rheinische ART
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rheinische ART 09/2015

Archiv 2015

KÖLNER STIPPVISITE
Der Abgrund und das Leben

 

Er ist schon ein besonderer Typ, der Maler und Aktions-Künstler Peter Gilles: eigenwillig, eigenartig, ursprünglich und poetisch, ästhetisch. Grenzerfahrung ist das alles beherrschende Thema seines Lebens. Körperlich wie seelisch. Wie weit kann er gehen, was geht noch, wenn er auf dem schmalen Grad wandelt, der einen Menschen in abgründige Tiefen reißen kann oder wie neu geboren aufstehen lässt? Als künstlerisches Medium setzt er organische Materialien ein. Archaischer als bei ihm geht es kaum: Peter Gilles malt mit seinem eigenen Blut.

 

Peter Gilles Mixed Technique, 2005, 150 x 220 cm Foto©Peter Gilles

 

In seinen Kölner Räumen bewahrt er seine Gemälde auf. Ein Atelierraum ist es nicht, in dem er die Besucher empfängt, eher ein Bewahrungsraum, in dem seine oft lebensgroßen Arbeiten auch präsentiert werden. Sein Atelier, erzählt er, „ist in Stresa, am Lago Maggiore in Italien“, der Ort, an dem er die Hälfte des Jahres zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Birgit Kahle (mehr), verbringt.

 

Mit Humor. Peter Gilles. Foto©rART

 

Als junger Mann - er wurde 1953 geboren - und dem Künstlerischen zugeneigt, absolvierte er eine Ausbildung als Fotograf. Die Möglichkeiten der Reproduktionstechniken, die er in der Dunkelkammer praktizierte, faszinierten ihn. Und das, worum es ging, was er da Tag für Tag abbildete, die Menschen, noch mehr. Sie standen nicht immer im Zentrum des Bildes, ganz sicher aber im Zentrum der Aufmerksamkeit - und machten ihn, den jungen Lehrling, überaus neugierig. Die einmal geweckte Begierde nach Antworten auf so viele Fragen, die ihm durch den Kopf gingen, trieb ihn um. Seine Leidenschaft hierfür ließ nie nach und als bildender Künstler, der er werden sollte, bestimmt sie bis heute sein Œuvre: Die Beschäftigung mit dem menschlichen Abbild.

 

„Was macht einen Menschen aus?“ fragt er, und weiter: „Die Frage stellte sich – und dazu brauchte ich ein Abbild.“ Er schuf eins, indem er sich mit schwarzer Acrylfarbe anmalte und seinen Körper auf eine am Boden liegende Leinwand abdrückte. Diese Form des künstlerischen Prozesses – zugegeben, er war nicht der Erste, Yves Klein hat es vorgemacht - hat er im Laufe der Zeit perfektioniert. Das Arbeiten im Atelier ist für ihn ein im höchsten Maße körperlich anstrengender Vorgang. Nackt gibt er sich seiner Suche nach Antworten hin und arbeitet auf dem Boden. Pinsel braucht er nicht, sein Körper ist sein Malinstrument.

 
Gilles hält seine Hände hoch. „Deshalb habe ich unglaublich lange Fingernägel. Damit ziehe ich die Farbe.“ Und die Grenze? Vor Jahrzehnten halfen ihm halluzinierende Substanzen, andere Wahrnehmungsebenen zu erlangen, aber auch extreme Situationen führte und führt er heute noch herbei um zu erfahren, wie er reagiert und was er dabei produziert. Schlafentzug zum Beispiel, Überversorgung mit Sauerstoff, oder der Verzicht auf Nahrung, aber auch das – unerlaubte - Herantreten an einen Steilhang. Wie reagiert er auf Angst? Das will er erfahren und dabei zeichnet er.
     „Wenn ich wissen will, wer ich bin, muss ich das probieren.“ Einmal nahm er an einer Exkursion zum Vulkan Stromboli teil. Ihn beschäftigte die Frage, wie nah er sich an den Krater herantraue. Dabei hat er gezeichnet, immer wieder, immer weiter, und was er heute noch bedauert ist, dass das größte mögliche Papiermaß 70 x 100 cm war.

