rheinische ART
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rheinische ART 08/2016

Archiv 2016

WILLIAM EGGLESTON IN LONDON
Momente alltäglicher Schönheit

 

Es ist noch gar nicht lange her - nämlich gerade einmal vier Jahrzehnte - da galt Fotografie nur dann als Kunst, wenn sie schwarz-weiß daher kam. Farbbilder dagegen waren wie ein Kessel Buntes, ein colouriertes Sammelsurium mit Billig-Image, schreiend, nervend, hässlich, banal - nichts, was im Entferntesten mit Kunst zu tun hatte.

 

William Eggleston Untitled c. 1970 (Devoe Money in Jackson, Mississippi) Foto © Eggleston Artistic Trust, National Portrait Gallery, London 2016

 

Der Mann, der sozusagen im Alleingang maßgeblich die Weichen umstellte und die Farbe künstlerisch in die Fotos brachte, ist der heute legendäre und wichtigste zeitgenössische US-amerikanische Fotograf William Eggleston (*1939).

     Als „Vater der Farbfotografie“ wird der Pionier oft bezeichnet. Mit seinen Arbeiten aus den Siebzigerjahren katapultierte Eggleston in rasanten Schritten die Farbfotografie aus der Werbewelt in die Welt der etablierten Kunst und machte sie zu einer anerkannten, eigenständigen Kunstform. Derzeit stellt die National Portrait Gallery in London Portraits von William Eggleston aus. Mit rund 100 Arbeiten ist es die umfänglichste Schau zu diesem Themenkomplex des Künstlers.

 

William Eggleston Memphis, c. 1969-71, from William Eggleston's Guide, 1976, Sammlung von John Cheim © Eggleston Artistic Trust, Courtesy Cheim & Read, New York

 

William Eggleston Untitled, 1960s Foto © Eggleston Artistic Trust, National Portrait Gallery, London 2016

 

Der Fotograf aus Memphis/ Tennessee ist berühmt für seine lebendigen, poetischen und teilweise geheimnisvollen Bilder. Das alltägliche Leben ist die Bühne seiner Motive. Eine scharfe Beobachtung, auch mit einem Blick für mehr oder weniger augenblickliche Komik, dynamische Bildkompositionen und Esprit sind Merkmale seiner Arbeit.

     Eggleston befasste sich bereits während seiner Studienzeit mit der Fotografie und arbeitete zeitweise als freier Fotograf. Wesentliche Impulse erhielte er auf Ausstellungen, die er in jungen Jahren aufsuchte. So etwa 1959 die Schauen The Decisive Moment (Der entscheidende Moment) mit Schwarz-weiß-Fotografien des französischen Fotografen und Magnum-Mitbegründers Henri Cartier-Bresson (mehr) und American Photographs seines damals schon berühmten Landsmanns und Dokumentarfotografen Walker Evans (mehr).


Künstlerische Innovation Ab 1965 arbeitete Eggleston verstärkt mit Farbfotos und Farb-Diafilmen, deren Technik ausgereift war und deren Anwendung dem herrschenden Mainstream in Werbung und Marketing entsprach (mehr), allerdings nicht der Kunst.

     Es folgten jahrelange Experimente, in der der Südstaatenfotograf im Sog der „swinging sixties“ mit zahlreichen Künstlern und Kreativen in Kontakt kam. Darunter Andy Warhol, Dennis Hopper und David Lynch.

     Den Durchbruch als Lichtbildner brachte seine erste Soloausstellung 1976 im New Yorker MoMA mit dem schlichten Titel Photographs by William Eggleston. Es war eine Schau, die viele als Skandal und ebenso viele als Sensation bewerteten. Die konservative Presse und das Feuilleton ächzten und ätzten über das, was das renommierte Museum an die Wände in den Ausstellungshallen nagelte.

