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rheinische ART 11/2020

ZEITGESCHICHTE
In 800 Tagen um die Welt


Im Herbst 1951 startete ein arbeitsloser Journalist in der Düsseldorfer Engelbertstraße mit einem Tourenrad aus Solinger Produktion und einem Budget von 3,80 Mark zu einer Reise um die Welt.

 

Jugoslawien „Titos Autobahn. Ich durfte trotzdem mit dem Rad darauf fahren, weil sie mehr von kroatischen Kuh- und Pferdewagen benutzt wird als von Kraftwagen.“ Foto aus: Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt“, Bd. 1; 1954, Fotoeinschub S. 16 Foto © C. Bertelsmann Verlag Gütersloh

 

„Jesses, Maria und Joseph“ kommentierte Tage später an der Grenze zu Jugoslawien eine Wirtshauschefin das ambitionierte Projekt und wünschte gute Weiterfahrt: So zu lesen in dem doppelbändigen Ex-Bestseller „Ich radle um die Welt“ des Reiseschriftstellers Heinz Helfgen (1910 – 1990), an dessen 30. Todestag vor Kurzem erinnert wurde.

 

 

Buchumschlag Band 1 Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt – Von Düsseldorf bis Burma“, Foto © C. Bertelsmann Verlag Gütersloh. Helfgens "Patria WKC"-Zweirad ähnelte dem heute populären Gravel-Bike.

 

Heinz Helfgen „Zwischen Rebellen und Krokodilen“, Folge 4, Heft 33 in der Abenteuerreihe „Spannende Geschichten“ des Rufer-Verlag, Gütersloh (erschienen zwischen 1954 und 1957). Foto © Rufer Verlag

 

Aktuell ist das Interesse am Fahrradfahren, ob mit Muskelkraft oder elektrisch, enorm groß und lenkt den Blick auf jene Pedaleure, die als Pioniere des Radtourismus gelten.

     Der gebürtige Saarländer Heinz Helfgen war einer von ihnen. Ein sportbegeisterter, durchtrainierter und polyglotter Zeitungsmann, der bei Beginn seiner Weltreise 41 Jahre alt war.

     Helfgen veröffentlichte Reisebücher und Erlebnisberichte, die auch als Abenteuerheftchen für 25 bis 30 Pfennige pro Stück am Kiosk zu kaufen waren. Was er verfasste, zählt heute zu den Klassikern der Radtourer-Literatur und ist ein Stück Zeitgeschichte.

 

Was bringt einen Familienvater mittleren Alters wenige Jahre nach Kriegsende dazu, sich auf eine abenteuerliche globale Extremtour per Drei-Gang-Fahrrad einzulassen? Neugier, so schrieb er, war das eine, berufliche Perspektivlosigkeit das andere. Die journalistischen Fleischtöpfe waren in der Bundesrepublik bereits vergeben, der aus US-Gefangenschaft heimgekehrte Helfgen so gut wie mittellos.

     Einmal „den Pulsschlag der weiten Welt“ spüren, hinter die Geheimnisse der Menschen und Landschaften kommen und begreifen, die sportliche Herausforderung meistern und mit Reportagen Geld verdienen. So in etwa sah er es selber.

     Es waren Wünsche, die viele in einer Zeit hatten, in der Entwurzelung, Kriegstraumata, eine unsichere Zukunft und der Kampf um erträgliche Lebensbedingungen in Deutschland zum Alltag gehörten.


Am Montag den 3. September 1951 schwang sich Helfgen auf sein Sport-Fahrrad Marke Patria WKC („Vaterland“), gebaut von der Solinger Blankstahl- und Fahrradfabrik Weyersberg, Kirschbaum & Cie. und fuhr los. Im 15 Kilogramm schweren Gepäck: Campingsachen und ein bewährtes Deuter-Zelt aus Augsburg, Reisepass, Wäsche, ein Ersatzreifen, Taschenlampe, Kamera.

