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rheinische ART 12/2018

Archiv 2018

ABSCHIEDSGRUSS
Das Ende der kohleschwarzen Männer


Diese Woche ist eine besondere Woche. Denn in diesen Tagen stellt das letzte deutsche Steinkohlebergwerk, die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop, offiziell seine Förderung ein. Damit endet eine über 200 Jahre alte Industriegeschichte unwiderruflich!

 

Bernd und Hilla Becher Fördertürme, 1972–83 Exponat in der Ausstellung „Kunst & Kohle“ im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop. Foto © Estate Bernd & Hilla Becher, vertreten durch Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – Bernd und Hilla Becher Archiv, Köln, 2018

 

Ein wenig Wehmut liegt in der Luft. Gleichwohl gilt: Das Ruhrgebiet hat seinen Frieden mit dem Ende der Kohle gemacht, wie der Bochumer Historiker Stefan Berger in der ZEIT schreibt.

 

Man erinnere sich: Die Steinkohle veränderte die Welt, zum Guten wie zum Schlechten. Sie war der Treibstoff für gewaltige gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, für bahnbrechende Erfindungen und – für die junge Bundesrepublik nach 1945 – der Hebel zum Wirtschaftswunder.

     Und Jahrzehnte galt das Ruhrgebiet, diese einzigartige kulturhistorische wie auch sozio-ökonomische Klammer zwischen dem Rheinland und Westfalen, als Motor, Aushängeschild und Paradebeispiel für den deutschen Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg.

  

Diana Ramaekers „Mijn Berg“, 2015, Ausstellungsansicht Down Here Up There, Installation in der Ausstellung „Kunst & Kohle“ im Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna. Foto © Frank Vinken Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna


Einer der bekanntesten industriellen Ballungsräume der Erde ist kein „Ruhrkohlenrevier“ mehr, denn nun ist endgültig „Schicht im Schacht“ und das Zeitalter der deutschen Kohleförderung Geschichte. Der Rohstoff, Basis für die Stahlherstellung und Stromerzeugung in Kohlekraftwerken, für die Chemieindustrie und Dutzende wichtiger Produkte, wird künftig ausschließlich über Importe ins Land gelangen, etwa aus den Kohleminen Chinas, Australiens, Nord- und Südamerikas.

 

Ausstellungsansicht SchichtWechsel Von der (bergmännischen) Laienkunst zur Gegenwartskunst. Ausstellung „Kunst & Kohle“ Foto © Jürgen Spiler Museum Ostwall im Dortmunder U, 2018

 

Hermann Kätelhorn Hochofen, Radierung, undatiert, Ausstellung „Kunst & Kohle“ Exponat im Museum Folkwang Essen, Jens Nober © Nachlass Hermann Kätelhorn, Museum Folkwang Essen 2018

 

Das Ende der rheinisch-westfälischen Bergwerke ist natürlich kein abrupter Vorgang. Voraus gingen bekanntlich fünf Jahrzehnte, in denen der überaus schmerzhafte aber unausweichliche Prozess der Schließung eingeleitet wurde und der mit dem Begriff „Zechensterben“ belegt war.

     Billigere Energieträger wie Öl und Gas verdrängten das Ruhrprodukt Steinkohle. Tausende von Kumpels gingen in den Jahren in Feierschichten, wickelten Zechen ab und wurden entlassen. Zwischen Rhein und Ruhr lag der größte Bergbaufriedhof des Kontinents.

 

An den langsamen Abgesang auf diesen epochalen Umbruch erinnerten bis vor wenigen Wochen zahlreiche Ausstellungen in Museen. Sie lenkten damit noch einmal konzertiert den Blick auf den Brenn- und Grundstoff Kohle – und die Kunst.
     In 13 Städten zwischen dem niederrheinischen Kamp-Lintfort und Hamm, sowie zwischen der Niederung der Lippe in Norden und dem Fluss Ruhr im Süden, wurde das größte städteübergreifende Ausstellungsprojekt, das zum Thema Kohle und Bergbau jemals aufgelegt wurde, umgesetzt.

 

„Kunst & Kohle“, so der Generaltitel, war ein wahres Mammutprojekt, dem geografischen Raum und dem Anlass überaus angemessen. Man hätte sich allerdings mehr Aufmerksamkeit und Werbung für diesen Akt der Erinnerungskultur auch außerhalb der Region gewünscht.

