ARCHITEKTUR
Moderne worldwide
Die berühmte Architektur-, Kunst- und Designschule Bauhaus ist und bleibt ein Evergreen. Sie war Impulsgeber für die internationale Moderne in der Baukunst, und zwar global!
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Jean Molitor Tankstelle FIAT-Tagliero in Asmara, Eritrea, erbaut 1938 vom italienischen Architekten Guiseppe Pettazzi; Aufnahme von 2019. Das Bauwerk im Art-Deco-Stil ist seit 2017 UNESCO-Welterbe. Foto © Jean Molitor. Bildquelle © Stiftung Zollverein/ Ruhr Museum Essen 2026 |
Aktuell zeigt in Essen die Stiftung Zollverein in Kooperation mit dem Ruhr Museum die Ausstellung bau1haus – die Moderne von Essen bis Asmara. Es ist eine umfangreiche Foto-Schau mit strengem Blick auf die Architektur. Sie stammt von dem Berliner Fotografen Jean Molitor (*1960), der seit 2009 weltweit die Spuren der Architekturmoderne dokumentiert und publiziert hat.
Die Ausstellung würdigt, wie es in Essen heißt, gleich zwei Jubiläen. In eigener Sache nämlich 25 Jahre UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein und 50 Jahre Fotografie von Jean Molitor. Dessen über zehn Jahre dauerndes Dokumentarprojekt titelt bau1haus. Es ist ein Wortspiel und meint übertragen „Baue ein Haus“.
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Blick in die Ausstellung. Die Mischanlage der Kokerei Zollverein ist selbst Teil der Inszenierung. Sie feiert gleichzeitig ihr 25jähriges Bestehen als UNESCO-Welterbe. Foto T. Willemsen © Stiftung Zollverein/ Ruhr Museum Essen |
Für das Projekt reiste der Fotograf durch Afrika, Nord- und Südamerika, Europa und den Nahen Osten. Er verbindet in dieser Ausstellung dokumentarische Genauigkeit mit künstlerischem Anspruch und macht auch bedrohte Bauwerke der Moderne sichtbar.
Die jeweils von ihm abgelichteten historischen Gebäude und Anlagen, ob Wohn- oder Bürohäuser, Pavillons, Tankstellen, Fabriken oder Industrieareale, sind in teils gutem Zustand, vielfach aber renovierungsbedürftig, in einigen Fällen dem Verfall oder dem Abriss nahe. So gesehen ist Molitors globale Architektur-Inventur auch ein Wettlauf gegen die Uhr.
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Jean Molitor Bunte Stube, Ahrenshoop, Deutschland, erbaut 1929 vom dem Rostocker Architekten Walter Butzek nach einer Idee des Künstlers Hans Brass; Aufnahme von 2019. Das Gebäude war ursprünglich ein Kleingeschäft für Kurzwaren und Kunstgewerbeartikel, Bücher und Zeitungen. Foto © Jean Molitor. |
Seine Foto-Dokumentation besticht durch klare, tiefenscharfe, fast immer fahrzeug- und menschenleere Schwarz-Weiß-Fotografien, alles konzentriert auf die reinen Baukörper. Das Interessante an dieser Präsentation: Sie verdeutlicht, dass die an die Bauhaus-Architektursprache – geprägt durch die Materialien Glas, Beton und Stahl – angelehnte Moderne eine Sache der kosmopolitischen Baumeister-Avantgarde der 1930er Jahre war. Tatsächlich waren es oft Bauhaus-Mitbegründer und ihre Schüler, die weltweit den durch scharfe Linienführung und Schönheit bestechenden Moderne-Stil als „Neues Bauen“ populär machten.
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Fassade des Bauhausgebäudes in Dessau in Stil des Neuen Bauens, von Walter Gropius. Eröffnet am 4. Dezember 1926. Foto © rheinische ART 2026
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Die Moderne in der Architektur war also nie ein rein europäisches Phänomen, sondern eine internationale Bewegung mit vielfältigen stilistischen Ausprägungen. Und sie war kein einheitlicher Stil.
Auf der Suche nach neuen Lebens- und Ausdruckformen, ob in Kunst oder Architektur, gab es eine Vielzahl von Strömungen. Die historische Hinterlassenschaft ist ein Mix, von Gartenstadtideen, Jugendstil, italienischem Futurismus, Art Déco, Werkbund (mehr), Expressionismus und Rationalismus bis hin zur Neuen Sachlichkeit und dem Bauhaus.
Die Ausstellung richtet den Blick auf Bauwerke, Netzwerke und Ideen, die in den Zwischenkriegsjahren Ländergrenzen und Kulturen überschritten. Dokumentiert hat Molitor unter anderen das größte Freilichtmuseum der Moderne, Tel Aviv, mit mehr als 4000 modernistischen Bauten. Ferner Afrikas heimliche Hauptstadt der Moderne, Asmara in Eritrea, und Dutzende Gebäude in Lateinamerika, Nigeria, Marokko, Kenia, Tansania oder im Libanon. Insgesamt bereiste der Fotograf 70 Länder.
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Blick in die Ausstellung. Foto oben rechts: Ateliergebäude „Prellerhaus" in Dessau von Walter Gropius. Foto T. Willemsen © Stiftung Zollverein/ Ruhr Museum Essen 2026 |
In der Essener Ausstellung werden etwa 300 Architektur-Fotografien präsentiert. Zusätzlich können Besucher hinter die Kulissen schauen. Neben einem Making-of-Film bringen Bildertafeln, auf denen bis zu 800 kleinformatige Aufnahmen aus Molitors Fotobestand zu sehen sind, die aufwendige Arbeit des Fotografen auf Reisen näher.
Es ist ein ganz besonderer Fundus an Impressionen, vom Straßenfoto bis zum architektonischen Detail. Es ist kaum möglich, sich der sachlich klaren, kühlen und rein auf Baukonstruktion abzielenden Bildästhetik zu entziehen. Für Foto-Enthusiasten wie auch Architekturkenner gilt: Das sollte man gesehen haben !
rART/cpw
► Es waren überwiegend deutsche Baumeister, die nach 1933 zwangsweise das vom NS-Regime geschlossene Bauhaus wegen Verfolgung oder Diskriminierung verließen. Zu ihnen gehörten unter anderen der in Japan und in der Türkei wirkende Bruno Taut, Ernst May, Eckard Muthesius, Otto Königsberger und Walter Gropius.
Die Ausstellung bau1haus – die Moderne von Essen bis Asmara wird bis zum 2. August gezeigt.
Mischanlage
Bunkerebene
UNESCO-Welterbe Zollverein
Gelsenkirchener Str. 181
45309 Essen
Tel. 0201 / 248610
Öffnungszeiten
DO, FR 14 – 20 Uhr
SA, SO 12 – 18 Uhr
Weitere Ausstellungshinweise:
► Ausstellung Glas, Beton, Metall. Im Bauhausgebäude Dessau bis 10. Januar 2027. Die dreiteilige Schau widmet sich den Materialien, die Walter Gropius die neuen industriellen Baustoffe nannte und mit denen sich die Bauhaus-Werkstätten beschäftigten.
► Ausstellung Algen, Schutt, CO2 im ehemaligen Kaufhaus Zeeck in Dessau bis zum 27. September 2026. Die Schau präsentiert disziplinübergreifende Arbeitsweisen und Anwendungsbeispiele, die ästhetische und nachhaltige Gestaltung verbinden und befördern.
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