rheinische ART
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rheinische ART 06/2016

 Archiv 2016

 

JEAN TINGUELY

Kunst passiert,
wenn die Maschine läuft…
 

Der Schweizer Großmeister der dynamischen und bewegten Kunst hat Geschichte geschrieben, Kunstgeschichte! Seine spektakulären wie auch spielerisch-absurden Maschinen und Apparaturen aus Alteisen und Schrott sind kinetische Kunstwerke. Manche von ihnen singen sogar.

  

Jean Tinguely Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia, 1987. Mixed media 810 x 1683 x 887 cm. Museum Tinguely, Basel Donation Niki de Saint Phalle. Die begehbare Riesen-Skulptur ist ein besonderer Höhepunkt der Düsseldorfer Ausstellung. Foto © rART 2016

oben: Jean Tinguely Requiem Pour Une Feuille Morte,1967. Wandrelief (Ausschnitt) aus der Werkgruppe der monochrom schwarzen Skulpturen, montiert aus 200 bemalten Radteilen. 1200 x 350 cm. © Museum Kunstpalast Düsseldorf Foto © rART 2016 

 

Zu sehen sind diese oft kunterbunten, ratternden und knatternden Maschinenskulpturen derzeit im Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Es ist ein technisches Maschinenspektakel der Sonderklasse, eine sensationelle Schau des Hauses im Kunstjahr 2016, geräuschvoll, interaktiv, vor Fantasie sprühend, verblüffend, lustvoll-sinnlich – der Besucher bleibt auf keinen Fall „unberührt“.

     Der Schweizer Jean Tinguely (1925-1991) war ein Provokateur und ein Poet zugleich. Er gehörte zu den originellsten Künstlern seiner Zeit. Von sich selbst behauptete er: "Ich bin nur ein Dieb, ein Parasit der Technik, ein Stibizter, ein Schmarotzer in der wunderbaren Industriewelt."

 

Jean Tinguely o.T., 1954 Dreifuss aus Eisen, Metallstäbe und -drähte, 9 verschiedenfarbige Metallelemente, Elektromotor 78 x 60 x 48 cm. Privatsammlung, Potsdam. Foto: Christian Baur,  © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Ausstellungsbesucherin auf „Cyclograveur“ (1960) von Jean Tinguely, Foto: Lennart Olson,  © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Retrospektive 25 Jahre nach seinem Tod präsentiert das Museum Kunstpalast in Düsseldorf das vielfältige Œuvre des visionären Künstlers und Mitbegründers des Nouveau Réalisme in einer Retrospektive.

     Zu seinen ersten bekannten Werken, die aus den späten 1940er-Jahren stammen, gehören die Stabilités, zart-filigrane Drahtobjekte, angetrieben von Elektromotoren, die an „bewegte Raumzeichnungen“ erinnern. Tinguely, der gelernte Dekorateur, war geübt in Drahtkonstruktionen für Deko-Puppen und sonstige Raumfüller und verband hier offensichtlich sein berufliches Können mit ersten künstlerischen Ambitionen.


Cyclograveur und anderes
Unter dem Titel „Do-it-yourself“ schraubte Tinguely im Jahrzehnt darauf bereits seine berühmten Méta-Matic-Zeichenmaschinen zusammen. Was sie zufällig produzierten, erschien vielen als Provokation auf die damals führende Kunstrichtung des Tachismus und Informel (mehr), zu deren Prinzipien Formlosigkeit und spontane Gestik gehörten.

     Restposten von Industriematerial, Fundstücke oder Schrottobjekte nutzte Tinguely immer wieder in der Art des Readymade oder Object trouvé manipulé ab den 1960er-Jahren, und zwar sowohl für seine großen Maschinen-Assemblagen als auch für kleinere, prägnant gearbeitete mechanische Plastiken.

     Zu den großen, hallenfüllenden Installationen gehören das in Düsseldorf ausgestellte Altarensemble "Mengele Totentanz“ von 1986 und die Monumental-Installation "Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia“.

