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rheinische ART 08/2014

ARBEITERFOTOGRAFIE
Aufklären, anklagen, aufrütteln

 

Es waren erbärmliche Zeiten. Hyperinflation, Wohnungsnot, Massenarbeitslosigkeit, mangelhafte Ernährung, Kinderarbeit, Verelendung - das Deutschland der 20er und 30er Jahre, die Weimarer Republik, bot das Bild einer kollabierenden Gesellschaft.

 

Walter Ballhause Vom Tod gezeichnete alte Frau, Hannover, 1930-33, Walter Ballhause Archiv, Plauen

 

Albert Hennig Erwerbsloser beim Zählen seiner Unterstützung, 1932  

Kunstsammlungen Zwickau,

Max-Pechstein-Museum

 

Die professionellen bürgerlichen Presseorgane dokumentierten das soziale Elend durchaus in Wort und Bild, aber es gab auch einen anderen Blickwinkel: Den Blick von unten, den Blick aus der Arbeiterschaft, mit den Augen „proletarischer Fotoamateure“. Ursprünglich eine Gegenbewegung zur bürgerlichen Medienmacht, verfolgte die sogenannte Arbeiterfotografie mit ihren sozialdokumentarischen Aufnahmen das Ziel, die Welt aus ihrer Sicht zu illustrieren und zu beeinflussen. Mit ihren Fotografien aus dem Alltag bildeten sie die sozialen wie politischen Konflikte ab - und trugen damit zu deren agitatorischer Inszenierung in der Parteipresse bei.

 

Rund 90 Jahre existiert die Arbeiterfotografie nunmehr in der deutschen Medienwelt. Die Fotografen kämpften mit der Arbeiterbewegung für eine Verbesserung der Verhältnisse und für mehr soziale Gerechtigkeit. Häufig aber verhinderten Fotografieverbote in Betrieben die Dokumentation der Arbeitsbedingungen und der Ausbeutung. Ihre Motive fanden die Amateure daher meist auf der Straße oder in Landwirtschafts- oder Handwerksbetrieben von Bekannten und Verwandten.

 

Das Kölner Käthe Kollwitz Museum zeigt derzeit anlässlich des Internationalen Fotofestivals und der „photokina“ 2014 die Ausstellung „Das Auge des Arbeiters. Arbeiterfotografie um 1930“. Die gezeigten Bilder sind „Blicke von unten“ auf die Zeiten der großen Wirtschaftskrise und des aufkommenden Nationalsozialismus. Was den Betrachter erwartet, sind Szenen des Alltags und der Arbeiterkultur jener zwei krisengeschüttelten Dekaden. Es handelt sich zum einen um private Fotografien von Amateuren wie etwa Arbeitern, Handwerkern und Kleinbauern, die die Aufnahmen in ihrem Kampf um die Wahrnehmung ihrer Lebenswelt fertigten.

 

Erich Meinhold Lesende Arbeiter in einer Wohnküche in Raschau, Erzgebirge, 1928-32, Deutsche Fotothek, Dresden

 

Entstanden sind sie üblicherweise aus sozialdemokratischer und kommunistischer Perspektive. Zum anderen zeigt die Schau ästhetisch anspruchsvolle, künstlerische Fotografien von später namhaften Fotografen, die dem Arbeitermilieu entstammen. So etwa von Walter Ballhause, Albert Hennig oder John Heartfield, der für seine politischen Fotomontagen bekannt wurde.

 

Walter Ballhause Bauersfrauen vom Wochenmarkt auf dem Weg zum Bahnhof, Hannover 1930-33, Walter Ballhause Archiv, Plauen

 

Die Grundlage der Ausstellung bilden fast 5.000 Fotografien, die in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde in Dresden digitalisiert und wissenschaftlich bearbeitet wurden. 150 Exponate werden gezeigt.

 

John Heartfield Fotomontage vor der Schrift für die AIZ, Juni 1933, »Mit
seinen Phrasen will er die Welt vergasen«, Technische Sammlungen Dresden

 

John Heartfield Fotomontage vor der Schrift für die AIZ, Januar 1934, »Der Reichsbischof richtet das Christentum aus«, Technische Sammlungen Dresden

 

Eugen Heilig Spielende Kinder vor dem Parteihaus der KPD in Berlin,
1933, Sorbisches Kulturarchiv im Sorbischen Institut Bautzen

Amateur contra Profi In der Zeit zwischen den Weltkriegen boomte nicht nur das private Fotografieren. Der rapide anwachsenden Amateurpraxis standen gleichzeitig die große Öffentlichkeit der bebilderten Massenzeitschriften gegenüber. Die bis dahin textlastige Arbeiterpresse entwickelt eine eigene Bildsprache für Agitation und Propaganda, allen voran das KPD-nahe Blatt Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ).

