rheinische ART
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rheinische ART 02/2015

Archiv 2015

ITALIENS NEOREALISMUS
Wahrheiten in Schwarz und Weiß

 

Der Krieg war vorbei, die faschistischen Brandstifter tot oder verschwunden. Ihre Ideen, Ideale und Ideologie ebenfalls. Die Kunst drängte danach, endlich eine ungeschminkte, propagandafreie Wahrheit zu zeigen. Das Leben sollte so abgebildet werden, wie es wirklich war. Schonungslos.

 

Mario De Biasi Mailand 1954: Die italienische Schauspielerin und Zirkusbesitzerin Moira Orfei (Miranda Orfei) mit weißem Kleid und zu Fuß, zieht bewundernde Blicke der Passanten auf sich. (Gli italiani si voltano), Silbergelantine-Abzug, 30,7 x 40,5 cm. © Archivio De Biasi

 

Die Antwort auf die Zeit des Mussolini-Faschismus hieß in Italien: Neorealismus (Neorealismo). Rund drei Jahrzehnte übte diese neue Kunstströmung großen Einfluss zunächst auf Italiens Filmwesen aus, mit Verzögerung dann auch auf die zeitgenössische Fotografie und Literatur. Mit ihr dokumentierten die Kreativen des Landes die Nachkriegsjahre mit ihren gravierenden gesellschaftlichen Problemen. Und die hießen schlichtweg Armut und Elend. Das Düsseldorfer NRW-Forum zeigt eine bemerkenswerte Foto-Ausstellung zu diesem Thema.

 

Giancolombo Unterbrechung der TV-Aufführung „doppelt oder nichts“ in einem öffentlichen Kino in Carpi bei Modena 1956 (Il Cinema interrompe la proiezione per “Lascia o raddoppia” Carpi, Emilia Romagna 1956). Die Sendung der RAI war eine der beliebtesten frühen TV-Shows in Italien, Fernsehgeräte waren rar. © Archivio Giancolombo

 

Leinwand-Klassiker Der italienische Neorealismus brachte Spielfilme hervor, die heute zu den Klassikern des Genre gehören. Unzweifelhaft gilt der noch im Kriegsjahr 1943 gedrehte Film „Besessenheit“ (Ossessione) von Luchino Visconti als erster Streifen dieser Stilphase. Den eigentlichen filmischen Durchbruch brachte 1945 „Rom, offene Stadt“ (Roma, città aperta) von Roberto Rosselini. Es folgten Meisterwerke wie De Sicas „Schuhputzer“ (Sciuscià, 1946) und „Fahrraddiebe“ (Ladri di biciclette, 1948) sowie Giuseppe De Santis „Bitterer Reis“ (Riso amaro, 1949), eines der Schlüsselwerke der neuen Richtung.
     Künstlerische Impulse bezogen die Filmregisseure, die meist dem Marxismus nahe standen, vom zeitgleichen poetischen Realismus Frankreichs, der mit Spielfilmen wie Marcel Carnés „Hafen im Nebel“ (Le Quai des brumes) 1938 für Aufsehen sorgte. In einer Art Wechselwirkung beeinflusste der Italo-Neorealismus in den späten Fünfzigern dann die französische Nouvelle Vague mit Regisseuren wie Claude Chabrol oder Jean-Luc Godard, ebenso den US-amerikanischen Dokumentarfilm und die Polnische Film­schule, eine künstlerisch-intellektuelle Stilrichtung in der polnischen Kinema­to­graphie. Der Neorealismus hatte also durchaus internationale Wirkung, er war jedoch in seiner Heimat kein Kino-Kassenschlager.

 

Mario Cattaneo In den Gassen von Neapel (Vicoli a Napoli) 1951-1958, Silbergelantine-Abzug, 40,1 x 31,5 cm. © Eredi Mario Cattaneo

 

Neue Fotokunst Auch die italienische Fotografie durchlief die Phase des Neorealismus. Die Fotografen lichteten das Kriegsende ab, den Zusammenbruch des Regimes und den Wandel des Landes zu einer modernen Industriegesellschaft – und vor allem deren Schattenseiten. Statt „Bella Italia“ stellten sie ohne Scheuklappen in eindrucksvollen Dokumentarfotos kritisch das realistische, karge, manchmal harte Italien dar, dass dennoch vor Lebenslust zu strotzen schien. Insofern hatten ihre Fotoarbeiten durchaus auch gesellschaftskritische Züge.

