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rheinische ART 12/2018

KÖLN68! 
Gegen Flickwerk und Kruppzeug

 

Der Kölner ist an sich revolutionär, ohne Frage. Aber im Jahr 1968 wollte er nicht so recht. „Berlin brennt, Köln pennt!“ So spotteten in jenem denkwürdigen Jahr Studierende aus anderen Universitätsstädten.

 

Plakat des Rolling Stones-Konzerts 1967 in der Kölner Sporthalle (Musikarchiv NRW / Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

In der Tat: Proteste, Schweigemärsche, Unruhen und Demonstrationen fielen in Köln im Vergleich zu Frankfurt, Hamburg oder Berlin, geschweige denn zu Paris, kaum aufsehenerregend aus.

     Aber Köln hatte auch seine „1968er-Szene“. Sie artikulierte ihre Forderungen ebenso lautstark wie anderswo in Deutschland und teilweise in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Aber ohne abgefackelte Autos, fliegende Pflastersteine und Ausnahmezustand. Fünfzig Jahre ist das nunmehr her.

 

Während der KVB-Demo 1966, auch Regenschirmdemonstration genannt, kam es zu Ausschreitungen und Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten (Privatarchiv Kurt Holl / Foto: Alfred Koch)

 

Demonstranten vor dem Kölner Polizeipräsidium am Waidmarkt: Nachdem die Polizei eine Veranstaltung des experimentellen Kölner Filmstudios X-SCREEN gestürmt und die Filme beschlagnahmt hatte, versammelten sich Demonstranten vor dem Präsidium, um gegen den massiven Polizeieinsatz zu demonstrieren (Privatarchiv Kurt Holl / Foto: B. J. Wiersch)

 

Das Kölnische Stadtmuseum nimmt mit der Sonderausstellung „KÖLN 68! Protest. Pop. Provokation.“ erstmals die vielschichtigen Ereignisse und Entwicklungen in Köln rund um das Jahr 1968 in den Fokus.
     Protestiert wurde in der Rheinmetropole allerdings schon Jahre vorher. Die größte bis dahin in Köln gesehene Nachkriegs-Demo war 1966 der Protestmarsch von Tausenden Schülern und Studenten gegen die Fahrpreiserhöhung der Städtischen Verkehrsbetriebe (KVB).

     Ein Jahr später ging es vehement gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze, gegen den Schah-Besuch und nach dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg (mehr) gegen die Springerpresse. Wer allerdings glaubt, nur aufmüpfige Intellektuelle aus dem Uni-Milieu wären auf die Barrikaden gestiegen, der irrt.


Zwar flatterten 1968 Tausende Flugblätter der Kölner Studentenschaft durch die Straßen, wurden Hörsäle blockiert, Eier geworfen und die ehrwürdige Albertus Magnus Universität kurzzeitig in Rosa Luxemburg Universität umgetauft. Dies blieb aber eher eine amüsante Episode mit einem leicht verletzten Studenten. Schließlich wurde gar ein ganzes Semester lang gestreikt, was die konservative Hochschulelite ohne Zweifel durcheinanderrüttelte. 

 

Am 30. Mai 1968 verbarrikadierten Studierende das Hauptgebäude der Hochschule und benannten sie in Rosa-Luxemburg Universität um (Foto: P. Schmidt von Schwind)

 

Doch den gemäßigten Aufstand für Reformen und gegen bürgerliche Konventionen probten auch andere. Ob beim Politischen Nachtgebet in der gotischen Antoniterkirche, im Republikanischen Club im Römerturm, in den Kunstgalerien oder in den Industriebetrieben, ob Schüler, Gewerkschafter oder Kunstschaffende – der Protest war mehr oder weniger in der Stadtgesellschaft angekommen und allgegenwärtig, wie die Ausstellung erahnen lässt.


Zu einem Epizentrum der politisch motivierten Gewalt und des Aufruhrs wurde die Stadt jedoch nicht. Selbst Studentenführer Rudi Dutschke, der in den Kölner Sartory-Sälen im Dezember 1967 mit dem Publikum über Gewalt diskutierte, vermochte keinen revolutionären Schwung zu erzeugen.

     Die rheinische Seele, ob nun in Köln, Düsseldorf oder Aachen, hielt es da eher mit den kulturellen Auswirkungen jener verändernden Jahre – mit neuer Mode, Musik und Kunst. In Köln formte sich ab Mitte der 60er Jahre eine Subkultur heraus: bunt, lebendig, provokant, kabarettistisch und nicht selten antikapitalistisch. Ihre Spielplätze waren Bars, Clubs und Hinterhof-Etablissements, ihre Musik Beat und Rock.

