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rheinische ART 02/2012

 

ARCHIV 2012

Ernst Friedrich Zwirner: Ein schlesischer Baumeister im Rheinland

 

 

Spuren in Stein

 

 

Die Westfassade des Kölner Doms 2011

 

 

 

Millionen Touristen, Pilger und Reisende stehen jährlich bewundernd vor ihm. In der sommerlichen Hochsaison können es täglich leicht bis zu 25.000 Menschen sein, die sich am dritthöchsten Kirchengebäude der Welt einfinden. Der Kölner Dom, UNESCO-Weltkulturerbe und einzigartige gotische Kathedrale, ist eine der beliebtesten und meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Nur wenige Dombesucher dürften jedoch wissen, wem die Vollendung des über Jahrhunderte unfertigen Bauwerkes zu verdanken ist.

 

 

 

DIE REDE ist vom Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner (1802-1861), an dessen 210. Geburtstag derzeit im Rheinland vielerorts erinnert wird. Zu recht, denn Zwirner war es, der den Weiterbau der grandiosen und schönen Kirche in ihrer mittelalterlich-gotischen Architektur im 19. Jahrhundert umsetzte.

   Immerhin war zu diesem Zeitpunkt schon rekordverdächtige 600 Jahre lang an dem monumentalsten Dom Nordeuropas gebaut worden. Und ebenso rekordverdächtig war der finanziell bedingte Baustopp: 280 Jahre lang wurde so gut wie kein Stein mehr versetzt, kein Stützpfeiler errichtet und keine Glasmalerei ergänzt – der Baukörper war nichts anderes als ein ruinöser Torso. Die Originale der mittelalterlichen Fassadenpläne aus der Zeit um 1248 galten darüber hinaus lange als verschollen; sie wurden jeweils zur Hälfte erst 1814 in Darmstadt und weitere zwei Jahre später in Paris wieder aufgefunden.

   Es war schließlich der protestantische Preußen-König Friedrich Wilhelm IV., der 1842 gemeinsam mit dem späteren Kölner Erzbischof Johannes von Geissel den Grundstein für die Fertigstellung des Doms legte. Die vom Typus her hochgotische Kathedrale wurde unter der Leitung Zwirners nach den Originalfassadenplänen ausgebaut und vervollständigt. Die „Hohe Domkirche zu Köln“, so ihr offizieller Name, galt bei ihrer Vollendung 1880 als das größte Gebäude der Welt. Der Stadt Köln gab sie mit ihren charakteristischen zwei Türmen und der gewaltigen Westfassade eine neue markante Silhouette. Ihr erster Dombaumeister seit des beschlossenen Weiterbaus im 19. Jahrhundert, der aus Oberschlesien stammende Ernst Friedrich Zwirner, erlebte die Fertigstellung allerdings nicht mehr.

 

Ernst Friedrich Zwirner

Berliner Zeit

 

Ernst Friedrich Zwirner wurde im oberschlesischen Jacobswalde geboren. Nach der Schulzeit besuchte er bis 1822 die Bauschule in Breslau, danach war er dort rund ein Jahr als Vermessungskondukteur tätig. Er wechselte nach Berlin und begann an der dortigen Bauakademie ein Architektur-Studium. Hier lernte Zwirner den führenden preußischen Architekten, Stadtplaner und Maler Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) kennen, dessen Schüler er wurde und der ihn in seiner Entwicklung stark beeinflussen sollte. 1828 schloss Zwirner sein Studium ab und übernahm Bauplanungen und -leitungen, teilweise in Zusammenarbeit mit oder im Auftrag von Schinkel. Seine Arbeit umfasste hochrangige Projekte wie das Universitätsgebäude Halle-Wittenberg, den Rathausbau und die reformierte Kirche im pommerschen Küstenort Kolberg, den Bau des Leuchtturms auf Kap Arkona (Rügen) und die Börse von Stettin. Zwirner empfahl sich mit seinen präzisen Planungen und erhielt 1833 gleich zwei beruflich interessante Angebote. Zum einen warb die Stadt Magdeburg mit der Stelle eines Stadtbaurates, zum anderen trug ihm die staatliche Bauverwaltung Berlin die Leitung der Domrestaurierung in Köln an.

