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rheinische ART 10/2021

PICASSO
Der privilegierte Kommunist


Wer an den berühmtesten Künstler des 20. Jahrhunderts denkt, kommt nicht unbedingt auf den Gedanken, der Mann habe eine merkwürdige, ja widersprüchliche Seite. Nämlich die eines politischen Aktivisten.

 

Pablo Picasso Massaker in Korea, 1951 Musée national Picasso-Paris, © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: bpk/RMN-Grand Palais/ Mathieu Rabeau

 

Dass er ein offenbar zutiefst in der Wolle gefärbter Vertreter der kommunistischen Ideale war, mag manche überraschen, ist aber nicht neu. Und dass er im besetzten Paris ab 1941 – da war er schon ein Star und von den deutschen Besatzern als „entarteter Maler“ erkennungsdienstlich erfasst – ohne größere Probleme zu leben und sich zu arrangieren verstand, ist oft diskutiert worden (mehr).

 

Pablo Picasso Kopf einer lesenden Frau, 1953, Museum Ludwig, Köln, © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv, Köln

 

Picasso signiert Mitgliedern der Freien Deutschen Jugend (FDJ) von ihm gestaltete Tücher auf dem internationalen Jugendkongress in Nizza 1950. Die FDJ war die größte Jugendorganisation in der DDR. Bis zum Verbot 1951 bestand sie auch in Westdeutschland, © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

 

Es war im Nachkriegsfrankreich à jour, der kommunistischen Partei beizutreten. Pablo Picasso (1881–1973) tat dies, wohlweislich nach der Befreiung der Hauptstadt im Herbst 1944, wie viele französische Intellektuelle auch.
     Aber anders als die meisten von ihnen trat er nicht wieder aus, sondern blieb lebenslang formal ein überzeugter Genosse. Sein Beitrittsgrund: Die Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg waren für ihn „die guten Leute“.

     Angesprochen auf Parteitreue, unkritische Haltung und seine Geburtstagsprosits auf den brutalen Russlandherrscher Stalin, konterte er: Man wüsste doch schließlich, dass man immer mit der eigenen Familie die größten Scherereien habe. Das und einiges mehr erfährt man in der Ausstellung „Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR“ im Kölner Museum Ludwig.

 

Es ist ein mutiger, interessanter wie politischer und eigentlich längst überfälliger Blick, den das Haus auf Picasso bietet. Die Ausstellung geht nämlich der Frage nach, was die Deutschen in Ost und West in der Nachkriegszeit mit dem Künstler verbunden hat, als dessen Ruhm auf dem Höhepunkt war.
     Es darf vermutet werden, dass die Schau trotz des Magnetnamens Picasso kein Blockbuster wird. Die eher rustikal arrangierte Präsentation zeigt, im ersten Moment etwas verwirrend, zwischen und an hohen Holzgestellen riesige Fototapeten und eine Fülle von Dokumenten und Faksimiles sowie 40 Originale. Sie verdeutlichen, wie sich Pablo Picasso in Zeiten des Klassenkampfs und des Kalten Kriegs als Galions- und Projektionsfigur in der Bundesrepublik und der DDR eignete. Denn für sich vereinnahmt haben ihn beide politischen Systeme. Das wird eindrucksvoll belegt.

     Und es ist klar: Hier geht es nicht allein um den Künstler und Menschen Picasso, sondern um sein Publikum, dass sich im kapitalistischen Westen und im sozialistischen Osten seine Kunst denkbar verschieden zurechtlegte. Der deutsche Picasso war ein geteilter und zerteilter, wie Kuratorin Julia Friedrich betont.

 

Theatervorhang (links) aus dem Berliner Ensemble, auf den Bertolt Brecht „die streitbare Friedenstaube meines Bruders Picasso“ malen ließ (rechts). Fotoreproduktion: Im Zuschauerraum des Berliner Ensembles, Theater am Schiffbauerdamm, 1957, © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: bpk/Will McBride. Foto Installationsansicht © rheinische ART 2021

 

1956 wurde die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) im Westen verboten. Im selben Jahr zeigte die Hamburger Kunsthalle das berühmte Picasso-Gemälde Guernica in der ersten westdeutschen Retrospektive. Das öffentliche Interesse war riesengroß. Die bundesdeutsche Kulturszene hielt Picasso allerdings für einen Modelinken, der im Kapitalismus millionenschwer kassierte und verbuchte dessen kommunistisches Engagement lediglich als temporäre Marotte.

     Die Boulevardpresse berichtete lieber über sein privilegiertes Leben, seine Herzens-Affären, den Reichtum und Luxus in der Villa „California“ in Cannes. DER SPIEGEL widmete dem Künstler im Dezember 1956 eine Titelgeschichte und wollte „einem Mann auf die Schliche kommen“, der nahezu seit Beginn des Jahrhunderts weltweit Gesprächsstoff lieferte. Sein Politikverständnis allerdings wurde als naiv belächelt.
     Das Urteil hielt sich über Jahre. Noch 1976 verstieg sich der Gottvater des rheinischen Kunstkosmos, der Direktor der Kunstsammlung NRW Werner Schmalenbach, vermutlich trotz besseren Wissens zu der Wertung, Picasso sei ein Revolutionär der Form, doch „sein Werk ist unpolitisch“ und gesellschaftskritische Aussagen die „Ausnahme“ in seiner Kunst. Auch die Picasso-Lebensgefährtin und Malerin Françoise Gilot spielte in der Biografie „Leben mit Picasso“ (1965) dessen politische Überzeugung herunter und stellte ihn als Egoisten, Macho und Geldgierigen heraus.

