rheinische ART
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rheinische ART 06/2013

 

ARCHIV 2013
Gedenkjahr für eine Kultfigur in Trier

 

Der ewige Karl

 

Nun, ausnahmsweise ist einmal nicht der Große aus Aachen gemeint und auch nicht der auf Vernissagen und Expositionen gerne gesehene Designer und Künstler mit Hauptwohnsitz in Paris. Es geht um einen der bedeutendsten deutschen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts: Karl Marx. Er führte als politischer Journalist ein Leben zwischen Köln, Paris, Brüssel und London.

 

Das Marx-Engels-Denkmal (für Berlin-Mitte) vor der Werkstatt des Bildhauers Ludwig Engelhardt. Fotografie von Sibylle Bergemann, Mai 1984 © Agentur Ostkreuz/Nachlass Sibylle Bergemann

 

IM MÄRZ vor 130 Jahren starb der umstrittene Philosoph und große Theoretiker in London. Seine Schriften und Gedankengebäude, wie etwa das „Kommunistische Manifest“ und sein Hauptwerk „Das Kapital – Kritik der politischen Oekonomie“ von 1867 hatten weltweit ungeheuren Einfluss auf soziale Massenbewegungen und politische Ausprägungen. Zwei Ausstellungen in seiner Heimatstadt Trier lenken den Blick auf die Lebensabschnitte von Karl Marx, die er im Rheinland verbrachte.

   Karl Heinrich Marx (1818-1883), so sein voller Name, wurde als drittes von neun Kindern des jüdischen und später zum Protestantismus konvertierten Rechtsanwalts Heinrich Marx und seiner Gattin Henriette in Trier, damals preußische Rheinprovinz, geboren. Nach dem Gymnasium nahm er 1835 in Bonn das Studium der Rechte auf, ein Jahr später schrieb er sich in Berlin für Geschichte und Philosophie ein. An der Universität Jena promovierte er schließlich 1841.

 

Emil Dreyer: Porträt Karl Marx , um 1900-1920
© Stadtmuseum Simeonstift

 

Marx und rheinische Zeitungen

 

Seine erste Profession war 1842 die eines Journalisten und späteren Chefredakteurs der liberalen „Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe“ in Köln. Marx´ scharf gegen Preußen gerichtete Veröffentlichungen erregten Aufsehen. Er verteidigte darin etwa den napoleonischen Code Civil, der als Rheinisches Recht in den preußischen Rheinlanden weiter galt und verfasste flammende Texte zur Pressefreiheit. Die Empörung der politischen Klasse in Berlin über derartige Druckwerke war gewaltig. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV titulierte die Rheinische Zeitung gar als „Hure am Rhein“; der österreichische Staatskanzler Metternich sah 1842 beim Besuch des Dombaufestes - mit der Grundsteinlegung zum Weiterbau des Kölner Doms - die liberale Presse grundweg als „ein lebendiges Werkzeug des Bösen“. Im März 1843 wurde die Zeitung offiziell verboten.
   Marx heiratete im Sommer desselben Jahres seine Jugendliebe Jenny von Westfalen und ging mit ihr nach Paris, wo er sich mit dem Düsseldorfer Dichter Heinrich Heine anfreundete. Dort begann 1844 auch seine lebenslange Freundschaft mit dem aus Wuppertal-Barmen stammenden vermögenden Unternehmersohn und späteren Mitautoren am „Kapital“, Friedrich Engels (1820-1895). Die Herren kannten sich bereits durch die gemeinsame Arbeit bei der Rheinische Zeitung. Jahrzehnte später sollten diese beiden Namen untrennbar mit der kommunistische Ideologie verbunden sein.

Leonid Vasilevich Kozlov: Die Formeln, die die Geheimnisse des Kapitals enthüllen, 1970
© Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte, Moskau

 

 

   Die nächsten Jahre hielt sich Marx in Paris - wo er als unerwünscht ausgewiesen wurde - und Brüssel auf und verzichtete 1845 auf seine preußische Staatsbürgerschaft. Während der deutschen Revolutionsjahre 1848/49 gab Marx, nun wieder in Köln, ab Juni 1848 in der Domstadt die Neue Rheinische Zeitung heraus. Die sozialistisch-kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung wurde zu einem wichtigen Medium und konnte sich bis Mai 1849 halten. Das Scheitern der Revolution zwang Marx erneut ins Exil, nunmehr nach London, wo er 1867 sein Hauptwerk, die Kapitalismuskritik „Das Kapital“, publizierte. Viele Jahre blieb der Trierer staatenlos. Sein Wunsch einer Wiedereinbürgerung in Preußen wurde 1861 abgelehnt.

 

Trier ehrt seinen großen Sohn in diesem Jahr gleich zweifach.

