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rheinische ART 12/2017

CARMEN HERRERA
Old School


Ruhm und Geld, so bekundete sie, wollte sie nie, das war ihr alles nicht wichtig. Sie wollte ihre Ruhe und malen, tagein – tagaus. Das macht die 102-Jährige seit über sieben Jahrzehnten.

 

Carmen Herrera Red with White Triangle, 1961, Acryl auf Leinwand, 121,9 x 167,6 cm, Privatsammlung, New York, © Carmen Herrera Foto © Kunstsammlung NRW

 

Für Feuilletonisten sind kuriose, abenteuerliche oder dramenreiche Lebensläufe gern genommenes Material für spannende Portraits und unterhaltsame Geschichten.
     Die kubanisch-amerikanische Malerin Carmen Herrera, Jahrgang 1915, hat in der Hinsicht relativ wenig zu bieten. Ihr Leben war eher beschaulich, einschließlich eines kreativen Sechs-Jahre-Aufenthalts mit Gatten in Paris. Zwar stellte sie früher da und dort aus, verkehrte in Avantgarde-Zirkeln, war mit Picasso und Pollock bekannt, gleichwohl blieb ihre Kunst unauffällig und sie als Person eine Randnotiz. Damit teilte sie das Schicksal von anderen kreativen Frauen wie zum Beispiel der Malerin Agnes Martin (1911-2014) (mehr), die lange vom Kunstmarkt nicht beachtet wurden.

 

Carmen Herrera Saturday, 1978, Acryl auf Leinwand, 162,6 x 106,7 cm, Privatsammlung, © Carmen Herrera, Courtesy Lisson Gallery Foto © Kunstsammlung NRW

 

Carmen Herrera Verde De Noche, 2017, Acryl auf Leinwand, 182,9 x 121,9 cm, Courtesy Lisson Gallery, © Carmen Herrera, Foto © Kunstsammlung NRW

 

Allein die Tatsache, dass Carmen Herrera mehr zufällig als Künstlerin entdeckt wurde und 2009 als neuer Star am Kunsthimmel von der Kunstkritik in der „New York Times“ gefeiert wurde, macht sie und ihren Lebensweg plötzlich so interessant. Die damals 94 Jahre alte abstrakte Malerin war bis zu dem Zeitpunkt öffentlich nahezu unbekannt.

     2004 wurden Arbeiten von ihr als Lückenfüller in einer Gruppenschau in einer New Yorker Galerie ausgestellt, und zwar, wie es heißt, mit durchschlagender Wirkung und dem ersten kommerziellen Erfolg. Meint: sie verkaufte mit 89 Jahren ihr erstes Gemälde.


Der Zeitungsartikel auf der Titelseite der „New York Times“ fünf Jahre später katapultierte die hochbetagte Dame dann geradezu in die Galerien, renommierte Museen und Ausstellungshäuser.

     In Birmingham wurde im selben Jahr die erste Retrospektive auf ihr Lebenswerk gezeigt. Kunstkenner und Publikum waren begeistert. Herrera wurde als „Entdeckung des Jahrzehnts“ bejubelt, die Schau als eine der zehn besten des Jahres verbucht.

     Im Januar 2010 gab es dann erstmals in Deutschland eine Ausstellung, in der Pfalzgalerie in Kaiserlautern. Jetzt hat die Malerin eine eigene große Schau in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K20), sie titelt „Lines of Sight“.


Was ist es, was eine Frau wie Carmen Herrera so unvermittelt interessant macht? Das biblische Alter, der späte Ruhm, die Außenseiterrolle, ihre Kunst an sich, der unprätentiöse Lebensstil oder die in der Person versammelte Bescheidenheit, Gelassenheit, Selbsttreue und Kontinuität?

     Oder sind gar, wie es jüngst in einer Wochenzeitung anklang, die alten lebenden Künstler auf dem Vormarsch, weil man von den jungen Talenten erst einmal genug hat? Die Faszination des Alters, da fallen einem Bauermeister (mehr), Mack (mehr), Walther (mehr) und ein Dutzend andere Namen ein.

