rheinische ART
Start | | Über uns | Anzeigen | Impressum | Kontakt | Datenschutz

rheinische ART 05/2019

Archiv 2019

LE CORBUSIER
Das Architektur-Juwel


Es gehört zu den Eigenheiten mancher Architekten, dass sie sich lebenslang gerne einer Art formalen „Grundvokabulars“ bedienen. Für den Weltbaumeister Le Corbusier waren es unter anderem seine Pavillons für Ausstellungen.

 

Pavillon Le Corbusier, 2019, Zürich Foto © ZHdK

 

Man möchte annehmen, dass sich in den architektonischen Hinterlassenschaften des einflussreichen Baumeisters des 20. Jahrhunders Dutzende derartiger Gebäudekonstruktionen finden. Weit gefehlt!

     Lediglich ein Pavillon aus der Konstruktionsschmiede des schweizerisch-französischen Multitalents Charles-Édouard Jeanneret-Gris (1887–1965), Pseudonym Le Corbusier, hat die Zeit überdauert. Er steht auf einem prominenten Terrain in Zürichs Innenstadt, wurde jüngst restauriert und nunmehr wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Loungebereich im 1. Stock mit den Möbeln LC 1–4 von Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand, Pavillon Le Corbusier, 2018, Zürich, Foto © ZHdK

 

Dieser Pavillon ist ohne Übertreibung eine Ikone der Architekturgeschichte und jede Reise wert. Der Besucher sieht sich nicht nur einem einzigartigen und farbenprächtigen Bauwerk – das gleichzeitig Hauptexponat ist – gegenüber, er kann auch eine darin inszenierte interessante Ausstellung mit dem Titel „Mon univers“ genießen.

     Diese Eröffnungsschau zeigt die persönliche Sammelleidenschaft des großen Architekten, Designers, Architekturtheoretikers, Urbanisten und Künstlers und gibt einen Einblick in seinen gestalterischen Kosmos.

 

Treppe Pavillon Le Corbusier, 2018, Zürich, Foto © ZHdK

 

Eine bemerkenswerte Historie umgibt dieses architektonische Glanzstück. Baubeginn des „Pavillon Le Corbusier“ war das Jahr 1964. Drei Jahre später wurde er eingeweiht. Es war der letzte umgesetzte Entwurf des Architekten, der 1965 im südfranzösischen Roquebrune/ Cap Martin, verstarb.

     Der Bau geht auf die Initiative und das Engagement der Innenarchitektin, Galeristin und Mäzenin Heidi Weber zurück. Sie hatte Le Corbusier für das Projekt gewonnen, erhielt von der Stadt Zürich das Bauland auf der Blatterwiese für fünfzig Jahre im Baurecht und trieb die Errichtung trotz vielfältiger Probleme mit Beharrlichkeit und Ausdauer voran.

     Der Pavillon, eine frühe Form von „White Cube“, war zwar von Le Corbusier formal als Wohnhaus konzipiert worden, sollte allerdings als Ausstellungsort für seine Arbeiten wie Grafiken, Skulpturen oder Zeichnungen dienen und wurde als solcher so auch genutzt. In ihm wurden die Werke und Ideen Le Corbusiers im Sinne einer „maison démonstrative“ einem breiten Publikum präsentiert.

 

Küchenecke Pavillon Le Corbusier, 2018, Zürich, Foto © Georg Aerni

 

Nach Ablauf des Baurechts ging das Gebäude 2014 in das Eigentum der Stadt Zürich über.

     In deren Auftrag wurde der denkmalgeschützte Komplex umfassend, detailgetreu und mit viel Sachverstand renoviert und instandgesetzt.

     Der Pavillon erstrahlt heute in derselben Frische, Eleganz und Farbigkeit wie bei seiner Fertigstellung und wie er von Le Corbusier ursprünglich geplant war. Ganz in diesem Sinne und Geist führt das renommierte Museum für Gestaltung Zürich den Pavillon im Auftrag der Eigentümerin Stadt Zürich nunmehr als öffentlich zugängliches Museum weiter.

