ÜPPIGKEIT
Nikis bunter Kosmos
Irgendwie kennt sie so gut wie jeder! Jedenfalls sind ihre kindlich bunten, knödelig-drallen Frauenfiguren aus Pappe, Draht, Stofffetzen und Polyester – Nanas genannt – mit den unverwechselbaren extrem üppigen und runden Formen weltbekannt.
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Niki de Saint Phalle I am the Nana Dream House, 1967, Druck, © Niki Charitable Art Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf |
Die Francoamerikanerin Niki de Saint Phalle (1930–2002) war eine der wichtigsten Impulsgeberinnen für die popartige Kunstrichtung „Nouveaux Réalistes“ und zählt zu den frühen Vertreterinnen eines neuen Frauenbildes. Zu sehen ist sie im Düsseldorfer Kunstpalast.
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Niki de Saint Phalle Nanas in Power, 1967 © Niki Charitable Art Foundation VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf
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Niki de Saint Phalle Temperance, model for the Tarot Garden, 1985, Foto Herling, Herling, Werner, Sprengel Museum Hannover © Niki Charitable Art Foundation VG Bild-Kunst, Bonn. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf |
Jetzt also ist der Kunstpalast Ort des Geschehens und titelt Niki de Saint Phalle Dream Machine. Es ist eine groß angelegte Ausstellung, mit der die künstlerische Selbstbehauptung der kreativen Frau inmitten einer männlich dominierten Kunstszene in den Mittelpunkt gerückt wird.
Das Besondere an der Künstlerin Niki de Saint Phalle: Sie fragte nicht um Erlaubnis, sondern nahm sich – wie es im Kunstpalast heißt – was Männer selbstverständlich besaßen: Einfluss und Macht, nicht nur in der Kunst, auch in der Öffentlichkeit. So unterlief Niki de Saint Phalle seit ihren ersten Aktionen etwa ab 1953 gesellschaftliche Erwartungen und sprengte Grenzen.
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Niki de Saint Phalle als Model, Titelfoto Magazin LIFE 26. September 1949. Bildquelle © Time Incorporated, Lifestylmagazine , Vol. 27 No. 13
Niki de Saint Phalle Black Rosy Or My Heart Belongs to Rosy, 1965, NCAF © Niki Charitable Art Foundation VG Bild-Kunst, Bonn. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf
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Die aus altem aber ruiniertem französischen Adel stammende Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle, so ihr voller Name, war eine Schönheit aus dem arrivierten Nobelvorort Neuilly-sur-Seine westlich von Paris. Aufgewachsen in der Heimat ihrer Mutter, den USA, heiratete sie schon mit 18.
Sie wurde zweifache Mutter, posierte als Model für LIFE und VOGUE, scheiterte als Schauspielerin, durchlitt schwere seelische Krisen und Depressionen als Folge sexuellen Missbrauchs in der Kindheit durch ihren Vater und fand schließlich als Mitzwanzigerin und Autodidaktin zur Kunst (mehr). Sie war fasziniert von Surrealisten, Dadaisten und ähnlichen Richtungen, bei der Rausch- und Traumerlebnisse zu revolutionären künstlerischen Schöpfungsakten führten.
Die Düsseldorfer Ausstellung bietet einen interessanten Blick auf die vier Jahrzehnte von Niki de Saint Phalles Kunst. Die gesellschaftliche Sprengkraft und ihre gleichzeitige Sehnsucht nach Harmonisierung ließ ein ambivalentes Werk entstehen, das die Künstlerin schon zu Lebzeiten berühmt machte und das bis heute weiter an Aktualität gewinnt, betont der Kunstpalast.
