rheinische ART
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rheinische ART 09/2021

75 JAHRE NRW
Ein Museum für das Land

 

Einen Vorgeschmack auf das künftige Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen gibt die Jubiläumsausstellung „UNSER LAND. 75 Jahre Nordrhein-Westfalen“, die anlässlich des 75. Jahrestags der Landesgründung am 26. August 2021 eröffnet wurde.

 

Fassade des Behrensbaus am Düsseldorfer Mannesmannufer mit dem Eingang zur Jubiläumsschau 75 Jahre NRW. Foto © rheinische ART 2021

 

Landtagspräsident André Kuper und Ministerpräsident Armin Laschet eröffneten die Jubiläumsschau, die von der Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen im Düsseldorfer Behrensbau am Mannesmannufer präsentiert wird.

     Das Traditionsgebäude ist ebenfalls Sitz der Stiftung und Ort des noch im Aufbau befindlichen zeithistorischen Museums zur Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen (mehr), das 2018 vom Landtag beschlossen wurde. Das denkmalgeschützte Haus - beeindruckende Ex-Verwaltungszentrale der Mannesmann-Röhrenwerke und 1911 erbaut - stammt vom Reißbrett des Architekten und Industriedesigners Peter Behrens (mehr).

 

Blick in die Jubiläumsausstellung "UNSER LAND. 75 Jahre Nordrhein-Westfalen". Foto © Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen/Michael Lübke

 

Noch kann sich der Besucher beim Gang durch die Präsentation eines, wenn auch gut gemachten, Provisoriums nicht erwehren, was ganz natürlich ist angesichts der wenigen Zeit, die das Kuratorium zur Verfügung hatte. Erst Anfang 2020 konnte mit der Konzeption begonnen werden, die Corona-Pandemie tat ihr übriges.

 

Gründungsurkunde – Verordnung Nr. 46 Mit der Verordnung vom 23. August 1946 gründen die Briten Nordrhein-Westfalen und bestimmen Düsseldorf zu seiner Hauptstadt. Foto © Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen/Andreas Lange

Zündapp-Mokick 10: Willkommensgeschenk für den millionsten „Gastarbeiter“ 1964. Es war der 38-jährige Portugiese Armando Rodrigues de Sá. Foto © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn/Axel Thünker

 

Straßenmarkierung Eurode: Zweckverband und erste symbolische Europastadt, gebildet aus den Grenzgemeinden Kerkrade (Niederlande) und dem deutschen Herzogenrath. Foto © rheinische ART 2021

 

Und doch: Die Jubiläumsschau erzählt, zwar manches Mal in Kurzform, aber doch eindrücklich von den besonderen Herausforderungen und Brüchen, die das Bindestrichland und die Menschen in den vergangenen 75 Jahren zu bewältigen hatten – und Nordrhein-Westfalen nachhaltig geprägt haben.
     Zeitzeugen berichten von ihren individuellen Erlebnissen, persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen – von Flucht und Vertreibung, von Katastrophen und Schicksalsschlägen, von Protesten und Errungenschaften, von Niederlagen und Erfolgen.

     Der Blick zurück in die Geschichte von NRW zeigt, dass die Herausforderungen von gestern auch heute nichts an Aktualität verloren haben.

 

Dem Besucher werden rund 300 Exponate auf einer Fläche von 1200 Quadratmetern geboten. Ausgewählte Gegenstände der Landesgeschichte, Dokumente, Fotos und Filme stehen im Zentrum der Schau.

     Hierzu zählen die Gründungsurkunde des Landes, die Verordnung Nr. 46 der britischen Militärregierung, ein Schreibtisch von europäischer Dimension, an dem 2019 Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit dem „Vertrag von Aachen“ die deutsch-französische Freundschaft erneuerten, ein Teddybär, der mit einer persönlichen Fluchtgeschichte verbunden ist, ein feuerfester Rennanzug von Formel-1-Weltmeister Kimi Räikkönen, einer Innovation aus Westfalen, die für den Wandel der Textilindustrie in diesem Landesteil steht, wie das Haus betont.

     Ferner sind der „Stratmann-Koffer“, ein Messgerät, das bereits in den 1950er Jahren Pionierarbeit in Sachen Luftreinhaltung leistete und Objekte der jüngsten Flutkatastrophe im Süden des Landes zu sehen. Eine breite Palette an Schaustücken, die ahnen  lässt, wie schwer sich die Kuratoren bei der Auswahl getan haben mussten, um allen Aspekten gerecht zu werden.

