rheinische ART
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rheinische ART 06/2017

Archiv 2017

MARCEL BROODTHAERS
Das Verrückte ist positiv

 

Er hat mit seinen Ideen an den Grundpfeilern des Kunstbegriffs kräftig gerüttelt, hat Kunsttheorien und Kunstinstitutionen wie das Museum in Frage gestellt und (vermeintlich) Sinnloses neben (angeblich) Vernünftiges gestellt, war Dichter, später bildender Künstler, zeitweise Direktor und Kurator eines von ihm erfundenen Museums. Eine Retrospektive von Marcel Broodthaers im k21.

 

"Marcel Broodthaers - Eine Retrospektive" im k21 der Kunstsammlung NRW. Foto © rheinische ART. 2017

 

Über Marcel Broodthaers zu sprechen, ist möglich, ihn umfänglich zu fassen, kaum. Dabei ist der Künstler eigentlich so schwer gar nicht zu verstehen. Er war schlichtweg ein Denker, der Gegebenes in Ausdruck, Form, Bezeichnung, Sinn und Inhalt hinterfragte und so manches mal einfach zu einer Alternative kam. Ihm ging es um Kritik, aber nicht um der Kritik wegen; die Alternative enthielt bereits die Kritik.

 

Marcel Broodthaers Moules sauce blanche (Muscheln mit weißer Sauce), 1967, Bemalter Topf, Muschelschalen, Farbe und helles Polyesterharz, Durchmesser: 37,5 cm, Höhe: 48,5 cm, Privatsammlung, New York, Foto: © Estate of Marcel Broodthaers / Artists Rights Society (ARS), New York / SABAM, Brüssel / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 © Kunstsammlung NRW

 

Marcel Broodthaers (geboren 1924 in Brüssel – gestorben 1976 in Köln) drehte 1-Sekunden-Filme, konstruierte eine Kamera, die „beobachtet“, häufte Massen von nummerierten Eierschalen auf farbige Leinwand und klemmte noch eine Untertasse dazwischen, überzog einen Schreibtisch mit Miesmuscheln oder überflutete eine Leinwand mit ebendiesen schwarzen Muscheln, die, im Augenblick, wo sie sich öffnen, auch schon mal einen Kochtopf sprengen können. Doch bei Broodthaers passiert nichts ohne Absicht. Warum also die Muscheln? Der Linguist ließ den Künstler nicht los: „moule“ bedeutet im Französischen sowohl Muschel als auch Form oder Model.

     Bei seiner ersten Galerieausstellung 1964 in der Galerie Saint Laurent in Brüssel hängte er eine Absichtserklärung ins Schaufenster, dass er, der Dichter, der zum bildenden Künstler geworden war, seine mangelnde Ernsthaftigkeit bei der Erschaffung der ausgestellten Werke erkläre und bot seine Vergangenheit als Dichter/Buchhändler zum Verkauf an.
     Broodthaers künstlerische Handschrift war frei, er ließ sich nicht einordnen und das ist vielleicht mit ein Grund, dass für diese Ausstellung gleich drei namhafte Kunstinstitutionen zeichnen: Das Museum of Modern Art in New York, das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid und die Kunstsammlung Nordrhein Westfalen in Düsseldorf.

 

Marcel Broodthaers im k21. Installationsansicht. Foto © rheinische ART. 2017

 

Die Beziehungen zwischen Worten und Bildern waren für den Künstler essentiell, und so waren seine Gemälde gedruckte Texte. Serien wie „ Série en langue française“ (Serie in französischer Sprache A [Serie von neun Gemälden über ein literarisches Thema]) entstanden. „Es geht darum, den Punkt zu finden, an dem das Bild und das Dargestellte aufhören, als Gegensätze wahrgenommen zu werden“, sagte Broodthaers dazu. Sein Vorbild René Magritte stand hier Pate: immer wieder spielt der Künstler auf das Gemälde Magrittes „Leci n'est pas une pipe“ (Dies ist keine Pfeife) von 1929 an. Broodthaers, das wird bei einem Besuch der Ausstellung schnell klar, plädierte für eine offene Lesart von Kunst.

