rheinische ART
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rheinische ART 08/2019

NANNE MEYER
Künstlerische Landnahmen


Mit Landkarten kann man so einiges machen: Man kann sie zum Beispiel raffiniert falten, elektronisch speichern, lesen und interpretieren, einnorden, als Orientierungshelfer verwenden, amtlich herausgeben, von Pfadfindern zeichnen lassen. Und: künstlerisch verändern.

 

Nanne Meyer Stadtplan für Mädchen, 1997, Dispersionsfarbe, Farbstift und Gouache auf Schnittmusterbogen, 52,5 x 67 cm, Privatbesitz, Köln, © Nanne Meyer Foto: Farbanalyse, Köln

 

Die Künstlerin Nanne Meyer (*1953) überarbeitet und verändert unter anderem Landkarten seit Anfang der 1980er Jahre.

     Meyer, aus Hamburg stammend und in Berlin lebend, bedient sich vorzugsweise der Technik der Zeichnung, ferner der Collage. Das ist in der aktuellen Kunstwelt eher eine Seltenheit. Mit dieser Konzentration hat die ehemalige Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ein vielfältiges Werk hervorgebracht, das mit der Linie als Leitmedium die unterschiedlichen Aspekte, Formen und Materialien des Zeichnerischen erkundet und bis ins Malerische und Objekthafte erweitert.

     Neben Blei- und Farbstift, Kreide und Tinte verwendet Nanne Meyer unter anderem Dispersionsfarbe, Gouache, Lack, und bearbeitet damit Fundstücke des alltäglichen Lebens, wie etwa diverse Formen von Landkarten, Lehrbüchern, Postkarten oder Schablonen und Schnittmuster, die sie in eine eigene Bildrealität transformiert.

 

Nanne Meyer Wir, 2004, Gouache auf Buchseite mit Landkarte 32,2 x 45,4 cm, © Nanne Meyer, Foto: Farbanalyse, Köln

 

Nanne Meyer Zinnober, 2002–2004, Gouache auf Wachspapier, 33 x 24 cm, © Nanne Meyer, Foto: Farbanalyse, Köln

 

Nanne Meyer Vorhänge, 2010 Farbstift auf Dispersionsfarbe auf Makulatpapier, 29,5 x 24,6 cm, © Nanne Meyer, Foto: Farbanalyse, Köln

 

Nanne Meyer Begraute, 1999–2004, Öl- und Wachskreide auf Ansichtskarte 10,5 x 15 cm, © Nanne Meyer, Foto: Patrizia Bach

 

Nanne Meyer Überwurfmutter, 2003, Blei- und Farbstift, Collage auf Papier, 29,7 x 42 cm, © Nanne Meyer, Foto: Patrizia Bach

Zeichnen ist Denken, so wird sie zitiert, und zugleich Arbeit an einem offenen Bildvokabular des Wirklichen und Möglichen. Die Künstlerin: „Zeichnung hat unbegrenzte Möglichkeiten.“

     Meyer entwirft eine instabile Kartografie der Welt, die nichts festlegt und zu keinem Ende kommt, sondern ihre Präsenz und Produktivität gerade aus dem Schwanken, dem Verwandeln, dem Einfügen und wieder Verschwinden gewinnt. So entstehen Serien wie Wandlungen, Luftblicke, Verwischtes, Begraute, Lineament mit Worten und Jahrbücher, die von Prozessen zwischen Linie und Ding, Bild und Sprache handeln.

 

Zu sehen ist diese besondere Form bildender Kunst im Bonner Kunstmuseum unter dem Titel „Gute Gründe“. Die in enger Kooperation mit der Künstlerin realisierte Ausstellung mit Werken aus vier Jahrzehnten reicht bis zu Zeichnungen, die für die Ausstellung entstanden sind. Sie gibt den bisher größten Überblick über ein Werk von erstaunlichem Reichtum, das voller Fantasie der Zeichnung neue Möglichkeiten erschlossen hat.

 

Interessant sind vor allem die alten, oft optisch schönen Kartenmaterialien, die die Künstlerin verändert. Stadtpläne, Seiten aus historischen Atlanten und geografische Rollkarten auf Leinen, wie sie früher noch in so gut wie jedem Klassenraum hingen und zum Träumen von Reisen in ferne Länder animierten.

     Manche sind historisch, denn ihre kartografischen Aussagen sind überholt, völlig veraltet, haben sich partiell verändert oder sind gar überhaupt nicht mehr existent.

     Aus dem einstigen Jugoslawien wurde ein Konglomerat von Kleinstaaten, die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) ist verschwunden, ebenso der „Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR, aus Burma wurde Myanmar, aus Bombay Mumbai, neue Verkehrswege entstehen, sind entstanden und andere haben an Bedeutung eingebüßt.

     Das ist ein Teil der Welt, den sich Nanne Meyer vornimmt und künstlerisch für sich vereinnahmt. Eine Landnahme der besonderen Art. Sie verändert diese kartographierte Welt, indem sie neue Grenzen zieht, andere manipuliert oder verschwinden lässt, ganze Landpartien wegschneidet und im Gegenzug als jenes hervorhebt, markiert und platziert, was in ihren Augen wichtig ist. Ihre „Vogelperspektive“ ist eine Perspektive ohne Legenden.

     Man kann nach dem Sinn solcher offenbar willkürlichen, subjektiven Interventionen fragen. Man kann sich aber auch nur an der Schönheit der Linien- und Symbolballungen erfreuen.
K2M


Die Künstlerin wurde 2014 mit dem Hannah-Höch-Preis ausgezeichnet.

 

Die Ausstellung „Gute Gründe“ wird bis zum 6. Oktober 2019 gezeigt.
Kunstmuseum Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 2
53113 Bonn
Tel. 0228 / 776 260
Öffnungszeiten
DI – SO 11 – 18 Uhr
MI bis 21 Uhr

 

 

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