NEUE SACHLICHKEIT
Grossbergs Magie der Dinge
War der Mann ein Maschinenromantiker oder ein Maschinenenthusiast, der die rasante technologische und kommerzielle Entwicklung der Weimarer Republik mit einer Art ingenieurhaften Blick erfassen und darstellen wollte?
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Carl Grossberg Berlin, AVUS, 1928, Öl auf Sperrholz 44 x 70 cm © Privatsammlung Süddeutschland. Bildquelle © Von der Heydt-Museum 2026. Im Südwesten Berlins wurde 1921 die AVUS, Akronym für Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße, als erste ausschließliche Autostraße der Welt eröffnet. Grossbergs Gemälde zeigt das Eingangsportal. Die Strecke wird heute als das nördliche Teilstück der Bundesautobahn 115 genutzt. |
Auf jeden Fall sind seine Maschinenparks, technischen Apparaturen, verschachtelten Konstruktionen und Stadtansichten in teils photorealistischer Manier bestechend und bis heute aktuell.
Im Wuppertaler Von der Heydt-Museums wird die Wiederentdeckung eines herausragenden Meisters der Neuen Sachlichkeit zelebriert. Es geht um den gebürtigen Elberfelder Künstler Carl Grossberg (1894 –1940). Sein umfangreiches Werk, das in nur knapp 20 Jahren entstand, verdankt seinen Rang der Auseinandersetzung mit Architektur und Industrie. Die Kuratoren wählten für die großartige Schau den Titel Carl Grossberg: Sachlich – magisch- visionär. Das trifft es!
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Carl Grossberg Komposition mit Turbine, 1929 Öl auf Sperrholz 59,7 x 69,9 cm © Harvard Art Museums/Busch Reisinger Museum, Gift of Merrill C. and Dalia S. Komposition Berman in honour of Lynette Roth Foto: President and Fellows of Harvard College. Bildquelle © Von der Heydt-Museum 2026 |
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Carl Grossberg Der gelbe Kessel, 1933 Öl auf Leinwand auf Holz 90 x 70 cm. Von der Heydt-Museum Wuppertal. Bildquelle © Von der Heydt-Museum 2026
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Die Ausstellung, hierzulande die erste Retrospektive seit 30 Jahren, betrachtet Grossbergs Schaffen umfassend neu und präsentiert eine Reihe bislang unbekannter Arbeiten. Das macht die Wuppertaler Schau so interessant und sehenswert.
Dabei zeigt sich, wie aktuell Grossbergs Arbeiten sind, in künstlerischer wie in gesellschaftlicher Hinsicht. Seine vieldeutig lesbaren „Traumbilder", einzigartig in der Kunst der 1920er und 1930er Jahre, weisen ihn als hochsensiblen Intellektuellen aus.
Seine Kunst beschwört die Magie der Dinge, heißt es im Von der Heydt-Museum, und mache die Komplexität der globalen Lebensräume und ihre inneren Widersprüche sichtbar. Parallelen zur heutigen Welt der Technik ergeben sich aus dem momentan stattfindenden digital-basierten Strukturwandel mit noch unabsehbaren gesellschaftlichen Folgen.
Carl Grossbergs Motivwahl und die Kühle, Klarheit und Nüchternheit seiner Ölgemälde sind untrennbar verbunden mit der gleichzeitig entstandenen Fotografie. Es sei da an die großen Lichtbildner seiner Zeit wie Karl Blossfeldt, August Sander oder Hugo Erfurth erinnert.
Alles schlug sich aber auch in der bildenden Kunst nieder und titelte dann Neue Sachlichkeit. Der Begriff entwickelt sich um 1925. Der Kunsthistoriker Gustav F. Hartlaub verwendet ihn für eine Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim. Zu den prominenten Vertretern der Neuen Sachlichkeit gehören etwa Otto Dix, Conrad Felixmüller, Franz Radziwill und eben Carl Grossberg. Ebenfalls dazu gezählt wird Max Beckmann.
