rheinische ART
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rheinische ART 02/2014

Archiv 2014

1914. DIE AVANTGARDEN IM KAMPF

Kriegsfreunde – Kriegsfeinde


Die Avantgarde! Schon wieder? Hat man nicht dazu schon alles gesehen und gelesen, wurde nicht alles bereits irgendwann mal gezeigt? Nein!

 

Emil NoldeSoldaten, 1913, eine erste Vision vom Krieg, Öl auf grober Leinwand (Sackleinen), Nolde Stiftung Seebüll 

 

Die jetzt in der Bonner Bundeskunsthalle gezeigte Ausstellung beleuchtet die Heroen der Klassischen Moderne einmal völlig anders. Es ist eine aufregende, tiefgründige Schau mit Überraschungen, Erkenntnissen, Erstaunlichem und der einen oder anderen Ernüchterung. Sensationell!
   Dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kriegsbegeisterung gab, ja vielleicht sogar etwas wie eine überspannte kollektive Kriegslust, ist nichts Neues. Aber gab es sie auch bei den international renommierten, sich kennenden, austauschenden, wertschätzenden und kooperierenden Malern und Bildhauern der europäischen Moderne? Bei jenen Kreativen, die sich in ihren Ateliers in Paris, Brüssel, München, Berlin, Düsseldorf und sonst wo besuchten und ihre neue revolutionäre Bildsprache gemeinsam verteidigten? Die erst zwei Jahre zuvor, 1912, in Köln die einzigartige Sonderbundausstellung bespielten! (mehr) Und hat der furchtbare Erste Weltkrieg, diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ mit 17 Millionen Toten, auf die Entwicklung der Moderne eingewirkt? Gibt es nach 100 Jahren überhaupt noch irgendetwas Unbekanntes zur Kunst jener Zeit?

 

Ernst BarlachDer Rächer, 1914, Bronze, Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Saarland. Museum Saarbrücken

   Diesen Fragen geht die Ausstellung in Bonn nach. Und an ihr kommt, soviel sei vorweggenommen, keiner vorbei, der sich zum hundertsten Jahrestag mit dem Weltkriegs-Ausbruch von 1914 befasst. Denn die Schau untersucht erstmals ausführlich das Schicksal der modernen Kunst und ihrer Protagonisten im Zusammenhang mit diesem ersten „industrialisierten“ Weltenbrand. Rund 300 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und fotografische Dokumente von 60 Künstlern aus ganz Europa bilden ein überaus breites Anschauungsmaterial. Chronologisch kann der Besucher in einzelnen Räumen das Phänomen der internationalen Avantgarden von der Vorkriegszeit bis zum Kriegsende, der in der Kunst Endpunkt und Neubeginn zugleich war, verfolgen.


Feinde ringsum – das Ende einer fruchtbaren Zeit

 

Auch die europäische Kunstwelt hatte ihre Hurrapatrioten, Kriegsfreunde, Hetzer und Waffengang-Abenteurer – auf allen Seiten. Viele deutsch-französische Freundschaften, Kunst- und Kunsthändlerverbindungen zerbrachen und wurden mit diesem ersten modernen Krieg der Geschichte zu bewaffneten politischen Feindschaften. In welchem Maße, das lässt die Schau „1914. Die Avantgarden im Kampf“ zumindest erahnen – ein Gedanke, den der Besucher mitnimmt. Viele Künstler zweifelten nicht am Sinn des Konfliktes. Der französische Fauvist Raoul Dufy forderte zu Beginn der grausamen Stahlgewitter noch fast stilvoll: „Schießen Sie als Erste, meine Herren Franzosen!“

 

Raoul DufyDas Ende des Großen Krieges, 1915. Der gallische Hahn bezwingt den deutschen Adler. Farbholzschnitt © Musée national d'art moderne Paris, bpk/CNAC-MNAM 


Max Liebermann zeichnete dagegen schon einen Säbel schwingenden Pickelhauben-Reiter und titelte: „Jetzt wollen wir sie dreschen.“ Er glaubte, dass Kriege nötig seien, um den in Friedenszeiten „wuchernden Materialismus einzudämmen“. Ernst Barlach schuf die Bronzeplastik „Der Rächer“ als Reaktion auf Englands Kriegserklärung an das Deutsche Reich und Lovis Corinth schwärmte fast in Großmannsucht-Manier, dass nunmehr die „deutsche Kunst an der Spitze der Welt“ marschiere. Auch die italienischen Futuristen und ihre Leitfigur, der 33-jährige Maler Carlo Carrá, kamen kaum schnell genug an die Front; man wollte in diesem „heiligen Krieg“ dabei sein, wenn der Kontinent neu gestaltet würde.

 

Max LiebermannJetzt wollen wir sie dreschen! 

