rheinische ART
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rheinische ART 09/2026

GELESEN
Mittelalter hautnah

 
Das Kölner Museum Schnütgen zählt zu den bedeutendsten Sammlungen mittelalterlicher Kunst in Europa.

 

Doppelkapitell mit Drachenpaar Rheinland/Köln um 1200 (Buch S. 42). Drachen beschäftigten die Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen, nicht erst seit dem Dino-Hype. Foto © HAStK-RBA, Marion Mennicken. Bildquelle © Verlag Greven Köln 2026

 

Exponate dieser unendlich wertvollen Kunstsammlung sind nicht jedermanns Sache. Und es ist ja wahr: Kunst erschließt sich nicht (immer) auf den ersten Blick – aber sie beginnt zu sprechen, wenn man genauer hinschaut. Wer sich also Zeit nimmt für die berühmten Meisterwerken des Mittelalters im Schnütgen Museum, entdeckt ungeheuer viel Neues.

 

Buchcover Unser Schnütgen. Foto © Verlag Greven Köln 2026

 

Zizenhausener Totentanz Der Tod, so die zentrale Aussage, ist unerbittlich. Keiner kann ihm ein Schnippchen schlagen, niemand entkommt ihm. (Buch S. 146/147) Foto © HAStK-RBA, Marion Mennicken. Bildquelle © Verlag Greven Köln 2026

 

Wem die Zeit hingegen nicht gegeben ist, sollte einen Museumsführer der ganz besonderen Art nutzen. Der Kölner Greven Verlag lädt dazu ein, mit einer hochinteressanten und spannenden Neuerscheinung unter dem Titel „Unser Schnütgen“ das Museum und seine einzigartigen Kunstwerke neu zu entdecken.

     Anhand von 51 ausgewählten Exponaten erzählen die Autoren Barbara Schock-Werner und Joachim Frank in sehr persönlichen und kurzweiligen Texten Geschichten zur Geschichte der jeweiligen Kunstwerke.

     Das Autorenduo richtet den Blick auf berühmte Werke ebenso wie auch auf leicht übersehbare Besonderheiten und zeigen, wie viel sich entdecken lässt, wenn man sich Zeit nimmt und Muße walten lässt.

     Es ist, wenn man so will, ein Museumsbesuch aus dem Sessel heraus: fesselnd, verblüffend, faszinierend. Ein Kunstbuch, das gleichermaßen zum Blättern, Staunen und zum Besuch des Museums selbst einlädt.

 

Im Mittelpunkt der 192 Seiten umfassenden Publikation steht eine ebenso einfache wie einleuchtende Idee: Kunst erschließt sich, wenn man genauer hinschaut! 

 

Kissenplatte mit Jungfrau und Einhorn, Köln (?) 2. Hälfte 15. Jh., Bildwirkerei in Wolle, Seide und Goldlahn auf Leinen. Willst du ein Einhorn fangen, nimm eine Jungfrau mit auf die Jagd! (Buch S. 124/125). Foto © HAStK-RBA. Bildquelle © Verlag Greven Köln 2026

 

Wem ist schon die mittelalterliche Praxis der Hausaltärchen vertraut, in Elfenbein mit Holzrahmung gearbeitete „Bonsai-Altare für die Wohnung“? Wer verbindet mit dem „Martyrium der Makkabäer“ eine brutale Gruppenhinrichtung und Ausrottung einer ganzen Sippe, der eigentlich eine Trigger-Warnung – wie man heute sagt – vorangeschickt werden sollte: „Dieses Bild enthält Folterszenen mit massiver Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und kann verstörend wirken“ (Seite 160 Tuchmalerei auf Seide, auf Holz, Köln Ende 15. Jh.).

 

Christkind Köln um 1500. Nussbaum farbig gefasst. Wonneproppen als Weltenherrscher (Buch S. 82/83). Seit 2008 im Museum Schnütgen. Foto © HAStK-RBA, Wolfgang F. Meier. Bildquelle © Verlag Greven Köln 2026

 

Der sog. Kamm des hl. Heribert, Metz um 870, Elfenbein. Fromm und gut frisiert. Einen liturgischen Kamm würde man heute jedenfalls vergeblich suchen (Buch S. 18/19). Foto © HAStK-RBA. Bildquelle © Verlag Greven Köln 2026

 

Und war die biblische Erzählung der jungen, schönen Susanna, die Opfer sexueller Nötigung wurde (mehr), für die christliche Kunst nicht willkommene Gelegenheit, vorbei an herrschender Moral und Prüderie einen nackten Frauenkörper zu zeigen? „Sex und Crime – was will man als Maler und Bildhauer mehr!“ stellen die Autoren fest, schlicht und einfach ohne erhobenen Zeigefinger.


Exzellente und höchst zoomhafte Fotografien und hochwertiger Druck liefern eine kolossale Detailfülle. „Unser Schnütgen“ ist damit weit mehr als ein Museumsführer im klassischen Sinne.

     Denn statt kunsthistorischer Vollständigkeit setzen die Autoren bewusst auf persönliche Zugänge. Sie erzählen Erstaunliches, erklären Symbolik und theologische Zusammenhänge, berichten von überraschenden Entdeckungen und verraten, warum bestimmte Werke so besonders faszinieren.


Jedes der Werke wird zum Ausgangspunkt einer Geschichte: mal spannend, mal berührend, mal augenzwinkernd in großartigem Stil erzählt.

     Darunter sind Kunstwerke, die zu Recht, wie es im Vorwort heißt, den Ruhm des Museums über Köln hinaus begründet haben, ebenso aber verborgene Stücke, die nach Meinung der Autoren zu Unrecht leicht übersehen werden.

     Diese aus den Depots ans Licht geholt zu haben, ist ein weiteres Verdienst der Buchautoren. Eine Lektüre die Freude macht, ganz ohne Zweifel.
rART/cpw


► Wer mittelalterliche Kunst liebt, denkt an das Musée de Cluny in Paris oder die berühmten Met-Cloisters des Metropolitan Museum in New York. In dieser Liga spielt auch das Museum Schnütgen in Köln – ein Juwel von internationalem Rang. Mit dem Buch „Unser Schnütgen“ laden die Kunsthistorikerin und ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner und der Journalist und Theologe Joachim Frank, Chefkorrespondent des Kölner Stadt-Anzeiger, dazu ein, dieses außergewöhnliche Museum neu zu erkunden.

 

Literaturhinweis:
Barbara Schock-Werner, Joachim Frank Unser Schnütgen, Klappenbroschur, durchgehend farbig illustriert, 192 Seiten, 97 Abbildungen, Format 17 x 24 cm, Greven Verlag Köln 2026. ISBN 978-3-7743-1004-9. Preis 25 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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