 

Karl-Marx-Haus


An Historie Interessierten bietet das Marx-Geburtshaus im barocken und symbolträchtigen Rahmen einen breiten Lebensüberblick. Es gilt als einziges deutsches Museum, dass mit einer Präsenzausstellung über Leben und Wirken von Marx informiert, über seinen politischen Werdegang, seine Genossen und Feinde sowie sein Exil in London, wo er starb und begraben ist.
Das Haus wird in Regie der Friedrich-Ebert-Stiftung betrieben. Die Ausstellung soll - nach eigenen Angaben - die Bedeutung von Karl Marx klären und gleichzeitig aufzeigen, welche Folgewirkungen sich aus seinen Werken weltweit bis in unser Jahrhundert ergeben haben. Zudem geht die Schau der Frage nach, ob und wie er von der weltanschaulichen Strömung, die seinen Namen trägt - dem Marxismus - schließlich vereinnahmt, ja geradezu instrumentalisiert worden ist.


Das Geburtshaus von Karl Marx wurde 1928 von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) erworben, restauriert und zunächst als Gedenkstätte genutzt. Nach der Zwangsenteignung während der NS-Zeit wurde die Immobilie ab 1947 als Museum zugänglich gemacht. 1968 ging sie in das Eigentum der Friedrich-Ebert-Stiftung über. Sowohl das Haus als auch die Stadt Trier haben vor allem bei Chinesen Wallfahrtsort-Status. Für jährlich Tausenden chinesischer Touristen sind sie festes Ziel auf ihrem Europa-Reiseplan.

 

Kultbilder im Simeonstift

 

Einen völlig anderen Schwerpunkt legt die derzeitige Sonderausstellung mit dem Titel „Ikone Karl Marx – Kultbilder und Bilderkult“ im Museum Simeonstift. Hier geht es weder um Marx´sche Philosophie noch ökonomische Lehre, sondern um die bildliche Darstellung des Gesellschaftskritikers. Mit fast 200 Exponaten aus verschiedenen Ländern wird Marx´ Wandel von einem Politstar zur Werbe-Ikone dokumentiert. Es dürfte weltweit nur wenige Gesichter geben, die so bekannt sind wie das von Karl Marx, so Elisabeth Dühr, Direktorin des Museums. In der Tat: Bevor sich die Welt Ende der 1980er Jahre politisch grundlegend veränderte, war Karl Marx, Revolutionär und geistiger Vater des Kommunismus, fast auf der Hälfte des Planeten allgegenwärtig: Unzählige Male als monumentale Statue oder Büste in sozialistischen und kommunistischen Ländern aufgestellt, auf Briefmarken, Münzen, Geldscheinen, Gemälden und Medaillen verewigt. Im Arbeiter- und Bauernstaat der DDR war er sozusagen der Säulenheilige des Kommunismus und konnte – namentlich – zeitweise eine ganze Stadt sein eigen nennen.
   Das Konterfei des Nationalkökonomen, Philosophen und Protagonisten der Arbeiterbewegung ist nach wie vor präsent und eine Chiffre für Widerstand, Protest und Revolution. Das bärtig-markante Gesicht findet sich auf historischen Propagandaplakaten wie auf verherrlichenden Historiengemälden im Zuge der russischen Oktoberrevolution, in der modernen Medienwelt in TV-Werbespots und im Internet.

 

Marx ganz kapitalistisch in der Werbung

 

Mit dem Marx-Gesicht haben etwa Ikea (Slogan: "Wie man gute Ideen erfolgreich umsetzt"), Apple und der Kosmetikkonzern Remington - dieser sinnlicher Weise für Rasierapparate - geworben. Und selbst für eine Pkw-Kombi-Werbung nuschelte der bärtige Greis, altersgerecht im Rollstuhl, im Dialog mit Che Guevara: „Es sollte um die Bedürfnisse der Menschen gehen!“ - statt um Revolution; Marketing by Renault. Möglicherweise wusste aber nicht mehr jeder Zuschauer, welche Figuren sich da eigentlich unterhielten.

 

Die Ausstellung wirft die Frage nach der Entstehung dieses Marx-Bildes auf und untersucht die Umstände, die es zur „Ikone“ werden ließen. Veranschaulicht wird der Bilder-Wandel durch frühe Original-Fotografien, von denen es nur 15 verbürgte geben soll und die alle nach dem 42. Lebensjahr des großen Denkers gefertigt wurden, Gemälde und Drucke sehr gegensätzlicher Künstler wie Heinrich Zille, Max Pechstein oder John Heartfield, der für seine politischen Fotomontagen berühmt war, und Arbeiten von Frida Kahlo, Alfred Hrdlicka, Johannes Grützke oder Jonathan Meese.

K2M

 

Präsenzausstellung
Karl-Marx-Haus Trier
Brückenstraße 10
54290 Trier
Öffnungszeiten
MO - SO 10 – 18 Uhr
1. Freitag des Monats 10 – 20 Uhr


Die Ausstellung „Ikone Karl Marx, Kultbilder und Bilderkult“ wird bis zum 18.Oktober 2013 gezeigt.

Stadtmuseum Simeonstift Trier
Simeonstr. 60 (direkt neben der Porta Nigra)
54290 Trier
Tel. 0651 / 718 14 59

Öffnungszeiten
täglich, außer Montag 10 - 17 Uhr

 

 

Fotoquelle (4) Simeonstift Trier

 

 

 

 

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