rheinische ART
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rheinische ART 01/2020

BEETHOVEN-JAHR
Der unbekannte Bekannte

 

Für die einen ist er so was wie ein populärer Spitzenmusiker, also ein Pop-Star im heutigen Sprech. Für andere der größte Komponist aller Zeiten oder ein tragisches Genie.

 

Carsten Carstens (1941–2013) Ludwig van Beethoven, 2002, Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm, Privatbesitz (kein Exponat der Ausstellung). Der Grafikdesigner und Künstler mit den Farbvorlieben Schwarz und Rot war ein Bonner Original und arbeitete viele Jahre in der Bonngasse gegenüber dem Beethoven Museum. Sein Leitspruch: „Lieber von Carstens gemalt als vom Leben gezeichnet.“ Foto © rheinische ART 2019

 

Zum 250. Tauftag des gebürtigen Bonners zeigt die Bundeskunsthalle mit „Beethoven – Welt.Bürger.Musik“ eine große Schau und spiegelt darin Leid und Triumpf des Mannes. Soviel vorab: Diese Ausstellung ist sehenswert!

 

Franz Geissenhof Quartett Streichinstrumentensatz (Violoncello) Wien 1820 Kunsthistorisches Museum Wien © KHM-Museumsverband

 

Ausstellungsansicht Foto © rheinische ART 2019

 

Dass mit dem Pop-Star ist natürlich eine überaus griffige Formel. Nicht nur der US-Pop-Art-Künstler Andy Warhol verewigte den Komponisten in einem Gemälde. Im Rheinland war es Anfang dieses Jahrhunderts der Bonner Grafikkünstler Carsten Carstens, bekannt für seine Beethoven-Darstellungen, der dem Meister eine Ray-Ban-Sonnenbrille verpasste – Ludwig van Beethoven der Superstar (siehe Bild oben).


Die Bonner Ausstellung bildet sozusagen den Auftakt des an Terminen gewaltigen Beethoven-Jubeljahres. Denn überall im deutschsprachigen Raum werden nicht nur Konzerte geboten, sondern wird mit Schauen an einen der ersten modernen und freischaffenden Künstler erinnert.

     Gleichwohl gilt: Ohne die Alimentation durch vermögende Zeitgenossen aus der Feudalszene hätte auch der heute vergötterte Ludwig van Beethoven (1770–1827) seine eingängigen Werke kaum komponieren können.


Was erwartet den Besucher der Bonner Ausstellung an der Museumsmeile? Auf jeden Fall zahlreiche Überraschungen. Denn die groß angelegte Exibition zeigt über viele Strecken einen Beethoven, wie man ihn eher weniger kennt.

     Selbstverständlich: Der 4. Satz seiner berühmte 9. Sinfonie, Schillers vertontes Gedicht „An die Freude“, die als instrumentale Fassung heute die Hymne der Europäischen Union ist, wird ebenso zelebriert wie sein Hörrohr, Musikinstrumente und anderes des ertaubten und ständig erkrankten Komponisten.

 

Johann Nepomuk Mälzel Großes Hörrohr Ludwig van Beethovens 1813 Messing Beethoven-Haus Bonn © Beethoven-Haus Bonn

 

Aber wie ging er mit seiner steigenden Taubheit und den zahlreichen anderen Gebrechen um?

     Dass er dem Alkohol übermäßig zusprach (und damit in der Tradition seines Vaters blieb) und sich mit bleihaltigem Wein vergiftete, oder mit 19 Jahren die Vormundschaft über seine beiden jüngeren Brüder übernahm, ist - eigentlich - nicht neu.

     Dass er nicht im Sinne eines Gläubigen in die Kirche ging, sondern zum Orgelspielen in die Frühmesse? Dass der Geburtstag konkret betrachtet gar nicht bekannt ist, lediglich der Tauftag, der 17. Dezember 1770, nachzulesen im Taufregister der katholischen Remigiuskirche zu Bonn?


