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rheinische ART 07/2014

Archiv 2014

KUNST UND ALCHEMIE
Das Geheimnis der Verwandlung


Seit Jahrhunderten befeuert sie die Phantasie der Menschen: Die Alchemie. Genau so alt ist die Frage, ob es sich um eine Wissenschaft handelt oder nur um einen Wunderglauben. Es kommt, wie immer, auf den Blickwinkel an. Eine Ausstellung im Museum Kunstpalast anlässlich der diesjährigen Quadriennale vermittelt neue Denkanstöße.

 

Rembrandt Harmenszoon van Rijn, Sogenannter Faust, um 1651 – 1653, Kaltnadelradierung, Stiftung Museum Kunstpalast, Sammlung Kunstakademie (NRW), Foto Horst Kolberg

 

378 Exponate von 121 Künstlern umfasst die Ausstellung „Kunst und Alchemie – Das Geheimnis der Verwandlung“ im Museum Kunstpalast. Das sind Zahlen, die fast erschlagen. Aber die Kuratoren Beat Wismer und Dedo von Kerssenbrock-Krosigk haben viel Umsicht bewiesen, als sie die Gemälde, Stiche und Handschriften, Laboratorien, Kuriositäten, auch zeitgenössische Kunst- und Wunderkammern sowie Installationen so wohldurchdacht inszeniert haben.
     Fangen wir an mit Ägypten, denn am Anfang aller Alchemie steht die in ägyptischen Werkstätten praktizierte „Färbekunst“: Die Ägypter färbten Silber, damit es aussah wie Gold; sie färbten Kupfer, damit es wie Silber erschien. Über Jahrhunderte hinweg trachteten die Alchemisten danach, einfache Materialien in die begehrteste und edelste aller Substanzen zu verwandeln: In Gold. Ein alter Menschheitstraum, der sich bekanntlich nie erfüllte.

 

Stein der Weisen Zu einem zentralen Begriff und Allheilmittel avancierte dabei der bis heute mythosbehaftete Stein der Weisen, der mal als rotes Pulver, mal als Stein diese Umwandlung herbeiführen sollte. Es greift aber zu kurz, in der Alchemie nur eine chemische Goldsuche zu sehen. Denn die Alchemisten betrieben auch Weltforschung und entwickelten anspruchsvolle Erklärungsmodelle, um die Welt und die Rolle des Menschen darin zu begreifen. Im 17. Jahrhundert erlebte die Alchemie ihren Höhepunkt.


Alchemie und Moral Es waren insbesondere die holländischen und flämischen Genremaler, die die Alchemie zum bildwürdigen Thema erhoben. Es sind die Maler der Brueghel-Dynastie, Hendrick van Balen, Hendrick Goltzius, Peter Paul Rubens, David Teniers d.J. und Adriaen van Ostade, um nur einige zu nennen, die in der Ausstellung gezeigt werden. Nicht nur zum Vergnügen des Betrachters haben die Maler damals gemalt, sondern auch, um sie zu belehren und mit Symbolen eine moralisierende Botschaft zu übermitteln. Diese war im Falle der Alchemie überwiegend negativ.
     Grundlegend und Vorbild für weitere Darstellungen war eine Zeichnung von Pieter Bruegel d.Ä. aus dem Jahre 1558, auf die in der Schau ein Kupferstich von Philips Galle und ein Gemälde von Pieter Brueghel d.J. anspielen: Während die Hausfrau im Zentrum des Bildes ihren leeren Geldbeutel präsentiert, wirft der Familienvater die letzte Münze in den Schmelztiegel. In einem ‚Bild im Bild‘ zieht die Familie schließlich ins Armenhaus ein. Das törichte Streben des Vaters nach Gold und schnellem Reichtum, so die Kernaussage, hat die Familie ruiniert.

     Auch in dem Gemälde Der Alchemist von Adriaen van Ostade vergisst der Familienvater über den alchemistischen Apparaturen, für seine Familie zu sorgen. Lediglich der Antwerpener Maler David Teniers d.J. hat Laboratorien mit viel Sachkenntnis und überwiegend neutral dargestellt. Auch Peter Paul Rubens hat sich in seinem Theoretischen Notizbuch (als Kopie in der Ausstellung) mit der Alchemie befasst und darin die Theorie von Paracelsus (1493-1541) aufgegriffen, Quecksilber, Schwefel und Salz hielten den menschlichen Körper im Gleichgewicht. Rubens verwendete darüber hinaus Pigmente, die in alchemistischen Verfahren gewonnen wurden. Kurator Dedo von Kerssenbrock-Krosigk gelangt so angesichts von Rubens‘ Himmelfahrt Mariä aus dem Besitz des Museums Kunstpalast zu beachtenswerten Schlussfolgerungen: „Für das Rot des Gewandes“, schreibt er im Katalog, „verwendete er Zinnober, ein Quecksilbersulfid, dessen Bestandteile Quecksilber und Schwefel die wichtigsten Ausgangsstoffe der Alchemie darstellen.“ Grün, so von Kerssenbrock-Krosigk weiter, sei mit grünem Verditer gemalt, einem basischen Kupfercarbonat. Ist es Alchemie? Zumindest die künstlerische Verwandlung eines roten Metalls in ein leuchtend grünes Pigment!


