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rheinische ART 11/2011

Archiv 2011: aus "Kunst erleben"


Von Utamaro bis Biene Maya: High Art - Pop Culture in Bonn

 

 

ANIME - japanischer Zeichentrick

 

 

Production cel. Tetsuwan Atomu (Astro Boy), Regie: Tezuka Osamu, Japan ab 1963, Collection of Mike & Jeanne Glad

 

Zeichentrickfilme sind etwas für Kinder, jedenfalls nicht ernst zu nehmen – zumindest nicht so ganz. Das in Deutschland gängige Bild des Zeichentrickfilms spricht den bewegten bunten Bildern gerne den Status der Hochkultur ab, weswegen man ihn selten in anspruchsvollen Feuilletons findet. Weitsichtige Filmexperten sind hier eine Stufe weiter: Sie wissen um die Ernsthaftigkeit und die Bedeutung der japanischen Animefilme sowohl in der japanischen Alltagskultur, als auch um den Einfluss ihrer Bildästhetik auf den westlichen Zeichentrickfilm. Die Bonner Bundeskunsthalle gibt jetzt im Rahmen einer der größten deutschen Ausstellungen zum Thema Anime mit dem Zusatztitel „High Art – Pop Culture“ einen Einblick in den bewegten japanischen Zeichentrick.

 

BEWEGTE Bilder auszustellen gehört zu den schwierigsten Aufgaben für Kuratoren. Deshalb werden die Filmprojektionen der Schau durch eine große Anzahl „handfester“ Ausstellungsstücke ergänzt, welche die Produktionsweise eines Animefilms verdeutlichen. Hierbei handelt es sich größtenteils um Zeichnungen, Studien und Entwürfe aus den namhaftesten Anime-Studios Japans, etwa dem Studio Ghibli.

 

Detailreiche Produktion

 

Auf die skizzierte Idee als Vorskizze folgen Reinzeichnungen, wo das jeweilige Motiv von Hand auf eine durchsichtige, klare Folie übertragen wird. Diese sog. „Cells“ (Celluloids) werden, gegebenenfalls mehrere übereinander, vor einen separaten Hintergrund gelegt und abgelichtet. Dieser aufwändige Vorgang, tausendfach wiederholt, erzeugt die Einzelbilder des Films, die hintereinander geschaltet „das Laufen lernen“. Soweit die Technik, die auch mit Blick nach Hollywood in den berühmten Walt Disney-Filmen praktiziert wird. Doch was macht nun die Faszination der japanischen Zeichentrickfilme aus?
    Da geht es zum einen um die unnachahmliche wie typische zweidimensionale Anmutung der japanischen Anime. Ihre fehlende Räumlichkeit ist dabei keineswegs ein Symptom geringen ästhetischen Anspruchs, im Gegenteil: Vielmehr finden sich die kulturellen Wurzeln der modernen Anime-Ästhetik ganz konsequent in der Tradition der japanischen Farbholzschnitte, der Ukiyo-e.

Utagawa Kuniyoshi (1798-1861): "Beschwörung der Wellen auf dem Weg in die Verbannung nach Sado", 1834-1835, Farbholzschnitt, museum kunst palast, Düsseldorf, Graphische Sammlung

   In diesen behandelten bereits Künstler wie Kitagawa Utamaro, Utagawa Hiroshige oder Utagawa Kuniyoshi (*1) seit dem 18. Jahrhundert den Bildraum rein ornamental. Gerade in der jüngeren Holzschnittradition Ende des 19. Jahrhunderts, welche beispielhaft durch Tsukioka Yoshitoshi vertreten wird, ist durch die grelle Farbigkeit und scharfe Konturierung der einzelnen Bildbestandteile die unmittelbare Vorläuferschaft zum Anime unübersehbar.

 

 

Von den frühen Ukiyo-e bis zur Biene Maja

 

Die Anime-Ästhetik überwindet nicht nur Zeiten, sondern auch Kulturen. High Art – Pop Culture: Der Titel der Ausstellung ist nicht umsonst gewählt. Wenige Medien vermögen Anspruch und Alltagstauglichkeit so zu verbinden wie der Animefilm. Die tradierte japanische Bildsprache wird dabei auch auf westliche Figuren und Geschichten angewandt.

