MARISOL
Fast vergessen!
So plötzlich wie sie einst verschwand, taucht sie nun wieder auf! Die rätselhafte, geheimnisumwitterte und zurückhaltende US-amerikanische Künstlerin Marisol (1930 – 2016). Das Kunsthaus Zürich zeigt aktuell rund 100 ihrer Arbeiten.
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Marisol Paris Review, 1967 Siebdruck auf Papier, 66,4 x 82,6 cm, Aufl. 150 + eine unbekannte Anzahl AP Courtesy of the Buffalo AKG Art Museum. Bequest of Marisol, 2016 (ANA290) © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich Foto: Brenda Bieger, Buffalo AKG Art Museum. Bildquelle © Kunsthaus Zürich |
In Europa ist es die erste Retrospektive der vor zehn Jahren verstorbenen Malerin und Objektkünstlerin. Marisol, Künstlername von Maria Sol Escobar, war eine gefeierte und visionäre Pop-Art-Aktivistin der ersten Stunde.
Geboren wurde sie in Paris als Tochter einer vermögenden venezolanischen Familie. 1949 nahm sie ein Studium an der École des beaux-arts in Paris auf, wechselte jedoch bald nach New York, wo sie unter anderem die Hans Hofmann Schule für Bildende Kunst besuchte. Vieles eignete sie sich autodidaktisch an.
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Marisol Mi Mama y Yo, 1968 Bemalte Bronze und Aluminiumstange, 185,4 x 142,2 x 142,2 cm Collection Buffalo AKG Art Museum. Bequest of Marisol, 2016 (2018:15a-d) © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich Foto: Brenda Bieger, Buffalo AKG Art Museum. Bildquelle © Kunsthaus Zürich
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Die Weltmetropole New York wurde zum Mittelpunkt ihres Lebens und ihres kreativen Schaffens. Und dieses Schaffen hatte – was möglicherweise ein Grund für das spätere Vergessen war – keine konkreten Linien, keinen roten Faden.
Es war eine Mischung aus Pop-Art, Dada, Volkskunst, angereichert mit unverwechselbaren satirischen, gar witzigen, Ensembles aus Holz. Mit diesen bunt bemalten und geschnitzten, meist lebensgroßen Holzskulpturen beschritt sie einen sehr eigenwilligen künstlerischen Weg.
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Marisol La visita, 1964 Museum Ludwig, Köln, Schenkung Sammlung Ludwig 1976 Holz, Gips, Leder und andere Materialien, 152,5 x 226 x 126 cm © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich Foto: Historisches Archiv der Stadt Köln mit Rheinischem Bildarchiv, Britta Schlier. Bildquelle © Kunsthaus Zürich |
Oftmals arrangierte sie diese Holzwerke mit Fundstücken zu größeren Tableaus, in denen sie Pop Art mit der von ihr hochgeschätzten Volkskunst verband. Es war nicht schwer, in dieser Kunst „Bezüge sowohl zu frühen Kulturen Mittel- und Südamerikas als auch zum boomenden amerikanischen Konsumismus der 1960er-Jahre und dem aufkommenden Starkult“ zu sehen. So heißt es in der Züricher Ausstellung. Ihr eigenes Selbstporträt diente dabei oft als zentraler Punkt.
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Marisol Escobar (1963). New York World-Telegram and the Sun staff photographer: Hiller, Herman, photographer. Library of Congress Prints and Photographs Division. New York. Bildquelle © Wikipedia gemeinfrei.
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Marisol war, eigentlich unvorstellbar, einstmals berühmter als Andy Warhol. Mit ihm war sie eng befreundet und er ließ sie in mehreren seiner Filme auftreten. Warhol nannte sie gerne „erste Künstlerin mit Glamour“.
Den internationalen Durchbruch erreichte die Dreißigjährige um 1960. Es war ihre Zeit mit Warhol, der, insbesondere zu Beginn seiner eigenen Pop-Karriere, sowohl an ihren Leistungen interessiert als auch von ihnen inspiriert war, wie es heute heißt. Die Kooperation war äußerst fruchtbar. Warhol und Marisol waren als Duo „König und Königin der Pop-Art“ .
