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rheinische ART 08/2011

 

 

Archiv 2011: aus "Gelesen"

 

Buchtitel

 Die Deutsche Hanse

 

Vorindustrieller Global Player

 

Der wirtschaftliche Zweckverband der Deutschen Hanse, oder der dudeschen hense wie sie sich selber nannte, war das überragende Imperium der Kaufleute im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Eine Supermacht des Geldes, ausgestattet mit einer Finanzkraft, die von Königen und dem deutschen Kaiser genutzt wurde. Fast ein halbes Jahrtausend prägte der nordeuropäische Kaufmannsbund, aus dem später ein Städtebund wurde, die Ökonomie Europas über politische Grenzen hinweg.

 

WIE MODERN ist die Idee der dudeschen hense? Ist sie ein Vorbild für die Europäer von heute oder ist die Europäische Union (EU) gar eine neue Hanse? Wie entstand sie und warum büßte sie ihren enormen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Einfluss ein? Diesen und zahlreichen anderen Fragen geht ein nun erschienenes neues Standardwerk über die Deutsche Hanse nach.

 

Von Gotlandfahrern zum Städtebund

 

Zunächst war die Hanse (althochdt. Schar, Gruppe), deren Ursprünge etwa im 12. Jahrhundert liegen, über fast zweihundert Jahre nichts anderes als ein loser Handelsverbund von niederdeutschen Fernkaufleuten wie zum Beispiel den sog. „Gotlandfahrern“. Erst im Jahr 1358 schlossen sich unter der Leitung Lübecker Kaufleute Städte aus wendisch-niedersächsischen, westfälisch-preußischen und gotländisch-livländischen Regionen zu einem Städtebund, der „hense van den dudeschen steden“, zusammen. Im Zenit ihrer Macht gehörten der Hanse bis zu 200 europäische Städte an, davon rund 70 deutsche. Dieser Städtebund unter deutscher Vorherrschaft erstreckte sich von Russland über den Ostseeraum bis Flandern. Die regelmäßigen Handelsbeziehungen reichten jedoch bis nach Island, England, Frankreich, Venedig sowie in den Mittelmeerraum und in den Orient – für ihre Zeit waren sie somit fast global.

 

Der Rhein gehörte auch zur Hanse-Zeit zu den wichtigsten Wasserstraßen Europas und spielte eine wichtige Rolle im Verbund der deutschen Hanse-Städte

 

14 Städte des Niederrheingebietes hatten sich mehr oder weniger eng dem Bündnissystem der Hanse angeschlossen, darunter Duisburg, Düsseldorf, Emmerich, Geldern, Grieth, das handelsstarke Köln, Neuss und Wesel. Wichtiges Instrument der Steuerung, Kontrolle und Sanktionierung waren die Hansetage, die Versammlung der Bürgermeister und Ratsherren der Hansestädte.

 

Finanziers des Adels

 

Die Kaufleute der Hanse verfügten über eine enorme Finanzkraft. Sie waren derart reich, dass sie selbst Königen Geld borgten. So etwa der Dortmunder Hansekaufmann Tidemann Lemberg, der als Finanzier von Englands König Edward III. auftrat. Dieser hatte als Pfand u.a. die englischen Kronjuwelen übergeben, die der Dortmunder in der Hansestadt Köln verwahren ließ. Wie riskant die Handelsgeschäfte - vielfach auf Wechselbasis - jedoch in Wirklichkeit waren, zeigen mehrere im Buch aufgeführte Beispiele. Eines bezieht sich auf das Schicksal des eigenwilligen Kaufmanns Hildebrand Veckinchusen (1365-1426) aus Dorpat. Seine Familie stammte ursprünglich aus dem bergischen Feckinghausen bei Radevormwald. Mit 33 Jahren gilt Hildebrand als wohlhabender und angesehener Kaufmann mit Wohnort Brügge. 1422 gerät er durch falsche Markteinschätzung in Italien und undurchsichtige Geschäfte in einen Schuldenstrudel, verarmt, wird verklagt und für drei Jahre im Brügger Schuldturm inhaftiert. Nach seiner Entlassung stirbt er.

 

In der Zollfeste Zons zwischen Köln und Düsseldorf direkt am Rhein gelegen wurden Zölle auf die Handelsware erhoben. Heute ist die kleine Stadt eine touristische Attraktion

Hansetage der Neuzeit

 

Seit 1980 ist der Gedanke der Hansetage für viele ehemalige Hansestädte ein bedeutendes Instrument der Netzwerkbildung und des Marketings. So kooperieren unter dem Begriff „Rheinische Hanse“ seit Jahren die Städte Kalkar, Wesel und Neuss eng, um sich bei den internationalen Hansetagen der Neuzeit, die jährlich in einer der 170 historischen Hansestädte stattfinden, zu präsentieren. Die „neue Hanse“, wie sie auch gerne genannt wird, orientiert sich an ihrem mittelalterlichen Vorbild, versteht sich als Wirtschaftsnetzwerk mit grenzüberschreitenden Verflechtungen und leichten Marktzugängen. In diesem Jahr findet der Hansetag unter dem Motto „Erinnern-Wiederherstellen-Stolz sein“ in der litauischen Hanse- und Universitätsstadt Kaunas statt. 2012 ist die alte Handelsmetropole und Hansestadt Lüneburg Ort des Treffens.

   Anschaulich, interessant und durchweg spannend beschreiben die Autoren Gisela Graichen und Rolf Hammel-Kiesow Entstehung, Arbeitsweisen und Probleme des Kaufleute-Imperiums, das weit mehr war als eine Geschichte von Pfeffersäcken, Piraten, Koggen und Kaperfahrern. Umfassend werden Wagemut wie Betrug, Spekulantentum und Finanzkrisen von ehrbaren Kaufleuten aber auch Abenteurern und Glücksrittern geschildert. Ein lesenswertes Buch! Es informiert fachlich detail- und kenntnisreich; zahlreiche geschilderte Einzelschicksale ermöglichen erstaunliche Einblicke in das Leben und Geschäftsgebaren der Hansekaufleute. Hinzu kommt ein umfangreiches und gut ausgewähltes Bildmaterial, das mit sachkundigen Kommentierungen eine großartige Abrundung des Buchtextes bildet.

Klaus M. Martinetz


Gisela Graichen, Rolf Hammel-Kiesow
Die deutsche Hanse – Eine heimliche Supermacht
1. Auflage Mai 2011
410 Seiten
Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
ISBN 978 3 498 02519 9

 

 

 

 

 

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