rheinische ART
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rheinische ART 06/2021

KUNST AUS NRW
Kulturhort Kornelimünster


Den meisten Bürgern dürfte es in den ersten Nachkriegsjahren entgangen sein, dass das neu gegründete Nordrhein-Westfalen (NRW) eine Kunstsammlung bekam. Gemälde und Skulpturen für ein traumatisiertes Land mit katastrophalen Lebensbedingungen?

 

Eingang der Reichsabtei in Kornelimünster mit der Sammlung Kunst aus NRW. Außen hängend: Günther Zins Schwebende Pyramide, Edelstahl, Aluminium, 2012. Foto © rheinische ART 2021

  

Ein Blick zurück auf die Jahre nach Kriegsende 1945 ist hilfreich, um den Vorgang zu verstehen.

     Die Region zwischen Rhein und Weser war ein Trümmerhaufen. Mit der Verordnung „Nr. 46“ der britischen Militärverwaltung sollte ein Land namens „North Rhine-Westphalia“ mit der Hauptstadt Düsseldorf geschaffen werden. Die politische Aktion lief unter dem Codenamen Operation Marriage, beschlossen in London und umgesetzt im Düsseldorfer Repräsentationsbau Stahlhof, der damit zur Geburtsstätte wurde.

 

Der monumentale Stahlhof in Düsseldorf, 1906 als Sitz der „Ruhr-Stahlbarone“ errichtet. 1946 nutzte  ihn die britische Militärregierung als Gründungsort des Landes NRW. Fotoquelle © Landesarchiv NRW

 

75 Jahre ist das nun her. Veröffentlicht wurde „Nr.46“ am 23. August 1946, seither gilt dieses Datum als Landesgeburtstag. Verschmolzen zu NRW wurden damals nicht nur zwei Regionen, sondern auch sehr gegensätzliche Landsmannschaften: Rheinländer und Westfalen.

     Es war weder eine Liebesheirat noch eine Vernunftsehe. Es war aber auch keine wirkliche Zwangsverbindung. Es war eher ein Arrangement unter britischer Ägide – eine Art verordnetes Glück.

 

Ein halbes Jahr später, im Januar 1947, wurde NRW um den Landesteil Lippe erweitert und im April durfte ein Landtag gewählt werden. Das Land erhielt Wappen, Flagge, eine gewählte Regierung unter Ministerpräsident Karl Arnold (CDU) und US-Wirtschaftshilfen, denn die Versorgungslage war noch bis weit in das Jahr 1948 äußerst prekär (mehr). Vorherrschendes Gefühl dennoch: Es geht langsam vorwärts! Und noch etwas erhielt das Volk im Herbst 1948: die besagte eigene Kunstsammlung.

 

Christine Teusch (1888–1968) Die Kölner Lehrerin und Sozialpolitikerin war bis 1933 Abgeordnete der Zentrumspartei im Berliner Reichstag (Foto Oktober 1925). Sie stand in der NS-Zeit dem christlichen Widerstand gegen Hitler nahe. Fotoquelle © Library of Congress Wikipedia pubic domain

 

Das muss oder sollte man zwei Mal lesen. Eine Kunstsammlung? Schließlich war die Not groß und nacktes Überleben stand an erster Stelle.

     Dies galt aber auch für die hier lebenden Künstler! Tatsächlich war für viele von ihnen die neu entstehende Kunstsammlung ein „rettender Strohhalm“ und aus heutiger Sicht ein vorausschauender, überaus weiser Entschluss.

     Denn das behördliche „Kunst sammeln“ war zu allererst ein gezieltes Hilfs- und Förderprogramm für notleidende Maler und Bildhauer, eine Alimentation durch die öffentliche Hand. Zwei Personen leiteten die Unterstützung maßgeblich in die Wege: NRWs erste Kultusministerin Christine Teusch und ihr Ministerialrat Mathias T. Engels.

