rheinische ART
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rheinische ART 06/2024

STREET ART
Die Magie der Melisse

 

Kräuter, Kunst und eine Kirchenfrau. Wie passt das zusammen? Geschäftlich betrachtet sehr gut! Denn beinahe jeder kennt die drei Nonnen unter dem Spitzbogen als Markenlogo für die Arznei Melissengeist.

 

Lilee Imperator Street-Art-Kunst, gesprüht, am Stammsitz der Klosterfrau Healthcare Group in Köln. Foto © Yvonne Haag, Bildquelle © Klosterfrau Healthcare Group 2024

 

Jüngst hat sich der Melissengeist-Hersteller, das Kölner Unternehmen Klosterfrau Healthcare Group, in Sichtweite seines 200. Firmengeburtstags, ein bemerkenswertes Street-Art-Kunstwerk sprühen lassen.

     Jene Form der Graffitomalerei also, die oft wild an Haus- und Schallschutzwänden oder in Unterführungen prangt, mancher Stadt ein unverwechselbares Gepräge gab und gibt (mehr) und es auch in die Museen geschafft hat (mehr). Die Künstlerin Lilee Imperator sprayte für Klosterfrau ein „Stadtraum prägendes Kunstwerk“ auf einer Länge von rund 80 Metern.

 

Lilee Imperator Modernes Design in traditionellen Farben. Street-Art-Kunst, gesprüht, am Stammsitz der Klosterfrau Healthcare Group in Köln. Foto © Yvonne Haag, Bildquelle © Klosterfrau Healthcare Group 2024

 

Die Wandmalerei am Klingelpütz und an der Gereonsmühlengasse ist ein ansprechendes, mit leichter Hand und zugleich prägnant geschaffenes Werk mit organisch-geformten Linien, im typischen Klosterfrau-Colorit. Eine „Freiluft-Kunst“ für jedermann! Der modernistische Ausdruck dieser spezifisch auf die Firmenphilosophie ausgerichteten Spray-Arbeit lenkt den Blick nicht nur auf die erfolgreiche Unternehmensgruppe aus Köln.

     Sie lenkt ihn auch auf die wirtschaftshistorische Dimension von Klosterfrau. Denn der Pharmaproduzent gehört zu einer Reihe von rheinischen Unternehmungen mit einzigartigen Gründungsgeschichten (siehe Verweise unten).

 

Verkaufsverpackung für das rezeptfreie Arzneimittel „Klosterfrau Melissengeist“. Bildquelle © Klosterfrau Healthcare Group Köln 2024

 

Seit 1826 versteht sich die heutige weltweit agierende Klosterfrau Healthcare Group als einer jener Produzenten, deren Geschäftsleitbild von Kultur geprägt ist und Tradition und Innovation immer wieder neu zu verbinden sucht.

     Klosterfrau und Kräuter, insbesondere die Melisse, sind ein fester Begriff in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. „Nie war er so wertvoll wie heute!“ – der altbekannte Werbeslogan für die Traditionsmedizin Melissengeist in der grün-blauen Verpackung ist nach wie vor gültig.

     Das alkoholreiche und „rezeptfreie Arzneimittel“, eine Kombination aus 13 Heilpflanzen, lindert bekanntlich eine Vielzahl von Beschwerden. Ein Hausmittel, das eigentlich ein jeder kennt.

 

Hinter der modernen  Pharma-Gruppe steht historisch betrachtet die bewegte Lebensgeschichte einer ehemaligen deutsch-belgischen Ordensfrau namens Maria Clementine Martin (1775–1843).

 

Josef Benz idealisiertes Ölgemälde der Maria Clementine Martin, um 1950. Foto © MCM Klosterfrau Vertriebsgesellschaft. Bildquelle © LVR Rheinische Geschichte

 

Elisabeth Perger Skulptur der Maria Clementine Martin am Kölner Rathausturm, 1989. Bildquelle © LVR Rheinische Geschichte

 

In Brüssel geboren verbrachte sie ihre Kindheit im ostfriesischen Jever, wo ihr Vater Johann Heinrich Martin als Berufsmilitär im Hofdienst von Fürst Friedrich-August von Anhalt-Zerbst stand.