 

Jean Tinguely Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia, 1987, Teilansicht. Tinguely bezieht sich mit der Urinal-Installation im unteren Teil der monumentalen Assemblage auf Vorbilder von Readymade und Dada. Es ist eine Hommage an „The Fountain“ von Marcel Duchamp aus dem Jahre 1917. Foto © rART 2016

 

Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle  Lifesaver/Lebensretter, Model zum Brunnen, 1991, Polyester, bemalt, Eisen, Elektromotor, 155 x 148 x 57 cm, © VG-Bild Kunst, Bonn 2016, Foto: Lehmbruck Museum

 

Blick in die Ausstellung. Hinten: Jean Tinguely La Spirale, 1965, Schrottteile, schwarz gestrichen, Elektromotor, 282 x 60 x 90 cm. © Museum Kunstpalast Düsseldorf Foto © rART 2016

 

Diese Riesenskulptur aus dem Jahre 1987 bildet das spektakuläre Zentrum der Düsseldorfer Ausstellung. Ein verschachteltes Räderwerk, durch Motoren angetrieben, setzt Gegenstände in Bewegung und dominiert die Gesamtkonstruktion. Sie kann über Leitern, Stege und Treppen betreten werden. Es ist eine Fantasie-Maschinerie enormen Ausmaßes, für deren Transport 12 Sattelzüge mit jeweils 13,60 Meter Ladelänge benötigt werden. Auf ironisch-skurrile Art verweise die Skulptur - so Generaldirektor Beat Wismer - auf Vorbilder von Readymade und Dada (mehr), vor allem in Form von Marcel Duchamps Urinal „The Fountain“ von 1917.

     Duchamp hatte damals unter dem Pseudonym R. Mutt versucht, das umgedrehte Pissoir - eine handelsübliche Ware aus dem Sanitärhandel - als Kunstwerk in eine Ausstellung zu schmuggeln. Das „verkehrte Ding“ wurde wegen seines Charakters als Gebrauchsobjekt erst gar nicht ausgestellt. Später wurde daraus ein Schlüsselwerk der Konzeptkunst, ein Readymade.


Teamwork Tinguelys Gemeinschaftsarbeiten, die er Kollaborationen nannte, mit künstlerischen Weggefährten wie Daniel Spoerri, seiner ersten Ehefrau Eva Aeppli, Yves Klein, Bernhard Luginbühl, Robert Rauschenberg und Niki de Saint Phalle (mehr), seiner langjährigen Partnerin und späteren zweiten Ehefrau, bilden ein weiteres zentrales Thema der Schau.


Hintergründig Die oft heiter, spielerisch, laut, spaßig oder bunt daher kommenden Tinguely-Werke offenbaren bei intensiverer Beschäftigung jedoch auch eine völlig andere, künstlerisch aufgearbeitete Dimension: nämlich die der Aggression, der Ab- und Hintergründigkeit, der Zerstörungslust und der Angst vor Vergänglichkeit und Tod. Es sei die Synthese dieser Gegensätze, die Tinguelys Werke so einzigartig machen und bis heute das Publikum faszinieren und beeindrucken, vermerkt die Kuratorin und stellvertretende Leiterin der Sammlungen Barbara Til.

 

Jean Tinguely im Krefelder Zoo, 1978. Museum Kunstpalast, AFORK, Düsseldorf Foto © Leonardo Bezzola/ Museum Kunstpalast Düsseldorf 2016

 

Die Kunstszene des Rheinlands war für Jean Tinguely im Übrigen eine äußerst wichtige Karrierestation. So organisierte Ende Januar 1959 die Düsseldorfer Galerie Schmela die erste Tinguely-Einzelausstellung in Deutschland. Es war was los am Rhein, denn der Schweizer und andere später berühmte Vertreter der Kinetik-Fraktion hauten, wie Kunstpalast-Direktor Beat Wismer zur Eröffnung der aktuellen Show bemerkte, bei Schmela ordentlich „auf die Pauke“.