 

Am 27. Oktober 1948 debattierte der Kulturausschuss des Landtages über die Forderung des Landesberufsverbandes bildender Künstler, dass notleidenden Kunstschaffenden schnell geholfen werden müsse. Teusch brachte den Vorschlag ein, Arbeiten von Künstlern mit Bezug zu NRW zu erwerben, um sie damit unbürokratisch zu unterstützen. Eile war geboten, denn sowohl junge Talente als auch vom NS-Regime verfemte Kreative hatten kaum Chancen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Belastend kamen für alle die Rückkehr aus Gefangenschaft, Kriegstraumata, Mangelernährung und Wohnungsnot hinzu.

 

Gerhard Hoehme Dalmatische Küste, um 1948, Gouache auf Papier (c) VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Foto: Anne Gold. Kgt. 4132, Übernahme 2005, Ostdeutsche Bildersammlung. Fotoquelle © Kunsthaus Nordrhein-Westfalen 2021

 

Sigmar Polke Ohne Titel (Junge mit Zahnbürste), 1965, Dispersion auf Leinwand, 110 x 130 cm, Rasterbild, Kgt. 1845, Ankauf 1972. Exponat aus der aktuellen Ausstellung. Fotoquelle © Kunsthaus NRW Kornelimünster 2021

 

Nach Annahme des Vorschlags durch den Landtag begann Engels 1947 als Referatsleiter zur Förderung der Kunst und Museen mit den Ankäufen.

     Pathetisch gesprochen war dies der Beginn einer neuen Kunstgeschichtsschreibung im Rheinland, ganz praktisch war es die Geburtsstunde der heute als Kunst aus Nordrhein-Westfalen bezeichneten Staatssammlung - und sie ist nicht zu verwechseln mit der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, das ist eine andere Sammlung und eine andere Geschichte! 

     Bei Kunst aus NRW gab es auch noch einen bedeutenden Nebeneffekt: Die Landesbehörden konnten Gemälde und Skulpturen zur Ausstattung ihrer Büros als „Raumschmuck“ ausleihen. Als „Kunst im Kontor“ ging diese Aktion in die frühe Landesgeschichte ein.

     Die Sammlung existiert nun fast so lange wie das Bundesland Nordrhein-Westfalen, das seither kontinuierlich Werke junger Künstler mit Bezug zu NRW erwirbt, um diese dadurch individuell zu fördern.

     Gegenwärtig umfasst die Sammlung über 4000 Werke, davon 1600 Malereien und 550 Skulpturen. Zum Teil handelt es sich um sehr frühe Arbeiten von Malern und Bildhauern, die später auch international zu Ruhm und Ehre gelangten. Zu ihnen gehören Ewald Mataré, Max Ernst, Ernst Wilhelm Nay, die Zero-Gruppe, Konrad Klapheck, Joseph Beuys, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Katharina Sieverding, Bernd und Hilla Becher, Andreas Gursky, Gregor Schneider, Katharina Grosse und 362 andere.


Der Bogen an Schaustücken spannt sich von Landschaftsgemälden und Stillleben, informeller Malerei der Fünfziger, explizit politischer Kunst der Sechziger- und Siebzigerjahre, über die Fotografie bis hin zur Digitalisierung mit medialen Experimenten in der Kunst der Gegenwart.

     Die Kollektion ist damit ein einzigartiges Spiegelbild der hiesigen Kunstszene und der Kunstgeschichte des Landes, deren weltweit bekannte Protagonisten - wie unter anderen Beuys, Mack, Polke, Richter oder Uecker - auch die internationale Entwicklung der Kunst seit 1945 in hohem Maße beeinflussten.


Seit 1976 ist die Sammlung Kunst aus NRW in der ehemaligen Reichsabtei im historischen Ortskern des Aachener Stadtteils Kornelimünster untergebracht. Spätestens seit den Siebzigern war Politkern und Kunstkennern klar: Es musste für den großen Kunstbestand ein zuverlässiges Depot gefunden werden - zumal einzelne Arbeiten, damals ungeahnt, Millionenwerte erreichten.
     Die repräsentative alte Reichsabtei bot sich an und wurde als Kunsthaus NRW zum Hort neuer und aktueller Kunst in geschichtsträchtigen Gemäuern. Es ist ein überaus bemerkenswerter Standort.

