rheinische ART
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rheinische ART 01/2019

MODERNE
Ihrer Zeit voraus


Johan Thorn Prikker, Heinrich Campendonk und Heinrich Nauen sind drei klangvolle Künstlernamen, die aus der Kunstgeschichte schreibenden Epoche der „Moderne“ nicht wegzudenken sind. In der Ausstellung „Ihrer Zeit voraus“ beleuchtet das Clemens Sels Museum ihre Zeit im Rheinland und ihr Wirken in – Neuss.

 

Heinrich Nauen Ernte, 1909, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bonn, Foto: Reni Hansen


„Die Stadt Neuss zählte damals neben Düsseldorf, Köln, Krefeld und Hagen zu den kulturellen Keimzellen an Rhein und Ruhr, die als äußerst innovativ und zukunftsweisend und weit über ihre Grenzen hinaus als europäisch vernetzt galten“, schreibt das ausstellende Haus dazu.
     Die drei Künstlerpersönlichkeiten, so darf es rückblickend wohl gesagt werden, leisteten einen erheblichen Beitrag, um die Moderne, die bereits in Paris mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert als nicht mehr umkehrbare Strömung in der Kunstwelt breiten Raum ergriff, in ihrem rheinischen Lebensmittelpunkt bekannt zu machen. 

 

Heinrich Campendonk Zwei Akte, 1913, Gouache, Aquarell auf Papier, Clemens Sels Museum Neuss, Foto: Carsten Gliese, Köln © VG-Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Der Niederländer Johan Thorn Prikker (1868-1932), sein Schüler Heinrich Campendonk (1889-1957) und der mit beiden befreundete Heinrich Nauen (1880-1940) hatten sich in Krefeld kennengelernt und waren in einem Netzwerk aktiv, das enge Kontakte zu Künstlerkollegen, Mäzenen und Auftraggebern unterhielt. Doch wer waren diese?


Die Schau im Neusser Museum hat etwas vom Öffnen einer heimlichen lokalen Tür in den breiten Zeitenstrom der Moderne, wie dieser sich im Rheinland zeigte. Einige Beispiele: In Düsseldorf vertrat der Galerist Alfred Flechtheim (mehr) die französische Avantgarde mit Henri Matisse, Vincent van Gogh, Georg Braque, Pablo Picasso und andere. Auch hielt er Verbindung zu den rheinischen Expressionisten, zu denen Heinrich Campendonk (hier sei noch dessen Mitgliedschaft in der Gruppe der „Blauen Reiter“ erwähnt) und Heinrich Nauen zählten. In Wuppertal wurde im exklusiven Barmer Kunstverein expressionistische Kunst vorgestellt (mehr) und der Kurator Richard Reiche hätte wohl seinen Hut nehmen müssen, hätte sich der Industrielle August von der Heydt nicht hinsichtlich der Proteste und Anfeindungen schützend vor ihn gestellt. In Hagen richtete der Mäzen Karl Ernst Osthaus sein Folkwang Museum ein -es war das erste Museum für zeitgenössische Kunst in Deutschland- (mehr), und als Höhepunkte dürfen die 1912 ausgerichtete Sonderbundausstellung (mehr) und 1914 die Deutsche Werkbundausstellung (mehr), beide in Köln, nicht unerwähnt bleiben.

 

Heinrich Campendonk Kommodenschrank aus der Villa Merländer, 1925, Grisaille auf Holz, Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, Foto: Carsten Gliese, Köln © VG-Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Dem Vorstand der Deutsche Werkbundausstellung gehörte der Maler, Architekt und Designer Peter Behrens (mehr), Gründungsmitglied des Deutschen Werkbundes, an, der von 1903-1907 die Düsseldorfer Kunstgewerbeschule leitete. In seinem späteren Architekturbüro in Berlin arbeiteten unter anderen die jungen aufstrebenden Architekten Walter Gropius (Gründer der Kunstschule Bauhaus in Weimar), Mies van der Rohe und Le Corbusier. Namen, die auch im Rheinland keine unbekannten sind. Übrigens: unterstützt wurde Behrens in seiner Düsseldorfer Zeit von Karl Ernst Osthaus. Und natürlich kannten und schätzten sie Johan Thorn Prikker, der ab 1904 im Nebenberuf an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Krefeld unterrichtete.


