rheinische ART

rheinische ART 08/2016

MUSEUM KURHAUS KLEVE
Realitäts-Verrückung

 

„Wer nicht denken will, fliegt raus – Handlungsanweisungen nach Beuys“. Wenn es um den Übervater der rheinischen Künstlerschaft mit internationaler Nachhaltigkeit, eben um Joseph Beuys, geht, ist auch die Wortwahl schon mal sehr plastisch.

 

Alice Channer Burial, 2016, Aluminium-Bronze, Glasfaserbeton, Cortenstahl, Polystyrol Regranulat, Maße variabel, Courtesy die Künstlerin und Konrad Fischer Galerie, Berlin, Foto: Roman März

 

Die Ausstellung „Wer nicht denken will, fliegt raus – Handlungsanweisungen nach Beuys“ im Museum Kurhaus Kleve möchte als reflexiver Kommentar zur der zweiten, im Haus gezeigten Schau „Joseph Beuys – Werklinien“ verstanden werden und versammelt in Form von Künstlerräumen neun Positionen der Gegenwart, die sich auf je eigenständige Weise auf Aspekte des Erweiterten Kunstbegriffs beziehen.

 

Thea Djordjadze Installationsansicht, As sagas sa, dOCUMENTA 13, Kassel, 9. Juni –16. September 2012 © Thea Djordjadze / VG-Bildkunst, Bonn 2016, Courtesy Sprüth Magers, Foto: Jochen Arentzen

 

Der Erweiterte Kunstbegriff, den Beuys prägte, ist per Definition kaum zu fassen. Erklärungen gibt es viele und ein jeder darf sich der Inhaltsdeutung bedienen, die ihm zupass kommt. Nichts ist falsch und alles ist richtig gipfelt in der Aussage „Jeder Mensch ein Künstler“. In den sechziger und siebziger Jahren, in denen bedeutende gesellschaftliche Umwälzungen stattfanden, war Beuys unstrittig eine treibende Kraft, die tradierte Regeln und Normen nicht nur hinterfragte sondern vieles für die Zukunft verwarf. Auch die gesellschaftliche Rolle des Künstlers war von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Kunst kam nicht mehr zwangsläufig von Können.
     Unzählige Diskussionen und philosophische Betrachtungen bestimmen seitdem diesen Prozess, der bis heute andauert. Treffend hierzu erscheint der Gedanke eines namhaften Bildhauers, der sagte: „Künstler produzieren 'Kunst', aber was Kunst ist, entscheidet der Betrachter selber.“

 

Noch vor Beginn der Schau „Wer nicht denken will, fliegt raus – Handlungsanweisungen nach Beuys“ schrieb das ausstellende Haus: „Der titelgebende Ausspruch von Beuys, der durch eine Postkartenedition große Verbreitung fand, fungiert dabei als leitmotivisches Band zwischen den über drei Etagen verteilten Räumen und richtet sich zugleich als ironisch gebrochene Erwartungshaltung ans Publikum. So finden sich eine Vielzahl an Referenzen, die um spezifische Materialien ebenso kreisen wie um grundsätzliche Modelle von Kreativität und gesellschaftlicher Verortung.

     Dabei ist zu erwarten, dass sich die Strenge einer konkreten Zielvorgabe, wie sie das Wort Handlungsanweisung impliziert, in den meisten Fällen als Reflexion über sichergeglaubte Gewissheiten darstellen wird.

 

Krištof Kintera Revolution, 2005, Kinetische Skulptur: elektromechanisches System, Mikrochip Controller, Metallkonstruktion, Polyurethan, Kleidung, etc. 100 x 40 x 35 cm Courtesy Jiri Svestka Gallery Prague / Berlin

 

Wie schon Beuys selbst – der durch den hinzugefügten Stempelaufdruck sich selbst jede bequeme Rechthaberei gegenüber anderen in eine unablässige Selbstbefragung zu transformieren wusste – werden auch die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler auf die komplexen Herausforderungen der aktuellen Weltlage nicht mit tagespolitischen Statements, sondern mit Angeboten der Infragestellung jedes status quo reagieren. Deutlich ablesbar wird der geistige Epochenumbruch zwischen dem Zeitalter der Avantgarden, das Beuys exemplarisch repräsentiert, und dem heutigen Kontinuum der postmodernen Simulation sein ... Insgesamt zielt die Ausstellung auf eine lebendige und partizipative Erfahrung der heutigen Kunstpraxis mit visuellen, akustischen, taktilen und geistigen Mitteln. Sie bietet keine Lösungen an, sondern macht Realitäts-Verrückungen auf inspirierende Weise erfahrbar.“