Alchemie und Adel Alchemie aber war mehr als einsames Laborieren mit unterschiedlichen Pülverchen. Kostbare Krüge und Vasen erinnern in der Ausstellung daran, dass europäische Fürstenhäuser ganz pragmatische Erwartungen in die Alchemisten setzten: Francesco I. de Medici (1541-1587) und August der Starke (1670-1733) strebten danach, Chinesisches Porzellan nachzuahmen oder mit farbigem Glas Edelsteine zu imitieren. Mit dem Siegeszug von Aufklärung und Naturwissenschaften begann um 1720 der Niedergang der Transmutations-Alchemie. Erst im Paris des späten 19. Jahrhunderts sollte das Interesse am Okkultismus wieder aufleben.

     Hier setzt der zweite, von Beat Wismer kuratierte Teil der Ausstellung ein: mit Werken von Marcel Duchamp und Max Ernst über Joseph Beuys, dem modernen Schamanen, Anselm Kiefer, Rebecca Horn und Yves Klein hin zu Neo Rauch. Auch die vergoldeten Steine The Three B’s: Beuys, Broodthaers, Byars von James Lee Byars sind in der Ausstellung vertreten. Wie Yves Klein war James Lee Byars auf der Suche nach der vollkommenen Form. Mit den goldenen Steinen spielt er auf den Stein der Weisen an und auf sein vom ständigen Streben nach Vollkommenheit bestimmtes Leben.

 

Alchemie in zeitgenössischer Kunst Etwas von der Faszination, die die Alchemisten früher beim Mischen von Pulvern verspürt haben, teilt sich den Besuchern wahrlich prozesshaft mit, wie in dem Werk der Schweizer Künstler Steiner & Lenzlinger. Auf dem mit einem weißen Baumwollstoff bespannten Tisch haben sie ein Chymisches Lustgärtlein angelegt. Die Künstler spielen mit ihrer bunten Assemblage auf die heutigen Heilsversprechen der Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie sowie Medizin an: Verschiedenfarbige Lösungen aus anorganischem Kunstdünger werden während der Ausstellung zu skurrilen, Brokkoli ähnelnden Gebilden heranwachsen und echte sowie künstliche Pflanzen und andere Objekte überwuchern. Wie das Chymische Lustgärtlein schließlich aussehen wird, vermag auch die gärtnerische Künstlerin Gerda Steiner nicht vorherzusagen: Das Ergebnis sei eine Überraschung, sagt sie. Nach der Ausstellung wird sie die Kristallblumen zerbröseln und wieder zu Kunstdünger verflüssigen. Die Künstler heben die Trennung von natürlich und künstlich auf, von organisch und anorganisch. Wird das Künstliche doch schöner werden als die Natur selbst?
     Zwar hat die Alchemie ihr hohes Ziel nicht erreicht, aber auf dem Weg dorthin sind eine Menge nützlicher Ergebnisse abgefallen. Immer noch regt sie Künstler zu komplexen Vorstellungen und Visionen an, wie in dieser lohnenden Ausstellung im düster-geheimnisvollem Ambiente eines Laboratoriums genauso wie im White Cube zu erleben ist.

Marion Lisken-Pruss


Die Ausstellung „Kunst und Alchemie – Das Geheimnis der Verwandlung“ wird bis zum 10. August gezeigt.
Museum Kunstpalast
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf
Tel. 0211 / 566 42 100
Öffnungszeiten
DI - SO 11 - 18 Uhr
DO 11 - 21 Uhr


 Die Quadriennale 2014 ist ein Festival der Bildenden Kunst in der Landeshauptstadt Düsseldorf und steht unter dem Motto „Über das Morgen hinaus“.

 

 

 


 

 

 

FRANK BAUER 

Die Gelassenheit

der Dinge

(Foto: Ausschnitte

Öl auf Leinwand, 2017)

 

17.11.2017 - 13.01.2018

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