rheinische ART
Start | Über uns | Kontakt | Impressum | Anzeigen/Banner

rheinische ART 03/2011

 

Archiv 2011: aus "Menschen"

 

„Wenn ich auf Deutsch schreiben könnte, wäre es natürlich einfacher...“

 

Der in Köln lebende Schriftsteller und Menschenrechtler Doğan Akhanlı (* 1957) wurde bei einer Reise in sein Heimatland Türkei festgenommen und saß vom 10. August bis zum 8. Dezember 2010 in Istanbul in Untersuchungshaft. Der Vorwurf einer Beteiligung an einem Raubüberfall erwies sich als haltlos. Vor mehr als 20 Jahren, von 1985 bis 1987, war der Schriftsteller politischer Häftling im Militärgefängnis in Istanbul. In Deutschland wurde Akhanlı daraufhin als politischer Flüchtling anerkannt.
    Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters hatte sich insbesondere bei seiner Reise in die Kölner Partnerstadt Istanbul im Oktober 2010 sowie beim Besuch seines Istanbuler Amtskollegen Kadir Topbaş im November 2010 in Köln für Akhanlı eingesetzt. Nach dessen Freilassung und Rückkehr in die Domstadt bat Roters den Schriftsteller zu einem Empfang ins Rathaus.

 

 

Für die rheinische ART. sprach Georg Simet mit dem Schriftsteller über seine literarische Arbeit, sein Leben in Deutschland und sein Verhältnis zur Kunst.

 

 

Doğan Akhanlı lebt als deutscher Staatsbürger und freier Autor seit 1992 in Köln

Herr Akhanlı, wie lebt es sich als – mittlerweile – berühmter Schriftsteller, der durch ganz Deutschland reist?
Also, als Schriftsteller wahrgenommen zu werden ist mir natürlich angenehmer, als dass man mich als Opfer wahrnimmt.


Sehen Sie sich vorrangig als Opfer?
Ich möchte nicht nur als ein Opfer der türkischen Justiz gesehen werden, sondern als Zeuge, der sehr viel beobachtet, viel gesehen und viel gehört hat. Das ist mir wichtig. Denn das Unrecht, das ich erlebte, ist in der Türkei vielfach präsent.


Welche Rolle spielt die Literatur für Sie?
Ich bin Schriftsteller. Die Literatur ist für mich ein wichtiger Teil meines Lebens. Ohne Literatur kann ich nicht sein. Meine glücklichsten Momente sind die, während ich schreibe. Und ich möchte ein guter Literat sein. Ich will diese, meine Kunst entwickeln und suche ständig neue Wege.


Sie sind ein türkischsprachiger Autor mit deutschem Pass. Von Ihren Werken ist bislang nur der Roman „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ ins Deutsche übersetzt worden. Wo sehen Sie ihre literarische Heimat?
Es ist richtig: Ich schreibe auf Türkisch, aber ich lebe in Deutschland. Das ist eine schwierige Situation, denn ich bin nicht Teil der deutschen Literatur; ich bin Teil der türkischen Literatur. Weil ich aber weit von der türkischen Literatur entfernt lebe, ist die lebendige Sprache in der Türkei ein Problem für mich. Ich erlebe ihre Entwicklung nicht, und ich habe demnach keinen so engen Bezug zu ihr – dies ist ein Nachteil. Hinzu kommt ein weiteres Moment. Da ich auf Türkisch schreibe, ist alles, was ich verfasse, für die deutschen Verleger nur in einer Übersetzung zu veröffentlichen. Und für die türkischen Verlage ist es von Nachteil, dass ich durch die räumliche Entfernung nicht so präsent sein kann, wie es wünschenswert wäre.


Als Menschenrechtler und Kölner Schriftsteller sind Sie bekannt, ja prominent. Hilft das im literarischen Tagesgeschäft?
Bekanntheit ist ja ohnehin etwas Relatives. Man ist bekannt und lebt doch in einem bestimmten Kreis von Menschen. Mir ist natürlich daran gelegen, dass sich diese Kreise erweitern und mehr werden. Doch eine Beziehung, eine tatsächliche Beziehung, die ist in meinen Augen das allerwichtigste.
Die Bekanntheit hilft manchmal und manchmal erschwert sie. Sicherlich hilft sie dabei, Zugang zu ganz verschiedenen Richtungen zu erhalten. Ein einfaches Beispiel: Wenn einem der Name eines Autors etwas sagt, dann liest man dessen Artikel, Geschichten oder Manuskripte eher als die von unbekannten Autoren. Das ist normal. Der Autor und damit seine Schriften werden vermehrt wahrgenommen. Auf der anderen Seite: Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Bekanntheit mein Leben schwer machen könnte.


