rheinische ART
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rheinische ART 01/2023

SOAK-STAIN-TECHNIK

Malerische Konstellationen

 

Die New Yorker Kunstszene war Anfang der Fünfzigerjahre männlich dominiert. Für junge Künstlerinnen ein schwieriges Feld. Eine der wenigen Frauen damals: Helen Frankenthaler.

 

Helen Frankenthaler in her East 83rd Street studio, New York, 1974 Foto: Alexander Liberman, Alexander Liberman photography archive; Getty Research Institute, Los Angeles Photograph © J. Paul Getty Trust. Artwork © Helen Frankenthaler Foundation / VG Bild- Kunst, Bonn 2022

 

Die damals 23-Jährige verstand es, sich mit Beharrlichkeit und Können in der Ostküsten-Metropole zu etablieren. Sie wurde mit den Jahren zu einer Pionierin, die sich auf den Abstrakten Expressionismus, die Farbfeldmalerei und auf landschaftlich anmutende Sujets verstand. Aber ihr besonderes Merkmal: Sie gilt als Erfinderin der Soak-Stain-Technik, der Schüttbildmalerei.

 

Helen Frankenthaler Grotto Azura, 1963 Öl auf Papier, 58,4 x 73,7 cm Collection Helen Frankenthaler Foundation, New York © Helen Frankenthaler Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

 

Was darunter zu verstehen ist? Frankenthaler begann einfach und ungestüm, Ölfarben nicht mehr dick und deckend einzusetzen, sondern mit Terpentin verdünnt auf am Boden liegende, ungrundierte Leinwände zu schütten.

     Mit einer Reihe von Hilfsmitteln wie Schwämme, Farbroller, Schaber oder Haushaltsbürsten manipulierte sie die geschaffenen Farbflächen, goss Farben nach, ließ sie tropfen und verlaufen und fertig waren abstrakte Landschaftsbilder.

     

Das Museum Folkwang widmet sich aktuell der US-amerikanischen Künstlerin Helen Frankenthaler (1928–2011) mit einer umfangreichen Retrospektive. Die Präsentation umfasst insgesamt 84 Werke aus der Zeit zwischen 1949 und 2002. Im Fokus der Schau „Malerische Konstellationen“ stehen ihre Werke auf Papier.

     Zwar gab es bereits vor ihr Künstler, die sich der Schüttbildtechnik bedienten. So der amerikanische Maler Jackson Pollock, der energisch dünnflüssige Farbe auf liegende Leinwände spritzte oder tropfen ließ und damit als „Action Painting“-Begründer in die Kunstgeschichte einging.

 

Helen Frankenthaler Billboard Study, 1966, Öl auf Papier, 41,9 x 113,3 cm
Collection Jeannie Motherwell. © Helen Frankenthaler Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2022
 

 

Im Gegensatz zu ihm verfolgte Helen Frankenthaler ihr Ziel weniger spontan, eher analytisch und überlegt. Dennoch gilt: So bedeutsam wie sie habe „kaum jemand sonst in der Kunstgeschichte mit Farbe gekleckert“, wie es einmal in der WELT zu lesen war.

     Ihr Eintritt in diese Form der Malerei basiere, so das ausstellende Haus, auf einer Reise nach Kanada 1952. Hernach malte, man könnte auch sagen schüttete, schlabberte oder kleckste, sie ein Gemälde, gab ihm den Titel „Mountains and the sea“, um dann mit abstrakten Schöpfungen von blauen Wasserwellen, roten Felsen und grünen Bäumen in die Geschichte einzugehen.

 

Helen Frankenthaler New York Bamboo, 1957 Öl auf Leinwand, 177,8 x 213,4 cm Collection Helen Frankenthaler Foundation, New York © Helen Frankenthaler Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

 

Damit war auch ihre Soak-Stain-Technik geboren und Frankenthaler zu einer Vorläuferin der Farbfeldmalerei aufgestiegen, die andere Künstler nachhaltig beeinflusste. Darunter Kenneth Noland oder Morris Louis, wie es in der Ausstellung heißt.

     

Die retrospektive Schau spiegelt die interessante Entwicklung der Helen Frankenthaler und präsentiert ihre Malerischen Konstellationen in 10 Räumen.

     Darin sind auch die starkfarbigen Arbeiten aus den 1960er-Jahren mit transluzenten, fließenden Feldern zu sehen. Weiterentwicklungen ihrer Technik, wie sie sich in Arbeiten auf großformatigen Leinwänden wie etwa jenem mit dem Titel Noon (1966, 296,5 x 222,5 cm) zeigen, hat das Museum Folkwang ebenso installiert. Noon ist eine Leihgabe aus dem Sprengel Museum Hannover. Darin hat Frankenthaler die Ölfarbe bereits durch Acryl ersetzt. 

 

Helen Frankenthaler Santa Fe XIII, 1990 Acryl auf Papier, 74,9 x 104,8 cm Collection Helen Frankenthaler Foundation, New York © Helen Frankenthaler Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2022


Den Wechsel von Öl auf Acryl vollzog Frankenthaler 1962. Acrylfarben garantierten eine sattere Tönung der Farbflächen und deutlichere Konturen. 

     Natur und Landschaft waren, wie die Essener Kuratoren vermerken, elementare Inspirationsquellen für Helen Frankenthalers Werk. Aus ihnen hat sie seit jeher geschöpft wie etwa Santa Fe XIII zeigt, das 1990 während ihrer Künstlerresidenz in der gleichnamigen Stadt in New Mexico entstand. Frankenthalers Werke bilden die Natur jedoch nie direkt ab; es sind mehr atmosphärische Referenzen.
rART/bra


Die Ausstellung Helen Frankenthaler Malerische Konstellationen wird bis zum 5. März 2023 präsentiert.
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel. 0201 / 8845-444
Öffnungszeiten
DI, MI + SO 10 – 18 Uhr
DO + FR 10 – 20 Uhr


Zitierquelle: DIE WELT vom 28.12.2011 „Sie ließ die Farbe laufen“.

 

 

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