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rheinische ART 10/2018

DRUCKGRAFIK
Die Apfelsine im Festkleid

 

Kennen Sie das noch? Apfelsinen, eingehüllt in hauchdünne, leuchtend bunt bedruckte Papierchen? Die zarte Verpackung gab nicht nur Auskunft über die Herkunft der Frucht, sondern weckte auch gleich mit der teils anspruchsvollen Grafik die Sehnsucht nach Reisen in mediterrane Gefilde.

 

Orangenkistenplakat "Bronze" 1950er Jahre, Spanien, Privatsammlung, Foto © Feld-Haus/Clemens Sels Museum Neuss 2018

Dabei war der Zweck dieser herrlichen Einwickelpapiere aus Holzschliff nicht primär das Marketing und die Werbung, sondern schlicht ein sehr logistischer – sie dienten dem Schutz des empfindlichen Obstes. Das Papier sollte verhindern, dass eine faulende Zitrusfrucht auf ihrem langen Weg von der Plantage bis zum Verbraucher nicht die „gesunden“ Exemplare in der Transportkiste ansteckte.

 

Orangeneinwickelpapier "Popeye" 1970er Jahre, Italien, Privatsammlung, Foto © Feld-Haus/Clemens Sels Museum Neuss 2018

 

Orangeneinwickelpapier "I due Cosmonauti" um 1965, Italien, Privatsammlung, Foto © Feld-Haus/Clemens Sels Museum Neuss 2018

 

Wer aktuell in der gerade beginnenden Zitrussaison nach den dünnen und schmucken Schutzpapierchen oder den Holzsteigen mit ihren ebenso interessanten Lieferantenplakaten sucht, wird selten fündig. Alles so gut wie vorbei!

     Der „Apfel aus China“, also die Apfelsine, heißt schon seit langem Orange und kommt aus aller Herren Länder, wo es warm ist. Die hölzernen Apfelsinenkisten, einst zu Bücherregalen in Studentenbuden aufgeschichtet, wurden vom eleganteren Billyregal aus dem Hause Ikea verdrängt.

     Und die dünnen Einwickelpapiere mit ihren unendlichen Motiven sind längst von der hygienischen Präventivmaßnahme der „Nachbehandlung“ abgelöst worden. Denn außer bei den sogenannten Biowaren werden Orangen und Zitronen in der Regel nach der Ernte gesäubert, dabei ihrer natürlichen Wachsschicht beraubt und mit einer neuen künstlichen, der Schimmelbildung vorbeugenden „Wachslegierung“ ausgestattet.


Eine erstaunliche Ausstellung im Neusser Feld-Haus, Spezialmuseum für Populäre Druckgrafik des Clemens Selms Museums Neuss, lässt die alten Zeiten aufleben. Das Haus zeigt die Ausstellung „Die verpackte Orange“ und erinnert damit an eine bemerkenswerte Fassette des Lebensmittelhandels, die längst ihre Fans und Sammler gefunden hat, wenn auch im Verborgenen.


Die Frage nach der Gestaltung von Einwickelpapieren und Kistenplakaten stehe, wie es im Neusser Museum heißt, in Zusammenhang mit den Anfängen der Werbegrafik. Stets waren Wirtschaftsbetriebe auf der Suche nach Motiven, die potentielle Käufer anlocken sollten.

     Im Zitrusgeschäft benutzte man schon sehr früh relevante globale Ereignisse für die Werbung. Um 1901 ließ zum Beispiel ein süditalienischer Zitrusbauer die erste transatlantische Funkübertragung von England nach Kanada grafisch verarbeitet auf seine Einwickelpapiere drucken, romantisch umrahmt von Orangen und Zitronen. Selbst die Wuppertaler Schwebebahn schaffte es im selben Jahr auf eines der Schutzpapiere.

 

Orangenkistenplakat "Mercury" 1930er Jahre, Kalifornien, Privatsammlung, Foto © Feld-Haus/Clemens Sels Museum Neuss 2018

 

Grundsätzlich war die Bilderwelt der Orangeneinwickelpapiere extrem vielfältig. Persönlichkeiten aus Sport, Kultur oder Politik, schöne Frauen mit wohlgeformten Proportionen, Pin-Up-Beauties, Gebäude, Märchenfiguren, technische Neuerungen oder Motive aus der Tierwelt: die Gebrauchsgrafiker kannten keine Grenzen und schufen über Jahrzehnte sowohl solide Produktwerbung wie auch großartige Plakatkunst.

 

Orangeneinwickelpapier "Sputnik" nach 1957, Italien, Privatsammlung, Foto © Feld-Haus/Clemens Sels Museum Neuss 2018

 

Die Motive der Orangenpapierchen wie auch die der ebenso gezeigten Kistenplakate seien, wie die Kuratoren im Feld-Haus betonen, „immer mit Liebe und Sorgfalt dargestellt“.

     Stilistisch schwanken sie zwischen „erfrischend naiv“ und „künstlerisch anspruchsvoll“, auch für Humoristisches ist Platz. Interessant ist der Wandel von Stil und Motiv, der sich im Zuge der Zeit einstellte. Denn auch populäre Figuren aus Erzählungen und Comics, vom altbekannten Struwwelpeter über Donald Duck bis Superman, haben es auf die empfindlichen „Festkleider“ der Früchte geschafft.

     Damit avancieren diese kleinen und oft unbekannten Kulturzeugnisse zu „Dokumenten des Handels mit Südfrüchten, des Produktmarketings, der Selbstdarstellung über Jahrzehnt hinweg“.

cpw


Die präsentierte Auswahl der feinen Papiere und Plakate stammt aus einer der größten und qualitätsvollsten Privatsammlungen für Orangenpapier und Kistenplakate, der Kollektion OPIUM aus Salzgitter.

 

► Einwickelpapiere werden bereits seit den 1930er Jahren gesammelt. Heute gelten sie als begehrte Sammlerstücke. Aktuell werden sowohl für Papiere wie Plakate mit der Provenienz Spanien und Kalifornien auf Auktionen hohe Preise aufgerufen.

 

Die Ausstellung „Die verpackte Orange“ kann bis zum 10. Februar 2019 besucht werden.
Feld-Haus
Museum für Populäre Druckgrafik

Berger Weg 5
41472 Neuss
(auf dem Kirkeby-Feld zwischen Museum Insel Hombroich und Raketenstation Hombroich)
Tel. 02131 / 90 41 41
Öffnungszeiten
SA, SO 11 – 17 Uhr

 

 

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