Das müssen Sie uns erklären!
Man erwartet von mir vielleicht eine andere Haltung, eine andere Mimik, andere Sätze. Vielleicht etwas, dass das, was ich sage, klüger erscheinen lässt. Aber ich glaube, ich kann, ich will nicht spielen, nur weil ich bekannt bin.


Wollen Sie damit sagen, dass Sie authentisch bleiben wollen?
Ja, ich möchte authentisch sein. Das ist der einzige und ehrliche Weg. Ich muss nicht, will mich nicht als etwas anderes zeigen als ich bin. Ich möchte aus dem Bauch heraus reden und sagen, was ich gerade fühle oder denke. Ich möchte meine Sätze sprechen oder schreiben, auch wenn sie fehlerhaft sind. Was ich sage, muss mich spiegeln. Es muss mir gehören. Wenn ich meine Fehler im Deutschen sehe, kann ich mich ja auch entschuldigen. Ich weiß ohnehin nicht, was die Öffentlichkeit braucht oder will.


 


Doğan Akhanlı
ist unter anderem ehrenamtlicher Mitarbeiter im NS-Dokumentationszentrum in Köln (rheinische-ART 09/2010). 1998/1999 erschien in türkischer Sprache seine Roman-Trilogie „Die verschwundenen Meere“ (Kayıp Denizler). Der letzte Band dieser Trilogie „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ (Kıyamet Günü Yargıçları) thematisiert den Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 und wurde 2007 in die deutsche Sprache übersetzt. Akhanlıs 2005 erschienener Roman „Der letzte Traum der Madonna“ (Madonna´nin Son Hayali) greift die Tragödie um das Flüchtlingsschiff „Struma“ auf, das 1942 im Schwarzen Meer versenkt wurde und die jüdischen Flüchtlinge an Bord in den Tod riss. Akhanlı schreibt wider das Vergessen.
   Sein Buch wurde von türkischen Kritikern und Schriftstellern zu den besten zehn Romanen des Jahres 2005 gerechnet.


Diese Aussagen spiegeln den Intellektuellen wider. Was bedeutet Ihnen denn Kunst? Beschäftigen Sie sich auch damit?
Ja. In dem früheren Manuskript von Ona Sevdiğimi Söyle (Sag ihr, dass ich sie lieb habe), einer 13teiligen Serie, die ich für das türkische Fernsehen verfasst habe, ist mein Bezug zur Malerei eindeutig und sogar Teil der Geschichte. Der Titel ist in der türkischen Sprache sehr gut, klingt aber auf Deutsch etwas kitschig. Die Romanrechte an dieser kriminalen Liebesgeschichte habe ich übrigens behalten. In dieser Geschichte habe ich versucht, die Malerei und die Literatur zusammen zu bringen. Ich habe versucht, den Inhalt so zu strukturieren, dass ich einmal als Kunstkritiker und einmal als Autor auftauche.


Das erschließt sich einem nicht sofort. Können Sie das erklären?
Als ein Kunstkritiker, der bestimmte Bilder beschreibt, versuche ich zwischen der Geschichte und den Bildern eine Beziehung zu eröffnen. Es gibt insgesamt 18 Bilder in Form von Bildbeschreibungen. Ich habe die Bilder in meinem Kopf gemalt. Sie existieren ja nicht real, nur fiktiv. Ich versuche, durch die Malerei eine Geschichte zu erzählen.


Ihr jüngster Roman trägt den Titel „Fasıl“. Welche genreübergreifenden Bezüge gibt es hier?
In „Fasıl“ habe ich die osmanische Musik und Musiktradition mit Literatur zusammen gebracht. In einem früheren Werk, „Tage ohne Vater“, habe ich versucht, Mathematik und Literatur zu verbinden. Ich versuche jedes Mal einen anderen außerliterarischen Bereich durch die Literatur dem Leser etwas näher zu bringen. Ob das für die Leser interessant ist, weiß ich nicht, aber für mich ist es eine große Lust, da ich so über die Malerei und andere Bereiche der Kunst etwas lernen kann.


In Deutschland sind Sie ja hauptsächlich als politischer Schriftsteller bekannt geworden. In „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ haben Sie die Armenierfrage aufgegriffen und in „Der letzter Traum der Madonna“ das Flüchtlingsproblem auf dem jüdischen Rettungsschiff „Struma“ im Winter 1941/42. Würden Sie sich als politischen Schriftsteller sehen wollen?
Ich möchte meine schriftstellerische Arbeit von politischer Aktivität getrennt sehen. Die Literatur ist mir näher als die Politik. Doch sicherlich bin ich auch ein politischer Schriftsteller. Meine Themen sind politische Ereignisse. Doch politische Hintergrundgedanken können für ein Buch auch schädlich sein. Zuvorderst will ich eine gute Geschichte erzählen. Wenn man aber über Genozid, über Vergessen schreibt, und die heutigen Probleme der Türkei, da kann man nicht sagen, dass man nur aus Lust Literatur macht.