 

Installationsansicht der Ausstellung "Carmen Herrera. Lines of Sight" im K20 Foto: Achim Kukulies, © Carmen Herrera © Kunstsammlung NRW

 

Es ist die bisher größte Ausstellung von Werken der Künstlerin, die zu den Pionierinnen der geometrischen Abstraktion in Amerika zählt. Ihre männlichen Kollegen und Weltstars aus derselben Epoche, etwa Barnett Newman oder Ellsworth Kelly, hat sie alle überlebt.

     Die Schau bietet mit rund 70 Werken aus den Bereichen Malerei, Grafik und Skulptur einen Blick auf Herreras sieben Jahrzehnte umfassendes Schaffen, von 1947 bis 2017. Darf man sie eine Greisin nennen? Die Betagtheit hat ihren Schaffensdrang bisher jedenfalls kaum gebremst. Die nun 102 Jahre alte Künstlerin, so die Düsseldorfer Kuratoren, fertige bis heute in ihrem Atelier kraftvolle Arbeiten von hoher Signalwirkung.

 

Carmen Herrera cirka 1961 "Portrait of Herrera", Fotografie von Ralph Llerena, George Perruc Staff Photographers, Foto © Kunstsammlung NRW

 

Der Besucher trifft im K20 – und das kann man ohne Übertreibung feststellen - auf ein erstaunenswertes Lebenswerk. Erstaunenswert insofern, als die gebürtige Kubanerin ihrer Malerei unbeirrt über die Jahrzehnte treu blieb. Ihre Werke sind minimalistische, geometrische Farbfelder, die nicht selten an Verkehrsschilder oder Wegweiser, aber nie an irgendetwas Exotisches aus ihrem Geburtsland erinnern. Die Farb- und Formensprache ist bescheiden, manchmal nur schwarze und weiße Streifen umfassend, unspektakulär, sachlich, klar, mathematisch genau. Gerade Linien haben Priorität - den einen oder anderen Kreis gibt´s aber auch.


Alles in allem, wie ein Kritiker zu Beginn des Herrera-Hypes vor Jahren feststellte „..keine Kunst, die einem das Herz rasen lässt“. Aber die klaren Kompositionen seien „fein und cool“, für den einen oder anderen gar schön.

     Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung NRW, betonte, dass der Herrera-Kunst „ein architektonisches Denken zugrunde“ liege, schließlich ist die Künstlerin in jungen Jahren in Kuba in Architektur ausgebildet worden. Die für Herrera typische Konstruktion aus Linien und Flächen sei deshalb so besonders, da sie stets „aus einer Balance zu kippen droht“.

     So gesehen kann Präzision aufregend sein, muss es aber nicht. Wenn auch der Kunstfreund bei all diesen „Sichtlinien“ keinen erhöhten Pulsschlag bekommt, so könnte er doch in eine Art meditative Betrachtung versinken.

     Ach, dann ist da ja noch die Sache mit dem Geld. Carmen Herrera, die radikale Minimalistin, verdient mittlerweile mit ihren geometrischen Formen so viel, wie sie nie jemals zuvor besessen habe, wird sie zitiert. Auf Auktionen erreichen ihre Werke Millionenwerte, ausgestellt werden sie in so gut wie allen großen Museum der Welt.
cpw

 

Carmen Herrera wurde 1915 in Havanna geboren. Sie studierte dort Architektur. Nach der Hochzeit mit dem Amerikaner Jesse Loewenthal zog das Paar 1939 nach New York, wo Herrera 1942/43 Malerei studierte. Von 1948 bis 1954 lebte das Ehepaar in Paris. Carmen Herrera wurde 1949 Mitglied der Gruppe Salon des Réalités Nouvelles, wo sie unter anderen mit Sonia Delaunay und Jean Genet befreundet war. Ab 1954 wieder in New York, konzipierte sie ihre wichtigste Serie: "Blanco y Verde" (1959–1971). In den 1960er Jahren entstanden die „estructuras“ - nach Zeichnungen modellierte Skulpturen, Arbeiten mit der architektonisch orientierten Abstraktion. 


Die Ausstellung „Lines of Sight“ wird bis zum 8. April 2018 gezeigt.
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
K20 Grabbeplatz

Grabbeplatz 5
40213 Düsseldorf
Tel 0211 / 8381 – 204
Öffnungszeiten
DI-FR 10 – 18 Uhr
SA, SO 11 – 18 Uhr

 

 

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