GELESEN
Deutsches Wunder
Zum 150. Geburtstag von Konrad Adenauer erinnern zahlreiche Publikationen an den ersten Kanzler der Bundesrepublik. Mit ihm nahm auch das sogenannte Wirtschaftswunder seinen Lauf!
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Revolutionäre Architektur der 50er- und 60er-Jahre in Düsseldorf. Das organisch geformte Schauspielhaus (Bauzeit 1965 bis 1969), daneben die Fassade des Dreischeibenhochhauses, errichtet 1957 bis 1960. © Foto/Bildquelle Düsseldorfer Schauspielhaus, Stadt Düsseldorf, Architekt: Bernhard Pfau, Foto: ingenhoven architects / HGEsch |
Keiner der deutschen Kanzler erreichte je den legendären Status wie Konrad Adenauer (1876–1967). Im Alter von 73 Jahren und 254 Tagen wurden er am 15. September 1949 zum ersten Bundeskanzler gewählt. Das blieb er 14 Jahre lang und stand als geschätzter Staatenlenker für Wirtschaftswunder, Westbindung und Wiederbewaffnung.
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Buchcover © Verlag Rowohlt Berlin 2025
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Norbert Lammert, Ex-Präsident des Deutschen Bundestages, brachte es anlässlich des Jubiläums auf den Punkt: „Adenauer hat die Grundlagen für den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufstieg gelegt.“
Spannend, ja regelrecht faszinierend, beschreibt der Buchautor Harald Jähner den Adenauer-Zeitraum, in dem sich Westdeutschland – wenn man so will – neu erfand und zu einer Art Wunderland mutierte.
So titelt auch Jähners großartiges Sachbuch aus dem Rowohlt Verlag: „Wunderland – Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 – 1967“.
Denn kaum waren die zerbombten Häuserzeilen abgerissen, Kriegstrümmer weggeräumt und die Straßen instand gesetzt, begann ein Wirtschaftsboom ohne Beispiel – angetrieben von Adenauers Kabinett, dem auch Ludwig Erhard angehörte. Erhard galt als der eigentliche Vater der sozialen Marktwirtschaft, aus der das legendäre Wirtschaftswunder erwuchs. Dieses „ökonomische Wunder“ begann 1955 und dauerte bis etwa 1967.
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Plakat zur 2. Bundestagswahl am 6. September 1953, CDU, mit Portraitfoto von Konrad Adenauer. Künstler, Grafiker: Siering. Urheber: CDU. Lizenz KAS/ACDO 10-001. 427 CC-BY-SA 3.0DE. Bildquelle © Konrad Adenauer Stiftung
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Mit der Ära Adenauer setzten Konsumwellen ein, man könnte auch sagen, „nimmersatte Kaufräusch“. Jene glückseligen Zustände also, die eine vom Krieg gebeutelte Bevölkerung kollektiv erfassten.
Man wollte nicht nur gut Essen und Wohnen, es gab eine neue Aufsehen erregende Architektur, moderne Autos, es ging auf Reisen – und zwar gerne nach Österreich und Italien.
Die Elektrogeräte von Braun im neuen Design, ob Radiogerät, Reisewecker, Küchenmixer oder Diaprojektor wurden Kult und lösten Altbackenes ab. Um 1957 eröffnete der erste Supermarkt, Neckermann machte das günstige Fernreisen möglich, Discounter verdrängten allmählich den traditionellen Einzelhandel von Tante Emma.
Jähners Portrait der jungen Republik zeigt ein Land von teils vergessener Buntheit und Vielfalt. Es ist eine Mentalitätsgeschichte mit verblüffenden Aufbrüchen in Alltag, Politik, Lebensstil und Kultur.
Es ist bemerkenswert, dass der Buchautor neben aller ökonomischen Dynamik auch der Kultur einiges an Raum eingeräumt hat. Harald Jähner erzählt spannend und versiert zum Beispiel vom Weg des aus dem damals Ostzone genannten anderen Teils Deutschlands "rübergemachten“ Malers Gerhard Richter in die „sehr lebendige Kunstszene“ Düsseldorfs, die sich seinerzeit in einem epochalen Umbruch befand.
