KERAMIK
Fontanas duale Seele
Der in Argentinien geborene Lucio Fontana (1899–1968) revolutionierte die Kunstwelt mit seinen ikonischen „Tagli“ (Schnitte) und „Buchi“ (Löcher) – den aufgeschlitzten, zerstochenen, durchsiebten, geritzten, perforierten und durchlöcherten Leinwänden der 1950er und 60er Jahre.
|
Lucio Fontana Coccodrillo (Crocodile), 1936-1937. Glazed ceramic, 18 x 130 x 42, 36-37 SC6 © Galerie Karsten Greve, St. Moritz. Bildquelle © Peggy Guggenheim Collection Venedig 2026 |
Zur Erinnerung: 1962 zeigte das Leverkusener Museum Morsbroich die erste museale Einzelausstellung von Fontana in Deutschland.
Sie fand parallel zu einer kleinen Schau des damals 34-jährigen Düsseldorfer ZERO-Künstler Otto Piene statt, der seine Hochachtung gegenüber dem fast doppelt so alten Kollegen wie folgt zum Ausdruck brachte: „Die Bilder Fontanas sind aggressiv und gelassen, stark und schön, revolutionär und klassisch in einem. Sie künden eine neue Realität, indem sie die alte durchschneiden. […] Fontana ist der ,ambasciatore dello spazio‘“, also der Botschafter des Raums, wie es oft hieß.
|
Lucio Fontana Crocifisso (Crucifix), 1952, glazed ceramic, 44,5 x 30,5 x 15 cm. © MIC – Museo Internazionale delle Ceramiche, Faenza. Bildquelle © Peggy Guggenheim Collection Venedig 2026
Lucio Fontana Battaglia (Battle), 1947, glazed ceramic, 15 x 39 x 21,5 cm. 47 FBA 10, © Galerie Karsten Greve, St. Moritz. Bildquelle © Peggy Guggenheim Collection Venedig 2026
|
Danach gab es lange Zeit nichts von ihm in Deutschland zu sehen. Dabei war Fontana eine der internationalen Schlüsselfiguren der Kunst des 20. Jahrhunderts, „ein Wegbereiter neuerer Formen und Konzepte“, also ein Revolutionär, wie es 2025 in Wuppertal hieß.
Das dortige von der Heydt Museum zeigte letztjährig Fontana in seiner ganzen künstlerischen Breite. Diese umfasste nicht nur seine berühmten mit Rasierklingen und Messern bearbeiteten Leinwände sowie Rauminstallationen, sondern auch Keramiken.
Keramiken? In der Tat sind die tönernen Objekte oft übersehene Kunstwerke in seinem Œuvre. Derzeit präsentiert die Guggenheim Collection Venedig die erste weltweite Ausstellung, die sich ausschließlich der Keramik von Lucio Fontana widmet.
Für manche in der Kunstwelt gilt die Schau als Sensation. Manu-Facture: The Ceramics of Lucio Fontana lautet ihr Titel, sie ist 70 Exponate schwer und stellt ein Konglomerat renommierter internationaler Sammlungen dar. Darunter zahlreiche prestigeträchtige Leihgaben, die erstmalig öffentlich zu sehen sind.
Die Manu-Facture unterstreicht die Vielseitigkeit des Künstlers, der allgemein als Pionier der Spazialismo-Bewegung bekannt ist. Die Keramiken sind ein völlig eigenständiger Bereich seines künstlerischen Schaffens, man kann sagen, seine zweite Seele.
Dass Fontanas Verwendung von Ton „lange Zeit eher mit Handwerk als mit Kunst assoziiert“ wurde, wie Kuratorin Sharon Hecker erklärte, mag Ursache dafür sein, das seine Keramik-Praxis auf weniger großes Interesse stieß.
Die Guggenheim-Schau bietet nun eine komplette Übersicht und unterstreicht die Heterogenität Fontanas´ Werke.
Handmade-Einzelstücke und Serien-Objekte, geschaffen sowohl in Südamerika als auch in Europa, über einen Zeitraum von rund 40 Jahren, spiegeln den sozialen, kulturellen und geschichtlichen Kontext, in dem der Meister lebte und arbeitete.
|
Lucio Fontana in seinem Atelier in der ligurischen Gemeinde Albissola Marina (Spatial Concepts, Nature) 1959-1960 Foto © Fondazione Lucio Fontana, Mailand, by SIAE 2025. Bildquelle © Peggy Guggenheim Collection Venedig 2026 |
|
Lucio Fontana Banana e pera (Banana and Pear), 1938, glazed ceramic, 16,6 x 34 x 23 cm. 38 SC 19, © Rira Collection. Bildquelle © Peggy Guggenheim Collection Venedig 2026
|
Rund 2000 Keramikskulpturen schuf der Sohn italienischer Eltern. Zahlreiche seiner plastischen Arbeiten, ob Teller, Kruzifixe, Türgriffe oder Kaminbekleidungen, entstanden in Kooperation mit bedeutenden Designern.
Mit renommierten Mailänder Architekten schuf er unter anderen keramische Friese für Häuserfassaden wie auch Skulpturen für Kirchen, Schulen, Kinos, Hotels oder Grabstätten, teilweise sind sie heute vor Ort noch präsent.
In Venedig werden derartig handgefertigte Unikate gezeigt. Die venezianische Ausstellung wird mit einem Plakat beworben, das ein Krokodil zeigt. Das Motiv Coccodrillo hat Fontana, der als Maler „die hypermaskuline Pose liebte“, als Bildhauer jedoch völlig entspannt gewesen sei, wie die Neue Zürcher Zeitung kommentiert, mehrfach variiert. Von der Natur, oft auch von der Meeresflora und -fauna, war Lucio Fontana sein Leben lang fasziniert.
rART / K2M
► 1946 bekräftigte Fontana in seinem Manifest, dem Manifiesto Blanco, seine Verbindung zur Keramik, das zugleich die Grundlage für den Spatialismus legte. Die Plastizität des Tons verkörperte die Prinzipien, die er für eine neue Art von Kunst formulierte, die „ihre Bestandteile aus der Natur schöpfte.“ An anderer Stelle betonte er: „Existenz, Natur und Materie bilden eine vollkommene Einheit. Sie entfalten sich in Zeit und Raum. Veränderung ist ein wesentliches Merkmal der Existenz. Bewegung und die Fähigkeit zur Entwicklung und Entfaltung sind die grundlegenden Eigenschaften der Materie. Sie existiert in Bewegung und auf keine andere Weise."
Die Ausstellung Manu-Facture: The Ceramics of Lucio Fontana wird bis zum 2. März 2026 gezeigt.
Peggy Guggenheim Collection
Palazzo Venier dei Leoni
Dorsoduro 701
30123 Venedig VE, Italien
Tel +39 041 240 5411
Öffnungszeiten
Täglich 10 – 18 Uhr außer Dienstag
Letzter Einlass 17 Uhr
Zitierquelle: Neue Zürcher Zeitung vom 3. Januar 2026 „Der Ton war Lucio Fontanas Rettungsanker“.











