HISTORIE
Ein Amerikaner in Schlesien
Vor über 225 Jahren reiste ein junger US-amerikanischer Diplomat wochenlang durch die damals eher wenig bekannte und kaum von Ausländern besuchte preußische Provinz Schlesien.
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„John Quincy Adams“ von John Singleton Copley, Öl auf Leinwand, 1796, Original im Museum of Fine Arts, Boston. Bildquelle © Haus Schlesien 2026 |
Auf diese ungewöhnliche Reise, die ihren Niederschlag in einer der Wirtschaftsgeografie ähnlichen englischen Publikation fand, weist eine Ausstellung im Haus Schlesien in Königswinter hin. Ihr Titel: Ein Gentleman auf Schlesienreise.
Es war nicht irgendein europabegeisterter Mann und auch kein an Rheinromatik interessierter Maler aus der Welt jenseits des Atlantiks. Es war der spätere us-amerikanische Präsident John Quincy Adams (1767–1848) nebst Gattin Louisa Catherine (1775–1852).
Das Ehepaar reiste in eigener Pferdekutsche von Juli bis September 1800 durch die niederschlesische Landschaft. Die Route führte sie von Berlin über Frankfurt an der Oder nach Grünberg, ins Hirschberger Land, ins Riesengebirge und an die Schneekoppe, in die Grafschaft Glatz, von dort über Breslau und Görlitz nach Dresden.
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Titelei der deutschen Fassung der “Letters on Silesia”: Briefe über Schlesien, geschrieben auf einer in dem Jahre 1800 durch dieses Land unternommenen Reise, Verlag Wilhelm Gottlieb Korn, Breslau 1805. Bildquelle © Haus Schlesien 2026
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Adams war Gesandter an der amerikanischen Botschaft in Berlin. Das Besondere: Er verfasste über die Reise 43 englischsprachige Briefe, die an seinen Bruder Thomas Boylston Adams in Philadelphia gerichtet waren. Teils schrieb er sie vor Ort, teils nach Rückkehr in Berlin. Darin schilderte er die persönlichen Reiseerlebnisse, Gedanken und seine wirtschaftlichen und politischen Beobachtungen. 28 der Briefe behandeln speziell Niederschlesien.
Als Buch publizierte der Bruder die ursprünglich nicht zur Veröffentlichung verfassten Korrespondenzen 1804 als „Letters on Silesia“ in London. Schnell folgten Übersetzungen ins Französische und ebenfalls ins Deutsche in dem Breslauer Verlag von Wilhelm Gottlieb Korn.
John Quincy Adams, ein Kosmopolit und Unitarist, betrachtete die Region keineswegs touristisch. Er beschäftigte sich vielmehr mit der Landesnatur und dem Klima, mit Wirtschaft, Politik, Bevölkerung und Gesellschaftsschichten. Die Aufzeichnungen erstaunen durchweg mit aussagekräftigen Details. Dabei dürften Überlegungen zum Ausbau von Wirtschaftsbeziehungen eine Rolle gespielt haben.
Ebenso, und für Diplomatenreisen fast selbstverständlich, war die Neugier auf militärisch-strategische Gegebenheiten und das Sammeln von derartigen Eindrücken. So etwa sein Besuch auf der gewaltigen Gebirgsfestung Silberberg im Eulengebirge, auch Schlesisches Gibraltar genannt. Eine Fortifikation zum Schutz vor österreichischen Angriffen.
Adams beurteilte vieles im preußischen Militärstaat durchaus kritisch und zog immer wieder Vergleiche zu England und den Vereinigten Staaten. Er schuf damit eine hochinteressante landeskundliche Abhandlung und vergleichende Länderkunde für die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts.
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John Quincy Adams (zwischen 1843 und 1848) Copy of portrait daguerreotype of John Quincy Adams, 6th President of the United States. Bildquelle © Brady National Photographic Art Gallery (Washington, D.C.) (1858 - ?) in Wikipedia, gemeinfrei.