 

Marcel Broodthaers Modèle: La Pipe, 1969, Farbe auf vakuumgeformtem Plastik, 83,5 × 121 × 0,5 cm, The Museum of Modern Art, New York. Partial gift of the Daled Collection and partial purchase through the generosity of Maja Oeri and Hans Bodenmann, Sue and Edgar Wachenheim III, Agnes Gund, Marlene Hess and James D. Zirin, Marie-Josée and Henry R. Kravis, and Jerry I., Speyer and Katherine G. Farley, 2011. Foto: © Estate of Marcel Broodthaers / Artists Rights Society (ARS), New York / SABAM, Brüssel / VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Peter Butler © Kunstsammlung NRW

 

Das Erstaunliche dabei ist, dass Broodthaers ernst genommen wurde, sehr ernst sogar. Zwei Jahre lebte der Belgier in Düsseldorf, von 1970 bis 1972. Hier, so schreibt das ausstellende Haus dazu, entwickelte sich Broodthaers im Austausch mit der regen rheinischen Kunstszene zu einer international beachteten Künstlerpersönlichkeit. „Die Begegnung mit jungen Künstlern wie Jörg Immendorff (mehr), Blinky Palermo (mehr), Ulrich Rückriem (mehr), die konfliktreiche und zugleich äußerst fruchtbare Beziehung zu Joseph Beuys (mehr) sowie die enge Kooperation mit experimentierfreudigen Museumsdirektoren haben entscheidend zu Broodthaers´ künstlerischer Laufbahn beigetragen. Internationalen Erfolg erntete er schließlich 1972 mit der Teilnahme an Harald Szeemanns legendärer documenta 5 in Kassel. Danach widmete er sich bis zu seinem frühen Tod an seinem 52. Geburtstag mit zahlreichen Ausstellungen in London, Basel und Berlin dem Thema Décor – und setzte damit den Startschuss zu dem, was man heute Installationskunst nennt.“

 

Marcel Broodthaers Installationsansicht mit Musée d'Art Moderne, Departement des Aigles (1968 – 72) Foto © rheinische ART. 2017

 

Furore machte Broodthaers mit der Gründung seines Musée d'Art Moderne, Departement des Aigles (1968 – 72) in Brüssel. Dieses fiktive Museum, übrigens mit mehreren Sektionen, wurde in realen Kunstinstitutionen ausgestellt. Doch Broodthaers zeigte keine Kunstwerke, vielmehr thematisierte er die Organisation eines Museums. Ein gutes Museum ist wie ein lebender Organismus mit wissenschaftlicher Begleitung, und das schien der Künstler wohl zu vermissen.

 

Marcel Broodthaers Installationsansicht mit Musée d'Art Moderne, Departement des Aigles (1968 – 72) Foto © rheinische ART. 2017

 

Museum Er äußerte sich dahingehend, dass er in Belgien ein gutes Museum nicht kenne und deshalb habe er der Logik folgend selbst eins gegründet. Er thematisierte Aufgaben wie Dokumentation, Werbung, Finanzierung und schielte durchaus auf den Kunstmarkt. Er produzierte selber Ankündigungen, Einladungen, Publikationen oder Filme dazu. „Seine Kritik des 'Museums' galt dessen autoritärer Struktur, ihn beschäftigte die Frage, wie Kunst zur Kunst wird“, bemerken die Macher der Ausstellung hierzu. In dieser ist übrigens auch eine Auswahl von Fragmenten des Broodthaerschen Museumsprojektes sowie mit der Section Publicité (1972) aus dem Besitz der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die heute einzige intakte Sektion zu sehen.

 

 Im Begleitheft zur Ausstellung heißt es über Marcel Broodthaers: „Die in Düsseldorf und im Rheinland lange erwartete Retrospektive von Marcel Broodthaers zeigt einen Künstler, der radikal für eine offene und prozessuale Lesart von Kunst plädierte. Seine Bedeutung für die bildende Kunst im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert ist kaum hoch genug einzuschätzen.“

Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Die Ausstellung „Marcel Broodthaers Eine Retrospektive“ ist bis zum 11.06.2017 zu sehen.
k21 Ständehaus
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Ständehausstraße 1
40217 Düsseldorf
Tel. 0211 / 8381-204
Öffnungszeiten
DI – FR 10 – 18 Uhr
SA + SO 11 - 18 Uhr


 

 

 

 

 


 

 

  

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