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rheinische ART 05/2015

SIGMAR POLKE
Wir Kleinbürger!*

 

Sie war schon in New York, in London und ist jetzt im Museum Ludwig in Köln zu sehen: „Alibis“, die erste posthume Retrospektive über Sigmar Polke.

 

Sigmar Polke Ohne Titel (Quetta, Pakistant), 1974-78, Gelatine-Silberdruck mit Farbhinzufügungen, 56,9 x 85,9 cm, Glenstone, Foto: © Alex Jamison © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst Bonn, 2015

 

Wer Polke (1941 – 2010) sagt, kommt auch an Gerhard Richter (mehr) nicht vorbei, meint ebenso Konrad Lueg (mehr) und Manfred Kuttner (mehr). Die vier Künstler, jedem Durchschnitt die Gefolgschaft verweigernd, haben in den 1960er Jahren mit dem „Kapitalistischen Realismus“ (mehr) ein kunstgeschichtliches Denkmal geschaffen, das der gleichnamigen Wissenschaft noch auf Jahre Themen der Untersuchung bietet.

 

Sigmar Polke Dr. Berlin, 1969–74.
Dispersionsfarbe, Gouache und Sprayfarbe auf Leinwand, 150 x 120cm, Privatsammlung. Foto: © Wolfgang Morell © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst Bonn, 2015

 

Bezogen auf Polke heißt dies: Rasterbilder, deutsche Pop-Art und Alchemie in der Malerei. Veränderung und Wahrnehmung, die großen Themen Polkes, sind selbstredend inbegriffen.

     Jede der Schauen erwies ihre Referenz an den großartigen Künstler mit einem eigenen Schwerpunkt, war mal mehr politisch, wie im MoMA, mal multimedial wie in der Tate Modern aus dem Œuvre orientiert. In Köln hingegen, der Wahlheimat des gebürtigen Schlesiers, ist der „ganze“ Polke zu sehen, werden sämtliche künstlerische Medien gezeigt, die den eigenwilligen, ja provokanten, und sehr experimentierfreudigen Maler ausmachen. In rund 250 Werken sind nicht nur seine Malerei und Zeichnungen, seine sogenannten Rasterbilder, mit denen er bekannt wurde, ausgestellt, sondern auch Grafik, Skizzenbücher, Objekte, Skulpturen, Fotografien, Filme, Diainstallation und Fotokopierarbeiten.

 

Raumansicht mit Diaprojektion Ohne Titel aus 2000. 320 Dias umfasst diese Arbeit in "Alibis" von Sigmar Polke in Museum Ludwig. Foto ©rART

 

Viele Werke wurden noch nie in Deutschland gezeigt und die zusammengetragene Kollektion lässt wahrlich den begnadeten Kreativen, das Genie, den „Weltkünstler“ erkennen. Der geneigte Leser möge bitte die Superlativen verzeihen, die zur Beschreibung bemüht werden. Aber sie sind allesamt zutreffend. Die opulente Ausstellung in Köln trägt den Charakter des Einmaligen.

 

Raumansicht, Alibis: Sigmar Polke. Retrospektive, © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst Bonn, 2015, Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln, Alina Cürten

 

Beispielhaftes aus der Ausstellung Als Beobachter der Gesellschaft finden Polkes Kritiken immer wieder Eingang in seine Werke. Der Überhöhung der Künstlerschaft durch eine ihr nachgesagte übersinnliche Inspiration begegnete er mit Arbeiten wie „Höhere Wesen befehlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“.

 

Das "Kartoffelhaus" von Sigmar Polke in "Alibis" Foto ©rART

 

 

Sigmar Polke Hochsitz, 1984, Synthetische Polymerfarben und trockenes Pigment auf Stoff, 300 x 224,8 cm. The Museum of Modern Art, New York. Teilweise und versprochene Schenkung von Jo Carole und Ronald S. Lauder, Foto: © The Museum of Modern Art / Paige Knight © The Estate of Sigmar 

 

Die Lust am Lästern kann man ebenso am „Kartoffelhaus“ erspüren und die „Zollstockpalme“, ein dürres Gebilde aus, ja, Zollstock eben, löst mit dem Schriftsatz „Empfindungspalme, Ideenpalme, Zeitpalme, Versuchspalme“ weiteres absurdes Denken aus.
     Seine Vorliebe für den Einsatz unterschiedlichster Stoffarten, meist als Bildträger, war in den siebziger und achtziger Jahre so unüblich nicht, wurde von ihm aber experimentell kultiviert. Der Zyklus der sieben „Hochsitze“, je drei mal zwei Meter und mehr groß, setzt sich nicht nur mit dem Motiv Jagdhochsitz und Wachturm auseinander, sondern präsentiert seine – in diesem Falle politischen - Botschaften mit Hilfe von Strukturen, die auf eine Malträtierung von Gewebe und Farbe mit ziemlich fiesen Substanzen schließen lassen.

     Dieser Zyklus darf als Beispiel dafür dienen, dass Polke das Neue auch durch Veränderung suchte und mittels chemischer Substanzen, die über Jahre hinaus Veränderungen in der Materie bewirken (der "Hochsitz" wird immer dunkler!), seinen Werke den optischen Wandel gleich in die künstlerische Wiege legte. „Vor allem veränderte Polke die Malerei, indem er sie der Zeitlichkeit unterwarf“, notieren die Kuratoren hierzu.

 

Hero Ob Sigmar Polke je ein „hero“ sein wollte, sei mal dahingestellt. Tatsache aber sei, dass der Künstler einen unmittelbaren Einfluss auf seine eigene und noch mehr auf nachfolgende Künstlergenerationen hatte und hat. So sprach Yilmaz Dziewior, Direktor am Museum Ludwig, anlässlich der Präsentation. Und auch ein Wermutstropfen wurde seitens der Organisatoren nicht verschwiegen. „Never ever“ soll Polke gesagt haben, als es in der Vergangenheit mehrfach das Angebot gab, eine Ausstellung seiner Arbeiten in Köln zu realisieren. Was ihn zu dieser „produktiven Widerständigkeit“ bewog, ist nur zu mutmaßen. War es eine Kränkung in der Vergangenheit? War es Eitelkeit? Tatsache ist, dass er mit dem MoMA zusammen arbeitete und Konzept und Konvolut der Exponate mit bestimmte. Es ist also eine Schau, auf die er selbst noch Einfluss nahm. Dass „Alibis“ dennoch in der Domstadt zu sehen ist, ist der Zustimmung seiner Familie hierzu zu verdanken.
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Die Ausstellung „Alibis – Sigmar Polke“ ist bis zum 05. Juli 2015 zu sehen.

Museum Ludwig
Heinrich-Böll-Platz
50667 Köln
Tel. 0221 / 221 26165
Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 18 Uhr
jeden 1. DO im Monat 10 – 22 Uhr

 

* Der Titel ist dem Zyklus „Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen“ entliehen.


 

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