 

Historische Darstellung der Abtei Kornelimünster, Wandmalerei einer Jagdszene vor der Abtei Kornelimünster, 18. Jhd. (c) Foto: Bildarchiv Monheim Fotoquelle © Kunsthaus Nordrhein-Westfalen 2021

 

Über 1000 Jahre Geschichte: Probsteikirche St. Kornelius. Die anfänglich reine Mönchskirche wurde im Mittelalter zur Pilgerstätte. Foto © rheinische ART 2021

 

Das Kloster geht auf eine Gründung des französischen Mönchs Benedikt von Aniane 814 zurück, es beherbergte später die Reliquien des heiligen Kornelius.

     Die prächtige Klosterresidenz, das heutige Ausstellungshaus, ließ ab 1721 Abt Alfons Hyazinth Graf von Suys errichten. Die erhaltenen barocken Deckengemälde und Stuckaturen zeugen vom Machtanspruch des Klostervorstehers. Unter Napoleon wurde das Kloster 1802 säkularisiert (mehr) und an den Aachener Bürgermeister und Fabrikanten Johann Jakob Kolb veräußert. Der installierte darin eine Tuchfabrik und ließ alle religiösen Motive übermalen.

     1874 erwarb Preußen die Klosteranlage und richtete dort eine königlich preußische Lehrerakademie ein. Während der NS-Zeit führte ab 1936 der Kreis Aachen Regie und nutzte die ehemalige Abtei als Heimatmuseum. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm NRW die Immobilie, setzte sie instand und vermietete sie zunächst an ein Bundesarchiv, bis letztlich ab 1976 die landeseigene Kunstsammlung dort ihr Domizil fand.

 

Blick in die Ausstellung: inszenierungen des zeigens - Heiligtums-Truhe mit sieben Schlössern von 1076, Deutschlands älteste Truhe, und liturgische Gewänder, 18. Jh., Propsteigemeinde St. Kornelius, Ausstellungsansicht, Kunsthaus NRW 2021, Foto: Carl Brunn Fotoquelle © Kunsthaus Nordrhein-Westfalen 2021


Anlässlich des 300. Jubiläums der Barockresidenz zeigt das Haus eine Schau, die sich mit der Geschichte des prächtigen Abteibaus befasst. Präsentiert werden in der Exposition „inszenierung des zeigens“ die Ergebnisse einer bauhistorischen Untersuchung des Objekts, die vom Lehrstuhl für Architekturgeschichte der RWTH Aachen durchgeführt wurde. Kernaussage der Wissenschaftler: Die Klosterresidenz in Kornelimünster wurden einst als eine „Architektur des Zeigens“ entworfen. Sehenswert!
cpw


Das Land NRW erwirbt seit seiner Gründung Werke junger Künstler für die Sammlung Kunst aus NRW. Grundbedingung ist ein Studienabschluss an einer der Kunsthochschulen NRWs oder ein Wohnsitz im Land. Seit 2015 recherchiert und entscheidet jährlich eine dreiköpfige Fachkommission über die neuen Ankäufe.


Die Ausstellung „inszenierungen des zeigens – Zur Geschichte und Gegenwart der Klosterresidenz Kornelimünster“ kann bis zum 12. September 2021 besucht werden.
Kunsthaus Nordrhein-Westfalen Kornelimünster
Abteigarten 6,
52076 Aachen 7 Kornelimünster
Tel 02408 6492
Öffnungszeiten:
DO bis SA 12 – 18 Uhr
SO 12 – 18 Uhr

 

Pandemiebedingte Zeitfenster für Besuche sind zu erfragen.

 

 

 

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