IMMENDORFF
Der Malerfürst in seiner Wahlheimat
Zeitlebens war Jörg Immendorff ein umstrittener Künstler. Vielleicht, weil er sich wie kaum ein anderer seiner Generation mit der politischen und gesellschaftlichen Rolle der Kunst beschäftigte. Das stieß nicht überall auf Sympathie.
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Jörg Immendorff Café, 1990, Öl auf Leinwand, 140 x 160 cm, Sammlung der Stadtsparkasse Düsseldorf im Kunstpalast, Düsseldorf, Foto: Kunstpalast, Düsseldorf – LVR-ZMB – Stefan Arendt, © Nachlass Jörg Immendorff. Bildquelle © Kunstpalast |
Unbestreitbar ist: Der Mann, der Ende des 20. Jahrhunderts zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern zählte, verfügte nicht nur über eine unverkennbare Bildsprache, sondern auch über einen unverkennbar eigenen Charakter. Und der war, gelinde gesagt, schwierig.
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John McIver Porträt Jörg Immendorff in Auckland, Neuseeland, 1987, Atelier Immendorff, Foto: E H McCormick Research Library, Auckland Art Gallery Toi o Tōmaki, © John McIver © Nachlass Jörg Immendorff. Bildquelle © Kunstpalast
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Der Düsseldorfer Kunstpalast zeigt nun die erste umfassende Retrospektive in seiner Wahlheimatstadt. Rund 120 Werke aus fünf Jahrzehnten zeichnen Immendorffs Weg nach. Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen werden durch Fotografien, Skizzen, Schriften und Archivmaterial ergänzt.
Jörg Immendorff (1945–2007) hatte sich, wie es umgangssprachlich heißt, das Image eines „harten Hundes“ zugelegt und kultivierte einen kontroversen Lebensstil. Er war Provokateur, politischer Aktivist, Selbstdarsteller, Professor, gesellschaftlicher Netzwerker – und irgendwann auch offizieller Politiker-Porträtist.
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Jörg Immendorff Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?, 1973, Acryl auf Leinwand, 2-teilig, je 130 × 210 cm, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff. Bildquelle © Kunstpalast |
Kaum ein deutscher Künstler seiner Zeit stand so im Licht der Medien wie er, allenfalls noch Martin Kippenberger (1953–1997 mehr) aus Dortmund. Die beiden waren Brüder im Geiste. Skandalberichte, ausufernde Partys, schräge Auftritte, Gerichtsverfahren und Krankheitsmeldungen fütterten Feuilleton und Boulevard. Das brave Publikum staunte oder rümpfte die Nase über die Bad Boys der Rhein-Ruhr-Kunstszene.
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Jörg Immendorff Für uns alle, 1994, Gouache auf beschichtetem Papier, 80 × 59 cm, Kunstpalast, Düsseldorf, Foto: Kunstpalast – LVR-ZMB – Annette Hiller,© Nachlass Jörg Immendorff. Bildquelle © Kunstpalast
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Immendorff war ein Kreativer, dessen Œuvre sich nur schwer von seinem öffentlichen Bild trennen lässt. Vielleicht liegt gerade darin ein Schlüssel zu seinem Werk. Denn er machte sich, den Künstler, selbst zum Gegenstand seiner Kunst: den Maler als politischen Akteur, als Unruhestifter, als Intellektuellen, als Schauspieler auf der Bühne der Geschichte – und nicht zuletzt als Immendorff.
Die Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence bei Nizza hatte diesen Aspekt bereits 2015 herausgearbeitet. Unter dem Titel „Les théâtres de la peinture“ zeigte sie Immendorff in einer Schau, die den Künstler quasi auf verschiedene Bühnen stellte: auf die politische, die soziale, die historische, die mentale und nicht zuletzt die kunsthistorische Bühne.
Olivier Kaeppelin, damals Direktor des Hauses, beschrieb die Auswahl als eine Folge von Szenen, in deren Mittelpunkt immer wieder der Maler selbst stehe. Es war die erste große Immendorff-Exposition in Frankreich, wo der Deutsche der Allgemeinheit nahezu unbekannt war (mehr).
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Jörg Immendorff Für alle Lieben in der Welt, 1966, Kunstmuseum Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz, Karlsruhe © Nachlass Jörg Immendorff- Bildquelle © Kunstpalast |
Was in Frankreich als „Theater der Malerei“ sichtbar wurde, lässt sich nun in Düsseldorf gewissermaßen an seinem Entstehungsort überprüfen. 1963 nahm der aus Bleckede in Niedersachsen stammende Immendorff sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf auf, zunächst beim Bühnenbildner Teo Otto.
Ein Jahr später wechselte er zu Joseph Beuys, der seine künstlerische Entwicklung nachhaltig prägen sollte. Früh erkannte er, dass Kunst nicht allein im Atelier stattfinden musste. Sie konnte Aktion, Provokation, politische Intervention und öffentliche Inszenierung sein.