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Carl Grossberg Selbstbildnis, 1928, Öl auf Holz 70,1 x 60 cm. © Privatsammlung Deutschland, Foto: Bildarbeit Henning Krause. Bildquelle © Von der Heydt-Museum 2026
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Nur ein einziges Mal porträtiert Carl Grossberg sich auf einem Gemälde selbst: 1928 – zu einem Zeitpunkt, als seine Karriere einen Höhepunkt erreichte.
Das Bild ist Programm, merkt das ausstellende Haus an. Es zeigt den Künstler als Maler von Industrie und Technik. „Und der feine Pinsel in seiner rechten Hand macht deutlich, dass es ihm um höchste Präzision geht.“ Kompositorisch spielt das Gemälde auf eines der berühmtesten Selbstbildnisse der Kunstgeschichte an: auf Albrecht Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ (1500).
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Carl Grossberg Traumbild Rotor, 1927, Öl auf Leinwand 90,5 x 70,5 cm. © Privatbesitz Foto: Walter Bayer. Bildquelle © Von der Heydt-Museum 2026
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Eine Sonderrolle im Werk von Grossberg nehmen die „Traumbilder“ ein. Er malte sie zwischen 1925 und 1932 zeitgleich zu den Architektur- und Industriebildern.
Doch sie umgibt eine völlig andere Atmosphäre. Unheimlich, rätselhaft, teils gar paradox erscheinen diese Gemälde. Aus widersprüchlichen, jeweils präzise ausgeführten Elementen bestehend (Architektur, Technik, Natur) machen sie zahlreiche Sinnangebote und verwirren den Sinn zugleich.
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Carl Grossberg Papierlager, 1939, Aquarell 40 x 49,5 cm. © Museum im Kulturspeicher Würzburg Foto: Rainer Wengel. Bildquelle © Von der Heydt-Museum 2026 |
Schon in der Weimarer Zeit beschäftigen Grossberg skurrile, fantastische Motive, wie die Aquarelle mit Geistern in städtischen Kulissen zeigen. Auch die 1923 gemalte „Arche Noah“ ist den späteren „Traumbildern“ und ihrer Dingmagie verwandt.
rART/K2M
► Carl Grossberg, ursprünglich Georg Carl Wilhelm Grandmontagne, war 1914 im Ersten Weltkrieg an der Westfront in Frankreich und erlitt aufgrund einer Verschüttung physische und psychische Traumata. 1919 nahm er ein Studium der Malerei am späteren Bauhaus auf. Zu seinen wichtigsten Lehrern gehörte Lyonel Feininger. Seine erste Ausstellung fand 1926 im Neuen Graphischen Kabinett Laredo in Würzburg statt. Ein Jahr später war er an der Schau „Die Neue Sachlichkeit“ in der Galerie Neumann-Nierendorf in Berlin beteiligt.
► Für die 1934 in Berlin auf dem Ausstellungsgelände Kaiserdamm gezeigte Ausstellung „Deutsches Volk- Deutsche Arbeit“ des Reichsministeriums für Volksaufklärung fertigte er ein monumentales Wandgemälde mit dem Titel Industrielandschaft. Während des Zweiten Weltkriegs war er Oberleutnant. Nach einem Autounfall nahe Laon (Frankeich) wurde er als Fahrer vor ein Kriegsgericht gestellt, weil ein mitfahrender Offizier bei dem Unfall getötet worden war. Carl Grossberg nahm sich am 19. Oktober 1940 das Leben.
Die Ausstellung Carl Grossberg. Sachlich – magisch – visionär ist bis zum 30. August 2026 zu sehen.
Von der Heydt-Museum
Turmhof 8
42103 Wuppertal
Tel. 0202 / 563-6231
Öffnungszeiten
DI - SO 11 – 18 Uhr
DO 11 – 20 Uhr
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