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rheinische ART 11/2017

URBANITÄT 
Zauber der Städte


Die Aufgabe wirkt auf den ersten Blick einfach, ist aber dennoch sehr schwer! Städte bauen für Menschen, die darin wohnen sollen, wohnen können und wohnen wollen. Ein neues Sachbuch erzählt die Geschichte der abendländischen Stadt anhand ihrer bedeutsamsten Episoden.

 

Gendarmenmarkt Berlin 1822. Der „schönste Platz“ der Stadt als Spiegel der Zeitläufe: Vom Militärstandort, spätbarocken Architektur- und danach bürgerlichen Schmuckplatz zum heute historisierend modernen Stadtareal. Georg Carl Adolph Hasenpflug (1802-1858) Gendarmenmarkt Berlin, 1822, 84 x 131,7 cm, Öl auf Leinwand. Foto © Lempertz Köln.

 

Autor des jüngst erschienen Werkes zur Geschichte der Stadtbaukunst ist der renommierte Architekt und Bauhistoriker Vittorio Magnago Lampugnani, einer der international bedeutendsten Stadtwissenschaftler.

 

Buchcover Foto © Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2017

 


Vittorio Magnago Lampugnani Foto © Verlag Klaus Wagenbach Berlin, Marvin Zilm

 

Sein rund 400 Seiten starkes Fachbuch titelt „Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert“ und behandelt in 13 Kapiteln mit 350 Abbildungen beispielhafte urbane Entwürfe in Europa und Nordamerika.

     Man sollte wissen, dass Lampugnani im Jahre 2011 sein Opus Magnum zur Thematik „Städtebau“ veröffentlichte und er sich darin mit der Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert befasste. Eine ebenfalls sehr breit angelegte Publikation in zwei Bänden mit annähernd 900 Seiten, die bis heute überaus erfolgreich ist.

 

Nunmehr hat Lampugnani mit dem neuen Städteband chronologisch betrachtet „gewissermaßen den Vorläufer“ zu seinem Standardwerk verfasst, wie der herausgebende Verlag Wagenbach in Berlin betont.

     Es ist ein höchst lesenswertes, funkelndes Kaleidoskop über den abendländischen Städtebau und nicht nur ein Sachbuch für Architekturkenner, Stadtgeografen und Planungsfachleute sondern auch für den Architekturlaien.

     Dem Autor gelingt es, anhand der wohl glorreichsten, mit Sicherheit aber entscheidendsten Momente die spannende Genese der Stadtwerdungen in Europa und Nordamerika nachzuzeichnen. Sein Blick reicht von den mittelalterlichen Stadtstaaten über die urbanistischen Erfindungen der Renaissance und die perspektivischen Strategien des Barock bis hin zu den gewaltigen Modernisierungen, durch die sich etwa das Bürgertum die traditionelle Stadt aneignete.

 

Wien mit seiner Ringstraße, ein imperialer Pracht- und Vorzeige-Boulevard, auf dem Weg zur Weltstadt. Ludwig Christian Friedrich v. Förster (1797-1863), Stadterweiterungsprojekt: Opernhaus, 1858, Foto © Wien Museum

 

Jedes Kapitel ist der architektonischen Form einer europäischen Stadt und ihren besonderen Bedingungen in einer spezifischen Epoche gewidmet: Florenz und Siena etwa als Beispiele für italienische Stadtstaaten, Roms Neuordnung unter Papst Sixtus V., Lissabon und die geometrische Raumordnung, Stadtbau und -entwicklung in London, Paris und Barcelona.

     Dass als Mietskasernen-Metropole verrufene Berlin wird als „verspätete Großstadt“ untersucht und Wiens Ringstraße (mehr) als Gesamtkunstwerk. Ergänzt werden diese urbanen Zentren Europas durch die Darstellung nordamerikanischer Kolonialsiedlungen, Pionierstädte und Metropolen wie Philadelphia, die linienförmig geplante Küstenstadt Savannah oder Washington D.C. und New York.

 

Charles R. Parsons and Lyman W. Atwater The City of Philadelphia, Vogelperspektive, 1875. Abb. zu Kap. 5 „Die Urbanisierung Nordamerikas” S. 119. Foto © Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington D.C., Fotoquelle Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2017

 

Bei Lampugnanis Stadtbeschreibungen handelt es sich um alles andere als trockene Architekturauflistungen, simple Alt-Neu-Vergleiche oder langatmige Karteninterpretationen im „Baumeisterdeutsch“, sondern um einen spannenden sozial- wie auch stadtwissenschaftlichen Lesestoff und ein ebensolches Bilderwerk. Dies machen die vielfältigen Querverbindungen zu anderen Themengebieten deutlich.

