rheinische ART
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rheinische ART 09/2017

HISTORISCHE FOTOGRAFIE
Zeugen aus Silber, Glas und Zeit

 

Es ist nicht ehrrührig, wenn man mit dem Fachbegriff Ambrotypie zunächst nichts anzufangen weiß. Denn die Uralt-Fototechnik aus der Frühphase der Industrialisierung ist schon sehr speziell. Aber man sollte sie einmal gesehen haben.

 

 

Ambrotypie Fenster, Unikat, 2015, 70 x 50 cm, geschnitten, Naturasphalt-Firnis, Kitt. Das Foto rechts wurde als Ersatz für ein zerbrochenes Fensterglas eingesetzt. Die beiden linken Platten sind schlichtes Glas mit Asphalt. Foto © Ambroteam Treml, Stelzmann, Lode, gebäude.1 fotografie Wuppertal 2017

 

Denn der Eindruck dieser schwarz-silbernen Fotografien, die sich durch eine unnachahmliche Tiefe, hochauflösende Schärfe und Detailliertheit auszeichnen, ist unvergesslich. Eine derartige Aura, das ist anzunehmen, vermag heute weder per Foto-Shop noch durch andere spezielle digitale Bearbeitungsprogramme erzielt werden.

 

Ambrotypie Modell: Fiona Wald Belichtungszeit: 22 Sekunden 50 x 70 cm Foto © Ambroteam Treml, Stelzmann, Lode, gebäude.1 fotografie Wuppertal 2017

 

Ambrotypie Martina, 2016; großformatig, 100 x 70 cm (39,4 x 27,6 inch), mit Naturasphalt versiegelt. Foto © Ambroteam Treml, Stelzmann, Lode, gebäude.1 fotografie Wuppertal 2017

 

Technisch gesehen ist die Ambrotypie - kurz auch Ambro genannt - eine der ältesten Fototechniken. Sie wird auch als fotografisches Direkt-Positiv-Verfahren bezeichnet, das im Kollodium-Nassplatten-Verfahren hergestellt wird.

     Da sie als preiswerter und weniger die Gesundheit gefährdend galt, ersetzte sie ab 1851 die bis dahin vorherrschende Daguerreotypie, deren Originalfotografien heute begehrte Sammelobjekte oder gut behütete Archivalien sind (mehr). Wie Daguerreotypien sind auch die Ambrotypien stets Unikate.


Der Kulturverein Alte Pumpstation Haan e.V. widmet sich derzeit mit einer Werkschau der arbeitsintensiven Ambrotypie. Ort der Schau ist die - schon allein für sich sehenswerte - historische Wasser-Pumpanlage Haan von 1879. Die Arbeiten des Wuppertaler „Ambroteam“ sind hier in einem ungewöhnlichen, aber sehr stimmigen Ambiente präsentiert. 

 

Mit den Ambrotypie-Exponaten werde „eine sehr aufwändige Technik“ in Erinnerung gerufen, betonte der Vorsitzende des Kulturvereins Jochen Füge. In Fachkreisen habe diese alte Lichtbildtechnik durchaus zahlreiche Fans. 

     Dennoch: Das höchst interessante historische Fotoverfahren ist heute ein Nischenprodukt für Spezialisten oder Fotofreunde und bietet dem staunenden Ausstellungsbesucher einen faszinierenden Blick zurück in die Fotowelt vor rund 150 Jahren.

     Denn die hochkomplexe Methode ist nichts für den schnellen (Foto)Schuss. Der Fotograf hat eine Reihe zeitraubender handwerklicher Arbeitsschritte zu beherrschen. Er muss eine Glasplatte beschichten, sensibilisieren, belichten und entwickeln, solange das Material noch feucht ist. Für den ganzen Prozess stehen ihm kaum mehr zehn Minuten zur Verfügung.

 

  

Ambrotypien auf drei klaren Glasvasen. Foto © rheinische ART 2017


Diese Handwerkskunst benötigt Ruhe und Gelassenheit seitens des Fotofachmanns und ebenso viel Geduld und Stillhaltevermögen vom Modell. Denn die Belichtungszeiten liegen üblicherweise zwischen drei und 30 Sekunden. Auf das Ergebnis muss gewartet werden – bis zu fünf Minuten kann es dauern, bis sich auf einer ehemals leeren Glasplatte ein fast fertiges Bild abzeichnet. In der heute digital geprägten Zeit eine Ewigkeit.

 

Kunst und Industriekultur zum Erleben: Ambrotypien in den Kellerräumen der alten Pumpstation Haan. Foto © rheinische ART 2017

 

Fachwissen Neben der handwerklichen Kunst erfordert die Nassplatten-Technik solide Chemiekenntnisse, ein kleines Arsenal chemischer Substanzen und Apparaturen, da fertiges „Filmmaterial“ nicht existiert.

     Das alles ist erforderlich, da die Bildwirkung auf einer knapp belichteten und entwickelten iod- und bromsilberhaltigen Kollodiumschicht auf Glas basiert. Die zähflüssige Lösung besteht aus Kollodiumwolle und einer Mixtur aus Ether und Alkohol, wie sie auch medizinisch für das Verschließen kleiner Wunden und zur Herstellung verschiedener Tinkturen verwendet wird. Es riecht daher durchaus wie beim Arzt.

     Die Fotografie kann zum Schutz abschließend mit Firnis aus Harzen und Ölen bearbeitet werden, oder, wie bei den Bildwerken in der Alten Pumpstation Haan mit Asphalt. Das Ergebnis ist dann einzigartig, nicht reproduzierbar und sozusagen „unsterblich“, wie sich aus dem griechischen Stammwort ambrotos ableiten lässt. Unsterblich auch deshalb, weil bei fachgerechter Umsetzung des Fotoprozesses die Bilder über Jahrzehnte halten.

     Einen Gutteil der Faszination, die von den Ambrotypie-Bildern ausgeht, ist wohl ihrer fast schon brutalen Ehrlichkeit geschuldet. Denn ein Ambro-Bild zeigt den Porträtierten so, wie er eben ist, er aber möglicherweise gar nicht sein will.


Spezieller Arbeitsschwerpunkt der Künstlergruppe „Ambroteam“ ist die Herstellung von großformatigen Abbildungen, die zu den größten zeitgenössischen Ambrotypien in Europa gerechnet werden. Hierzu setzt das Fotografentrio, bestehen aus Thomas Stelzmann, Martin Treml und Stephan Lode im Atelier „gebäude.1 fotografie“ in Wuppertal eine eigens konstruierte und gebaute begehbare Kamera (camera obscura) ein.
cpw

 

Die Ausstellung "Ambrotypie und Druckgrafik, Kondensat und Komposition" wird bis zum 14. Oktober 2017 gezeigt. 
Kulturverein Alte Pumpstation Haan e.V.
Zur Pumpstation 1
42781 Haan
Tel. 02129-348 71 51
Öffnungszeiten
MO-FR 10-17 Uhr

 

Die "Druckgrafik" im Titel der Schau meint die Arbeiten der Düsseldorfer Grafikerin und Fotografin Christa von Senkendorff, einer Schülerin des ehemaligen Folkwanglehrers Erich vom Endt (mehr).

 

 


  

KATE WATERS 

"Whistling In The Dark"

 

bis 14.10.2017

GALERIE VOSS

 


 

 

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