     17 Ausstellungshäuser des Verbundes der „Ruhrkunstmuseen“ erinnerten nämlich zeitgleich mit unterschiedlichen Thematiken an die Bedeutung des „schwarzen Goldes“ und spiegelten nationale und internationale künstlerische Positionen in Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie, Video- und Klangkunst.

     "Kunst & Kohle“ war ein großartiger Ausstellungsreigen! Mit historischen Dokumenten wie zeitgenössischen Positionen wurden Gegensätze präsentiert und Fragen aufgeworfen: Wie war es um die Kulturförderung im Bergbau der 1950er/60er Jahre bestellt? Wie hat der Strukturwandel die Kunst- und Kulturlandschaft beeinflusst? Gibt es heute ähnliche Bestrebungen in der Förderung von Kreativität? Und was kommt nach der Kohle? Dies fragte etwa das Dortmunder Museum Ostwall.

 

Alexander Chekmenev Rovensky, Lugansk Region 2005, Handabzug auf Barytpapier aus der Serie Donbass. Ausstellung „Kunst & Kohle“ Exponat im Märkisches Museum Witten, 2018 Courtesy Galerie Clara Maria Sels Foto © Alexander Chekmenev

 

Otto Berenbrock Kumpel Anton, Denkmal, 1955 Foto © Lampenmühlen & Dierichs, Bochum 1955. Ausstellung „Kunst & Kohle“ Exponat in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen 2018

 

William Kentridge Drawing for Mine 1991, Kohlezeichnung, Foto © William Kentridge, Ausstellung „Kunst & Kohle“ Exponat im Lehmbruck Museum Duisburg 2018

 

Die Düsseldorfer Fotokünstler Bernd und Hilla Becher hatten bereits vor Jahrzehnten mit ihren fotografischen Arbeiten ein Zeichen gegen das Vergessen gesetzt. Ihre Fotografien sind heute einzigartige Zeugnisse über den Kultur- und Wirtschaftsraum „Ruhrgebiet“, dessen Bild Zechen, Fördertürme, Hochöfen, Gleisanlagen und Gasometer prägten.

     Die Eheleute Becher schufen systematisch harte und sachliche Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Elemente dokumentarischer und künstlerischer Art vereinten. Mit dieser nüchternen Ästhetik und den Architektur-Motiven aus der Montanindustrie erlangten sie Weltruhm. Das Josef Albers Museum Quadrat Bottrop zeigte im Rahmen von „Kunst & Kohle“ die Exposition „Bernd und Hilla Becher. Bergwerke“.

     Die Kuratoren betonten dabei zu recht, dass es nicht zuletzt dem künstlerischen Ansatz des Fotografen-Duos zu verdanken sei, dass das Überleben und die Wertschätzung der von ihnen abgelichteten architektonischen Kulturzeugnisse auch in Zukunft gesichert sind.
rART

 

  Kohle und Rheinland: das erinnert immer wieder an den Kölner Oberhirten Kardinal Joseph Frings. Der gebürtige Neusser wurde mit seiner Silvesterrede 1946/47 zum prominentesten Not-Helfer in einem bitterkalten Winter. Von der Kanzel ließ er verlauten, dass „in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat…“ Sein klerikaler Aufruf zielte, wie er später nachschob, auf die Kohlen und Briketts, die mit den alliierten Zügen durchs Land rollten. Das „Fringsen“, der Kohleklau, ging als Chiffre für kirchlich sanktionierte Selbsthilfe in prekären Zeiten in den Sprachschatz ein.

 

Im selben Winter hatten es auch die Hamburger sehr schwer. Die Schauspieler der dortigenTheater waren derart verfroren, dass sie im Ruhrrevier um Heizmaterial nachsuchten. Als Gegenleistung boten sie hochklassiges Theater an. Bergleute der Zeche „König Ludwig“ in Recklinghausen versorgten darauf die Künstler von der Waterkant illegal mit Heizkohle. Diese Art von Naturalienhandel unter dem Nachkriegsmotto „Kunst für Kohle – Kohle für Kunst“ führte zur Gründung der Ruhrfestspiele. Das Festival ist heute eines der ältesten, größten und renommiertesten Theaterfestspiele in Europa. Während der jährlichen Spielzeit wandelt sich der ehemalige Zechenstandort Recklinghausen in eine internationale Kultur- und Theatermetropole.

 

Zitation: Stefan Berger „Bewundert von der ganzen Welt“ in DIE ZEIT Nr. 53 vom 19. Dezember 2018 S. 19

 

 

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