 

Philippe Benoist Rue de Rivoli, Paris, 1838. Abb. zu Kap. 8 „Paris vom Ende des Ancien Régime bis Napoleon“, S. 194. Foto © Bilbliothèque des Arts décoratifs, Paris. Fotoquelle Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2017

 

Gustave Caillebotte Le pont de l'Europe, 1876, Association des Amis du Petit Palais, Genève © Foto: Studio Monique Bernaz, Genève 

Beispiel Paris Der Autor verweist hier ausführlich auf die Tatsache, dass sich nach dem Umbau der Stadt - an der im Übrigen auch der Kölner Baumeister Jakob Ignaz Hittorff Anteil hatte (mehr) - die Pariser Künstlerszene, vor allem die Impressionisten, die neuen weitläufigen, lichten und kühnen Stadträume als große Lebensbühne entdeckten und in ihrer Kunst der Ästhetik der Straße huldigten.

     Die von Georges-Eugène Haussmann energisch umgestalteten Plätze, Straßenzüge, zinkgedeckten Gebäude (mehr), Quais und Parks wurden in ihren Arbeiten „zu künstlerischen Sujets, die zusammen mit den sie belebenden Menschen und Fahrzeugen zu einem einzigen Schauspiel verschmelzen.“ Gustave Caillebotte (mehr), so der Urbanist Lampugnani, wurde dabei zum herausragenden künstlerischen Chronisten des neuen Paris.

 

Und manches von damals erinnert fatal an zeitgenössische Zustände. So etwa in Sachen Finanzierung. 1773 legte der Pariser Baumeister Claude-Nicolas Ledoux erste Pläne für die von Ludwig XV. in Auftrag gegebene königliche Salinenstadt Chaux bei Besançon vor.

     Das Salzstadt-Projekt, allein zum Zwecke der Sanierung der zerrütteten Staatsfinanzen geplant, wurde zu einem Finanzdesaster und nie gänzlich fertig. Die Baukosten verdoppelten sich in der Bauphase, die Erträge blieben lange weit hinter den Erwartungen zurück. Die Erkenntnis des staunenden Lesers mit Blick auf heimische Großprojekte: Irgendwie hat sich nichts geändert!

 

Gartenkünstler, Landschaftsgestalter und Stadtplaner: Peter Joseph Lenné (1789-1866). Portrait von Carl Joseph Begas (1794 -1854), um 1850 (Auszug), Oil on Canvas, 59,5 x 55,5 cm, Staatliche Museen zu Berlin. Foto © Lenné-Gesellschaft Bonn e.V. 2017.

 

Interessant sind in der Publikation von Lampugnani die Ausführungen zur Entwicklung Berlins mit den "urbanen Akupunkturen", den Bebauungsplänen von Karl Friedrich Schinkel sowie den Landschaftsplanungen des Bonners Peter Josef Lenné.

     Der dritte Rheinländer - neben Hittorff und Lenné -, der sich in jenen Jahren einen Namen als einer der Wegbereiter des modernen Städtebaus machte, war der aus Hülchrath bei Grevenbroich stammenden Architekt und Stadtplaner Hermann Josef Stübben. Als Stadtbaumeister von Köln realisierte er nach Schleifung der alten Befestigungsanlagen in Anlehnung an die Wiener Ringstraße in der Domstadt „eine halbkreisförmige Alleensequenz …“, also die Kölner Ringe.

     Wie bereits das vorher als Doppelband erschienene Städtebau-Kompendium ist auch das neue Werk Lampugnanis durch die ungewöhnlichen und hochqualitativen Abbildungen, Stadtpläne, Entwürfe, Zeichnungen und Fotografien ein visuelles Vergnügen ersten Ranges; die detailreichen Texte sind anschaulich verfasst und ein lehrreicher Informationspool zur Stadthistorie und -kultur. Jedes Kapitel kann auch einzeln für sich gelesen und ausgewertet werden.

Claus P. Woitschützke


Vittorio Magnago Lampugnani (*1951, Rom) arbeitet als Architekt in Mailand und lehrt Geschichte des Städtebaus an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Bei Wagenbach erschienen ferner die Titel Die Modernität des Dauerhaften, Verhaltene Geschwindigkeit, Die Zukunft der telematischen Stadt.

 

 

Literaturhinweise:
 Vittorio Magnago Lampugnani, Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert, Urbane Entwürfe in Europa und Nordamerika, gebunden mit Schutzumschlag, Großformat (215 x 290 mm), 416 Seiten mit ca. 350 größtenteils farbigen Abbildungen. Verlag Klaus Wagenbach GmbH Berlin 2017. ISBN 978 3 8031 3667 1


 Vittorio Magnago Lampugnani, Die Stadt im 20. Jahrhundert. Visionen, Entwürfe, Gebautes912 Seiten, viele Abbildungen. 2 Bände im Schmuckschuber, Großformat. Klappenbroschur. Verlag Klaus Wagenbach GmbH Berlin 2011. ISBN 978 3 8031 3633 6

 

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Taut Baut. Geschichten zur Architektur von Max Taut. Mit einem Beitrag von Vittorio Magnago Lampugnani. hier

 


 


 


 

 

 

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