 

Meister der Kamera Die Profi-Fotografen jener Jahre waren humanistisch orientierte Fotojournalisten, bestrebt, das Menschliche, das Wirkliche abzubilden. Von diesen Künstlern hinter dem Sucher seien nur vier stellvertretend genannt.
► Mario Di Biasi (1923-2013) war im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland deportiert worden und kam in Nürnberg mit der Fotografie in Kontakt. Als Lichtbildner wurde er Anfang der Fünfzigerjahre mit neorealistischen Arbeiten und später mit aufrüttelnden Reportagefotos des Ungarnaufstands 1956 berühmt.
 Der Autodidakt Mario Cattaneo (1916-2004) reüssierte mit Fotos des traditionellen Mailänder Flohmarktes „Fiera di Sinigaglia“ und bestach danach mit Bildern „vornehmer Armut“, großer Gesten und Haltungen, durchweg brillante fotografische Schwarz-Weiß-Werke von außerordentlicher Schönheit und Anziehung, die vielfach Menschen in Neapel zeigen.

 Pablo Volta (1926-2011) erlernte die Fotografie 1949 in Berlin bei der US-Army und fotografierte die zerbombte Stadt. Von ihm stammen berühmte Bilder des geheimnisvollen Karnevals von Mamoiada auf Sardinien, eines der ältesten Masken-Feste der sardischen Folklore.

► Giancolombo (1921-2005), dessen Künstlername durch einen Druckfehler im "Corriere Lombardo" aus Gian Battista Colombo entstand, war der bekannteste italienische Fotoreporter der Fünfzigerjahre. Seine Fotos erschienen in allen großen Zeitungen und Magazinen. Berühmt wurde seine Fotografie vom EG-Mitbegründer Alcide De Gasperi 1947.

 

Pablo Volta Der Karneval von Mamoiada/Sardinien (Carnevale di Mamoiada) Februar 1957: Tanzreigen von Orgosolo (Ballo Tondo Orgosolo, Sardegna 1957). Die Hirten-Clans des nordöstlichen sardischen Bergdorfes Orgosolo zelebrieren einen alten Brauch, sie singen im Chor und tanzen im Reigen.© Eredi Pablo Volta

 

Schaufenster Das NRW-Forum in Düsseldorf spiegelt in der Ausstellung „NeoRealismo – Die neue Fotografie in Italien 1932-1960“ diese italienische Kunstphase wider. Die Schau ermöglicht einen Blick auf die Beziehung zwischen Fotografie und anderen Kunstbereichen, des Kinos und der Literatur. Sie zeigt auch eine neue Interpretation des neorealistischen Phänomens: die Idee nämlich, dass seine Wurzeln in Italien in der Zeit des Faschismus zu finden sind. Die rund 300 Schwarz-Weiß-Arbeiten und die zahlreichen ergänzenden Medien wie illustrierte Zeitschriften, Foto-Bücher und Expositionskataloge bieten eine Gesamtsicht dieses italienischen neuen Realismus in der Fotokunst. Ein kleiner Teil der Ausstellung ist der Literatur dieser Zeit gewidmet, mit Profilen ihrer wichtigsten Autoren.

Claus P. Woitschützke

 

Die Ausstellung "NeoRealismo – Die neue Fotografie in Italien 1932-1960" ist bis zum 19.04.2015 geöffnet.

NRW-Forum Düsseldorf
Ehrenhof 2 
40479 Düsseldorf
Tel. 0211 / 8926690
Öffnungszeiten
DI - SO 11 – 20 Uhr
FR 11 - 22Uhr

 

 

 

 


 

 

 

FRANK BAUER 

Die Gelassenheit

der Dinge

(Foto: Ausschnitte

Öl auf Leinwand, 2017)

 

17.11.2017 - 13.01.2018

GALERIE VOSS

 


 

 

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