 

Kölner Zeit: Weder gesucht noch gewünscht

 

Idealansicht des Kölner Doms, 1834 – 1836, Ölgemälde von Carl Hasenpflug

Dass Ernst Friedrich Zwirner schließlich die zweite Offerte annahm und an den Rhein ging, ist den Überlieferungen nach auf den Einfluss und Rat seines Mentors zurück zu führen. Karl Friedrich Schinkel, berühmt und gefragt wegen seines preußischen Klassizismus-Baustils, war zu jener Zeit selbst im Rheinland tätig. Neben ausführlichen Gutachten zum Kölner Dom geht unter anderem die Planung des heutigen Bonner Akademischen Kunstmuseums, das 1823-1830 zunächst als Anatomiegebäude der Universität errichtet worden war, in großen Teilen auf ihn zurück.
    Sein Schüler Zwirner machte nie einen Hehl daraus, dass er die Berufung nach Köln weder gesucht noch gewünscht hatte. Er war skeptisch und rechnete als schlesischer Protestant im katholischen Köln eher mit Schwierigkeiten als mit Unterstützung. Die Leitung der Dombauarbeiten wurde aber letztendlich zu seiner Lebensaufgabe. Zwirner entwarf die Pläne zur Vollendung des Domes unter Berücksichtigung der historischen Fassadenentwürfe und in Zusammenarbeit mit Schinkel die Pläne für die 70 Meter hohe Südfassade, die 1855 vollendet wurde. Neben den architektonischen Herausforderungen gehörten zu Zwirners Aufgaben die Organisation der Dombauhütte, die Einführung modernster Bau- und Konstruktionstechniken wie etwa die Errichtung eiserner Dachstühle beim Quer- und Langhaus, die standardisierte und sachgerechte Ausbildung der Steinmetze und die bildnerische Ausschmückung der Kathedrale. Zwirners Bedeutung für das Rheinland erstreckt sich aber nicht allein auf die bahnbrechenden Arbeiten am Dom. Als Architekt und Gutachter übernahm er zahlreiche Arbeiten für private Bauherren in der gesamten Region.

 

Im Stil der englischen Gotik: Zwirners Entwurf des Wallraf-Richartz Museum in Köln (Zeichnung von 1861)

 

 

Sakral- und Profanbauten im Rheinland

Mäuseturm bei Bingen: die alte Maut- und Zollstation im Rhein wurde 1856-1858 im neugotischen Stil wieder aufgebaut

 

Museum und Schloss Moyland bei Kleve. Die neugotische Ummantelung wurde 1854 von Zwriner geplant.

 

 

Bemerkenswerte Projekte waren etwa der Entwurf und die Errichtung der neugotischen Apollinariskirche bei Remagen, die als Wahrzeichen des Mittelrheintals gilt und die Restaurierungen des eingestürzten Rolandsbogens der Burg Rolandseck (Remagen). Von Zwirner geplant, erbaut oder umgestaltet wurden ferner Grab- und Denkmale, Kirchen und Profanbauten wie etwa Schloss Moyland bei Kleve, dass seine neugotische Veränderung 1854 dem Dombaumeister verdankt, das Wallraf-Richartz Museum, Schloss Arenfels im Kreis Neuwied, das Verwaltungsgebäude der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn oder der Mäuseturm im Rheinstrom bei Bingen.

Klaus M. Martinetz


Das Oberschlesische Landesmuseum Ratingen widmet dem Dombaumeister anlässlich seines 210. Geburtstages eine Sonderschau. Sie zeigt das Leben und Wirken des bedeutenden neugotischen Architekten und stellt sein Gesamtwerk im Spiegel historischer und kunstgeschichtlicher Zusammenhänge dar. Die Ausstellung wurde 2011 vom Dokumentations- und Informationszentrum für schlesische Landeskunde im Haus Schlesien, Königswinter-Heisterbacherrott, konzipiert.

 

 

Die Ausstellung "Ernst Friedrich Zwirner (1802-1861): Ein schlesischer Baumeister im Rheinland“ ist bis zum 29. April 2012 zu sehen.
Oberschlesisches Landesmuseum
Bahnhofstr. 62
40883 Ratingen
Tel. 02102 / 9650

Öffnungszeiten:
Täglich 11 - 17 Uhr

 

 

©Fotos: Kölnisches Stadtmuseum (1), Wallraf-Richartz Museum (1), Stadt Bingen, (1), rArt (2)

Originalgrafik

 

 

 


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