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rheinische ART 12/2018

HARALD SZEEMANN
Obsessionen

 

„Alle wollen Szeemann sein.“ Dieser Ausspruch einer namhaften Kuratorin fasst zusammen, was tausend Worte kaum besser zu beschreiben vermögen: Die Kurator-Legende Harald Szeemann (1933-2005).

 

Harald Szeemann hält einen Vortrag vor Werk Nr. 003 von Emma Kunz, o.D., © Anton C. Meier © J. Paul Getty Trust. The Getty Research Institute, Los Angeles (2011.M.30)

 

Das Getty-Institut in Los Angeles hatte den Nachlass des Schweizers 2011 erstanden. Jetzt, sieben Jahre und nach Sichtung von 600 Regalmetern Archiv später, ist die Essenz seiner revolutionären Projekte in zwei sich ergänzenden Ausstellungen in der Düsseldorfer Kunsthalle zu sehen. Sie titeln „Harald Szeemann. Museum der Obsessionen“ und „Großvater: Ein Pionier wie wir.“


Wissen sollte man, dass Szeemann selbst seine umfangreiche Bibliothek und sein Forschungsarchiv als „Museum der Obsessionen“ beschrieb, das sich in der Fabbrica Rosa in Tegna im Tessin befand. Da liegt es nahe, eine Ausstellung über den Kurator anhand seines Archivs auch so zu betiteln. Natürlich ist die Auswahl so etwas wie die Spitze eines Eisberges, das bestreiten auch die Kuratoren Glenn Philipps vom Getty Research und Philipp Kaiser nicht. Zudem kommt sie ja eher unaufgeregt daher, die Schau, mit Korrespondenzen in Vitrinen, Filmen, Plakaten, Fotos und Skizzen an den Wänden. Und doch hat sie das Zeug dazu, eine Ahnung von der kuratorischen Seele Szeemanns zu liefern.

 

Installationsaufnahme der Ausstellung „Harald Szeemann. Museum der Obsessionen“ in der Kunsthalle Düsseldorf, 2018. Foto: Katja Illner © J. Paul Getty Trust. The Getty Research Institute, Los Angeles (2011.M.30)


Es ist „eine Ausstellung über einen Ausstellungsmacher“, wie Kaiser erläutert und betont, dass diese Tatsache bereits einer zweiten, wenn auch posthumen, Karriere gleichkommt. Ziel war es gewesen, den freien Geist von Szeemann nicht zu musealisieren und ihm den Raum zu geben, den sich dieser Zeit seines Lebens ganz selbstverständlich genommen hat.

 

Markus Raetz und Albin Uldry, Plakat für die Ausstellung Der Hang zum Gesamtkunstwerk: Europäische Utopien seit 1800, Städtische Kunsthalle und Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 19. Mai – 10. Juli 1983. © J. Paul Getty Trust. The Getty Research Institute, Los Angeles (2011.M.30)

 

Vielleicht und gerade deshalb werden zu seiner Beschreibung gerne Superlative verwendet, werden Skandale benannt, geht es um Künstlerutopien und um „Totalvisionen“. Den Grundstein für derart verbal Großformatiges schuf er als noch junger Mann mit seinen Ausstellungen in der Berner Kunsthalle, die er von 1961-1969 leitete.

     An diesem Ort zeigte er Künstler, die heute international bekannt sind, damals aber noch als junge Kreative am Beginn ihrer Karriere standen. Von einer großen Bedeutung, die bis heute nicht nachgelassen hat, war die Schau „Live in Your Head: When Attitudes Become Form“ 1969. Natürlich löste ein Eklat die produktive Verbindung von Szeemann und der Berner Kunsthalle. Doch Szeemann hatte eins geschafft: er hat der Arbeit des Kurators ein völlig neues Profil verliehen und das Kuratieren neu definiert.