Mit seinen Baby-Bildern, darunter Für alle Lieben der Welt (1966), entwickelte er eines seiner ersten wiederkehrenden Motive. Gleichzeitig radikalisierte sich sein Verständnis von Kunst. Unter dem Eindruck politischer Unruhen und der 68er-Studentenbewegung gründete er mit anderen Künstlern die LIDL-Initiative. Sie verband Aktionen, Filmvorführungen, Konzerte und Workshops und verstand sich als Gegenmodell zu etablierten Kunstinstitutionen und deren autoritären Strukturen (siehe Hinweis unten).
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Blick in die Ausstellung, Foto: Anne Orthen Bildquelle © Kunstpalast Düsseldorf |
Zwischen 1977 und 1983 schuf Immendorff sein wohl wichtigste Kapitel: Café Deutschland (mehr). Die Gemälde-Serie machte ihn international bekannt. Mit A.R. Penck (mehr) entwickelte er eine Bildsprache für ein Land, das eigentlich aus zwei Ländern bestand. DDR und BRD, Ost und West, Kommunismus und Kapitalismus, deutsche Geschichte und Gegenwart prallen in den Bildern aufeinander.
Das Café wird dabei zum imaginären Treff, in dem sich Politiker, Künstler, historische Figuren und politische Symbole begegnen. Immendorff verstand die deutsche Teilung stets als Zumutung – und ihre Überwindung als politische wie künstlerische Aufgabe. Während die Wiedervereinigung vielen unrealistisch erschien, wollte er das doppelte Deutschland nie akzeptieren. Rückblickend sagte er: „Ich war der Einzige, der beinahe exzessiv gegen die Teilung angemalt hat.“ Gut ein Vierteljahrhundert später wurde aus dem Maoisten und Barrikadenstürmer der Kanzlermaler in Gold. Für Gerhard Schröder 2007, wohlgemerkt.
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Jörg Immendorff Café Deutschland I, 1978, Öl auf Leinwand, 282 × 330 cm, Museum Ludwig, Köln, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff. Bildquelle © Kunstpalast |
Im Kunstpalast begegnet der Besucher – bis auf das Kanzlergemälde – den Café Deutschland-Werken wie den zahlreichen anderen, die in der öffentlichen Wahrnehmung hinter diesen oft verschwunden sind. Gerade darin mag die Stärke der Düsseldorfer Ausstellung liegen: Sie versucht, Immendorff nicht auf den politischen Maler der deutschen Teilung und auch nicht auf den schillernden „Malerfürsten“ zu reduzieren. Denn Immendorff war beides – und noch einiges mehr.
Er war ein Künstler, der seine eigene Rolle immer wieder zur Disposition stellte. Der Maler taucht in seinen Bildern als handelnde Figur auf, als Beobachter und Kommentator, manchmal als Held, manchmal als Clown. Er stellte sich selbst auf die Bühne und machte zugleich die Bühne zum Bild. Genau diese Selbstinszenierung verbindet den frühen Aktionisten mit dem späteren Malerfürsten.
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Jörg Immendorff Hört auf zu malen, um 1966, Kunstharz auf Leinwand, 132 x 132 cm, Van Abbemuseum, Eindhoven, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff. Bildquelle © Kunstpalast
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„Jörg Immendorff gehört zu den prägendsten Künstlerpersönlichkeiten der deutschen Nachkriegszeit“, sagt Felix Krämer, Direktor des Kunstpalastes. Erstaunlich sei deshalb, dass sein Werk seit seinem Tod nur vereinzelt museal gezeigt und aufgearbeitet worden sei. Die Düsseldorfer Ausstellung wolle den Künstler „als politischen Denker, Kulturvermittler und selbstbewussten Grenzgänger zwischen Hoch- und Populärkultur“ neu in den Blick nehmen.
Und vielleicht ist gerade Düsseldorf die angemessene Bühne für einen Künstler wie Immendorff: die Stadt, in der aus dem rebellischen Beuys-Schüler der politische Maler, aus dem politischen Maler der internationale Star und aus dem internationalen Star schließlich der Düsseldorfer „Malerfürst“ wurde. Einer, der sich zeitlebens selbst auf die Bühne stellte. Und der offenbar nie vorhatte, sie wieder zu verlassen.
rART/ cpw
► Bei LIDL handelt es sich um einen Baby-Lautklang, also ein Kunst- oder Nonsenswort aus der Kindersprache, das mit dem Handelsdiscounter nichts zu tun hatte. Mit der LIDL-Akademie, die in Düsseldorf und Karlsruhe als alternative Kunsthochschule auftrat, erreichte die Bewegung ihren spektakulärsten Punkt. Die Düsseldorfer Kunstakademie geriet dabei zeitweise in einen regelrechten Ausnahmezustand; 1969 wurde sie vorübergehend geschlossen und Immendorff erhielt Hausverbot. Aus dem Kunststudenten war ein politischer Provokateur geworden. Nach zwei Jahren fiel die LIDL-Idee allerdings in sich zusammen und verschwand von der Kunstszene.
Die Ausstellung Jörg Immendorff kann bis zum 10. Januar 2027 besucht werden.
Kunstpalast
Ehrenhof 4–5
40479 Düsseldorf
Öffnungszeiten
DI – SO 11 – 18 Uhr
