     Eggleston´s Welt war das Amerika seiner Heimat jener Jahre, die Gegend um das Mississippi-Delta, nur eben in Farbe und mit sehr individuellen dokumentarischen Sichtweisen. Die Ausstellung ging mit dem wenig schmeichelnden Zusatz "the most hated show of the year" in die Kunstgeschichte ein.

 

William Eggleston Untitled, c. 1975 (Marcia Hare in Memphis, Tennessee), Foto © Eggleston Artistic Trust, National Portrait Gallery, London 2016

 

Was den Zorn der Kunstkritiker heraufbeschwor, waren Aufnahmen aus dem Alltag. Von Bars, Restaurants, Esstischen und Tankstellen, polierten Autos und Märkten in den Südstaaten, geschaffen in einer Art Schnappschuss-Ästhetik. Nicht perfekt und aus ungewöhnlichen Perspektiven.

     Im Verständnis vieler damaliger Kunstexperten eher Nichtigkeiten, Nichtssagendes, mit Gesichtern von Nobodys: unbekannte Frauen in heute altmodischer Schönheit, ein Kinderdreirad auf der Straße, Spielzeugpuppen auf der Motorhaube, alte Männer in alten Zimmern. „Perfekt banal, perfekt langweilig“ hieß es, aber die Fotografien wurden bald Klassiker im Kunstbetrieb und ihr Schöpfer zum Guru der Zunft.

 

William Eggleston Greenwood, Mississippi, 1973, Detailansicht, Whitney Museum of American Art, New York, Schenkung von Anne und Joel Ehrenkranz © Eggleston Artistic Trust. Courtesy Cheim & Read, New York

 

William Eggleston Untitled, 1970 -74 (Dennis Hopper) Foto ©Eggleston Artistic Trust

Foto-Ikonen Manche von Egglestons Aufnahmen galten als bahnbrechend und wurden zu regelrechten Ikonen der zeitgenössischen Fotografie. Allen voran „Greenwood, Mississippi“ von 1973, die eine Glühbirne an einer blutroten Zimmerdecke zeigt: in Motivwahl wie Perspektive absolut ungewöhnlich.

     

1983 stellte das Londoner Victoria and Albert Museum den Künstler mit Color Photographs from the American South aus - ein Ritterschlag! Eine große Eggleston-Retrospektive brachte das Whitney Museum of American Art im Winter 2008. Die Exposition Democratic Camera mit Fotos und Videos von 1961 bis 2008 zog in der Laufzeit von drei Monaten sagenhafte 120.000 Besucher in die Räume. Es war damit eine der erfolgreichsten Ausstellungen des berühmten Museums in Manhattan.

     Bis heute lebt und arbeitet William Eggleston in seiner Heimatstadt Memphis/ Tennessee. Er wurde 2013 in London mit dem Sony World Photography Award ausgezeichnet, einem Preis, der „außergewöhnliche Leistungen für die Fotografie“ ehrt. Egglestons Einfluss auf die zeitgenössische Kunstform der Fotografie ist weitreichend und längst unbestritten (mehr). Namhafte Kreative aus der Fotografie wie Martin Parr (mehr), Sofia Coppola oder der Düsseldorfer Andreas Gursky (mehr) berufen sich auf ihn.

cpw

 

Die Ausstellung William Eggleston Portraits läuft bis zum 23. Oktober 2016.
National Portrait Gallery
St. Martins Place
London
WC2H OHE
Tel. 020 7306 0055
Öffnungszeiten
Täglich 10 - 18 Uhr
DO, FR bis 21 Uhr

 

 Literaturhinweis/ Katalog: Phillip Prodger, William Eggleston Portraits, Yale Univertity Press 2016, ISBN 0300 2225 21, 9780 300 2225 24, 184 Seiten, 120 Abbildungen, hardback GBP 29.95


 

 

 


 

 

 

FRANK BAUER 

Die Gelassenheit

der Dinge

(Foto: Ausschnitte

Öl auf Leinwand, 2017)

 

17.11.2017 - 13.01.2018

GALERIE VOSS

 


 

 

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