RAUBKUNST
Verwaiste Werke
Das Pariser Musée d’Orsay, bekanntlich Hort der weltweit renommiertesten Sammlung impressionistischer Kunst, hat einen historischen Schritt vollzogen.
|
Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) Madame Alphonse Daudet, 1876, Öl auf Leinwand, 46 x 38 cm. Sammlung Musée d´Orsay, Paris, Inv.Nr. MNR 201. Bildquelle © wikipedia gemeinfrei. Das Portrait zeigt Julia Daudet, die Ehefrau des Schriftstellers Alphonse Daudet.
|
Das Haus eröffnete eine Dauerausstellung mit dem Titel „Wem gehören diese Werke?“ (À qui appartiennent ces œuvres?). Präsentiert werden „NS-verfolgungsbedingt entzogene“ Kunstwerke, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Österreich aufgespürt, geborgen, nach Frankreich zurückgeführt und nationalen Museen anvertraut wurden.
Es geht also um sogenannte Raubkunst, die von den Nationalsozialisten jüdischen Eigentümern gestohlen, abgepresst oder per Enteignung abgenommen worden waren und die bis heute unbeansprucht blieben.
Insgesamt handelt es sich um 225 Werke, die unter dem Kürzel MNR (Musées Nationaux Récupération bzw. „Rückgewinnung für die Nationalmuseen“) im Musée d´Orsay treuhänderisch verwahrt werden, in der Absicht, dass sie den rechtmäßigen Erben zurückgegeben werden können.
Es ist eine Art Akt der Wiedergutmachung, den der französische Staat als Treuhänder an den von ihm verwalteten Objekten vollzieht. Die Ausstellung wird als Teil der lange verzögerten Aufarbeitung der Kunstraube aus der NS-Zeit verstanden, an der auch französische Kunsthändler unter dem Vichy-Regime (mehr) enorme Summen verdienten.
Paris war mit Beginn des 20. Jahrhunderts eines der reichsten Kunstzentren in Westeuropa und das dortige Auktionshaus Hôtel Drouot das bedeutendste der Stadt. Während der NS-Besatzung ab 1940 lief der Auktionsbetrieb reibungslos weiter und zahlreiche französische Händler beteiligten sich an den Plünderungen jüdischen Eigentums.
|
Musée d´Orsay Aussenansicht. Bildquelle © Musée d´Orsay Paris. Das Museum erklärte, dass mit der öffentlichen Präsentaion der Werke den berechtigten Nachkommen die Identifizierung verloren geglaubter Familienschätze erleichtert werden soll. |
Der Schauraum im Musée d´Orsay ist der erste in der Geschichte des berühmten Hauses, der ausschließlich den „verwaisten“ Meisterwerken der NS-Ära gewidmet ist. Insgesamt sollen sich rund 2200 MNR-Werke im Besitz französischer Nationalmuseen befinden.
Ausgestellt werden aktuell 12 Gemälde und eine Skulptur, darunter bedeutende Werke von Renoir, Degas und Rodin. Der „Raubkunst-Raum“ ist so konzipiert, dass der historischen Dimension Vorrang vor der Ästhetik eingeräumt werde, wie es heißt. Daher ist die Hängung so gestaltet, dass auch die Gemälde-Rückseiten betrachtet werden können. Die „Verso-Sicht“ offenbart Datierungen, Signaturen, Stempel, Inventaretiketten und Markierungen. Sie lassen damit Schlüsse auf die Provenienz eines Gemäldes und auf seine Historie zu. Die Wege der gezeigten Arbeiten, die gewaltsam aus privaten Haushalten oder öffentlichen Einrichtungen in deutsche oder auch französischen Händlerhände gelangten, können somit nachvollzogen werden.
Ein Beispiel ist das Renoir Gemälde Madame Alphonse Daudet von 1876 (s. oben). Es wurde 1941 vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud für vermutlich 175.000 Reichsmark von der Pariser Galerie Renou et Colle erworben. Das Kölner Museum restituierte das Werk und gab es an Frankreich zurück. Bislang konnte es seinem rechtmäßigen Eigentümer nicht zurückgegeben werden. Eine Verjährungsfrist existiert in Raubkunst-Fragen nicht.
rART/cpw
► Das Wallraf-Richartz-Museum hat umfangreiche Provenienzforschungen zu seinen Erwerbungen aus der NS-Zeit vorgenommen. Nach seinem Inventarbuch erwarb das Haus ab 1940 insgesamt 97 Raubgut-Gemälde. Davon stammten 33 aus dem Deutschen Reich (34%) und allein 43 Werke (44%) aus Frankreich. Eine wichtige Rolle bei den Erwerbungen oder Vermittlungen spielte dabei der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (mehr).
Die Ausstellung À qui appartiennent ces œuvres? ist als eine neue Dauerausstellung installiert worden.
Musée d´Orsay
1, Rue de la Légion d´Honneur
75007 Paris
Tel +33 1 40 49 48 14
Öffnungszeiten
DI – SO 9.30 – 18.00 Uhr
DO 9.30 – 21.45 Uhr
Das könnte Sie auch interessieren.
► Das Ende der Namenlosen hier
► Provenienz? Max Stern! Restitution hier
► Statusreport Gurlitt 2017 hier
► DDR-Raubkunst hier










