rheinische ART
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rheinische ART 10/2020

PIKTOGRAMME
Zeichen einer neuen Zeit

 

Es sind Tausende von Zeichen, die unser Leben ständig begleiten – Lebenszeichen sozusagen. Vielfach unbekannt: Die modernen Bildsymbole existieren bereits seit über 100 Jahren.

 

Gerd Arntz Mitropa, Holzschnitt, 1925, Grafik im Stil des reduzierten Realismus für die 1916 gegründete „Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft“. Neurath sah die Darstellung 1926 auf der Gesolei in Düsseldorf. Fotoquelle © Gerd Arntz Web Archive (Niederlande) 2020

 

Das ist ebenso erstaunlich wie bemerkenswert. Dass die heute global als Piktogramme oder Icons bekannten, ästhetisch oft ansprechenden Zeichen ihre Wurzeln im Rheinland hatten: Hätten Sie´s gewusst?

     Genau genommen in Köln. Denn im Dunstkreis der hochkreativen sogenannten „Kölner Progressiven“ der Zwanzigerjahre entstanden die ersten Darstellungen dieser Art. Es war eine Mischung aus Gewerbegrafik und Kunst. Einer der Hauptakteur der damaligen modernen Bildgestaltung: der Remscheider Grafiker und Künstler Gerd Arntz (1900–1988).

 

 

Statistik oder Kunst? Die von Gerd Arntz entwickelten Piktrogramme für die „Wiener Methode“ schwankten zwischen Gebrauchsgrafik und ästhetischem Anspruch. Piktogramm Darstellung für Veränderungen in der Arbeitswelt: Otto Neurath Our Jobs Change. Bildquelle © R. Modley, 1937/1952, Pictographs and Graphs

 

Robert Scheers Portrait Gerd Arntz 1982. Der deutsche Grafiker und Illustrator lebte bis zu seinem Tode 1988 in Den Haag. Fotoquelle Wikipedia Foto © Haags Gemeentearchief/Nederland Nr. 1.60185

 

Eine Ausstellung zum Thema Piktogramme war hierzulande längst überfällig. Das Dürener Leopold-Hoesch-Museum hat sich nun einer derartigen Präsentation angenommen und zeigt aktuell in einer sehenswerten Schau alles, was sich um die standardisierten Bilddarstellungen rankt.

     Die Ausstellung "Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis: Die Gesellschaft der Zeichen" geht der Frage nach, mit welchen Überlegungen, Zielsetzungen und Hoffnungen die Entwicklung moderner Bildzeichensprachen einschließlich der heute so populären Emojis verbunden ist.

     Die Kuratoren fragen: Auf welche Probleme ihrer Zeit reagierten die Grafiker mit ihren Bildwerken jeweils? Erweiterten sie die Ausdrucksmöglichkeiten oder schränkten sie diese durch die Festlegung von Stereotypen ein?


Der Rheinländer Gerd Arntz, dem die Dürener Schau breiten Raum gewährt, ist als Wegbereiter der neuen graphischen Darstellungsform in die Geschichte eingegangen. Vor allem wurden seine didaktischen Ideen in der mit dem Wiener Nationalökonomen, Soziologen und Philosophen Otto Neurath entwickelten Bildersprache ISOTYPE verwirklicht (Zum Thema ISOTYPE und Lebensweg von Gerd Arntz mehr).

 

Das Team um Neurath schuf eine revolutionäre klare Bildpädagogik, eine Bildstatistik, die als „Wiener Methode“ die Grundlage für viele der heute geläufigen Piktogramme bildete.

     Mit ISOTYPE wurden etwa volkswissenschaftliche Daten mit auch komplexen Sachverhalten denjenigen Menschen vermittelt, die des Lesens nicht mächtig waren. Es war der Schritt hin zu einer Art Volkserziehung durch Bilder. Denn Neurath vertrat die Auffassung, dass mit Beginn des Lernens Bilder hilfreicher seinen als Worte. Oder wie er es ausdrückte: „Worte trennen – Bilder verbinden.“

 

Positive Emojis wie das „Gesicht mit Freudentränen“ sind in Deutschland am beliebtesten. Es folgen: Gesicht das einen Kuss sendet, lächelndes Gesicht mit herzförmigen Augen und lächelndes Gesicht mit lächelnden Augen Bildquelle © SmileyBedeutung 2020: Smile MVB Strategies LLC

 