     Yves Klein hielt eine Eröffnungsrede, Daniel Spoerri und Kollegen trugen simultan ein „Konzert für Bilder“ vor und Günther Uecker (mehr) richtete ein mehrtägiges Kostümfest aus, Titel: „Ekstase in Farbe“. Uecker lernte dabei den ZERO-Mitbegründer Otto Piene (mehr) persönlich kennen. Ein Jahr später war Uecker mit Heinz Mack (mehr) und Piene der Dritte im ZERO-Bund.

     Insgesamt drei Monate verbrachte Tinguely in der noch jungen NRW-Landeshauptstadt. In dieser Zeit trat er erstmals mit seinem legendären Manifest Für Statik an die Öffentlichkeit. Am 14. März 1959, zum Finale seiner Exposition, ließ er Tausende von Manifest-Flugblättern öffentlich wirksam durch die Düsseldorfer Innenstadt flattern, teils aus Autos heraus oder von Gebäuden. Alles fotografisch dokumentiert vom später hoch erfolgreichen Werbe-Fotografen Charles Wilp. Die Legende spricht von Abwürfen aus einem Flugzeug, aber dem stand vermutlich das Wetter entgegen. Die Luftnummer, auch wenn sie nie standfand, erreichte eines: Öffentliche Wirksamkeit und Legendenbildung.

 

Rheinisches Intermezzo Paul Wember (links) und Jean Tinguely im Museum Haus Lange, Krefeld, 1960, Foto © vermutlich Hermann Ege

 

Es war eine neue experimentell-orientierte Künstlergeneration, die sich zum Ende der 50er-Jahre mit Klamauk und Chuzpe an die Öffentlichkeit begab. Einer, der frühzeitig die Entstehung der neuen Kunstform erkannte und merkte, dass Kunst sich im wörtlichen Sinne in Bewegung zu setzen vermochte, war der Kunsthistoriker Paul Wember (1913-1987)(mehr).

     Der Direktor des Krefelder Kaiser Wilhelm Museums bot eine der ersten rheinischen Plattformen für Kinetik-Kunst jener Jahre. Wember zeigte 1960 im Kaiser Wilhelm Museum die Edition MAT Paris von Daniel Spoerri, in der unter anderen Marcel Duchamp, Jean Tinguely, Dieter Roth (mehr) und Jesus Raphael Soto vertreten waren sowie eine Einzelschau von Tinguely im Haus Lange.

     1963 gelang es Paul Wember, im Haus Lange sowohl Soto als auch die ZERO-Gruppe (mehr) auszustellen. Es war der Start der Kinetik im Rheinland: für Vibrations- und Rasterbilder, Lichtreliefs, Klangskulpturen und interaktive Kunstwerke.

Claus P. Woitschützke

 

 Erste kinetische Kunstwerke stammten von Naum Gabos, Marcel Duchamp, Man Ray (mehr), Alexander Rodtschenko und László Moholy-Nagy. Es folgten in den 60er-Jahren unter anderen die rheinische Gruppe ZERO, die Pariser "Groupe de Recherche d´Art visuel" oder die Moskauer "Bewegung". Als wichtigste Vertreter der Kinetik in der Kunst gelten Alexander Calder mit seinen Mobiles (mehr), Jean Tinguely mit den zufallsgesteuerten Fantasiemaschinen, Pol Bury, Siegfried Cremer, Vassilakis Takis, Günter Uecker und Günter Haese (mehr).

 

► Konzipiert wurde die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit dem Museum Tinguely, Basel, dem Hauptleihgeber der Schau. Kooperationspartner ist ferner das Stedelijk Museum Amsterdam. Von den rund 90 Exponaten sind viele zum ersten Mal in Deutschland zu sehen.

 

Die Ausstellung "Jean Tinguely. Super Meta Maxi" kann bis zum 14. August 2016 besucht werden.
Museum Kunstpalast
Kulturzentrum Ehrenhof
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf
Tel. 0211 / 566 42 100
Öffnungszeiten
DI - SO 11 - 18 Uhr
DO bis 21 Uhr

 

 

 

 

 

 


 

  

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