rheinische ART
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rheinische ART 03/2022

BAU-KULTUR
Papierarchitektur

 

Ein Haus aus Papier? Gebaut in kürzester Zeit und aus nachwachsenden Rohstoffen? Was in unseren Breiten noch utopisch klingt, ist andernorts schon Realität.

 

Blick in die Ausstellung BAMP! In einem überdimensionalen Regal aus Pappröhren werden ein breites Spektrum an Modellen und Objekten, Verarbeitungsmethoden, Erkenntnissen zu Materialeigenschaften sowie Methoden des Fügens, Verformens und Ausrüstens präsentiert. Foto © rheinische ART 2022

 

Das Papiermuseum in Düren präsentiert derzeit eine kleine, feine und lehrreiche Ausstellung mit dem Titel „BAMP! Bauen mit Papier“.

      Die Schau, die auf Exponaten der gleichnamigen interdisziplinären Forschungsgruppe aus dem Fachgebiet Plastisches Gestalten der TU Darmstadt beruht, geht zwei Kernfragen nach: Wie kann Papier als nachhaltiges Baumaterial etabliert werden? Welche Herausforderungen, aber auch Chancen für Gestaltung und Architektur eröffnet dieses Material?

 

Tisch mit Papiervarianten. Foto © O. Gerspach-Wolf/ FGPG; Bildquelle Papiermuseum Düren 2022


Seit Jahrzehnten schon wird der Rohstoff Papier nicht nur für Druckerzeugnisse, Verpackungen oder Dekors verwendet, sondern auch für den Hausbau. So ist die Dämmung mit Zellulose, aus Altpapier gewonnen, mittlerweile ökologischer Standard. Übrigens: Auch Möbel können aus Pappe hergestellt werden. So geschehen zur Olympiade 2021 in Tokio, wo die Athleten auf gefalteten, stabilen Papp-Betten schliefen. 

     In der heimischen Baubranche ist die Verwendung von Papier, Pappe und Karton als feste, gar tragende Gebäudeteile allerdings noch Zukunftsmusik. Forschung tut hier dringend Not, um die Grenzen des Machbaren auszuloten. Dass Papier empfindlich auf das Einwirken von Feuchtigkeit reagiert und als Baumaterial der Klasse der leicht entflammbaren Stoffe zugeordnet werden muss, ist bekannt. Doch den negativen Aspekten steht allerhand Positives gegenüber. Hohe Festigkeitseigenschaften bei geringem Eigengewicht, gute Form- und Modifizierbarkeit und eine einfache chemische Funktionalisierung sind nur einige davon, wie die Darmstädter Kuratoren in Düren betonen.

 

Temporary disater housing. Shigeru Bans humanitäres Projekt der „Temporären Katastrophen-Unterkünfte“ aus Papier und Pappe auf den Philippinen. Foto © Shigeru Ban 2019. Bildquelle Rocagallery

 

In anderen Regionen der Welt sind Papier und Karton zu einer Art baulichem Nothelfer avanciert. Protagonist in Sachen Papier und Bauen ist seit Jahren der japanische Architekt Shigeru Ban (*1957), der auch als „Faltkünstler“ gilt und der immer wieder mit ungewöhnlichen Konstruktionen von sich Reden macht. Jüngst erst mit einer besonderen Hygienekultur in Form gläserner Toiletten (mehr).
     Bereits im Jahre 2014 erhielt Ban den Pritzker-Preis, die weltweit höchste Auszeichnung in der Architektenbranche, für seine „Notbehausungen“ aus Papier.

     Er ist einer der wenigen Baumeister, der Papier, Pappe und Karton für humanitäre Zwecke einsetzt. Für die von Naturkatastrophen, Kriegen, Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen entwickelte Ban diverse Varianten von Notunterkünften. Dafür setzte er oft Kartonröhren ein, die billig, leicht und stabil, überall verfügbar und gut zu transportieren sind und sich am Ende recyceln lassen. Tatsächlich ist Papier der am häufigsten wiederverwendete Werkstoff.

     1995 gründete Shigeru Ban die Organisation VAN (Voluntary Architects‘ Network). Die Nichtregierungsorganisation (NGO) hat seither überall auf der Welt Opfern von Erdbeben, Tsunamis, Wirbelstürmen und Kriegen geholfen – von Ruanda, Kenia, Japan und China über die Türkei und Italien, Indien und Sri Lanka bis nach Haiti, Neuseeland und auf den Philippinen.

 

Eine Kirche aus Papier in Christchurch/ Neuseeland. Das allgemein als „Pappkathedrale“ bezeichnete Gotteshaus nach Plänen von Shigeru Ban wurde nach dem schweren Erdbeben 2011 als eines der ersten kommunalen Gebäude errichtet. Foto © Shigeru Ban/ Steven Goodenough.


Tausende von Paper Houses, so heißt es, habe er errichten lassen. Neben Papierhütten gehören zu seinen Bauten auch Großanlagen. Eine der beeindruckendsten: das umgangssprachlich „Pappkathedrale“ (Cardboard Cathedral) genannte anglikanische Gotteshaus in Christchurch in Neuseeland. Der Übergangsbau (Transitional Cathedral) wurde von ihm zwei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben 2011 errichtet und dient neben seiner Funktion als Kirche auch als Raum für Konzerte und Ausstellungen.

 

Baumodelle aus Karton als Rahmen für Gebäude, Exponat im Papiermuseum Düren. Foto © rheinische ART 2022

 

Bauen mit Papier ist, wie das Engagement des japanischen Stararchitekten erkennen lässt, kein temporäres Modethema. Vielmehr eine sinnvolle Technologie, die aktuell in den Zeiten gewaltiger Flüchtlingsströme ohne Zweifel Bedeutung gewinnen wird. 
     Die Kuratoren verweisen ferner auf die sich abzeichnende kritische Marktsituation. Die Verknappung von Beton, Sand und anderen Baustoffen werde sich, wie es in Düren heißt, in den kommenden Jahren verstärken.

     Zudem ließen sich die heute verwendeten Baustoffe oftmals nur schwer oder gar nicht recyclen – ganz im Gegensatz zu Papier, dessen Fasern mehrfach in den Materialkreislauf zurückgeführt werden können. Genau hier, so das Fazit, könnte das größte Potenzial von Papier liegen.
cpw


Die in Düren gezeigten Modelle und Arbeitsergebnisse wurden 2021 in einer ortsspezifischen Installation auf der Architekturbiennale in Venedig ausgestellt und gewürdigt. Die Forschungsarbeit wurde vom „ECC – European Cultural Centre“ als zukunftsweisendes und bestes Universitätsprojekt ausgezeichnet.


Die Ausstellung BAMP! Bauen mit Papier kann bis zum 9. Oktober 2022 besucht werden.
Papiermuseum Düren
Wallstraße 2-8
52349 Düren
Tel. 02421 / 25-2561
Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 17 Uhr
DO 10 – 19 Uhr

 

 

 
 

 

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