 

Die Konstruktion basiert auf dem von Le Corbusier entwickelten Proportionssystem Modulor und demonstriert – quasi als architektonisches Vermächtnis, wie die Kuratoren und Architekten betonen – viele seiner Entwurfsprinzipien. Darunter etwa die Vorfabrikation von Bauteilen, wiederkehrende Bauelemente wie unter anderem Erschließungsrampen, Dachgärten oder besonders konzipierte Wegführungen durch das Gebäude selbst. Der Zürcher Pavillon ist Le Corbusiers einziges Gebäude aus Stahl und Glas und als begehbares Gesamtkunstwerk zu verstehen.

 

Le Corbusiers „collection particulière“, Exponate der Ausstellung "Mon univers" Foto © ZHdK

 

Die Grundgedanken zu den Pavillons als demontable, unkomplizierte und mit vorfabrizierten Elementen verschraubbare Baukompositionen beschäftigten Le Corbusier bereits lange vor der Realisierung des Zürcher Baus.

     Schon 1928 hatte er für den Lebensmittelproduzenten Nestlé ein derartiges Schauhaus entworfen, 1939 einen Pavillon für die Ausstellung „Saison de l´Eau“ in Lüttich und 1958 für den niederländischen Konzern Philips den berühmten Pavillon für die Weltausstellung in Brüssel.

     Für Le Corbusier waren diese Projekte wie auch der Zürich-Pavillon weit mehr als eine schlichte Ausstellungsarchitektur. Ihn beschäftigte jahrelang die Frage: Wie ließen sich die Künste zusammenführen? Wie ließen sich Malerei, Skulpturen, Architektur und Leben in einem Bau zu einer Einheit verschmelzen?

     Es war seine berühmt gewordene Vision der „Synthèse des Arts“ (Zusammenführung der Künste), die ihn antrieb und für die er den idealen Ausstellungsort kreieren wollte.

     Dies erklärt auch die von ihm ab 1949 immer wieder konkretisierte geheimnisvolle Dreier-Konstellation seiner mehrfach geplanten Kulturzentren. Sie bestanden grundsätzlich aus einem Musée de la Connaissance (Museum des Wissens oder Museum of Knowledge), einem Pavillon (für temporäre Schauen) und einer Boîte á Miracles (Wunderkammer) wie er sie unter anderem in den indischen Wirtschaftsmetropolen Ahmedabad, New Delhi und Chandigarh in den 1950er und 1960er Jahren zu realisieren suchte.
cpw


In der punjabischen Hauptstadt Chandigarh steht im Übrigen ein Pavillon im Corbusier-Typus. Allerdings wurde er erst posthum und nach Plänen des indischen Architekten M.S. Sharma gebaut und dient als Ausstellungshaus für die Entstehungsgeschichte der von Le Corbusier maßgeblich mitentwickelten Planstadt Chandigarh.


Die Ausstellung „Mon univers“ wird bis zum 17. November 2019 gezeigt.
Pavillon Le Corbusier
in Regie Museum für Gestaltung Zürich

Höschgasse 8
8008 Zürich
Tel +41 43 446 67 17
Öffnungszeiten
DI–SO 12–18 Uhr
DO 12–20 Uhr


Das könnte Sie auch interessieren:

Le Corbusiers Schüler und Pritzker-Preisträger Balkrishna Doshi „In der Gufa-Grotte“ (mehr)

 

 

 

 

Die 
rheinische ART.
empfiehlt:

Mit GOOGLE ins Museum.


Das Google Arts & Culture Projekt zeigt Meisterwerke aus den Museen und Sammlungen dieser Welt.

► 
mehr

Und geht der Frage nach: Was ist Contemporary Art?

mehr