rheinische ART
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rheinische ART 05/2022

KONSUM-KULTUR
Must have

 

Essen, Wohnen, Freizeit, Reisen. In der Reihenfolge etwa gestalteten die Menschen im 20. Jahrhundert ihre Bedürfniskette. Klar: Konsum mit all den beglückenden, betörenden, aber auch bedrohlichen Aspekten bestimmte und bestimmt unser Leben.

 

Konsummeile der Extraklasse: Hohe Straße in Köln in den 1970er Jahren. © LVR-Industriemuseum, Foto: Horst Ziethen

 

Nun war es aber so, dass zu verschiedenen Zeiten recht unterschiedliche Dinge die Skala der Begehrlichkeiten dominierten.

     Das Konsumieren als Akt der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben brachte sie hervor, die must have! Eine Ausstellung im LVR-Industriemuseum Euskirchen zelebriert 250 Jahre Konsumgeschichte auf 600 Quadratmetern Schaufläche. Es ist ein spannendes wie unterhaltendes Kaleidoskop mit 450 Exponaten.
 

Konsumwünsche Transportabler Plattenspieler, Philips (1955) und Kofferradio Mambino, Nordmende (1965-1967). Darüber Schallplatten Tanzparty mit Paul Kuhn, 1962, Drafi Deutscher (1965) und The Who My Generation (1965). Foto © rheinische ART. 2022

 

Mit Motorrad oder Motorroller zur Arbeit, ins Wochenende oder abends ins Kino. Ein zweiter Sitz, auf dem Gepäckträger montiert, lud zu Unternehmungen zu zweit ein. Victoria KR 25 Aero, 8 PS, 247 cm³, Victoria-Werke Aktiengesellschaft, 1950. © LVR-Industriemuseum, Foto: Jürgen Hoffmann

 

Die Schau erzählt von der Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Konsums und von den Wellen, die zum Beispiel den legendären Otto Normalverbraucher im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik nach den Notjahren ab 1949 überrollten: Fresswelle, Einrichtungswelle, Kleidungswelle oder Reisewelle... Es war die Zeit, als aus dem Sonntagskaffee ein Alltagsgetränk wurde.

     Ob nun Buttercremetorte, der Autoersatz Motorroller, Aussteuer, AGFA-Clack Kamera, Kühlschrank, Smartphone – die Ausstellung, so heißt es in Euskirchen, zeichnet die verrückte Historie des Konsums und Konsumwahns nach und setzt sich zugleich mit dem Thema kritisch auseinander.

 

Und das gelingt ihr überzeugend. Als Erkenntnis nimmt der Besucher auf jeden Fall mit: Einige der Konsumtrends von heute wie etwa die Nachhaltigkeit sind gar nicht so neu, wie man denkt. Sie haben Vorläufer in der Geschichte.

     Wenige Besitztümer, eine lange Nutzungsdauer und fortwährendes Reparieren und Ausbessern von Alltagsgegenständen waren in vergangener Zeit durchaus Normalität. Viele Produkte wurden mit etwas Geschicklichkeit selbst hergestellt oder zumindest regional produziert.

 

Die neuen Warenhäuser Orientierungspunkte im Stadtbild der Jahrhundertwende: Warenhaus Hettlage in Düsseldorf, vor 1898. © LVR-Industriemuseum, Foto: Jürgen Hoffmann

 
Als Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Warenhäuser – als Wiegen des Konsums und Luxus für fast jedermann – zum Probieren und Einkaufen, zum Bummeln und Verweilen entstanden, war das Shopping-Erlebnis geboren. Produkte wurden von da an massenhaft in Fabriken industriell hergestellt – und dadurch billiger. Die Gesellschaft wurde eine des Massenkonsums. Reklame als Vorläufer von Marketing und Werbung sowie verlockende Schaufenster-Dekorationen kamen auf und wurden zu Lebensbegleitern bis in die Gegenwart.