War Ludwig van Beethoven gar ein Revolutionär oder politischer Opportunist? Nicht unbedingt, aber von der Revolution, der Französischen von 1787, geprägt. Was sich letztlich in seiner Musik niederschlug, etwa in der Befreiungsoper „Fidelio“. So gesehen war er als junger Komponist ein „Rebell am Klavier und mit dem Federkiel“ (Süddeutsche Zeitung).

     Da dienen all die kleinen Marotten eher zur Erheiterung, etwa wenn die Sprache auf Makkaroni mit Parmesankäse kommt, sein Favorit in der Küche, er aber Brotsuppe noch mehr liebte! Und, um beim Thema Verköstigung zu bleiben, Beethovens Furcht vor faulen Eiern gipfelte darin, dass er nicht selten fast ein Dutzend davon persönlich vor Verspeisung prüfte.

     Dies und natürlich vieles mehr mache ihn, der heute „übermenschlich in seiner Stärke“ erscheint, damit „menschlich in seiner Schwäche“, wie der SPIEGEL vermerkte.

 

Beethoven und Goethe beim Spaziergang. Reproduktion einer Radierung von Emile Pierre Pichard. Beethoven-Haus Bonn © Beethoven-Haus Bonn


Die Schau in Bonn, die zentrale Ausstellung im Beethoven-Jahr, folgt den wichtigsten Lebensstationen des Komponisten und Pianisten vor dem Hintergrund geschichtlicher Ereignisse und verschränkt diese mit seinem musikalischen Werk. Damit wird deutlich, in welchem historischen Kontext Ludwig van Beethoven eigentlich seine visionären Werke zu Papier brachte.

 

Joseph Karl Stieler Beethoven mit dem Manuskript der Missa solemnis 1820 Beethoven-Haus Bonn © Beethoven-Haus Bonn

 

Die Kuratoren verorten den Künstler und seine Werke in seiner Epoche, der wechselhaften Zeit zwischen Ancien Régime, Französischer Revolution, Neuordnung Europas und anschließender Restauration.

     Zugleich bietet sie einen differenzierten Blick auf die vielschichtige Persönlichkeit des Musikschöpfers und Menschen Beethoven. Dabei werden auch seit 200 Jahren kultivierte Klischees – wie das des entrückten einsamen Genies – kritisch hinterfragt.

     Zu sehen sind einige der berührendsten Beethoven-Dokumente, die seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt oder überhaupt noch nicht öffentlich präsentiert worden sind. Zu den Highlight-Exponaten zählen herausragende Beethoven-Autographen, darunter die Kopistenabschrift der Eroica und Skizzen zur Ode An die Freude, die bereits 1812 entstanden, oder das Heiligenstädter Testament von 1802, in dem der Komponist seine Verzweiflung über die fortschreitende Ertaubung zum Ausdruck bringt.
     Rund 250 wertvolle Exponate von Leihgebern aus ganz Europa sowie aus der Sammlung des Beethoven-Hauses werden erstmals in dieser Fülle an einem Ort gebündelt ausgestellt. Eine Gelegenheit, die sich – wie die Bundeskunsthalle betont – auf absehbare Zeit wohl nicht wieder ergeben wird.
cpw

 

Die Ausstellung „Beethoven – Welt. Bürger. Musik“ in der Bundeskunsthalle wird in Kooperation mit dem Beethoven-Haus Bonn gezeigt. Das Neue Beethoven-Haus Museum im Geburtshaus des Komponisten wurde räumlich erweitert und bietet eine neue Dauerschau sowie ebenfalls bis zum 26. April 2020 die Sonderpräsentation „In bester Gesellschaft – Joseph Stielers Beethoven-Portrait und seine Geschichte“ (Portrait siehe vorstehend).

► Zitate aus: DER SPIEGEL N.49 / 30.11.2019, „Ludwig der Größte“ S. 115 und Süddeutsche Zeitung Nr. 299 vom 28./29.Dezember 2019 „Der unsterbliche Geliebte“ S. 15


Die Ausstellung „Beethoven – Welt. Bürger. Musik“ wird bis zum 26. April 2020 gezeigt.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Tel. 0228 / 502010
Öffnungszeiten
DI, MI 10 - 21 Uhr
DO-SO und feiertags 10 - 19 Uhr