rheinische ART
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rheinische ART 06/2013

Archiv 2013

In der Langen Foundation: Botschaften zwischen Raum und Zeit


 

Pae White‘s

 

„In Love with Tomorrow“

 

von Georg Simet

Pae White, PROFESSIONAL, 2012, zweiseitige Spiegel, Papier und Schnüre, Höhe variabel, © Courtesy the artist and International Art Objects, Los Angeles

 

Detail PROFESSIONAL von Pae White

 

Die Künstlerin Pae White (anlässlich der Pressekonferenz) neben ihrem Mobile und inmitten des Lichtblitzens

 

 

 

Der Kuratorin der Ausstellung sei Dank: Christiane Maria Schneider, die Pae White (geb. 1963) seit 20 Jahren kennt, gelang es, die in Los Angeles lebende Künstlerin für die erste umfangreiche institutionelle Ausstellung in Europa zu gewinnen.

 


DIE RÄUMLICHKEITEN der Langen Foundation in Neuss regten die Künstlerin indes nicht nur zu einer – wie ursprünglich geplant – Retrospektive, sondern zu einer Werkschau in statu nascendi an. Gezeigt werden nicht nur ältere Arbeiten ab den 1990er Jahren und jüngere Werke, sondern auch ganz neue, zum Teil eigens für diese Ausstellung, für die Räumlichkeiten der Langen Foundation konzipierte.

 

Mobiles

 

Eine dieser Neuschöpfungen, eines der großformatigen Mobiles und zu Beginn des Rundgangs zu sehen, trägt den Titel der Ausstellung und steht zugleich programmatisch für das Gesamtvorhaben: Aus Dingen, dem Abfall von gestern, durch Neuordnung, Neuarrangements etwas zu schaffen, das über sich hinaus und in die Zukunft hinein weist. Whites Botschaft lautet: Alles Dingliche ist transformierbar und – sofern mit den Augen der Liebe betrachtet – der Transformation grundsätzlich würdig.
   Die erste Halle des Areals, deren Raumtiefe sich zunächst wie von einer Empore aus mittlerer Höhe eröffnet und in die man dann an der linken Seite des Raums entlang sachte über eine Rampe tiefer und tiefer hinein geleitet wird, ist Whites Mobiles vorbehalten, einer Welt des Filigranen, verspielt Kleinteiligen aus Farbe, Licht und Schatten.
   Schritt für Schritt muss man erst an den einzelnen Gebilden vorbei, sie der Länge nach abschreiten. Dann ist man frei, seinen eigenen Parcours durch diese Welt hindurch zu wählen. Das auffälligste Stück ist ein ebenfalls eigens für diese Ausstellung entwickeltes „Spiegelmobile“. Wie fast alle neueren Mobiles der Künstlerin besteht es aus unzähligen, streng geometrisch geformten Plättchen, die in einheitlichem Maß auf Schnüre gezogen sind, die vertikal von der Decke kaskadenhaft gegen den Boden fallen, doch in unterschiedlicher Intensität, Musterung und Fallhöhe.

   Das Besondere des Spiegelmobile ist, dass die Oberflächen seiner Einzelkomponenten verspiegelt sind. Durch den sanften Luftzug im Raum und entsprechende Beleuchtung kommt es so zu willkürlichen kurzzeitigen Lichtblitzarrangements. Zusätzlich, in Wechselwirkung hierzu, entsteht ein großflächiges Schattenspiel, erscheint an der dahinter liegenden Längswand ein frei pulsierendes Gemälde in process. Seine verspielten, nicht-geometrischen Figuren, das Werden und Vergehen der Formationen, kontrastieren auf aparte Weise das strikte more geometrico Prinzip des hierfür ursächlichen Objekts.

 

Tapisserien

 


Dann öffnet sich der zweite Raum, den man zunächst ebenerdig, von unten her begeht. Hier hängen, quer in den Raum hinein ge- und verschachtelt, Whites großflächige Tapisserien. Einige sind eher schmal, aber extrem (acht Meter) hoch. Andere sind nicht so hoch, aber wirken dafür wie in die Breite gezogen. Aufgrund der großzügigen Hallenhöhe scheinen die massiven Wandteppiche gleichwohl, als ob sie ein wenig schweben würden.

"Wie ein aus zerknittertem Staniol aufgefaltetes und in die Fläche projiziertes Gebirge ..." - Die meterhohen abstrakten Tapisserien von Pae White

 

   Dies kommt sowohl den luftigeren Arbeiten, die Rauchschwadenmuster verweben, verdichten, als auch denen entgegen, die dem Betrachter kontrastiv brutal als ein schwarz gegen weiß flirrendes Panorama entgegnen. Wie ein aus zerknittertem Staniol aufgefaltetes und in die Fläche projiziertes Gebirge bedrängen diese Arbeiten ihn von allen Seiten, nehmen ihn ein und vorübergehend gefangen.
   Kommt man dann über die nüchterne Treppe Stufe für Stufe wieder auf erhöhte Position, übersieht man das Labyrinth von der Empore aus in einer Art Retrospektive auf das kurz zuvor, jedoch aus ganz anderer Perspektive Gesehene. Auf der Empore sind auch zwei Vitrinen platziert, die Rückblicke auf weitere Vorarbeiten der Künstlerin ermöglichen. Unter anderem ist ein Törtchen ausgestellt, das an die „Projekte Münster 07“ erinnert. In 2007 fertigte White für die Konditorei Kleimann, die in der Innenstadt von Münster ihre Waren feilbietet, Marzipanskulpturen an. Auch das Thema Liebe wurde damals, allerdings klanglich, inszeniert: In der Innenstadt aufgestellte Glockenspiele intonierten entsprechende Popsongs.

 

Skulpturen


 

Eine dritte Werkkomponente bilden die mit Tapisserien bespannten, umkleideten Sofaskulpturen. Jede von ihnen hat ihr eigenes Thema, ihre eigene Farbigkeit und Gestalt. Gemeinsam ist ihnen, dass auch sie aus Altem rekombiniert, erschaffen wurden. Zwei von ihnen thronen im Foyer hinter der Glasfassade und begleiten den Blick des Besuchers während seines mehrminütigen Gangs auf den Eingang des Ausstellungsgebäudes zu. Die Teppichhülle eines der beiden Ungetüme besteht vornehmlich aus Zahlenkolonnen von Ausgaben der Financial Times. Kein anderes Werk steht so sehr für das Motto, die Botschaft der Ausstellung, wie dieses. Denn bekanntlich gilt: „Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.“ Doch quod erat demonstrandum: White zeigt, dass sich sogar altes, ja antiquiertes Zeitungsmaterial von vor-vor-gestern künstlerisch aufbereiten, transformieren lässt. Es gibt eben nichts, das nicht zu Kunst werden könnte.
   Die beiden Sofagebilde an exponierter Stelle sind denn Einstimmung, Programm und zugleich auch markanter Schlusspunkt des Rundgangs durch eine sehr gelungene, facettenreiche Werkschau.


Die Ausstellung „Pae White – In Love with Tomorrow“ ist bis zum 07. Juli 2013 zu sehen.
Langen Foundation
Raketenstation Hombroich 1
41472 Neuss
Tel. 02182 / 5701-15
www.langenfoundation.de



In Kontrast zu Pae White werden ab dem 5. Mai unter dem Titel „v. Chr. / B.C.“ zudem frühe Skulpturen und Objekte aus der Sammlung von Viktor und Marianne Langen präsentiert.

 

 

©Fotos Pae White (3) und rART (2)

 

 

 

 

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