rheinische ART
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rheinische ART 04/2020

KLOPAPIER
Wertpapier in trüben Zeiten


Ein 10er-Paket Toilettenpapier à 200 Blatt, 3lagig, gegen eine Lufthansa-Aktie. Im Trump-Sprech: Good deal or bad deal? Das müsste, je nach Dringlichkeit, jeder selbst entscheiden.

 

Plakat zur gleichnamigen Ausstellung im LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach in Bergisch-Gladbach. Foto Annette Schrick © LVR-Industriemuseum

 

Wer hätte gedacht, dass das eine im Wert so steigt und das andere so tief fällt! So aber ist die Welt in Corona-Zeiten.

     Schlagzeilen hat das Hygienepapier als der Deutschen wichtigster kleiner Helfer seit Beginn der Corona-Krise fast täglich erzeugt. Die Abverkäufe, spricht Hamsterung, bei den Discountern werden registriert wie die Wasserstände von Flüssen nach Dauerregen. Für Geheimtipps zu Restbeständen wird, trotz Entspannung der Lage, durchaus gerne ein Honorar versprochen. Die Statistik meldet, dass der Bundespo jährlich rund 18 Kilogramm Toilettenpapier verbraucht – in normalen Jahren. Was aber ist heute normal? Nun ist das Papier museal.

 

Nachtstuhl in Form eines gepolsterten Sessels mit Lederimitat, um 1900. Original aus dem LWL-Freilichtmuseum Detmold. © LWL-Freilichtmuseum Detmold, Foto: Pölert

 

 „Plumpsklo" mit Zeitungspapier in Overath, Foto um 1983.© Stadtarchiv Bergisch Gladbach, Foto: Albert Günther / Fotoquelle LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach. 2020

„Begleiten Sie uns auf die Toilette", fordert das LVR-Industriemuseum in Bergisch Gladbach auf - und meint das wörtlich! In der dortigen, allerdings vorerst noch geschlossenen Sonderausstellung „Von der Rolle – KloPapierGeschichten" kann der Besucher – zwischen weiß gefliesten Wänden und jeder Menge Klo-Graffiti – Interessantes über die Geschichte des stillen Örtchens erfahren.

     Ob Nachttopfkollektion, pittoreske Klopapierhalter, als Möbel getarnte Toiletten der feinen Gesellschaft, Dusch-WC oder das High-Tech-Klo als Wellness-Oase der besonderen Art, alles ist vertreten. Die Toiletten dieser Welt, man kann über ihren Schüsselrand blicken und staunen. Denn ob privat oder öffentlich, auf dem Land oder in der Stadt, ob daheim oder in abgelegenen Orten im Dschungel, in Wüsten oder Gebirgen, die Klos sehen zwar unterschiedlich aus, dienen bekanntlich aber alle demselben Zweck.

 

Bis ins späte 19. Jahrhundert besaßen viele Menschen überhaupt keine Toilette. Auf dem Land ging man in den Stall, an den Misthaufen oder ‚in die Büsche‘, um seine Notdurft zu verrichten. Naturaffine Organisationen (Militär, Jugendgruppen usw.) bastelten sich einen Donnerbalken, das Dixi-Klo war schließlich noch nicht erfunden.
     Nur langsam verbreiteten sich Abortanlagen in Stadt und Land. Ihre abseitige Lage führte übrigens zur Bezeichnung „Abort“. Um nachts den Weg dorthin zu vermeiden, gehörten zur Einrichtung der Schlafkammern bereits im Mittelalter Nachttöpfe, manchmal verborgen in einem Stuhl oder einer Kommode.

 

Historische Halter für Toilettenpapierrollen oder -einzelblätter.© LVR-Industriemuseum Foto: Annette Schrick

 

Der Gang zur Toilette ist intim und gleichzeitig alltäglich, heißt es in der Schau. Und der heutige Standard eines separaten, belüfteten kleinen Raums für ein Water-Closet (WC) noch nicht sehr alt. Man erinnere sich! Noch bis in die späten Sechzigerjahre gab es da und dort den Gang über den Hof zum wasserlosen Plumpsklo, das regelmäßige Entleeren der Jauchegrube oder das Zeitungspapier, das geschnitten als „Klopapier-Ersatz“ neben dem Holzsitz hing oder lag. Geschätzt war die rustikale Tageszeitung, die Hochglanz-Regenbogenpresse weniger, da zu glatt.

 

Kanalreinigung mit Pferdefuhrwerk in Bergisch Gladbach, um 1950.© Stadtarchiv Bergisch Gladbach, Foto: Albert Günther

 

Hakle Perlkrepp von 1965. Foto: LWL/Feldmann

 

Historische Toilettenpapierrollen. Rechts die Marke „Laxin“ aus Krepppapier, um 1930. Passenderweise ist Laxin auch ein Abführmittel. Foto © Sammlung LVR-Industriemuseum, Foto Miriam Schmalen

 

Seit Papier industriell und damit preiswert hergestellt werden konnte, wurde es als wichtiger Helfer bei der Körperpflege und im Haushalt genutzt. Zumal es nach einmaligem Gebrauch weggeworfen werden konnte.

     Vorreiter in großem Stil waren die USA. 1857 kam dort das erste Klosettpapier auf den Markt. In Deutschland begann die industrielle Produktion um 1880. Es wurden Rollen mit Perforation zum Abreißen gefertigt oder Einzelblätter.

     Hans Klenk, Firmengründer und Namensgeber der Hakle Produkte, entwickelte 1928 Klopapier von der Rolle mit fester Blattzahl – „garantiert 1000 Abrisse“. 1958 stellte das Unternehmen erstmals das weichere Tissuepapier her. Bis dahin wurde Toilettenpapier überwiegend aus hartem und rauem Krepp produziert. Derzeit fertigt die Hakle GmbH in Düsseldorf-Reisholz rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche Hygienepapiere, die Nachfrage übersteigt die Produktionskapazitäten.

 

Anhaltender Trend auf dem internationalen Sanitärmarkt ist jedoch die Toilette mit Gesäßdusche, sozusagen das WC mit Bidet in einem. In Japan und anderen hyperreinlichen Hochzivilisationen sind die technisch aufwendigen, innovativen Klos längst keine Statussymbole mehr sondern Selbstverständlichkeit.

     Die von der Sanitärforschung wegen ihrer Gründlichkeit und unschlagbaren Hygiene hochgelobten Apparaturen werden als „Orte des Glücks“ gepriesen. Und Glück kann teuer sein. Mit 4000 Euro und mehr ist man dabei und hat noch nicht einmal ein Luxusprodukt. Aber es braucht kein Klopapier mehr. Dann wird dieses Produkt wirklich museal.
rART/cpw

 

Für ihren Terminkalender: Der „Tag des Toilettenpapiers" ist am Mittwoch, den 26.8. Der „Welttoilettentag“ ist für Donnerstag, den 19.11., ausgerufen.


Die Ausstellung „Von der Rolle. KloPapierGeschichten“ endet am 7. Februar 2021. 
LVR-Industriemuseum
Papiermühle Alte Dombach

Alte Dombach
51465 Bergisch Gladbach
Tel 02234 – 992 15 55
Öffnungszeiten
DI–FR 10–17 Uhr
SA, SO 11–18 Uhr

 

► Um die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, ist das Museum derzeit geschlossen. Sämtliche Veranstaltungen sind bis zum 30. April 2020 einschließlich abgesagt.

 

 

 

 

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