 

Blick in die Ausstellung: Dramatische Hochwasser als Folge von Klimawandlungen in der Eifel-, Ahr- und Erft-Region 2021. Im Bild die Starkregenfolgen im Kreis Euskirchen. Foto © rheinische ART. 2022

 

Die Euskirchener LVR-Kuratoren stellen dem must have und Konsumrausch gleichwohl beeindruckend die Grenzen des Wachstums gegenüber, die ab den 1970er Jahren immer offensichtlicher wurden und die Öffentlichkeit sensibler machten: Luftverschmutzung, Atomkraftwerke, Verkehrschaos, Klimawandel, Naturkatastrophen.

     Und dies mit Beispielen auch aus der heimischen Region. Denn die Ausstellung zeigt sowohl aktuelle Bilder der Hochwasserereignisse vom Juli 2021 im Kreis Euskirchen als auch Fotos der Fridays for Future-Demonstrationen in Bonn.

 

Anders konsumieren, um die Klimakrise abzuwenden? Fridays for Future-Demonstration am 24.9.2021 in Bonn. © LVR-Industriemuseum, Foto: Melanie Brodeßer

 

Und sie thematisiert den Sinneswandel und die neue Nachdenklichkeit. Brauchen wir all die Dinge und den Luxus um uns herum? Was ist selbstverständlich? Müssen wir dafür so viel arbeiten? Dürfen wir weiter Fleisch essen? Wollen wir weiter mit diesem absurden Verkehr leben? Ist unser Alltag noch ökologisch vertretbar und fair im Verhältnis zu anderen Kontinenten und den kommenden Generationen? Müssen wir nicht etwas ändern?

 

Levis oder Wrangler? Das war für Jugendliche in den 1970er Jahren eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Jeans-Schlaghose von Wrangler, 1970er Jahre. © LVR-Industriemuseum, Foto: Jürgen Hoffmann

 

Vor diesem Hintergrund wagt die Ausstellung auch einen Blick in die Zukunft: Wie werden und wollen die Menschen der Industrieländer in Zukunft konsumieren? Welche Produkte werden aus nachhaltigen Materialien hergestellt?

     Dazu werden aktuelle Trends wie Sharing, Re- und Upcycling und Minimalismus vorgestellt. Apropos Minimalismus: Mit weniger Dingen glücklicher werden! Das alles ist seit Jahren wieder „en Vogue“, eine neue Sicht und eine neue Lebensweise. Das bewusste Reduzieren und Beschränken sollen helfen auf dem Weg zu „einem klaren, sinnerfüllten und ökologisch vertretbaren Leben“.

 

 

Modernität im Wohnzimmer: Schallplatte und String-Regal, 1970er Jahre. © LVR-Industriemuseum, Foto: privat

 

Dass wir uns heutzutage mehr oder weniger immer noch darüber definieren, wie wir konsumieren, welche Kleidung wir tragen, was wir essen, wie wir uns einrichten, wie wir unsere Freizeit gestalten oder welches Handy wir benutzen, ist hinlänglich bekannt.

     Aber merken wir es auch? Mit dem Lifestyle-Generator bringt die Ausstellung den Besucher auf die Spur. Sie bietet ihm nämlich die Möglichkeit, mit der eigenen Konsum-Identität zu spielen und sich zu „outen“: Welcher Konsumtyp bin ich? Eine interaktive Installation ermöglicht es jedem Gast, sich ein Outfit nach verschiedenen Lifestyles zu basteln – und zum Schluss einen Schnappschuss davon zu machen.
     Ruhe, Platz, Entrümpelung, Entschleunigung und Aufmerksamkeit sind der neue Luxus, das neue must have. Dass dies in der Ausstellung so schlüssig dargelegt wird, macht sie so interessant. Es ist eine Ausstellung mit Tiefgang, denn sie weckt auch Betroffenheit.
rART/cpw

 

Die Ausstellung „must have“ zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Konsums kann bis zum 27. November 2022 besucht werden.
LVR-Industriemuseum
Tuchfabrik Müller

Carl-Koenen-Str.
53881 Euskirchen
Tel.: 02234/9921-555


Öffnungszeiten
DI – FR 10 – 17 Uhr
SA, SO 11 – 18 Uhr

 

 

 

 

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