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Niki de Saint Phalle Shooting picture TIR from the édition MAT, 1964, Kunstpalast © Niki Charitable Art Foundation VG Bild-Kunst, Bonn. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf
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Noch vor ihren Nanas wurde sie mit den sogenannten Schützenbildern (Tir Tableaux) Anfang der 1960er Jahre bekannt. Sie sah sich selbst als eine Art mordende Malerin, als „Terroristin der Kunst“. Nicht mit Hammer, Axt oder Messer zertrümmerte sie gerne Bilder, sondern mit dem Gewehr, Typ 22 Long Riffle. „Nach jedem Schießen fühlte ich mich vollkommen stoned. Ich war total süchtig nach diesem makabren und freudigen Ritual“, kommentiert sie einmal. Das rauschhafte Schießen auf Farbbeutel, Cola-Flaschen und allerlei Sonstiges fanden auch andere toll! Robert Rauschenberg und Jasper Johns machten mit.
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Blick in die Ausstellung „Niki de Saint Phalle. Dream Machine“, Foto: Andreas Endermann. Bildquelle © Kunstpalast Düsseldorf |
Dann präsentierte sie ab 1965 die berühmten Nanas als Symbole für lustige, fröhliche, befreite Frauen, wie sie erklärte. In Niedersachsens Hauptstadt Hannover gab es 1969 eine große Schau. Heute ist de Saint Phalle Ehrenbürgerin der Stadt und einige ihrer kurvigen und sinnlichen Nanas sind eine Touristenattraktion.
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Niki de Saint Phalle Red Nana Legs in the Air, c. 1968, Leopold-Hoesch-Museum, Düren © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto Peter Hinschläger. Bildquelle Kunstpalast Düsseldorf
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Die raumgreifenden Installationen von dicken, teils brutal schrill-bunten, kugelförmigen und üppig-wulstigen Bauch-Busen-Po-Großplastiken gefielen längst nicht allen. Von Kulturschande, öbszöner Geldverschwendung und ekelhaft bis abstoßend reichten die Urteile zu den Nanas. Alles in allem: Die Empörung war groß!
Mit diesen ikonischen, farbenfrohen Frauenfiguren platzierte de Saint Phalle jedoch selbstbewusst das Thema Weiblichkeit in der Kunst. Als Gegenentwürfe zu traditionellen Darstellungen des weiblichen Körpers verweigern die Nanas die Rolle des sexualisierten Objekts. In Form von Skulpturen, Brunnen und Nana-Häusern nehmen sie mit ihren auffälligen Farben und Dimensionen Raum ein und verkörpern Energie, Fruchtbarkeit, Lust und Freiheit. Als Tanzende und Spielende bewegen sie sich frei im Raum, als Schwangere oder Gebärende spenden sie neues Leben.
rART/bra
► De Saint Phalles im Jahr 1966 mit Jean Tinguely im Moderna Museet zu Stockholm installierte Super-Nana, als „größte Frau der Welt“ bejubelt, trug den Titel "Sie – eine Kathedrale". Die Plastik war 28 Meter lang, neun Meter breit, sechs Meter hoch und lag mit gespreizten Beinen in der Schauhalle. Zu betreten war die Dame durch die Vulva. Im Uterus erwartete die Besucher unter anderem ein Kino, eine Liebesnische im Bein, eine Telefonzelle und ein Goldfischbecken. Wen es dürstete, der versorgte sich in einer Bar in einer der Brüste.
► Gezeigt werden in Düsseldorf die berühmten Schießbilder, Frauenfiguren, Happenings und Filme sowie Modelle von Großplastiken. Ihr künstlerisches Umfeld und die Zusammenarbeiten mit ihrem späteren Partner Jean Tinguely oder Robert Rauschenberg werden ebenso betrachtet wie ihr Zeitgenossinnen gegenüber gestellt werden. Darunter die erst jüngst in Köln zum Publikumsrenner avancierte Yayoi Kusama (mehr) oder Dorothy Iannone (mehr).
Die Ausstellung Niki de Saint Phalle Dream Machine ist bis zum 7. Februar 2027 zu sehen.
Kunstpalast
Ehrenhof 4–5
40479 Düsseldorf
Öffnungszeiten
DI – SO 11 – 18 Uhr
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