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rheinische ART 06/2015

Archiv 2015

IM KUNSTMUSEUM BONN
Frank Auerbach

 

Der 1931 in Berlin geborene und seit 1939 in Großbritannien lebende Frank Auerbach zählt gemeinsam mit Francis Bacon (1909-1992) und Lucian Freud (1922-2011) zu den zentralen Malerpersönlichkeiten der ‚School of London’. Deren Protagonisten charakterisiert eine expressiv-gegenständliche Bildsprache.

 

Frank Auerbach Self-portrait 1958, Daniel Katz Gallery, London © Frank Auerbach, Foto: Prudence Cumings Associates Ltd

 

„Gerade Auerbach hält an der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit fest, deren Abbild dem Künstler nicht einfach zufällt, sondern in langen Arbeitsprozessen errungen werden muss“, schreibt das ausstellende Haus über den Künstler.
     Biographisches ist in der Schau selbst fast komplett ausgeblendet. Außer an einer Wand im Eingangsbereich, die auch den Künstler in seinem Atelier zeigt, werden keine Informationen zu Leben und Werk geboten. Das ist einerseits von Vorteil, weil so die Konzentration auf die Werke nicht gebrochen wird, aber anderseits von Nachteil, weil so nicht klar wird, woraus Auerbach seine Themen schöpft, wie er arbeitet und wie er sich als Künstler versteht.
      Die Bonner Ausstellung ist mit circa 70 Werken aus privaten und öffentlichen Sammlungen bemerkenswert bestückt. Dabei kristallisieren sich in Auerbachs Œuvre drei maßgebliche Sujets heraus: Baustellen und Parklandschaften - die auch unter dem Oberbegriff Landschaft zusammen gefasst werden können - und Menschen.

 

Frank Auerbach To the Studios, 1979-80, Öl auf Leinwand, 123,2 x 102,6 cm, Tate © Frank Auerbach

 

Baustellen begeistern Die ersten Bilder – wie das wohl älteste erhaltene Gemälde, Summer Building Site (1952) – beschäftigen sich mit den mechanisch-technischen Vorgängen auf Baustellen. Viele der gezeigten, zum Teil hinter Glas gesetzten Arbeiten, allesamt nur durch Ursprungsort und Entstehungsjahr tituliert, ähneln dabei zentimeterdicken, zumeist erdfarben kolorierten Gebirgsungetümen, „schweren Klumpen aus Schwarz und Weiß und Ocker“, wie Auerbach über Building Site, Earl’s Court Road, Winter (1953) äußerte. Über eine andere, die „Shell“-Baustelle heißt es gar: „Es war eine gewaltige Baustelle, und sie sah absolut großartig aus. Sie war wie der Grand Canyon. Ich weiß noch wie ich hinging … Es war fast wie ein Geschenk … Man hätte sie nehmen und, wie sie war, in ein Museum stellen können.“
     Das Faszinosum der Baustellen waren die linearen Führungen der Streben, die rechtwinklig verschachtelten Geometrien und Trägerarchitekturen, die in den Himmel wuchsen. Die in den aufgerissenen Urgrund seiner Stadt, des Nachkriegs-London, getriebenen Gestelle (Heidegger) und Gestellformationen beschäftigten ihn tagtäglich.
     Orte wie Mornington Crescent, wohin Auerbach 1954 sein Atelier verlegte, konnten dabei völlig unterschiedliche Empfindungen evozieren. Mornington Crescent (1967) betont die schiere Sachlichkeit der Trägerkomplexe, etwas Neues entstehen zu lassen, während in Mornington Crescent (1965) die ins Bild gesetzten Geraden das Bild regelrecht zerreißen, zerpflügen, in Teilflächen zerlegen, fragmentieren. Auerbach erkannte: Technik ist ambivalent, sie tanzt wie Gott Shiva: Sie zerstört und sie baut auf – zugleich.

 

Frank Auerbach The Origin of the Great Bear, 1967-8 , Öl auf Holz,114,6 x 140,2 cm, Tate © Frank Auerbach

 

Parklandschaften beleben Wider die Technik-Kunst der Baustellen verordnet sich Auerbach immer wieder den (Gegen-)Besuch des Parks von Primrose Hill, 20 Gehminuten von seinem Atelier in Mornington Crescent entfernt. Ziel der Besuche und anschließenden Malexzesse ist es, die „Winkelgeometrien […] zu überwinden.“ Doch die Parklandschaft ist nicht Natur pur. Auch der Park ist ein Ort der Intervention, des Eingriffs des Menschen. Während Primrose Hill (1971) das Künstliche der horizontal geordneten und gegliederten Felder- beziehungsweise Nutzlandschaftsstrukturen betont, besticht Primrose Hill, Summer (1968) durch – für Auerbachs Verhältnisse – relativ leuchtende Farbkonglomerate, durchzogen von geschwungenen, organisch-dynamischen Zickzacklinien. Und so gibt es „gewisse massige, sich drehende, kissenhaft weiche, federbettartige Verschlingungen aus Erde und Himmel“, die aber, wenn auch sporadisch, durch Geraden gekreuzt werden. Denn auch der Park ist domestiziert, ist durch Wege, Laternen und anderes gebrochene, umgestaltete, angereicherte, transformierte Natur.