     Als 17-Jährige trat sie in das Annunziaten-Kloster St. Anna im westfälischen Coesfeld ein. Hier, so wird heute angenommen, eignete sie sich früh Kenntnisse über Kräuter, Ingredienzien und die pflanzliche Heilkunde an.

     Es war der Grundstein für ihr späteres Wirken als Unternehmerin und innovative Kräuterexpertin. Im Zuge der napoleonischen Säkularisierung verlor sie jedoch ihren Lebensmittelpunkt Kloster und ihre Stellung als Nonne.

     Sie zog in das flämisch-brabantische Tirlemont und trat erstmals markant bei der Schlacht von Waterloo im Sommer 1815 in Erscheinung. Ihre mildtätige, furchtlose und aufopferungsvolle Hilfe auf dem Schlachtfeld nahe Brüssel brachte ihr nicht nur Lob des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. ein, sondern ferner ein generöses Legat – eine lebenslange Finanzhilfe von 160 Talern pro Jahr.

 

Zwischenzeitig verloren sich ihre Spuren. 1825 kam sie ins Rheinland und verdingte sich als Pflegerin des Kölner Domvikars. Nur ein Jahr später, da war sie immerhin schon 50 Jahre alt, gründete sie ihr Unternehmen „Maria Clementine Martin, Klosterfrau“.

 

Maria Clementine Martin, Klosterfrau „Hof-Lieferantin gegenüber dem Süd-Portale des Domes zu Cöln am Rhein“. Annonce der Firma für 'Doppeltes Cölnisches Wasser' mit Herausstellung des ab 1861 bezogenen neuen Firmensitzes Domkloster 3. Bildquelle © LVR Rheinische Geschichte


Eine Destillerie mit dem Verkaufsschlager Kölnisch Wasser und Karmeliter- oder Melissengeist. Was dann eintrat, nennt man heute einen Absatzboom, gepaart mit raffinierter Verkaufsförderung, also Marketing, wie etwa mit dem ihr königlich zugestandenen Recht, das Wappen des Königreichs Preußen auf ihren Melissengeist-Flaschen zu nutzen.

     Allerdings gab es auch zahlreiche schwierige juristische Auseinandersetzungen und Konkurrenzkämpfe. Aus der Soldatentochter und dem „armen Nönnchen“, wie es hieß, war eine harte und auch rücksichtslose Geschäftsfrau geworden. Das mochte mit ausschlaggebend für ihren einzigartigen Erfolg sein. Ein Erfolg, der ihre Bedeutung für Köln bestätigend, sie immerhin als Skulptur am Kölner Rathausturm brachte.

     Sie schrieb einmal mit Blick auf ihre Verkaufszahlen im Ausland: „Wollte ich eine Statistik meines Absatzes liefern – keine Stadt der zivilisierten Welt würde darin unvertreten sein…“ Als sie am 9. August 1843 starb, war sie eine wohlhabende Frau. Sie wurde in Kölns Prominentenfriedhof Melaten (mehr), nahe der Kapelle, beigesetzt.
rART/cpw


Bei der Vorstellung des Street Art-Werkes an der Firmenfassade erläuterte Stefan Koch, CEO von Klosterfrau Healthcare Group, die Wahl der Künstlerin: „Vor fast 200 Jahren war es kaum vorstellbar, dass eine Frau, noch dazu eine Nonne, ein Unternehmen gründet. Diesen innovativen Geist von damals und die Übersetzung in eine gelebte Tradition interpretiert Lilee Imperator auf eine ganz besondere Art. Mit leichter Hand … vermittelt sie den Hauptimpuls unserer Arbeit: Menschen natürlich zu helfen.

 

► Die aus Österreich stammende 31-jährige Sprayerin Lilee Neururer ist unter dem Pseudonym Lilee Imperator bekannt. Ihre Bildsprache ist geprägt von bunten Menschenköpfe, einer ruhigen Ausstrahlung, harmonischen Farben und einem femininen Touch, der sich von männlichen Künstlern des Genres abhebt.

 

Standort des Kunstwerkes:
Klosterfrau Healthcare Group (Stammsitz)
Gereonsmühlengasse 1

und Klingelpütz 5 - 18
50670 Köln

 

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