauens- und lesenswerte Lektüre, nicht nur für Fans der modernen Architektur. 
cpw


►   Autor Müller-Weiss hat sich mit „Der Pavillon“ einer weiteren Facette des „Universalgenies“ Le Corbusier angenommen. Erschienen sind von ihm bereits Graphic Novels über die frühen Jahre von Le Corbusier sowie über Harald Naegeli (den Sprayer von Zürich) und Ernst Ludwig Kirchner.

►   Auf den rund 50 Bildseiten geistert immer wieder ein Rabe durch die Story. Ursprünglich eine von Le Corbusier in vielen seiner Briefe schlicht gekritzelte Vogelskizze, mit der er sich humorvoll selbst darstellen wollte. Sein Spitzname „Corbu“, erinnert nämlich an das französische Wort „corbeau“ für Rabe.

 

Literaturhinweis:
Andreas Müller-Weiss
DER PAVILLON Mord an der Promenade Le Corbusier
Edition Moderne, Verlag für Graphic Novel & Comics, Zürich
ISBN 978-3-03731-187-5
72 Seiten, farbig, 22 x 30 cm, Hardcover
CHF 35.00/EUR 29.00, inkl. Versand

 

 

 

 

 

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