 

Haus-Rucker-Co (Laurids Ortner, Manfred Ortner, Klaus Pinter und Günter Zamp Kelp), Oase Nr. 7, 1972, Installation im Rahmen der documenta 5, Befragung der Realität – Bildwelten heute, Kassel, 30. Juni – 8. Oktober 1972, Foto: Balthasar Burkhard © J. Paul Getty Trust. The Getty Research Institute, Los Angeles (2011.M.30)


Ab 1969 folgte ein nicht minder kreativer Output. Mit seiner „Agentur für geistige Gastarbeit“ hat er als von einer Institution unabhängiger Kurator Kunstgeschichte geschrieben. Seinen ersten Auftrag bekam er übrigens vom Kölnischen Kunstverein, wo er mit Wolf Vostell die Ausstellung „Happening & Fluxus“ gestaltete (die mit skandalöser Performance-Kunst von sich Reden machte und in der Düsseldorfer Ausstellung dokumentiert ist) und seit er die „documenta 5“ 1972 in Kassel organisierte, umwehe ihn, den Kurator, und diese Weltausstellung ein „Mythos“, wie die Veranstalter schreiben.

 

Szeemanns Gabe, mit Künstlern umzugehen und ihre Qualitäten gezielt einzusetzen, war besonders. Kritik von Künstlern an seiner Ausstellungstätigkeit focht Szeemann nicht an. Aus dem Begleitheft zur Ausstellung: „Einige der teilnehmenden Künstler […] an der documenta 5, etwas Daniel Buren oder Robert Smithson, beschwerten sich darüber, dass Szeemann ihre Arbeiten mit seinen weit gespannten Themen der persönlichen Vision eines Kurators unterordnete. Buren behauptete sogar, die Künstler […] wären nichts weiter als Pinselstriche in einem Gemälde Szeemanns. Szeemann aber begrüßte derartige Kritik und veröffentlichte die Beschwerden sogar im Katalog.“

 

Installationsaufnahme der Ausstellung „Harald Szeemann. Grossvater: Ein Pionier wie wir“ in der Kunsthalle Düsseldorf, 2018. Foto: Katja Illner © J. Paul Getty Trust. The Getty Research Institute, Los Angeles (2011.M.30)


Großvater Ètienne Ein anschauliches Beispiel seines kuratorischen Intellektes ist die zweite Ausstellung in der Kunsthalle. In „Großvater: Ein Pionier wie wir“ (1974) hat Szeemann das Schaffen seines Großvaters, der mit seinem praktischen, gleichwohl erfindungsreichen Geist nicht nur der damaligen Frisörbranche, sondern auch seinem Leben einen höchst eigenen Stempel aufdrückte, kuratiert. Es ist eine sehr persönliche Schau, die ursprünglich in Szeemanns Berner Privatwohnung ausgestellt war. Das Getty-Institut hat diese in einer Re-Inszenierung nachgebaut und bietet die Möglichkeit, die atmosphärisch dichte und vielleicht „radikalste“ (Getty) Exposition des Kurators Szeemann zu besuchen. Sie ist amüsant, überraschend, erstaunlich und ganz sicher sehenswert, was bei Harald Szeemann wohl auch immer heißt: erlebenswert.
Irmgard Ruhs-Woitschützke


Um einem großen Publikum zum ersten Mal die Arbeit des Kurators vorzustellen, sind die beiden Ausstellungen als eine Wanderausstellung konzipiert. Bereits im Februar 2018 wurde diese in Los Angeles und im Sommer 2018 in Bern gezeigt. Nach Düsseldorf wird die Schau im Castello di Rivoli bei Turin und im Swiss Institute in New York präsentiert.

 

Die beiden Ausstellungen „Haral Szeemann: Museum der Obsessionen“ und „Großvater: Ein Pionier wie wir“ sind bis zum 20. Januar 2019 zu sehen.
Kunsthalle Düsseldorf
Grabbeplatz 4
40213 Düsseldorf
Tel. 0211 / 8996243
Öffnungszeiten
DI – SO 11 – 18 Uhr
Feiertage 11 – 18 Uhr

 

 

                     

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