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rheinische ART 06/2020

Archiv 2020

ARCHITEKTUR
Nostalgie-Hotel des Jet-Zeitalters


Es gab einmal eine stolze amerikanische Airline, die eröffnete 1962 in New York auf dem Flughafen Idlewild – heute John F. Kennedy-Airport (JFK) – ein eigenes Terminal, und zwar eines der Superlative. Futuristisch wie eine Raumstation und versehen mit allem erdenklichen Komfort.

 

Architektur-Ikone Statik war Nebensache, Ästhetik alles: Frontansicht des „TWA-Flight-Center“ von Eero Saarinen auf dem heutigen JFK-Airport in New York, jetzt ein Luxushotel. Re-Design: Beyer Blinder Belle Architects & Planners New York. Foto © TWA Hotel MCR and MORSE Development/David Mitchell

 

Die Fluggesellschaft hieß Trans World Airlines, kurz TWA, ging vor rund zwei Jahrzehnten in die Insolvenz, wurde übernommen und verschwand aus den Flugplänen.

     Das Terminal wurde zu klein, technisch von der Zeit überholt und unmodern. Er steht noch immer dort auf dem JFK-Areal und ist mittlerweile ein geschütztes Denkmal, als Architektur-Symbol für den Beginn des Jet-Zeitalters.

     Was macht man mit einem solchen Infrastruktur-Projekt, wenn es den Ansprüchen nicht mehr genügt? Man kann es als Gebäude-Ruine vergammeln lassen, daran herumwerkeln, gar abreißen – oder daraus ein Hotel gestalten. Wie letztjährig geschehen.

 

Flugzeug-Schönheit Star der ausgehenden Propeller-Ära war die „Lockheed Super-Constellation“. Ein Exemplar dient dem Hotel als Cocktail-Lounge. Foto © TWA Hotel MCR and MORSE Development/David Mitchell


Das ehemalige TWA-Terminal ist seit einem Jahr eine stilgerecht sanierte Herberge der Spitzenklasse. Eine Flughafen-Kathedrale mit 512 Zimmern, einem Kongresszentrum und dem Retro-Chic der 1960er Jahre! Und zwar durchgängig, vom Mobiliar im „Mid-Century-Stil“ über allerlei Dekors wie „chilirote“ Teppiche, Wählscheibentelefone und Sanitärräume mit Terrazzofliesen bis hin zu authentischen TWA-Swizzle Sticks (Cocktail-Rührstäbchen) in den Bars. Alles wie früher vor 58 Jahren!

     Ein Traum also für Nostalgiker und eine Erinnerung an Zeiten, als Fliegen noch ein luxuriöses und teures Unterfangen war. So gesehen ist das Hotel auch ein Schauhaus, ein Museum für Innenarchitektur und Lebensstil der Sechziger, wie es sonst kaum irgendwo zu finden ist.

 

Markanter Stil Warteraum und „Sunken Lounge“ mit großzügigem Blick durch Panoramafenster auf das Rollfeld. Foto © TWA Hotel MCR and MORSE Development/David Mitchell

 

Architektonisch ist es ein Bauwerk ohne gerade Linien, ein Gebäude seiner Zeit. Der Erbauer war der finnisch-amerikanische Stararchitekt Eero Saarinen (1910–1961). Ihn beauftragte der frühere TWA-Eigner und exzentrische Industrielle Howard Hughes mit dem Entwurf.

     Saarinen ließ sich heftig vom aufkeimenden Jet- und Weltraumzeitalter inspirieren. Das skulpturale Beton-Schalendach des Haupthauses ist elegant und ausladend, eine schwungvolle frei tragende Konstruktion. Sie wirkt wie mächtige Vogelschwingen – oder sind es eher Formen einer Auster oder eines Rochens? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der Bau wurde damals zu einem Medienereignis und für die Transatlantikflieger der TWA ein Marketing-Instrument.

     Aber das Fluggeschäft änderte sich rasant. Die Jet-Ära löste die Propellerzeit ab. Das Firmenterminal schaffte den Passagieransturm nicht mehr und war zudem nicht sicher genug, es setzte der Niedergang ein. Der renommierten TWA ging schließlich 2001 das Geld aus. Fast 18 Jahre stand diese neo-futuristische Architektur-Ikone des boomenden Luftverkehrs nutzlos auf dem JFK-Airport.

 

Hotel-Ausstellung TWA-Uniformen und Reiseutensilien, entworfen von dem US-Modedesigner Stan S. Herman (*1928). Foto © TWA Hotel MCR and MORSE Development/David Mitchell

 

Der Bauinvestor MCR and MORSE Development hatte die Idee, das Terminal zu revitalisieren, in Form eines Hotels. Dafür setzte er über 280 Millionen USD ein. Das Ergebnis ist ein blütenweißes, detailgetreu in den Originalzustand zurückversetztes Gebäude, das nun als Empfangshalle und Lobby des TWA-Hotels dient.

     Es gibt Bars, Cafés und Restaurants, während die Zimmer der Gäste – sowie ein Pool auf dem Dach mit Rollbahnblick – in zwei nahen siebengeschossigen Neubauten untergebracht sind.

     Aber auch hier kein Stilbruch und keine Fassadenprofile der Jetztzeit. Die Glasfronten in dunklem Colour erinnern an die Architektursprache der Nachkriegszeit: etwa an das Seagram Building von Ludwig Mies van der Rohe, das dieser wenige Jahre zuvor in New York realisierte (mehr).

 

Das Hotel ist das einzige auf dem JFK-Areal. An Kunden dürfte es daher nicht fehlen. Ab rund 250 USD pro Nacht erhält  der Gast Unterkunft und kann sich nostalgischen Träumen hingeben: Etwa an Cary-Grant-Filme denken, an die eine restaurierte TWA-Lockheed Super-Constellation mit Cocktail-Lounge erinnert. Ober an Leonardo di Caprio im Film „Catch Me If You Can“, der mit feschen Stewardessen am Arm über rote Teppiche durch endlose Flure stolzierte. Gedreht allesamt in Saarines ikonischem Terminal.

     Das Schicksal des TWA-Flight-Center lässt an Berlins Flughafen BER denken. Dieses Bau-Desaster ist vom Interieur her schon längst in die Jahre gekommen und wirkt museal. Es soll jetzt im Herbst 2020 seinen Dienst aufnehmen, oder auch nicht. Ein Hotel im Grünen wäre auch dort denkbar.
rART/K2M


TWA Hotel
One Idlewild Drive
JFK International Airport
New York 11430 USA
Tel +1 212-806-9000