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Marisol Saca la Lengua, 1972 Lithografie, 104,8 x 74,9 cm Courtesy of the Buffalo AKG Art Museum. Bequest of Marisol, 2016 (ANA363) © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich Foto: Brenda Bieger, Buffalo AKG Art Museum. Bildquelle © Kunsthaus Zürich
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Ihre Formensprache bewegte sich zwischen US-Pop Art und europäischem Nouveau Réalisme, ohne sich je eindeutig einer Strömung zuordnen zu lassen.
Bereits 1957 war sie dem New Yorker Kunsthändler Leo Castelli aufgefallen, der ihre erste Einzelausstellung in New York ausrichtete. Kometenhaft aufwärts ging es dann mit Ausstellungen in der Stable Gallery 1962 und 1964. In der Galerie von Sidney Janis wurde sie neben Kunstschaffenden wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Andy Warhol, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle präsentiert.
Um 1968 hatte Marisol ihren Erfolgszenit erreicht und zählte von da an zu den „enigmatischsten Persönlichkeiten“ der New Yorker Kunstszene. Ihre oft brachialen, lebensgroßen, buntbemalten popkulturellen Schnitzfiguren sorgten für Furore. Das mochte auch an den dargestellten Persönlichkeiten gelegen haben. John Wayne zu Pferde, die Kennedy-Familie „at home“ oder Kunstpartner Warhol als Holzplastik, stellten eine neue eigene Kunstwelt dar.
Die Ausstellung in Zürich umfasst fünf Schaffensjahrzehnte der Künstlerin und macht ihr außergewöhnliches Werk neu erfahrbar, wie das Kunsthaus betont. Trotz ihres enormen Ruhms – insbesondere in den Vereinigten Staaten, wo ihr unter anderen das Time Magazin mehrfach Titelseiten widmete – und obwohl ihr Werk von einer originellen, künstlerischen Vision geprägt ist, gab es in Europa bisher nur wenig von ihr zu sehen.
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Marisol John Wayne, 1963 Mischtechnik, 243,8 × 264,2 × 38,1 cm.Collection of the Colorado Springs Fine Arts Centerat Colorado College. Julianne Kemper GilliamPurchase Fund, Debutante Ball Purchase Fund © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, ZurichFoto: Collection of the Colorado Springs Fine Arts Center at Colorado College. Bildquelle © Kunsthaus Zürich |
Die erste und wenn man so will auch letzte europäische Ausstellung liegt ein gutes halbes Jahrhundert zurück. 1968 war es das Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen, das eine monografische Marisol-Schau bot. Zuvor waren in der Londoner Gallery Hanover einzelne Arbeiten von ihr ausgestellt.
Und: Ehre, wem Ehre gebührt – „The Daily Telegraph“ hatte sie eingeladen, ein plastisches Portrait der britischen Königsfamilie und des Premiers Harold Wilson zu fertigen. Das tat sie. Die daraus entstandenen ganzfigurigen Skulpturen verbanden Leichtigkeit mit subtil bissigem Humor, wie es in Zürich heißt.
Ab den 1970er-Jahren mied sie das Rampenlicht und die hektische New Yorker-Kunstszene, arbeitete jedoch kontinuierlich weiter. Dennoch geriet sie zunehmend in Vergessenheit. Erst die Aufarbeitung ihres Nachlasses führte in den letzten Jahren in Nordamerika zu einer umfassenden Neubewertung. Von 2023 bis 2025 war dort eine vielbeachtete monografische Wanderausstellung in Montreal, Toledo, Buffalo und Dallas zu sehen.
rART/K2M
► Die Überblicksschau im Kunsthaus Zürich versammelt etwa 60 Skulpturen und Objekte sowie rund 40 Arbeiten auf Papier und Fotografien, ausgewählte Filme und Archivmaterialien.
► Die Schau ist eine Kooperation mit dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, dem Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam sowie dem Museum der Moderne Salzburg und entstand in Zusammenarbeit mit dem Buffalo AKG Art Museum. Unterstützt durch die Hans Imholz-Stiftung und die Schweizer Monsol Foundation.
Die Ausstellung „Marisol“ wird bis zum 23. August 2026 gezeigt.
Kunsthaus Zürich
Heimplatz
CH–8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84
Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 18 Uhr
DO bis 20 Uhr