Production cel. Mitsubachi Māya no bōken/Die Biene Maja, Regie: Saitō Hiroshi, Endō Shōji, Deutschland/Österreich/Japan 1975–1976
Sammlung Frostrubin

 

Production cel. Shinseiki Ebangerion (Neon Genesis Evangelion), Regie: Anno Hideaki, Japan 1995–1996
Collection of Mike & Jeanne Glad

   Als bekannteste Beispiele sind sicherlich die Kinderfilme „Heidi“ oder die „Biene Maya“ (1975) zu nennen. Hierbei handelt es sich um europäischen Stoff, der in Japan filmisch verarbeitet wurde – und der mittlerweile auch in Nippon längst zum nationalen Kulturgut gehört, ebenso wie die frühen Animeklassiker „Der Zauberer und die Banditen“ (1959) oder der berühmte Tetsuwan Atomu (Astro Boy) von Tezuka Osamu, dem wohl in Japan anerkanntesten Animekünstler. Sein „Astro Boy“, Anfang der 50er Jahre entstanden und begeistert aufgenommen, besitzt einen atomaren Flugantrieb – nichts Besonderes, möchte man heute denken, doch nur knapp sieben Jahre nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki bezeugt seine bis heute andauernde Popularität den Fortschritts- und Technikglauben der Japaner kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.
   Von der Kindertauglichkeit sind viele Anime-Filme hingegen weit entfernt. Als modernes Medium zum Geschichtenerzählen halten in den Anime-Produktionen ebenfalls politische oder pornografische Inhalte Einzug genau so wie Sience Fiction- oder Horrorvisionen. Dass viele der die Gemüter beunruhigenden Figuren sich bereits seit Jahrhunderten in der bildenden Kunst Japans finden, ist dabei nur eine der erstaunlichen Erkenntnisse (*2).


Zeitgenössische Bildsprache

 
Die Ausstellung in Bonn gliedert sich in fünf Abteilungen, die jeweils Anime mit bestimmten Zielgruppen vorstellen, etwa für Kinder und Jugendliche oder erwachsene Science-Fiction Fans.
    Die reichhaltige Skizzensammlung wird hauptsächlich aus der privaten Kollektion von Mike und Jeanne Glad aus Kalifornien gespeist, der weltweit größten Anime-Sammlung außerhalb Japans. Das Zusammenspiel von Originalzeichnungen, Filmmaterial und Merchandise-Produkten vermittelt dem Besucher einen Einblick in diese dem Europäer scheinbar fremde Bildsprache und gibt der Anime ihren Platz im internationalen Kanon der einflussreichsten zeitgenössischen Ästhetiken. Davon abgesehen macht es auch einfach Freude, sich die bisweilen sentimentalen, romantischen oder futuristischen und unheimlichen Filme anzusehen. Die Bundeskunsthalle bietet ausstellungsbegleitend ein reichhaltiges Filmprogramm.

Robert Woitschützke

 

Die Ausstellung "Anime! Hight Art – Pop Culture" ist noch bis zum 8.1.2012 zu sehen.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Tel.: 0228 9171–200

Öffnungszeiten:

DI - MI 10 – 21 Uhr
DO - SO 10 – 19 Uhr

 

Anlass der Ausstellung ist das Jubiläum 150 Jahre Freundschaft Deutschland-Japan. Die Ausstellung ist in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filmmuseum, Frankfurt am Main, enstanden. Kuratoren: Susanne Neubronner, Jessica Niebel, Susanne Kleine

 

Weitere Ausstellungen zu diesem Thema im Rheinland


*1 Das Düsseldorfer museum kunst palast zeigt ab dem 10. September „Samurai, Bühnenstars und schöne Frauen. Japanische Farbholzschnitte von Kunisada und Kuniyoshi“ (mehr). Die insgesamt ca. 80 Werke von Kuniyoshi und Kunisada, die in der Graphischen Sammlung des museum kunst palast seit 30 Jahren erstmals wieder gezeigt werden, geben einen interessanten Einblick in das vielfältige Schaffen beider Künstler. Zu sehen sind Farbholzschnitte mit Darstellungen schöner Frauen, Schauspielerbildnisse, Theaterszenen und Heldendarstellungen beider Meister.

*2 Die Langen Foundation auf der Neusser Raketenstation des Kulturraums Hombroich zeigte bis zum 06. November "Visual Stories – Japans Bilder erzählen: Bildrollen - Manga - Anime“ (mehr). Dazu sind die jahrhundertealten und ca. 20 Meter langen japanischen Bildrollen aus der Sammlung Viktor und Marianne Langen ausgerollt worden. Ihre Motive zeigen die Verbindung zu zeitgenössischen Manga und Anime.

 

 

©rheinische-art.de
©Fotos Bundeskunsthalle (3), museum kunst palast (1)

 

 

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