     Im Zuge der Neuformierung ihrer Pressearbeit organisierten sich die Arbeiterfotografen im April 1927 im Erfurter Volkshaus in der Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands, ihr Sprachrohr war die Zeitschrift „Der Arbeiter-Fotograf“. Die Vereinigung wird heute als die wohl erste interaktive, politische Medien-Plattform für Amateure bezeichnet.

 

Von "unten" Die in fünf Kapitel gegliederte Schau bietet nicht nur einen Blick auf die deutsche Arbeiterkultur der 1920er Jahre. Die Fotografien sind so angeordnet, dass das Sehen der Amateure thematisiert und nachvollziehbar wird: als Wegbewegung vom rein dokumentarischen hin zu einem bildmäßigen Zeigen der Welt, um diese zu erklären und für ihre Veränderung zu agitieren. Die Arbeiterfotografien werden zudem in einen Bezug zu einer weiteren Bildwelt der Weimarer Republik gesetzt – den Zeichnungen und Druckgrafiken von Käthe Kollwitz.

 

 Begleitend zur Ausstellung erscheint eine sehr reich illustrierte Publikation im Spector Verlag Leipzig, die in zahlreichen Aufsätzen die Thematik differenziert auffächert.
cpw

 

Die Ausstellung „Das Auge des Arbeiters. Arbeiterfotografie um 1930“ ist bis zum 12. 10.2014 zu sehen.
Käthe Kollwitz Museum Köln
Kreissparkasse Köln
Neumarkt 18-24
50667 Köln
Tel. 0221 / 227 -2899
Öffnungszeiten
DI - FR 10 - 18 Uhr
SA/SO 11 - 18 Uhr

 

Fotografen aus der Ausstellung
Walter Ballhause (1911-1991), Laborant, Chemotechniker, Bürgermeister, Betriebsleiter, Mitglied der Roten Falken und der SPD. Erste Fotografien mit einer geliehenen Leica, vor allem verdeckt aufgenommene Straßenfotografien von Arbeitslosen, Kriegsverletzten, Bettlern und Großstadtkindern. 1931 Mitbegründer der Sozialistischen Arbeiterpartei in Hannover. Am 30.8.1944 Verhaftung aus politischen Gründen, im April 1945 Befreiung aus dem Zuchthaus durch amerikanische Truppen.1982 Aufnahme als Ehrenmitglied durch den Bundeskongress der Arbeiterfotografen. 1988 Ehrenmitglied des Verbandes Bildender Künstler (DDR).

 

John Heartfield, ursprünglich Helmut Franz Joseph Herzfeld (1891 -1968), Buchhändler und Werbegrafiker, nannte sich ab 1916 aus Protest gegen den Krieg John Heartfield. 1918 Eintritt in die KPD. Aktivitäten im Berliner Dada und erste Fotomontagen 1924. Seit 1926 Mitarbeiter im Grafischen Atelier der KPD. 1929 zusammen mit Kurt Tucholsky Autor des Bildbands »Deutschland, Deutschland über alles« im Neuen Deutschen Verlag von Willi Münzenberg. Ab 1930 ständiger Mitarbeiter der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ). 1938 Flucht nach Großbritannien, dort von 1940 bis 1942 interniert. 1950 Rückkehr nach Deutschland, 1957 Nationalpreis der DDR. Zusammen mit dem Arbeiterfotografen Richard Peter erster Träger des »Ehrenpreises für Fotografie« der Zentralen Kommission Fotografie im Kulturbund (1961).

 

Albert Hennig (1907-1998) Betonbauer, Bauhausstudent, Künstler: 1924 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, ab 1927 in der SPD. 1928 erhält er die erste Kamera. Von 1929 bis 1932 ist Hennig arbeitslos. Er fotografiert konventionell im Arbeitermilieu und auf politischen Veranstaltungen, arbeitet aber auch aktiv an Bildformen des Neuen Sehens und deren Integration in die Dokumentarfotografie. Ab 1932 Studium am Bauhaus in Dessau und Berlin. Nach 1945 Mitglied der SED. Gründungsmitglied der Gruppe Bildender Künstler im Kulturbund Zwickau. 1952 Verhaftung und Austritt aus der SED. Bis zur Rente 1972 Arbeit als Betonbauer, danach freiberuflicher Maler und Zeichner. 1996 Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz. Seine über 400 erhaltenen Aufnahmen wurden 2008 im Nachlass seiner Witwe entdeckt und im Begleitbuch zur aktuellen Ausstellung »Das Auge des Arbeiters« veröffentlicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

HARDING MEYER

recent paintings

Verlängert bis zum 23. August 2014

 

GALERIE VOSS


 

 

Originalgrafik

KÜNSTLER- 
Yin Ming-Ming

 

 


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