 

Frank Auerbach E.O.W. Nude, 1953-4 , Öl auf Leinwand, 50,8 x 76,8 cm, Tate © Frank Auerbach

 

Portraits erinnern Auch der Mensch als Kompositum aus Lebewesen und Person interessiert Auerbach. Auch Gesicht und Körper sind dem Wandel, der Interaktion und dem Altern unterworfen. Auch sie sind Landschaften, gefurcht und von Verkrustungen durchzogen. Von Anfang an porträtiert er mit Vorliebe immer wieder dieselben, am liebsten ihm nahestehende Menschen. Julia Yardley Biggs Mills, kurz J.Y.M., saß Auerbach ab 1957 gar vierzig Jahre lang Modell. Dabei nimmt der Maler zum einen, im Allgemeinen, eine weitgehend distanzierte Haltung gegenüber den von ihm Portraitierten ein: „Was man [!] malt, ist die eigene Reaktion auf das Tier Mensch.“

     Doch um diesen behavioristischen, generell-animalischen Impuls zu mildern, arbeitet er eben mit Personen zusammen, die zu ihm in einer engeren Beziehung stehen, so dass er sie (auch) „im Besonderen“, als Person erfassen und ins Bild setzen kann. Die erste Liebende, die er so verewigte, war Stella, mit vollem Namen Estella Olive West, kurz E.O.W. genannt. Insbesondere Head of E.O.W. (1955) und Head of Leon Kossoff (1954), ein Portrait eines seiner engsten Freunde, offenbaren, wie zerklüftet Auerbach in Hell und Dunkel differenzierte Gesichtslandschaften anlegen, zu einer Einheit arrangieren konnte.

 

Frank Auerbach E.O.W. half-length nude, 1958 , Privatsammlung, Courtesy of Eykyn Maclean, LP © Frank Auerbach, Foto: Douglas M. Parker Studio

 

Differenz vs. Identität Die Gegenüberstellung von Head of E.O.W. (1959-60) und Self-Portrait (1958), mit der die Ausstellung eröffnet, betont die Ähnlichkeit von Maltechnik, Ausdruck, Farbigkeit und vor allem – Gesichtszügen. Doch das soll nicht täuschen. Das Abheben auf Identität ist die Ausnahme. Bevorzugtes Augenmerk gilt stets den momentanen, „lebendigen Empfindungen“. Es komme darauf an, „für die Kunst eine ursprüngliche Erfahrung einzufangen.“
     In diesem Sinn ist Auerbach mehr Impressionist als Expressionist: „Ich bin kein Expressionist, und ich mag Expressionismus nicht, gerade weil er eine Reaktion provozieren will.“ In den 90er Jahren begann Auerbach dann, jedes Bild, das ihm am Ende eines Tages missglückt schien, zu beseitigen und immer wieder, sisyphoshaft jeden Tag von vorn anzufangen, bis er endlich mit dem Ergebnis zufrieden war: „Es wurde unumgänglich, dass ich das Ding gründlich abschabte, bevor ich zu arbeiten begann, damit ich – es sei denn, ich war krank – bei einem großen Bild nie mehr als einen Tag pausierte“. Über Jahrzehnte intensiven Schaffens hinweg entstand so ein höchst divergentes und facettenreiches Œuvre, wie die Ausstellung beispielhaft ausweist.
 

 Die mit dem Künstler zusammen entwickelte Überblicksausstellung zeigt mit Bedacht ausgewählte Werke aus der frühen Schaffenszeit – den frühen 1950er Jahren – bis hinein in die Gegenwart. Damit eröffnet das Museum den Kunstinteressierten die Möglichkeit, erstmals seit fast 30 Jahren, diesen außergewöhnlichen Maler in Deutschland wieder zu erleben. Zur Biographie Auerbachs möge noch so viel erwähnt sein, dass er als achtjähriges Kind mit einem Kindertransport nach England gelangte und so dem Holocaust entkam.

Georg Simet

 

Die Ausstellung „Frank Auerbach“ ist bis zum 13. September 2015 zu sehen.
Kunstmuseum Bonn
Museumsmeile
Friedrich-Ebert-Allee 2
53113 Bonn
Tel. 0228 / 77-6260
Öffnungszeiten
DI – SO 11 - 18 Uhr
MI 11 – 21 Uhr

 

 Die Ausstellung wurde von Tate Britain, wohin die Ausstellung dann reist, in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bonn organisiert.


 Die hier veröffentlichten Zitate Auerbachs entstammen dem höchst informativen, aufschlussreichen und lesenswerten Buch von Catherine Lampert: Frank Auerbach, Gespräche und Malerei, übersetzt von Tracey Evans, München: Sieveking Verlag, 2015

 

 

 


 

 

  

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