 

Historischer Schreibtisch „Aachener Vertrag“. An ihm wurde 2019 der Élysée-Vertrag von 1963 erneuert, mit dem Konrad Adenauer und Charles de Gaulle die deutsch-französische Freundschaft begründeten. Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen. Foto © Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen/Andreas Lange

 

Feuerfest durch die Krise – Rennanzug von Formel-1-Pilot Kimi Räikkönen. Hersteller waren die Ibena Textilwerke GmbH Rhede/Bocholt. Foto © Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen/Andreas Lange

 

Das ist löblich und lässt auf das neue Landesmuseum hoffen, zeigt der Überblickscharakter der Jubiläumsschau doch auf, wie vielschichtig die Industrie und die Gesellschaft des Landes tatsächlich sind.
     Denn hier fällt kein Blick auf die gewaltigen Veränderungen in der Textilindustrie wie etwa an der westfälischen Baumwollstraße, der Krefelder Seidenfabrikation und anderen spezifischen Branchenschwerpunkten, dafür gibt es den Formel-1-Anzug.

     Auch die Möbel- und Lebensmittelindustrie Westfalens und Bonn als jahrzehntelange Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland erfährt keine sonderliche Erwähnung. Landwirtschaft findet sich kaum wieder, dafür viel Atomkraft, Demosound und das Düsseldorfer Fifty-Fifty-Heft mit Greta Thunberg. Ebenso fällt die „Kunstecke“ verhalten aus. Josef Beuys und seine Entlassungsurkunde, unterzeichnet von Landeschef Rau: interessant durchaus, aber die große Kreativszene des Rheinlandes bleibt außen vor.

 

Kostbare Fracht Stoff-Teddy. 1947 flieht die Familie der dreijährigen Besitzerin des Teddybären aus Dresden, um sich einer drohenden Deportation in die Sowjetunion zu entziehen. Foto © Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen/Axel Thünker

 

Jeder dritte Bürger des Landes, so heißt es in der Ausstellung, habe einen Migrationshintergrund. Nun gut.

     Irritierend ist da aber eine interaktive Karte zur Bestimmung der eigenen Herkunft und die der Eltern, optisch unterstützt von roten Punkten. Frage: „Wo ist ihre Mutter geboren?“ Von Ägypten bis Zypern können alle Staaten dieser Erde angeklickt werden, auch die 16 Bundesländer. Wer jedoch zum Beispiel 1943 in Breslau, Danzig oder Königsberg geboren und danach vertrieben wurde und Jahrzehnte in NRW lebt, kann sich weder in Ostpreußen, Pommern noch Schlesien finden. Diese Gebiete existieren auf dieser Karte nicht. Ganz zu schweigen von jenen, deren Vorfahren etwa 1910 unter der Habsburger Monarchie das Licht der Welt erblickten.

     Das dürfte weder dem „deutschen“ Literaten Günter Grass gefallen haben noch dem großen Journalisten und langjährigen Chefredakteur der Tageszeitung Rheinische Post, Joachim Sobotta (1932-2017), der aus der schlesischen Grafschaft Glatz stammte (mehr). Man kann zu den Landsmannschaften stehen wie man will. Wenn Erinnerungen an Kultur und Landeskunde ehemals deutscher Gebiete in Spezialmuseum wie in Ratingen und Königswinter (mehr) gepflegt und gefördert werden und die Aufbauleistungen dieser Generation stets gefeiert werden, müssten sich die Menschen in NRW mit familiären Wurzeln in jenen Regionen in einer historischen Landesausstellung korrekt verorten lassen können. Speziell in diesem Falle gilt: Statt roter Punkt hier „Rote Karte“!
ruwoi

 

Die Jubiläumsausstellung „UNSER LAND. 75 Jahre Nordrhein-Westfalen“ ist bis zum 23. Mai 2022 zu sehen.
Behrensbau
Mannesmannufer 2
40213 Düsseldorf

 

Öffnungszeiten
DI – FR 9 – 18 Uhr
SA, SO + Feiertagen 10 – 18 Uhr
Der Eintritt ist frei.

 

 

 

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