rheinische ART
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rheinische ART 10/2021

VAN GOGH
Der verschwundene Weizenstapel

 

Am 11. November wird in New York bei Christie´s ein seit 1945 verschollenes van Gogh-Aquarell versteigert. Erwarteter Erlös: bis zu 30 Millionen US-Dollar. Die frühen Spuren des Kunstwerkes führen nach Köln.

 

Vincent van Gogh Meules de Blé (Weizenstapel), Aquarell von 1888. Foto © Christie's Images Limited 2021

 

Wie ist das möglich? Man muss weit zurückblicken, um die Provenienz des Aquarells „Der Weizenstapel“ (Meules de Blé) zu ergründen und die Besitzerkette aufzudecken.

      Dabei kommt ein Name zum Vorschein, an den in Köln eine Straßenbezeichnung erinnert: Dr. Max Meirowsky (1866–1949). Der aus Ostpreußen stammende Industrielle war um 1890 in die Domstadt gekommen und gründete 1893/94 die Isoliermaterialfabrik Meirowsky & Com..

     Das erfolgreiche Unternehmen produzierte zunächst in Köln-Ehrenfeld Lampenzylinder für „Auersche Gasglühlichter“, später am Standort im Stadtteil Porz; 1910 wurde es in eine Familien-Aktiengesellschaft umgewandelt.

 

Dr. Ing. e.h. Max Meirowsky, Industrieller, Kunstsammler und Stifter. Fotoquelle © Horst A. Wessel, Die Firma Meirowsky & Co., in: Rechtsrheinisches Köln. Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde, 1992

 

Vincent van Gogh Porträt von Camille Roulin, 1888, 63,5 x 54 cm, Öl auf Leinwand, Bildquelle © Museu de Arte de São Paulo, São Paulo

 

Vincent van Gogh Weizenstapel in der Provence, 12./13. Juni 1888, Öl auf Leinwand, 73,5 x 93 cm. Foto © Kröller Müller Museum Otterlo

 

Schon zehn Jahre zuvor hatte Meirowsky auf der Pariser Weltausstellung eine Auszeichnung erhalten. Dort war ihm die Goldmedaille für die Entwicklung von Isolierstoffen verliehen worden.

     Max Meirowsky trat auch vielfältig sozial und kulturell in Erscheinung. 1918 richtete er in Köln eine Stiftung für versehrt heimkehrende Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg ein. Das Kunstgewerbemuseum der Stadt erhielt ein gestaltetes Fenster des Glasmalers Johan Thorn Prikker (mehr), das der Künstler dem Fabrikanten geschenkt hatte.

     Bemerkenswert auch Meirowskys Engagement bei der „Deutschen Werkbundausstellung“ in Köln 1914 (mehr), an der unter anderem der Gestalter Peter Behrens (mehr) und Thorn Prikker beteiligt waren. Meirowsky zählte zu jenen vermögenden Kölner Bürgern, die der städtischen Kunstszene nahestanden und die im Werkbund-Katalog als „Garantiezeichner“ für die Stadt und den Provinzial-Verband Rheinprovinz gelistet wurden.

 

Der kunstaffine Kölner Unternehmer erwarb 1913 das Aquarell „Weizenstapel". Er besaß bereits zu diesem Zeitpunkt eine Impressionismus-Sammlung, darunter das van Gogh-Gemälde Portrait of Camille Roulin (1888), derzeit im Museum of Art, São Paulo.

     Das Aquarell Meules de Blé entstand Anfang Juni 1888, als Van Gogh in Arles lebte (mehr). Es handelt sich um eine Studie, die kurze Zeit später zu einem Ölgemälde desselben Themas führte, das sich heute im Kröller-Müller-Museum in den Niederlanden befindet.


Max Meirowsky zog 1925 nach Berlin-Charlottenburg. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er als Jude verfolgt und floh 1938 nach Amsterdam.

     Dort vertraute er den „Weizenstapel" Paul Graupe an, ein deutsch-jüdischer Kunsthändler, der damals in Paris arbeitete. Dieser veräußerte das Aquarell an Alexandrine de Rothschild, Mitglied einer jüdischen Bankiersfamilie.

     Als der Zweite Weltkrieg begann, floh die Besitzerin ohne das Werk in die Schweiz. Das Aquarell wurde nach der deutschen Besetzung Frankreichs von den Nazis beschlagnahmt. 1941 gelangte es in das Museum Jeu de Paume, eine NS-Sammelstelle für Raubkunst des berüchtigten „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ (ERR mehr). Später gelangte es in das Schloss Kogl in Oberösterreich.

 

Edwin L. Cox in seinem Haus mit Gustave Caillebottes Gemälde „Jeune homme a sa fenetre". Foto © Christie´s Images Limited 2021

 

Der Weg des Kunstwerks nach dem Krieg bleibt unklar. 1978 befand es sich offensichtlich in der Galerie von Wildenstein & Co. in New York, die es an den Texanischen Ölgeschäftsmann und Kunstsammler Edwin L. Cox (1921– 2020) verkaufte. Der hängte den van Gogh-Neuerwerb im Salon seiner Villa in Dallas auf.

     Zu dieser Zeit blieb sein Besitz allerdings ein Geheimnis, das nur seiner Familie und engen Freunden bekannt war. Nach Cox´ Tod im vergangenen Jahr arrangiert Christie's den Verkauf der Cox-Kunstsammlung und die Frage nach dem Status vom Aquarell „Weizenstapel" wurde dringend, da es unmöglich gewesen wäre, die Papierarbeit zu veräußern, wenn es Ansprüche aus der Nazizeit gegeben hätte.

     Eine Lösung wurde gefunden. Der Erlös aus dem Verkauf von Meules de Blé wird zwischen dem jetzigen Besitzer – der Familie Cox – und den Erben von de Rothschild und Meirowsky aufgeteilt. Das Werk werde gemäß einer Vergleichsvereinbarung zwischen dem aktuellen Eigentümer, dem Erben von Max Meirowsky und den Erben von Alexandrine de Rothschild zum Verkauf angeboten, so ist im Katalog von Christie´s nachzulesen. Die Vereinbarung löse den Streit um das Eigentum an dem Werk und es gehe dann auf den erfolgreichen Bieter über.

cpw


 Das Köln-Porzer Unternehmen von Max Meirowsky wurde „arisiert“ und produzierte ab September 1941 unter dem Namen „Dielektra AG“. Die AG wurde 1982 verkauft, kam 1990 an den Siemens-Konzern und 2009 endete die Firmengeschichte mit der Werksschließung.

 

 Quellen und weiterführende Informationen:

Lebensdaten nach: Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste 2021


Helmut Fußbroich. Max Meirowsky Kölner Unternehmer, Stifter und Kunstsammler. In: Inter Ludeos Hiltrud Kier, Beiträge zur rheinisch-jüdischen Geschichte. Herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung eines Hauses und Museums der jüdischen Kultur in NRW 5. Jg., 2015 Heft 5, Köln 2015


Wessel, Horst A.: Die Firma Meirowsky & Co, später Dielektra, in Porz und ihre Leistung auf dem Gebiet der künstlichen Isolierstoffe für die Elektronik. In: Rechtsrheinisches Köln. Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde, 1992, S. 129-162.

 

 

 

 

 

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