 

Installationsansicht Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und DDR, Museum Ludwig, Köln 2021, Ausstellungsgestaltung: Eran Schaerf © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

 

Tuch der französischen Delegation der Weltjugendfestspiele in Ost-Berlin, nach einem Entwurf von Picasso, 1951. Stiftung Deutsches Historisches Museum, Exponat in der Ausstellung. Foto © rheinische ART 2021 (Berlin © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: bpk/Deutsches Historisches Museum/Sebastian Ahlers)

 

Plakat für den Weltkongress für allgemeine Abrüstung und Frieden in Moskau, 1962. Sammlung Lempert © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln/Patrick Schwarz

 

Pablo Picasso selbst betonte, wie es in der Ausstellung heißt, „Politik und Kunst gehörten deshalb zusammen, weil der Künstler nicht in der Kunst, sondern in der Welt lebe“.

     Zensiert wurde der staatenlose Spanier im Westen in der Adenauer-Ära wie im Osten unter dem „Staatsratsvorsitzenden der Deutschen Demokratischen Republik“, Walter Ulbricht.

     So verhinderte in Berlin-West der Senat 1952 eine Grafik-Ausstellung, da Picasso zu „östlich orientiert“ sei. In Berlin-Ost beschlagnahmte das SED-Regime eine Picasso-Buchauflage, weil sie nur die „formalistischen Arbeiten dieses revolutionären spanischen Künstlers“ enthielt.

     Lange wurde im „Arbeiter- und Bauernstaat“ Picassos Kunst als „widernatürlich“ tituliert, andererseits sein politisches Engagement gelobt.

     Vor allem gefiel dem real existierenden Sozialismus ab Ende der 1960er Jahre Picassos Taubenmotiv so gut, das es zum Friedenssymbol schlechthin avancierte. Der Meister sah alles nüchterner. In einem Interview sagte er in Sachen Taube, dass er „um des Malens willen“ male und so wenig wie ein kommunistischer Schuster auf Bedeutungen abziele. Aber eine Verbindung zwischen Kunst und Politik, die gebe es schon: „Ich lege es nur nicht auf sie an, das ist alles.“

 

Obwohl sein Werk in der DDR kaum zu sehen war, verlief dort die Debatte über ihn lebhafter als in der Bundesrepublik, ist in der Schau zu lesen. Außerdem wurde die innerdeutsche Grenze häufig überschritten und das sei auch Teil der Geschichte des Museum Ludwig. Denn letztlich zählten die Eheleute Ludwig zu den frühen westlichen Ostkunst-Sammlern überhaupt (mehr).

     War er nun ein unpolitisches Genie, zum „Geheimnis Picasso“ stilisiert? War er politisch in seiner Wahrnehmung getrübt und mit einer Sehbehinderung auf dem linken Auge gestraft? Welche Werke wurden im Sozialismus, welche im Kapitalismus gezeigt? Wie wurde der Maler vermittelt? Sah der Westen die Kunst, der Osten die Politik? Was sah der Künstler eigentlich selbst? Viele Fragen mit interessanten Antworten.
     „Der geteilte Picasso“ untersucht das Bild, das sich hüben und drüben aus Picassos Bildern machen ließ. Einen Schwerpunkt bildet die Picasso-Sammlung von Peter und Irene Ludwig, noch heute eine der umfangreichsten weltweit. Man muss sich Zeit für diese unkonventionelle Präsentation im Museum Ludwig nehmen, es lohnt sich durchaus.
cpw


Die Ausstellung zeigt zahlreiche politische Werke, etwa das Gemälde Massaker in Korea (1951, siehe oben) aus dem Pariser Musée Picasso. Neben sie treten rund 150 Exponate, die Picassos Werk in seinen Wirkungen spiegeln: Ausstellungsansichten, Plakate und Kataloge, Presseberichte, Briefe, Akten, Filme und Fernsehberichte, außerdem ein Theatervorhang aus dem Berliner Ensemble.


► Im Jahre 1977 stellte das Sammlerehepaar Irene und Peter Ludwig der Nationalgalerie der DDR Teile seiner Kunstsammlung zur Verfügung, darunter auch Picasso-Werke. Sie waren bis 1990 im Alten Museum in Ostberlin zu sehen.


► Der Dokumentarfilmer Peter Nestler (*1937) drehte für die Ausstellung 2020 den Film Picasso in Vallauris, um das Wandgmälde Krieg und Frieden von 1952  in die Schau zu bringen. Der Film geht von Picassos Produktion, seinen Beziehungen und politischen Verbindungen aus und blickt von dieser Vergangenheit her auf die Menschen, die heute in Vallauris leben. Link zu Film hier


Die Ausstellung „Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und DDR“ kann bis zum 30. Januar 2022 besucht werden.
Museum Ludwig
Heinrich-Böll-Platz
50667 Köln
Tel. 0221 / 221 26165
Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 18 Uhr
Jeden ersten Donnerstag im Monat 10 – 22 Uhr


Zitate teilweise aus: DER SPIEGEL 52/25.12.1956 Das Unvollendete.

 

 

 

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