 

Stifte, nicht Pinsel. Impression aus den Kölner Räumen von Peter Gilles. Foto©rART


Malen bedeutet für Gilles die Auseinandersetzung mit Konflikten, „innere Kriege“ zu führen, die ihn die Ratio abschalten lassen. „Das erste Bild, das mir in den Kopf kommt, male ich“, erzählt der Grenzgänger, dem im normalen Leben das kommunikative Miteinander unerwartet einfach fällt und dem die Contenance zum Alter Ego wird, wenn ihn erschrockene Mienen anblicken angesichts des Umstandes, dass die so ungewöhnlichen, wunderbaren Rot- und Brauntöne in seinen Bildern die Farben seines Blutes sind. Pro Jahr ließ er sich circa einen Liter Blut entnehmen, das ist ungefähr so viel, wie ein Blutspender in diesem Zeitraum spendet. Heute ist es weniger. Damit sind selbstredend nicht beliebig viele Bilder zu malen. Hier ist eine natürliche Grenze eingezogen. Der Blutfarbstoff Hämoglobin ist für die Färbung verantwortlich, und das Eisen im Blut, erläutert Gilles, der mit Blick auf frühe Gemälde von „fixiertem Rost“ spricht und poetisch hinzufügt, das es „Reste explodierender Sonnen“ seien.

 

Blick in die Kölner Räumlichkeiten von Peter Gilles. Foto©rART


Blut steht in seinen Augen ganz einfach für das Leben an sich. Schwarz steht hingegen für das Unterbewusstsein, die dunkle Seite im Menschen. Linien, gezogen mit Blut, verweisen auf die Suche nach dem Selbst. Seine Art des Arbeitens, aus dem Unterbewussten heraus, verlangt Schnelligkeit und absolute Konzentration. „Wenn du noch daran denkst, dass das Auto in die Werkstatt muss, gehst du besser nicht ins Atelier.“ Sein größtes Gemälde misst 16 Meter x 2,50 Meter und gehört dem Kunstmuseum Bonn, und für seinen größten Fan, den Sammler Peter Ludwig, hat er eins in der Größe 11 Meter x 3,50 Meter gemalt. Es trägt den Titel „Kritische Masse“ und ist im Ludwigforum in Aachen.

 

Peter Gilles drawing, 2005, 70 x 50 cm Foto©Peter Gilles

 

Der Künstler hat sich dem Gegenständlichen in seinen Bildern verschrieben, auch wenn die Abstraktion nicht allzu fern scheint. Ein immer wiederkehrendes Objekt ist das Skelett. Das Abgründige, es taucht immer wieder in den Visualisierungen seines Unterbewussten auf. Seine Bilder tragen eine Wucht in sich, die nicht zwangsläufig aggressiv sein muss. Auch erhellende, weiche Emotionen finden ihren Widerhall.

 

Peter Gilles in Köln, 2013  Foto©rART

 

Peter Gilles Zeichnung, 2013 Foto©rART

 

Gilles äußert sich nicht zur Lesart seiner Bilder. Auch bei den zahlreichen Zeichnungen, mit Ölkreide und Bleistiften auf Papier gebracht, entsagt sich der Künstler eine Kommentierung und somit Bewertung. Dabei wird bei der Betrachtung seiner Bilder schnell klar: konfliktscheu ist er nicht, der Peter Gilles.

     Er versteht sich weniger als Maler denn als performativ arbeitender Künstler. Früher ist er auch im Rahmen von Aktionen öffentlich aufgetreten, hat gemalt und andere Dinge in die Performance eingebaut, die den moralischen Zeitgeist überspannten und provozierten. Kleine und große Skandale – auch sie sind Teil seines Œuvres.

     Hat er Vorbilder? Günther Weseler habe ihn mit seiner atmenden Fellkunst beeindruckt, erzählt Gilles, und, ja, da gibt es noch mehr: „Mich beeindrucken die Monumentalität von Robert Motherwell, die Spontanität von Cy Twombly, der Ideenreichtum eines Hieronymus Bosch und die Symbolisten des 19. Jahrhunderts.“ Und als Kind faszinierten ihn ozeanische und afrikanische Fetische, „mit denen ich mich heute noch umgebe“. Und schmunzelt.
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

 Nicht nur als Künstler, auch als Ausstellungsmacher haben sich Peter Gilles und Birgit Kahle einen Namen gemacht. In Köln gründeten sie den Verein „Lo Spirito del Lago e.V.“ Dieser organisiert einmal jährlich, von Juli bis September, in Stresa eine Gruppenausstellung mit deutschen und italienischen Künstlern. Öffentliche und private Räumlichkeiten, auch auf der Insel Isola Bella, werden dem Verein zur Verfügung gestellt.

 

Zeichnung von Peter Gilles auf der Einladungskarte zu "Lo Spirito del Lago" 2015. Das Thema: Il pelo nell´uovo (Das Haar in der Suppe)

 
Mehr Informationen über
„Lo Spirito del Lago“  hier
Peter Gilles  hier

 

 

 

 


  

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