Aus "Kriegszeit. Künstlerflugblätter", Nr. 2 vom 7. September 1914 (Lithografie), 

Hamburger Kunsthalle, Bibliothek  

►  Der Kunsthändler Paul Cassirer brachte die patriotische vierseitige Zeitschrift im August 1914 erstmals heraus. Sie erschien wöchentlich. Bis zur Einstellung im März 1916 hatten 51 Künstler rund 265 Kampf- und Siegesszenen oder Portraits von Militärführern beigesteuert

 

Kunst und Propaganda


Welche Propaganda-Talente in den Reihen der Expressionisten, Kubisten und Futuristen existierten, zeigt anschaulich die deutsche Zeitschrift „Kriegszeit. Künstlerflugblätter“, die der Berliner Verleger und Galerist Paul Cassirer herausgab. Cassirer war zeitweise Vorsitzender der Berliner Secession (mehr) und meldete sich mit 43 Jahren freiwillig zum Kriegseinsatz; drei Jahre später war er desillusioniert und floh als Pazifist in die Schweiz. Die „Kriegszeit“ hatte er bereits 1916 nach 258 Ausgaben eingestellt. Zahlreiche in der Schau gezeigte Hefte lassen an drastischen und üblen Texten und Lithografien nichts zu wünschen übrig. Unter den Illustratoren befanden sich unter anderen Ernst Barlach, Max Beckmann und Käthe Kollwitz.


Vom Atelier in den Schützengraben


In der Tat sahen viele Künstler den Weg auf die Schlachtfelder nicht als Zwang, sie gingen freiwillig. Zwar nicht gerade kriegslüstern, aber doch - aus heutiger Sicht erstaunlich - mit oft großem Enthusiasmus, wie der mittvierziger Böhme František Kupka, den es mangels eigener Armee in die tschechische Einheit der französischen Fremdenlegion trieb. Als Freiwillige meldeten sich Oskar Kokoschka, Wilhelm Lehmbruck, Ernst Ludwig Kirchner und Max Ernst sowie ab 1915 Otto Dix, der das Gemetzel als einziger Avantgardemaler fast ohne Unterbrechung als schicksalhaftes „Naturerlebnis“ und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse dekoriert bis zum Ende erlebte. Max Beckmanns Hang zum Kriegsabenteuer war anfangs offenbar besonders ausgeprägt. Er ging 1914 freiwillig als Sanitätssoldat nach Flandern und fertigte Zeichnungen und Radierungen, in denen er seine Fronteindrücke verarbeitete. 1915 zog er das radikale Resumee: „Meine Kunst kriegt hier zu fressen.“

 

Max Beckmann 
Selbstbildnis als Krankenpfleger 
1915 , Öl auf Leinwand
© Von der Heydt Museum Wuppertal
► Nach seinem körperlichen Zusammenbruch veränderte sich Beckmanns Malerei grundlegend: Die Bilder wurden expressiv, die Gegenstände kantig, der Raum kubistisch zergliedert. Nach der NS-Machtergreifung 1933 wurde er als entarteter Künstler abgewertet und verlor seine Professur an der Frankfurter Städelschule

 

Ernst Ludwig Kirchner
Selbstbildnis als Soldat
1915, Öl auf Leinwand
© Allen Memorial Art Museum, Oberlin College, USA

► Alptraum Verstümmelung. Kirchners expressionistisches „Selbstbildnis als Soldat“ zeigt ihn rauchend, die rechte Hand fehlend und den blutigen Stumpf erhoben

 

Max Slevogt
Die Kathedrale von Löwen
1914, Aquarell, Bleistift auf Papier,
Stiftung Saarländischer Kulturbesitz,
Museum, Saarbrücken aus der Sammlung Kohl-Weigand

 Niemand entkam den Schrecken, weder Soldaten noch die Zivilbevölkerung. Im ersten Kriegsjahr ging die Universitätsstadt Löwen (Leuven) in Flammen auf. 2000 Gebäude, darunter die berühmte Universitätsbibliothek, fielen dem Brand zum Opfer

 

Letztes Foto von Franz Marc (1880–1916), Fotografie © Deutsches Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg

 

   Wenig später erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und wurde aus dem Militärdienst entlassen. Entsprechend ihrer Profession fanden manche Künstler Verwendung bei der militärischen Camouflage. Aus kubistischen Malern wurden sozusagen kubistische „ Anstreicher“, die ihr Können und ihre Phantasie für die Tarnung von allerlei Kriegsgerät einzusetzen hatten. Picasso soll angesichts dieser Aufgabe für die Künstler gesagt haben: "Das haben sie von uns." Andere wiederum lieferten bunte, patriotisch-volkstümliche Bilderbögen, ein in allen Ländern überaus populärer Anschauungs- und Lesestoff, wie auf russischer Seite Kasimir Malewitsch, textlich assistiert vom Dichter Wladimir Majakowski.


Kriegsopfer


Warum so viele Künstler freiwillig an die Fronten strebten, erschließt sich in der Bonner Schau nicht. Der Besucher mag erkennen, dass diese Freiwilligen eben auch nur Menschen ihrer Zeit waren, nicht mehr und nicht weniger: Fest im Glauben an die Gerechtigkeit ihrer Sache. Einige ließen auf den Schlachtfeldern ihr Leben. Franz Marc, der Münchener Maler, sah Krieg und Tod als Instrument, das „Europa reinigen“ werde, er fiel 36-jährig 1916 bei Verdun. Das „Blaue Reiter“- Mitglied August Macke (mehr) wurde nur 27 Jahre alt, er starb 1915 in der Champagne. Zu den Kriegsopfern gehörten ferner Umberto Boccioni, Henri Gaudier-Brzeska und Albert Weisgerber. Der Patriotismus und die Hoffnung auf einen schnellen Erfolg versanken schließlich in einem Stellungs- und Abnutzungskrieg in den Schlammwüsten und Mondlandschaften von Flandern bis Russland.