 

Jimi Hendrix kam im Januar 1969 zu einem Konzert nach Köln und schrieb im studio dumont unzählige Autogramme (Privatarchiv Dorothee Joachim / Foto: Jens Hagen).

 

Die Kölner Avantgarde-Band CAN, 1968 gegründet, revolutionierte mit ihrer Musik zwischen Free-Jazz und Krautrock das Genre und erlangte Berühmtheit über die Region hinaus. Übrigens: auch ein „Kraftwerk“-Vorläufer mit Ralf Hütter und Florian Schneider gründete sich im nahen Düsseldorf zur selben Zeit.

     Kein Wunder, dass Köln als die größte rheinische Metropole zum Magneten für zeitgenössische und am Anfang ihrer Weltkarriere stehende Stars und Ensembles wurde. Im März 1967 traten die Rolling Stones in der Kölner Sporthalle auf, im Januar 1969 kam Jimi Hendrix zu einem Konzert in die Stadt.

 

Konzertplakat der Kölner Politrock-Band Floh de Cologne (Kölnisches Stadtmuseum / Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

Charles Wilps berauschte Nonnen sorgten 1968 für Diskussionen (afri cola-Anzeige (Reprint), 1967/68, Kölnisches Stadtmuseum/Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

Ein Sprachrohr der Protestler wurde die Kunst. Ob X-SCREEN, das legendäre „Kölner Studio für den unabhängigen Film“, gegründet im Frühjahr 1968, Heinrich Böll, Rolf Dieter Brinkmann, Wolf Vostell, Joseph Beuys oder Mary Bauermeister, ob der „Neumarkt der Künste“ oder die Ausstellung „Happening & Fluxus“ im Kölnischen Kunstverein, die das Publikum mobilisierte und provozierte und vom Kurator Harald Szeemann (mehr) organisiert wurde: Die Kölner Kunstszene dieser Zeit war in Bewegung und Aufruhr.

 

Ab 1966 ging die Kabarettgruppe und spätere Politrock-Band „Floh de Cologne“ auf die Bühne und wetterte gegen „Flickwerk und Kruppzeug“. Womit die enge Verquickung von Politik und Wirtschaft vor allem der deutschen Rüstungsindustrie mit den Konzernen Flick und Krupp gemeint war.

     Der Düsseldorfer Werbedesigner und Starfotograf Charles Wilp lieferte 1968 die berühmten Getränke-Werbefotos für Afri-Cola; die Brause wurde von einem traditionellen Kölner Unternehmen mit Stammsitz im Stadtteil Braunsfeld abgefüllt. Die Cola-Inszenierung – etwa mit berauschten Nonnen – stellte die Sehgewohnheiten der Rheinländer, und nicht nur dieser, völlig auf den Kopf. Ein kalkulierter Tabubruch, so herausfordernd wie genial, der das Lebensgefühl jener Zeit spiegelte. Die katholische Amtskirche war nicht amüsiert!

 

Es waren auch die Jahre, in denen der Gottvater und Happening-Künstler der rheinischen Kunstszene Joseph Beuys kundtat, „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ (mehr), Wolf Vostell die Fluxus-Bewegung etablierte (mehr), dabei seinen Opel-Kapitän in Beton goss und die Aktionsplastik „Ruhender Verkehr“ nannte. Sie ist heute noch als Denkmal auf dem Kölner Hohenzollernring zu bestaunen.

     Schließlich die Prä-Fluxus-Ikone Mary Bauermeister, die mit ihrem Ehemann, dem Komponisten Karlheinz Stockhausen, das Atelier in der Lindgasse 28 unterhielt und sich mit diesem Refugium als Urmutter der modernen Kölner Kunstszene festschrieb.

     Köln vor 50 Jahren hieß auch: Politik, Wohnen, Sprache, Kunst, Kultur, Sexualleben und Musik kamen auf den Prüfstand, wurden verändert oder wenigsten nachhaltig beeinflusst. Eine Ausstellung im Stadtmuseum mit dem Potenzial zu einem sentimentalen Blick zurück!
K2M

 

Die Ausstellung ist eine Kooperation des Kölnischen Stadtmuseums mit dem Historischen Institut der Universität zu Köln.

 

► Das Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zeigt noch bis zum 24. Februar 2019 die Ausstellung „Karlheinz Stockhausen – Klang Bilder“.

 

Die Ausstellung „Köln68! Protest. Pop. Provokation.“ wird bis zum 24. Februar 2019 gezeigt.
Kölnisches Stadtmuseum
Zeughausstraße 1– 3
50667 Köln
Telefon: 0221/221-22398 (Kasse)
Öffnungszeiten
DI 10 – 20 Uhr
MI – SO 10 – 17 Uhr

 

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