rheinische ART
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rheinische ART 05/2022

701 E.V.
Urbane Bühne


Vor dem Rückbau des 69 Meter hohen „Apollo-Hochhauses“ an der Düsseldorfer Königsallee ist der Büroturm die urbane Bühne für Studierende der Künste. Ihr Ansinnen: Aufmerksamkeit schaffen für die so alte, aber immer aktuelle Frage: Wie wollen wir (zusammen) leben?

 

Innenansicht der urbanen Bühne im Apollo-Hochhaus für die Schau "False Spring" der Kunsthochschule für Medien in Köln und dem Verein 701 e.V. Foto © 701 e.V.

 

In der Tat stellt sich angesichts der international akuten, politischen Krise mit viel Krieg und weniger Frieden die Frage des „zusammen Lebens“ völlig neu und bringt eine zusätzliche Dimension mit ein in die Diskussion nach der urbanen Zukunft in unserer Welt.

 

War das programmatische und konzeptuelle Denken bei der Entstehung dieses Projektes noch auf die Zeit nach der Covid-19-Pandemie fokussiert, was schon Spannung und Inhalt genug versprach, so hat das seit Februar allgegenwärtige Thema Krieg auch bei dieser Künstlergruppe und Schau gefühlt den Kontext beeinflusst. Die persönliche Betroffenheit ist kein abstrakt-nebulöses Momentum mehr sondern Fakt.

 

Installationsansicht im Foyer des Hauses. Foto © J. Kuhn, Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln


Die 23 jungen Künstler unterschiedlicher, auch außereuropäischer Nationalitäten sind Teilnehmer am Seminar „urban stage ff“ von Mischa Kuball, Künstler und Professor an der Kunsthochschule für Medien (KHF) in Köln. Ihrer Schau gaben sie den Titel „False Spring“.

 

Impression "False Spring" Foto ©  J. Kuhn, Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln

 

Zusammen mit dem Verein 701 e.V. in Düsseldorf, der junge Kunst und ihre Protagonisten unterstützt, konnte die Catella Projektmanagement GmbH als Eigentümer des Apollo-Hochhauses gewonnen werden, die ehemaligen Büroräume temporär als öffentlich zugängliche „urbane Bühne“ zur Verfügung zu stellen. Dabei heraus gekommen ist eine Ausstellung, in der internationale Gegenwartskunst auf drängende Probleme der Gegenwart trifft. Aktueller geht es nicht.

     Lebensräume und Perspektiven sind die zentral behandelten Themen und ganz selbstverständlich sind die künstlerischen Interventionen in den gläsernen Büroräumen auch geprägt von den kulturellen Hintergründen der Mitwirkenden.

 

Nana Tazuke-Steiniger hat zu „False Spring“ einen Essay mit verfasst. Darin heißt es unter anderem: „Die Künstlerin Gina Bojahr nimmt Gegenstände als 3D-Scans auf und nutzt absichtlich in den Scans herbeigeführte Artefakte für ihre großformatige Ölmalerei-Serie The devil is in the details. Ihr Fokus liegt dabei auf alltäglichen Konsumartikeln wie Lebensmittel, Kleidung oder Kosmetik. Auf ihren fünf Ölgemälden sind jeweils nur Bruchteile der konkreten Gegenstände erkennbar, welche durch ihren künstlerischen Blick selektiert und mit ihrer Maltechnik abstrakt dargestellt werden …

 

Gina Bojahr The devil is in the details Foto Ausschnitt © rheinische ART. 2022

 

... Mayuko Kudo beschäftigt sich unter anderem aus persönlichen Motiven mit den Folgen des Klimawandels. Die Künstlerin mag die Jahreszeit Frühling nicht, da sie unter starkem Heuschnupfen leidet. Sie spürt, dass ihre körperliche Reaktion auf Pollen von Jahr zu Jahr stärker wird und vermutet einen gewissen Zusammenhang mit dem Klimawandel. In ihrer ortsbezogenen Animationsarbeit Apollen, über die die Besucher:innen über die AR-App mehr erfahren, erzählt sie die Geschichte eines fiktiven Baums, der im Apollo-Hochhaus wächst. … Direkt mit dem Klimawandel beschäftigt sich die Künstlerin Javkhlan Ariunbold in ihrer Arbeit Erkhii Mergen, benannt nach einem mongolischen Märchen. Im Foyer des Apollo-Hochhauses hängen großformatige Malereien auf transparentem Stoff, auf denen der Text des Märchens gedruckt ist. Auf ihnen wird eine Geschichte über die Hitze erzählt, welche ein großes Thema in der Mongolei ist …

 

Julian Quentin Apollo´s Ghost Foto ©

J. Kuhn, Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln


     Nach einer Alternative sucht die Künstlerin Hye Young Sin. Early growth repräsentiert pflanzliches Wachstum, und besteht aus einer ungewöhnlichen Konstruktion von Karton, Styropor, Besen, Kabelbindern, Steinen und einem Motorsystem. … Die mehrteilige Installation RHEINENERGIE 2021 von Tim Dönges ist ein absichtlich inszeniertes Chaos, in dem verlassene Büromöbel und Ordnerregale im Ausstellungsraum durcheinander liegen, was den ruinösen Zustand nach einer Katastrophe andeutet. Ob die Ursache eine Naturkatastrophe, wie ein Erdbeben oder ein Sturm, eine kriegerische Handlung oder ein Baustellenbeginn war, ist der Imagination der Besucher:innen überlassen…“

 

Bei der Präsentation von „False Spring“ betonte Mischa Kuball, dass die Ausstellung ein kollektiver Prozess und keine One-Man-Show sei. Die politischen Ereignisse seien auch an dieser Gruppe nicht spurlos vorbei gegangen. „Die Frage nach der künstlerischen Produktion verändert sich“, konstatiert er und erinnert daran, dass blühende Städte in Europa nicht selbstverständlich sind.

 

Impression "False Spring" Foto © rART 2022


Auch das Haus selbst, zum Abriss bestimmt, spielt eine große Rolle im Gesamtkontext der Schau. Die Vergänglichkeit ist omnipräsent angesichts der verlassenen gläsernen Büroräume mit ihren grauen Teppichböden und den oft aufgestemmten Decken, die die ehemaligen Lebensadern des Gebäudes mit Kabeln und Rohrleitungen sichtbar machen. An diesem Ort wird Neues entstehen. Die städtebauliche Planung sieht es so vor. Ein neuer Büroturm, der „KöTower“, wird auch hier in den Himmel wachsen, aber grüner und mit mehr Platz zum (Zusammen)Leben.
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Die Ausstellung „False Spring“ der Studierenden der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln und dem Verein 701 e.V. ist bis zum 19. Juni 2022 zu sehen.
Königsallee 106
Eingang Aderstraße
40215 Düsseldorf
Öffnungszeiten
FR – SO 12 – 18 Uhr

 

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