   Einige namhafte Künstler mussten als „feindliche Ausländer“ ihre Wirkungsstätten in Deutschland verlassen, wie die Russen Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky . Beide hatten Monate zuvor noch in der legendären Berliner Galerie „Der Sturm“ von Herwarth Walden (mehr) ausgestellt. Andere entzogen sich dem Ruf an die Waffen, nicht selten als Deserteure gebrandmarkt, und emigrierten. Darunter die Avantgardisten Robert Delaunay, Marcel Duchamp und der Elsässer Hans Arp. Als Emigrant war etwa Arp in der Schweiz Mitbegründer der radikalen Dada-Bewegung, die gegen Krieg, Bourgeoisie und überhaupt alles Konservative war. Bei Kriegsende waren die Weichen in der Kunst für neue, richtungsweisende Strömungen des 20. Jahrhundert gestellt.


Gegen den Krieg


Es gab aber auch die Mahner und Warner, die früh das Apokalyptische, das Entsetzliche kommen sahen und jene, die nach den ersten Schlachten zum Einhalt riefen. Die Ausstellung zeigt in der Abteilung „Vorahnungen“ bis 1913 geschaffene Arbeiten unter anderen von Alfred Kubin („Der Krieg“) und Ludwig Meidner („Die Schrecken des Krieges“ und die „Abgebrannten“). Kriegsgegner waren etwa Max Slevogt, der kritische, eindringliche Blätter schuf wie „Finale“ (1917), in der er die Welt als Friedhof sah. Ferner der franco-schweizer Grafiker und Holzstecher Félix Vallotton und der schlesische Expressionist Willy Jaeckel, die beide eindrückliche Bildzyklen gegen den Krieg schufen. Der Belgier Frans Masereel, Exilant in Genf, drückte sein Entsetzen über die makabre Gewalt des Krieges mit der plakativen, bedrückenden und abschreckenden schwarz-weißen Holzschnittfolge „Unter den Toten“ (Debout les Morts) aus.
   Noch in den Kriegsjahren änderten sich durch die neuen, existenziellen Erfahrungen von Leid und Zerstörung Arbeitsstile und Motive von Beckmann, Kirchner, Dix, Schiele und Klee. Nichts mehr war nach diesem epochalen Schock so wie vorher – weder im Leben noch in der Kunst.

   Was die enorm facettenreiche Bonner Ausstellung so überaus interessant und sehenswert macht, sind erstaunlicherweise nicht die ganz großen Namen und Werke, sondern eher viele wenig oder nicht bekannte Arbeiten, Skizzen, Bildentwürfe und Dokumente, darunter auch dokumentarische Fotografien, die Kurator Uwe Schneede zusammengestellt hat. 

 

► Ergänzend zeigt die Bundeskunsthalle die kleine Ausstellung „Missing Sons“ (Verlorene Söhne). Mit fotografischen Reproduktionen und mehreren Originalarbeiten spiegelt die Schau die massenhafte Auslöschung von Menschenleben über ein Jahrhundert, vom Ersten Weltkrieg bis zu den Konflikten von heute.

 

 Nach dem Tode ihres erst 18-jährigen Sohnes Peter, eines Kriegsfreiwilligen, am 22. Oktober 1914 an der Flandern-Front brauchte Käthe Kollwitz fast zwei Jahrzehnte, um ihre Trauer in einem Kunstwerk auszudrücken. Ihre berühmte Skulpturengruppe das „Trauernde Elternpaar“ steht auf dem Soldatenfriedhof Vladslo-Praetbos in Belgien, auf dem der Sohn beerdigt wurde. Die Steinplastik gilt als Käthe Kollwitz´ bildhauerisches Hauptwerk. 1953 fertigten Ewald Matarés Schüler Joseph Beuys und Erwin Heerich Kopien an. Diese Duplikate bilden heute den Kern einer Gedenkstätte in der Ruine der spätromanischen Kirche Alt Sankt Alban in der Kölner Altstadt. Diese Gedenkstätte erinnert an die Toten beider Weltkriege; sie bildet mit dem Gürzenich und dem Wallraf-Richartz-Museum eine kulturelle Einheit am Quartermarkt.
Klaus M. Martinetz


Die Ausstellung "1914. Die Avantgarden im Kampf"  wird bis zum 23. Februar 2014 gezeigt.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Museumsmeile Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 4

53113 Bonn
Tel. 0228 / 502010
Öffnungszeiten

DI, MI 10-21 Uhr DO-SO und feiertags 10-19 Uhr 

 

 

 

©Alle Fotos Bundeskunsthalle/ Künstler bzw. Leihgeber

 

 

 

 

 

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