rheinische ART
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rheinische ART 07/2025

DESIGN
Shaker-Ästhetik


Wie konnte eine amerikanische Freikirche des 18. Jahrhunderts weltweit Generationen von Kreativen, ob Baumeister, Künstler oder Designer, inspirieren? Eine interessante Frage!

 

Saatgutkiste Mount Lebanon, New York, ca. 1880 Foto: © Vitra Design Museum / Alex Lesage, mit freundlicher Genehmigung des Shaker Museum, Chatham, New York. Bildquelle © Vitra Design Museum

 

Die Antwort liefert das Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Das Haus zeigt aktuell die ungewöhnliche Ausstellung „Die Shaker. Weltenbauer und Gestalter“.

 

Ovale Spanschachtel auf einer Schreinerwerkbank, New Lebanon, New York, 2024 Foto: © Vitra Design Museum / Alex Lesage, mit freundlicher Genehmigung des Shaker Museum, Chatham, New York. Bildquelle © Vitra Design Museum

 

Darin wird das erstaunliche wie beeindruckend breite Spektrum shakerischer Gestaltung ausgebreitet. Alles geordnet, klar und schlicht. An derzeitigen Maßstäben gemessen könnte man diese Handwerkskunst als zutiefst „nachhaltig“ werten!

     Denn die Shaker verwendeten örtliche Materialien, reduzierten Gegenstände auf das Nötigste ohne Schönheit zu opfern. Möbel, Werkzeuge, Textilien und Architektur werden im Vitra Museum historischen Kontexten und zeitgenössischen Positionen gegenübergestellt.

     Über 150 Originalexponate – überwiegend aus dem Shaker Museum in Chatham, New York – treten in einen Dialog mit Werken von sieben internationalen Künstlern.

 

Meetinghouse (1793), Hancock Shaker Village, Hancock, Massachusetts, 2024 Foto: © Vitra Design Museum / Alex Lesage, mit freundlicher Genehmigung des Hancock Shaker Village. Bildquelle © Vitra Design Museum


Die protestantische Sekte der Shaker, im 18. Jahrhundert in England entstanden, gründete ab 1774 über 20 Gemeinden in Nordamerika. Ihr reduzierter Stil wurde oft als „Shaker-Stil“ populär, spiegelt aber ein ganzheitliches Weltbild. Die Ausstellung betrachtet diese Ästhetik im Spannungsfeld von Religiosität, Alltagsleben und gesellschaftlicher Utopie – ergänzt durch neue Forschungen zu Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und Inklusion.

 

 

Diverse Medizinflaschen Mount Lebanon, New York, ca. 1880 Foto: © Vitra Design Museum / Alex Lesage, mit freundlicher Genehmigung des Shaker Museum, Chatham, New York. Bildquelle © Vitra Design Museum

 

Die Mitglieder lebten streng nach Geschlechtern getrennt im Zölibat. Lediglich für ihre Gottesdienste kamen sie in einem Gemeindehaus (Meetinghouse) zusammen, sangen und tanzten dabei sich schüttelnd, daher ihr Name Shaker. Auf Priester verzichtete diese aus dem Quäkertum entstandene Glaubensgemeinschaft.

     Für die eigenwillige, ja fast rätselhafte Religionsgruppe waren Tugenden wie Fleiß, Kreativität und schöpferische Perfektion Voraussetzungen für ein gottgefälliges und freudvolles Leben. Was nicht alle Zeitgenossen guthießen und sich unvermeidlich zeitweise Spott und Hohn über die kurios anmutenden Tanz-Rituale der Kommune ergossen.

     Gleichwohl: Für die Shaker hatte das calvinistisch-ökonomische Prinzip stets bestand, das da lautet: „Die Hände bei der Arbeit, die Herzen bei Gott“ („Hands to work and Hearts to God“). Bei all dem waren die Shaker offenbar keine Hinterwäldler. Im Gegensatz zu den puristischen Amischen nutzten sie elektrischen Strom, Autos, Telefone und Radio. Sie waren nicht nur gestalterisch bemerkenswert, sondern entwickelten und vertrieben ferner Kräutermittel gegen allerlei Leiden. Ihr klösterlich-ästhetischer Stil wurde nicht selten mit der Zen-Ästhetik in Japan verglichen.

 

Schusterbank Mount Lebanon, New York, ca. 1845 Shaker Museum, Chatham, New York. Bildquelle © Vitra Design Museum

 
Vier thematische Abschnitte gliedern die Ausstellung, benannt nach Originalzitaten der Shaker. Im ersten Teil, „The Place Just Right“, werden beispielweise Lebensweise, Raumstrukturen und Rituale der Gemeinschaft beleuchtet – etwa anhand symbolischer Objekte wie einer vier Meter langen Sitzbank oder der Treppe eines Wohnhauses. Ein Radio aus Canterbury verweist auf die Offenheit der Shaker für technische Neuerungen. Ein besonderer Fokus liegt auf Musik und Bewegung: Reggie Wilsons Videoinstallation „POWER“ interpretiert dieses Erbe neu und verknüpft es mit afroamerikanischen Tanz- und Musiktraditionen.
rART/K2M


 Die Schau wurde vom Vitra Design Museum in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung, dem Milwaukee Art Museum, dem Institute of Contemporary Art Philadelphia und dem Shaker Museum realisiert.


Die Ausstellung Die Shaker. Weltenbauer und Gestalter ist bis zum 28. September 2025 geöffnet.
Vitra Design Museum
Charles-Eames-Str. 2
D-79576 Weil am Rhein
Öffnungszeiten
Täglich 10 – 18 Uhr