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Über den Weg von Frankfurt/Oder nach der niederschlesischen Stadt Grünberg schrieb er am 23. Juli 1800, er gäbe hier noch tieferen Sand, schmalere Straßen, und man laufe häufiger Gefahr „von den Aesten der Fichten die über den Weg hängen, ins Gesicht gepeitscht zu werden. Man möchte in der That diese Einöde verwünschen.“
Gleichwohl pries er die örtlichen „Manufakturen von breiten feinen Tüchern (broad-cloths), und Weinkultur.“
Eine Woche später erreichte das Ehepaar Hirschberg und begutachtete dort die Leinwand-Fertigung, lobte die ausgezeichnete Linnenart, „welche man in Deutschland Schleier nennt, was im Englischen unter dem Namen lawn, long lawn und cambric vorkommt“.
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„Gegend vom Cavalierberg bey Hirschberg nach Warmbrun in Schlesien“, altkolorierte Umrissradierung von D. Berger nach K. Reinhardt, 1793, Sammlung HAUS SCHLESIEN. Bildquelle © Haus Schlesien 2026 |
Immerhin notierte der reisende Diplomat auch die Klagen der lokalen Kaufleute, die „in den zwei letzten Jahren von Philadelphia und Baltimore beträchtliche Bestellungen auf ihre Waaren bekommen“ hätten, aber feststellen mussten, dass die Käuferschaft in Übersee „dort sehr schlecht bezahle“. Die schlesische Gastfreundschaft war ihm allerhand Zeilen wert. Unter anderen hatte es ihm der bei Waldenburg liegende Bade- und Kurort Altwasser angetan. "Ein bezaubernder Ort in einem von Hügeln umgebenen Tal." Das örtliche Wasser ähnele dem "von Selterswasser, enthält aber nicht so viel Luft."
Die Ausstellung im Haus Schlesien ist konzeptionell eine Kooperation mit dem Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg. Sie zeichnet den Reiseweg Adams nach, greift einzelne Orte heraus und geht näher auf das von Adams dort Beobachtete und auf seine Ansichten dazu ein.
rART/cpw
► Louisa Catherine Johnson traf als 19-Jährige 1794 in London, ihrem Geburtsort, auf den in den Niederlanden akkreditierten US-Diplomaten John Quincy Adams. Drei Jahre später heirateten sie. Nachdem Adams 1825 zum US-Präsidenten gewählt worden war, war sie bis 1829 First Lady. Sie empfand die Zeit im Weißen Haus allerding als Gefängnis, wie überliefert ist. Louisa Adams, die ihren Mann um drei Jahre überlebte, ist neben der aktuellen Präsidentengattin Melania Trump die einzige US-First Lady, die nicht in den Vereinigten Staaten geboren wurde.
► Bei seinen Reiseberichten bezog sich Adams häufig auf Johann Friedrich Zöllner und dessen zweibändiges Werk Briefe Über Schlesien, Krakau, Wieliczka, Und Die Grafschaft Glatz: Auf Einer Reise Im Jahr 1791. Ferner auf Karl Ludwig Klöber: Von Schlesien Vor Und Seit Dem Jar MDCCXXXX. Zwei Bände, Freiburg 1785.
Die Sonderausstellung „Ein Gentleman auf Schlesienreise. Die Briefe des John Quincy Adams“ wird bis zum 17. Januar 2027 gezeigt.
Haus Schlesien
Deutsches Kultur- und Bildungszentrum e.V.
Dollendorfer Str. 142
53639 Königswinter-Heisterbacherrott
Tel. 02244 / 886-0
Öffnungszeiten:
DI - FR 10 - 12 Uhr und 13 - 17 Uhr
SA + SO 11 – 18 Uhr
Hinweise
► Einblicke in die deutschsprachige Buchausgabe ermöglicht u.a. die Österreichische Nationalbibliothek unter Kulturpool.at Briefe über Schlesien. Geschrieben auf einer in dem Jahr 1800 durch dieses Land unternommenen Reise von John Quincy Adams. Umfang 399 Seiten, ein ungezähltes Blatt als Karte. (hier).
► Übersetzte Teile der Schlesien-Reise liefern ferner die Adams Papers Digital Edition - Massachusetts Historical Society, Korrespondenz der Familie Adams, Band 14