Kann man über Literatur die türkische Politik beeinflussen?
Nein. Man kann nur dem Leser ein Gefühl für das geben, was gerade passiert. Was ich versuche, ist, über Probleme zu erzählen. Ich schreibe hauptsächlich subtile Geschichten, zum Beispiel in „Der letzte Traum der Madonna“ oder in „Die Richter des Jüngsten Gerichts“. Das war auch eine authentische Erfahrung für mich. Ich komme aus einem Land, in dem eines der schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts passierte. Die Türkei hat die Armenier 1915 und 1916 ausgelöscht. Und dann erreicht man ein Fluchtland, in meinem Falle die Bundesrepublik Deutschland, in dem man Freiheit genießt; und plötzlich lernt man, dass dieses Land eine noch fürchterlichere Geschichte hat, den Holocaust.


Wie sind Sie mit dieser Erkenntnis umgegangen?
Du fragst dich: Was hast du denn mit dieser Geschichte zu tun? Ich kann ja sagen, ich bin 1957 geboren, ich habe damit nichts zu tun. Warum beschäftige ich mich also weiter damit? Sagen wir mal, ich beschäftige mich weiter mit dem Genozid an den Armeniern, weil ich aufgrund meiner eigenen Erfahrung eine emotionale Beziehung zu Gewalt, Gewaltverbrechen und Völkermord habe. Genozid, das ist für mich ein Verbrechen gegen die Menschheit. Was ist die Dimension der Gewalt? Und dann hört man immer wieder, dass der Holocaust unvergleichbar ist. Man hört viele Dinge. Man ist ja neugierig. Was ist da passiert? Was ist das Besondere, dass man ihn nicht vergleichen kann? Dann habe ich begonnen, mich mit der Geschichte zu beschäftigen. Ich bin immer tiefer gerutscht; es ist immer komplizierter geworden nach meiner Recherche. Und dann kommt das Wort Verantwortung.


Haben Sie mit Ihren deutschen Freunden diese Dinge einmal diskutiert?
Frage ich meine deutschstämmigen Freunde, antworten sie: „Wir sind verantwortlich, weil wir Deutsche sind.“ Ich aber bin kein Deutscher. Doch es gibt Verbrechen gegen die Menschheit. Wenn ein Teil der Menschheit einen anderen Teil ausgelöscht hat, betrifft das auch mich. Also, entweder gehöre ich der Menschheit an oder nicht, entweder bin ich ein Teil von ihr oder nicht. Wenn aber, dann bin ich Teil beider Seiten. Ich könnte ja auch zu denen gehören, die ausgelöscht haben oder ausgelöscht wurden oder künftig einmal auslöschen oder ausgelöscht werden.


Üben derartige Gedankengänge und Ihr Status als Flüchtling, als den Sie sich ja selbst sehen, Einfluss auf Ihre Themenwahl aus?
Es gibt bestimmte Momente für mich als türkischer Einwanderer, da fühle ich mich auch besonders verantwortlich. Irgendwann kommt vielleicht wieder jemand, ein bestimmter Typ oder eine Gruppe und wählt jemanden aus. Vielleicht gehöre ich dazu, vielleicht auch nicht. Ob ich dazu gehöre oder nicht, ich, wir sind Teil der Gesellschaft. So muss ich auch die Verantwortung übernehmen. Als Literat kann ich mich der Verantwortung auch stellen. Daher habe ich die „Struma“-Geschichte ausgewählt.


Was möchten Sie in nächster Zeit verwirklichen?
Ich wünsche mir, dass meine Bücher, zunächst einmal „Fasıl“ und „Madonna'nın Son Hayali“ (Der letzte Traum der Madonna) übersetzt werden. Auch wenn ich bekannt bin; ich habe es bislang nur einmal geschafft, übersetzt zu werden. Ich bin Schriftsteller. Ich nehme diesen Beruf sehr ernst.


Letzte Frage: Sind Sie ein Schriftsteller im Exil?
Auf eine Art schon, vielleicht. Wenn ich auf Deutsch schreiben könnte, würde ich sagen: Ich bin nicht im Exil. Wenn ich aber im deutschsprachigen Raum in einer anderen Sprache schreibe, dann bin ich im Exil. Wenn ich auf Deutsch schreiben könnte, wäre es natürlich einfacher…

 

 

©rheinische-art.de, Fotos Autor

 

Ein NEWSLETTER über die Kunst im Rheinland. Für Künstler, Galeristen, Kunstliebhaber, für alle Macher und Kreativen, die es interessiert.

NEWSLETTER
rheinische ART.

(Registrieren)

newsletter@ rheinische-art. de

 

Anzeige

Webdesign - CMS - Hosting == otherworld.de ==

 

 

Anzeige


rheinische ART
.

Anzeigen?