Gerd Arntz Holzschnitt aus der Serie „Zwölf Häuser unserer Zeit“. 1927/1973. Arntz entwarf Graphiken und Bildfolgen, die bereits damals durch ihren piktogrammartigen Stil und eine klare politische Botschaft auffielen. Bildquelle © the-saleroom.com

Agentur Stiehl/Over/Gehrmann Weiterentwicklung von Aicher-Piktogrammen. Motiv: „Abstand halten“ (weitere "Hände waschen", "Mundschutz tragen"). Lizenzvergabe. In der Nachfolge von Otl Aicher verantwortet die Osnabrücker Agentur das weltweit verbreitete Piktogrammsystem des berühmten Designers. Bild © Agentur Stiehl/Over/Gehrmann 2020

 

Nach wie vor ist es erstaunlich, dass die Urheber der neuen Bildsprache, also Otto Neurath und Gerd Arntz, namentlich kaum in der Öffentlichkeit präsent sind. Zwar liegen Neuraths Abhandlungen über seine ISOTYPE gelegentlich in Museumsshops aus, jedoch bis heute nicht in deutscher Sprache.
     Zahlreiche weitere Künstler arbeiteten und entwickelten die neue Zeichensprache im Sinne der Pioniere Arntz und Neurath weiter, wie die Ausstellung überaus eindrucksvoll zu vermitteln weiß. Darunter der japanische Grafikdesigner Yukio Ota, der deutsche Gebrauchsgrafiker Wolfgang Schmidt oder der für seine „soziale Grafik“ im figurativ-konstruktivistischen Stil bekannte tschechische Künstler Augustin Tschinkel, der zeitweise zum Kreis der Kölner Progressiven gehörte.

 

Ein markantes Beispiel ist vor allem der Gestalter und Grafikdesigner Otto „Otl“ Aicher (1922–1991), der 1953 die Hochschule für Gestaltung Ulm gründete. Aicher ist Schöpfer der legendären Piktogramme für die Olympischen Spiele 1972 in München. Sie gelten als Meilensteine der Designgeschichte und sind längst fester Bestandteil der täglichen Kommunikation.

     Dass sich sein stilistisches Wirken bis in die Gegenwart auswirkt, zeigt sich an Aichers Hygiene-Piktogrammen, mit denen aktuell in Lizenzvergabe drei neue Motive zur Covid-19-Pandemie in die Öffentlichkeit gebracht worden sind.

     Die Ausstellung zeigt ferner die enge Verflechtung der deutsch/europäischen Piktogrammkunst mit der in Japan. Denn ab dem Jahr 2000 interessierten sich die ersten japanischen Mobilfunkanbieter für die Entwicklung von Bildzeichen, die zunächst als Kaomojis – als wörtlich Gesichts-Zeichen – dann als Emojis mit Merkmalen der Manga-Kultur (mehr) zu weltweit genutzten Symbolen wurden.
cpw

 

► Die „Gruppe progressiver Künstler“ oder „Kölner Progressive“, wie sie kurz genannt wurden, war eine avantgardistische, sozialkritische und lose Gruppe von bildenden Künstlern, Grafikern, Architekten und Intellektuellen der Weimarer Republik von 1919 bis 1933. Ihre Hauptvertreter: die Maler Franz Wilhelm Seiwert und Heinrich Hoerle (mehr) sowie der Fotograf August Sander (mehr). Die Gruppe wird gemeinsam mit Dada Köln (mehr) und dem Jungen Rheinland (mehr) zu den bedeutendsten künstlerisch-politischen Bewegungen am Rhein während der Zwischenkriegszeit gerechnet. Kasper König, Direktor des Kölner Museum Ludwig, bezeichnete anlässlich einer Retrospektive 2008 die Kölner Progressiven als „Kölns wichtigsten Beitrag zur Kunst der Weimarer Zeit.“


► Zu der von Otto Neurath entwickelten „Wiener Methode der Bildstatistik“ besteht eine Sammlung mit Bildstatistiken, Broschüren, Fotos sowie dem Atlas „Gesellschaft und Wirtschaft“ im Wiener Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums. Der Atlas ist Exponat in der Dürener Ausstellung.


Die Ausstellung Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis: Die Gesellschaft der Zeichen ist bis zum 7. Februar 2021 zu sehen.

Leopold Hoesch Museum
& Papiermuseum Düren

Hoeschplatz 1
52349 Düren
Tel +49 (0) 2421 252561
Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 17 Uhr
DO 10 – 19 Uhr

 

 



 

 

 

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