     Zweieinvierteljahre wird der Radsportfan mit seinem „Stahlroß“ radeln und in dieser Zeit fast Unglaubliches erleben. Gegen Honorar verfasste er unterwegs für das Frankfurter Boulevardblatt „Abendpost“ Reportagen, die regelmäßig gedruckt wurden. 157 Berichte lieferte er an die Redaktion, quasi jede Woche einen und wurde so zu einer Art Medienstar.

 

Indien Der indische Straßenmeister Mistry gab mir mit seinen Sportkameraden das Geleit...“ Foto aus: Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt“, Bd. 1; 1954, Fotoeinschub S. 224 Foto © C. Bertelsmann Verlag Gütersloh

 

An Spannung fehlte es in seinen Texten nie. Über den Balkan fuhr Helfgen in die Türkei, querte das anatolische Hochland,  schaffte als erster Radtourist eine Fahrt durch die Syrische Wüste, hielt sich in Aleppo, Bagdad und Teheran auf. Er überstand eiskalte Gebirgspassagen, die trockene Salzebene Lut, Wolfsattacken und andere bedrohliche Ereignisse.

     Indien durchquerte Helfgen von Bombay bis Kalkutta (mehr) und wurde zum gefeierten Sportsmann, im birmanischen Dschungel raubten Wegelagerer ihn aus. In Kambodscha, das wie Vietnam noch zu Französisch-Indochina gehörte, lud ihn die „Königliche Hoheit“ Norodom Shihanouk zum Tee ein. Im umkämpften Vietnam logierte der Düsseldorfer bei teils deutschen Fremdenlegionären und sprang mit Fallschirmjägern bei einem Routine-Einsatz gegen die kommunistischen Viêt Minh ab.

 

Französisch-Indochina „Der Oberstkommandierende in Indochina schreitet die Front des dritten Regiments der Legionäre ab. Deutsche und Vietnamesen nebeneinander.“ Foto aus: Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt“, Bd. 2; 1954, Fotoeinschub S. 160 Foto © C. Bertelsmann Verlag Gütersloh

 

Helfgens Reports von diesem Kriegsschauplatz erinnern an spätere Publikationen des deutsch-französischen Journalisten Peter Scholl Latour. Der Abenteurer Helfgen reiste via Hongkong weiter nach Japan, genoss die dortige Hochkultur und Gastfreundschaft und bestieg den Fujiyama.

     In den USA erlebte er eine Atombombenexplosion, brachte das Land jedoch „wegen chronischen Geldmangels so schnell wie möglich“ hinter sich. In Südamerika radelte er Hunderte strapaziöse Kilometer in der „Grünen Hölle“ Brasiliens. Von dort ging es schließlich per Schiff zurück in die Heimat.

 

Indien „Zwei indische Würdenträger in ihren kostbaren Festgewändern…“ Foto aus: Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt“, Bd. 1; 1954, Fotoeinschub S. 240 Foto © C. Bertelsmann Verlag Gütersloh

 

Karte Reiseroute von Ispahan (Isfahan)  bis Rangoon, Klappentext hinten in: Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt“, Bd. 1, 1954 Foto Ausschnitt © rheinische ART 2020

 

Japan "Tempel in Nara, ein uralter japanischer Holzbau.“ Foto aus: Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt“, Bd. 2; 1954, Fotoeinschub S. 224 Foto © C. Bertelsmann Verlag Gütersloh

 

Kurz und gut: Es war von allem, was Spannung bot und Exotik bedeutete, etwas dabei und es mangelt auch heute nicht an einer gewissen Faszination, wenn man in Helfgens Büchern liest.

     Erstaunlich häufig traf der Extrem-Radsportler – so würde er wohl heute tituliert – auf freundliche Helfer, die allem Deutschen zugetan waren. „Es ist immer wieder ein erhabenes und stolzes Gefühl, überall rund um den Erdball das hohe Ansehen Deutschlands unter den Völkern festzustellen“, berichtete er aus Jamaika.

     Die Genugtuung des Autors über derartige Sympathieerweise war groß. Die ein wenig nach Deutschtümelei klingenden Passagen sind jedoch zu verzeihen, sind sie doch dem Zeitgeist und der geschundenen germanischen Seele geschuldet.