Beteiligte Künstler sind: Olga Balema (*1984, Ukraine), Alice Channer (*1977, Großbritannien), Thea Djordjadze (*1971, Georgien), Harm van den Dorpel (*1981, Niederlande), Krištof Kintera (*1973, Tschechisch Republik), Martin Kippenberger (1953–1997, Deutschland), Hito Steyerl (*1966, Deutschland), Barthélémy Toguo (*1967, Republik Kamerun), Erwin Wurm (*1954, Österreich). Kuratoren sind Heinrich Dietz (*1980, Deutschland) und Harald Kunde (*1962, Deutschland).

 

Plakat zur Ausstellung

 

Die Ausstellung „Joseph Beuys – Werklinien“ wartet mit einigen Besonderheiten auf. Dass Beuys viele Jahre lang ein Atelier im damaligen Kurhaus in Kleve unterhielt, ist hinlänglich bekannt. Seit 2012 ist dieser Teil des Hauses fertig saniert und für die Öffentlichkeit zugänglich (mehr). Allerdings schafften es die Ausstellungsmacher, dass einige der berühmten Werke Beuys hier an ihren Ursprungsort temporär zurückkommen konnten. Dazu zählt das Büdericher Ehrenmal, das von nicht wenigen als das wohl bedeutendste Werk des Künstlers bezeichnet wird.

 

Joseph Beuys Das Kreuz des Büdericher Ehrenmals im Alten Kirchturm in Büderich, 2009 © Photographie: Werner J. Hannappel, Essen © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys und Werner J. Hannappel 

 

Joseph Beuys Ein Flügel des Tors und das Kreuz des Büdericher Ehrenmals im Alten Kirchturm in Büderich, 2009 © Photographie: Werner J. Hannappel, Essen © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys und Werner J. Hannappel

 

Büdericher Ehrenmal Hierbei handelt es sich um das wohl monumentalste Werk von Joseph Beuys, das in seinem Atelier im Klever Kurhaus entstanden ist. Es nimmt in seinem Oeuvre eine singuläre Position ein. Zum ersten Mal nach über fünfzig Jahren sind wieder alle drei Teile dieses Werks – das Kreuz und die beiden Flügel des Tores – an seinen Entstehungsort zurückgekehrt. Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass es das einzige Mal sein wird, dass eine Präsentation möglich ist, da die Ausleihe dieses normalerweise fest installierten Mahnmals nur im Zuge einer umfassenden Konservierungs- und Reinigungsmaßnahme realisiert werden konnte.

     „Joseph Beuys“, beschreibt das Haus eine andere Geschichte weiter, „hat in seinem Oeuvre zahlreiche Erfahrungen und Erkenntnisse aus seiner Jugendzeit in Kleve verarbeitet. Schon früh war er von der historischen Figur des Barons Jean Baptiste Cloots fasziniert, der 1755 auf Schloss Gnadenthal unweit des Museum Kurhaus Kleve geboren wurde und sich später 'Anacharsis Cloots' nannte. Cloots ging im Umfeld der französischen Revolution nach Paris und profilierte sich dort als 'Orateur du Genre Humain' (Redner des Menschengeschlechts). Beuys empfand ihn als revolutionären Bruder im Geiste und nahm in seinem Werk immer wieder Bezug auf ihn, insbesondere auf sein heroisches Ende 1794 unter der Guillotine. Cloots‘ abgeschlagener Kopf ist auch Teil einer der berühmtesten Installationen von Joseph Beuys, der sogenannten 'Straßenbahnhaltestelle', die sich heute im Kröller-Müller Museum, Otterlo befindet.“ Auch diese Arbeit ist in Kleve zu sehen.
Irmgard Ruhs-Woitschützke / rART

 

Die Ausstellung „Wer nicht denken will, fliegt raus – Handlungsanweisungen nach Beuys “ ist bis zum 18.09.2016 und die Ausstellung „Joseph Beuys – Werklinien“ bis zum 04. 09.2016 zu sehen.
Museum Kurhaus Kleve
Tiergartenstraße 41
47533 Kleve
Tel. 02821 / 75010
Öffnungszeiten
DI – SO 11 – 17 Uhr

 

 

 


 


 

 


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