Im Rheinland standen Informel (mehr), Tachismus und Fluxus (mehr) für Aufbegehren und Umschwung. Joseph Beuys wurde Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Wolf Vostell (mehr) stellte schwarze Bilder in einem schwarzen Raum aus und Günther Uecker (mehr) „benagelte alles, was ihm in die Quere kam“. Richter, heute der international bekannteste zeitgenössische Maler Deutschlands, begann um 1962, nach Fotos aus Katalogen oder Illustrierten wie Stern, Bunte oder Quick, in „bleiernem Grau“ zu malen, experimentierte, verwischte alles und hatte damit seinen Stil gefunden. Ihm ging es jedoch im „Wunderland“ Bundesrepublik damals sowie den meisten: Man lebte „finanziell auf niedrigem Niveau, aber es ging aufwärts“. Anders gesagt: Der Wohlstand kam erst langsam in Sicht!
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Günther Uecker (1930–2025) war ab 1961 Mitglied in der Künstlergruppe ZERO (mehr), die von Heinz Mack und Otto Piene gegründet worden war. Abbildung von 2010 in der Ausstellung des belgischen ZERO-Künstlers Jef Verheyen. Foto/Bildquelle © rheinische ART 2026. |
Bis heute unvergessen: 1967 etablierte sich in der Düsseldorfer Altstadt ein Szeneclub mit dem Namen „Creamcheese“. Die Idee lieferte der junge Uecker nach einem Meeting mit Andy Warhol in New York. Die etwa zwanzig Meter lange „Creamcheese“-Theke hatte der Mönchengladbacher Lichtkünstler Heinz Mack (mehr) gestaltet.
Die Künstlerkneipe wurde zum Treffpunkt der rheinischen Kunst-Avantgarde jener Aufbruchjahre: Joseph Beuys, Blinky Palermo, Imi Knoebel wie auch Kartharina Sieverding gingen ein und aus oder werkelten hinter der Theke als Barkeeper.
Die Künstlergruppe ZERO um Uecker und Weggefährten gestalteten das Innere mit experimenteller Kunst: Neben Wandbildern und Alu-Blechen gab es eine Fernsehwand. Die TV-Galerie galt als eine frühe Medieninstallation und der gesamte Club wurde für die Gäste zur begehbaren Exposition.
Nirgendwo im ökonomischen „Wunderland“ Westdeutschland waren die Sinneseindrücke in einem Künstlerlokal gewaltiger, die Stimmung verrückter, die optischen Eindrücke neuer und moderner und die Tanzerei ekstatischer, „nicht einmal im Münchener `Blow Up`“ hieß es allenthalben.
Die neuen Freiheiten bahnten sich rasant ihren Weg und die Künstler revoltierten gegen die bürgerlichen Ideale. Ihre Protagonisten, so schreibt Buchautor Jähner, liefen zur Hochform auf und das „Creamcheese“ wurde zur Keimzelle der deutschen Popkultur.
Harald Jähners fulminantes Bild der jungen Republik, historisch genau und in einem erfrischend leichten Stil verfasst, zeigt eine Zeit, in der sich so gut wie alles neu formierte und die es neu zu entdecken gilt. TV-Moderator Markus Lanz kommentierte nach Lektüre mit Blick auf Aktuelles treffend: „Ein grandioses Buch... phänomenal gut geschrieben. Und wer es liest, versteht danach so viel besser, warum es plötzlich nicht mehr läuft.“
► Für Kulturhistoriker, Nostalgiker und Fans der Sechziger: Die legendäre „Creamcheese“-Bar gibt es noch! Sie existiert seit November 2023 als Rekonstruktion mit einer nachgebauten Inneneinrichtung und Originalwerken der damaligen Künstler im Düsseldorfer Kunstpalast. Der Szeneclub schloss 1976, das künstlerische Interieur wurde klugerweise vom Museum Kunstpalast aufgekauft und bis zum Revival eingelagert.
Literaturhinweis:
Harald Jähner Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955-1967. 489 Seiten, Verlag Rowohlt Berlin 2025. ISBN 978-3-7371-0190-5. Preis gebundene Ausgabe: 32 Euro
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Zitierhinweis: Nobert Lammert im Interview mit dem Deutschlandfunk 31. Dezember 2025. Quelle: Konrad Adenauer Stiftung.