 

Immer wieder traf und interviewte Helfgen prominente Persönlichkeiten. Zu ihnen gehörten der letzte Kaiser Vietnams Bao Dai, ranghohe Militärs in Französisch-Indochina, mehrere Sportgrößen und die einflußreiche pakistanische Politikerin Fatima Jinnah (1893-1967), Schwester des Staatsgründers und als „Mutter der Nation“ verehrt.

     Eine weitere berühmte Person suchte er in Kuba auf: den Schriftsteller Ernest Hemingway. Der soll ihn in Deutsch mit den Worten begrüßt haben: „Ritter Ernst von und zu Hemingstein!“ Ob der ferner überlieferte Hemingway-Spruch „Ich freue mich, dass es mit Deutschland wieder aufwärts geht“ bei der Begegnung so je gefallen ist? Vielleicht.

     Doch ist bekannt, dass der Dichter den „Krauts" wenig zugetan war und erst wenige Jahre zuvor im Eifeler Hürtgenwald Augenzeuge brutaler Schlachten zwischen der Wehrmacht und US-Truppen war (mehr).

 

Die Reiseliteratur Helfgens öffnete nach der informationsarmen Nazizeit den heimischen Lesern ein Fenster in die Welt, hieß es  seinerzeit. Der Weltreisende galt jahrelang als „Deutschlands radelnder Auslandskorrespondent“.

     Seine Geschichten wurden als Lehrstücke des Journalismus in der Vor-TV-Ära gelobt, als Mischung aus Neugier, Risikobereitschaft, journalistischem Spürsinn und sportlicher Spitzenleistung.

     Gelegentlich wurde versucht, ihn in eine Schublade mit Karl May zu stecken. Doch damit täte man diesem versierten Reisereporter Unrecht. Der phantasievolle Sachse May schrieb bekanntlich über Regionen, in denen er nie war und von Figuren, die es nie gab. Heinz Helfgen dürfte das eine oder andere möglicherweise verklärt gesehen oder vielleicht auch abenteuerlich überhöht haben. Doch er war da! Und seine fundierten Beschreibungen von Land und Leuten sind lesenswert.
cpw


Heinz Helfgen bezog nach eigenen Angaben erste Impulse für seine Welt-Tour aus der Reiseliteratur des französischen Abenteurers, Dichters, Journalisten und Pfadfinders Guy de Larigaudies (1908-1940).

► Vor der Weltumradlung lebte Helfgen unstet und nicht ungefährlich. Als Achtjähriger verlor er seine Mutter. Ständige Konflikte mit der Stiefmutter kennzeichneten die Kindheit, mit 17 floh er nach Paris, wurde Fremdenlegionär und nach Nordafrika versetzt. Heimweh trieb ihn zurück, er desertierte. Anfang der Dreißigerjahre nahm er ein Politikstudium in München auf und trat der NSDAP bei. Die schickte ihn nach Brasilien mit dem Auftrag, eine Zeitschrift aufzubauen, was ihm nicht gelang. Der politisch als unzuverlässig und kritisch eingestufte Journalist, mittlerweile verheiratet, wurde verhaftet und zeitweise inhaftiert. Bei Kriegsbeginn meldete er sich als Freiwilliger, um der Gestapo zu entgehen.


► Die zwei Bände „Ich radle um die Welt“ erreichten in den Fünfzigerjahren eine Auflage von mehr als einer halben Million Exemplare. 1988 wurde eine gekürzte und verdichtete Fassung erneut aufgelegt. Über die Rückkehr des Radtouristen berichtete im Dezember 1953 die Wochenschau "Welt im Bild", Filmbeitrag 6 © Das Bundesarchiv (hier)

 

Literaturhinweis:


Heinz Helfgen Ich radle um die Welt, Band 1 Von Düsseldorf bis Burma. Erstausgabe. C. Bertelsmann Verlag 1954. 304 Seiten mit 56 Fotos.


Heinz Helfgen Ich radle um die Welt, Band 2 Burma, Indochina, Japan, USA, Grüne Hölle. Erstausgabe. C. Bertelsmann Verlag 1954. 400 Seiten mit 35 Fotos.

 

 

 



 

 

 

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