Einheit von Kunst und Leben Doch nicht nur das gemeinsame Entwickeln innovativer Lehrkonzepten verband sie. Es war auch ihr beider Hang zur Kunst im Handwerk und sie verfolgten das Ziel einer „... Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk“. Insbesondere Thorn Prikker hing dem Gedanken des „Gesamtkunstwerkes“, einer Symbiose aus freier und angewandter Kunst, an, den er mit Campendonk und Nauen teilte. Damit widmeten sie sich bereits früh dem zentralen Gedanken des berühmten Bauhauses, das als Kunstschule die Kunst in den Alltag bringen wollte und 2019 seinen 100. Geburtstag feiert.
     Doch Thorn Prikker dachte das „Gesamtkunstwerk“ noch radikaler. „Zeitlebens vertrat Thorn Prikker die Auffassung, dass ein Kunstwerk nicht autonom, sondern für einen bestimmten Ort entstehen und mit diesem einer räumliche, stilistische und funktionale Einheit bilden müsse“, schreibt das Museum dazu.

 

Johan Thorn Prikker Vierteiliges Ornamentfenster, um 1923, Glasmalerei, Antikglas, Blei, Schwarzlot, Metall. Schenkung Jan Thorn Prikker, Bonn, Clemens Sels Museum Neuss, Foto: Carsten Gliese, Köln

 

Im Neusser Haus musste man nicht weit gehen, um Exponate für die Schau zu finden. Die eigene Sammlung bietet bereits den Grundstock und in der Architektur der Stadt finden sich prominente Beispiele. Da ist zum einen das katholische Gesellenhaus, gebaut 1910 von Peter Behrens. Und es war Thorn Prikker, der auf Ersuchen des Kaplans von St. Quirin, Joseph Geller, die künstlerische Gestaltung der Kapelle übernahm. „Ziel war es, die Gesellen Anteil haben zu lassen an dem ‚Reichtum neuer zeitgenössischer Kunst‘, um diesen auch für den Handwerksstand nutzbar zu machen.“


Dreikönigenkirche Zum 100. Mal jährt sich auch der Einbau der von Thorn Prikker entworfenen Glasfenster der Dreikönigen-Kirche in Neuss. Den Auftrag dazu erhielt er ebenfalls von Joseph Geller. Doch Geller vergab den Auftrag ohne Zustimmung des Erzbischofs in Köln, der, als er davon erfuhr, den Einbau verweigerte und Joseph Geller nach Duisburg strafversetzte. Mittlerweile hatten aber Teilpräsentationen dieser Glasfenster in der „Sonderbundausstellung“ in Köln und in der Werkbundausstellung 1914 stattgefunden, ohne allerdings den Bezug zur Dreikönigenkirche zu offenbaren. Sie wurden als Glasarbeiten von Thorn Prikker präsentiert. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 wurden die Glasfenster bei Johannes Geller, Bruder von Joseph Geller und Gründer der „Gesellschaft zur Förderung Deutscher Kunst des 20.Jahrhunderts“ in Neuss, eingelagert. Nach Ende des Krieges ermöglichte der Stifter Julius Hönings den Einbau der Fenster, dem der Erzbischof probeweise zustimmte. Erst 1929 wurden die Arbeiten beendet.

 

Johan Thorn Prikker Lautenspielerin, 1914, Mosaik, Osthaus Museum Hagen, Foto: Nicolas Schönherr, Herscheid


24 Entwurfsblätter dieser Fenster befinden sich in der repräsentativen Sammlung des Museums. Mit diesen Glasarbeiten, so schreibt das Haus: „… wurde die Dreikönigenkirche zu einer weltweit einmaligen Sehenswürdigkeit, die Thorn Prikkers frühen expressiven Stil und seine späte geometrisch-konstruktive Formensprache vereint“. In der Ausstellung werden ebenfalls von Campendonk realisierte Glasfensterentwürfe vorgestellt.
     Die Schwerpunkte der Ausstellung Ihrer Zeit voraus liegen auf dem „Gesamtkonzept“, das die Künstler als Entwerfer von Möbeln und Stoffen zeigt und als Experimentierer mit der neuen modernen Formen- und Farbensprache des Expressionismus und der Abstraktion. Die Gemälde Nauens, gemalt im Stil eines van Gogh, sind bestechend und die Hinterglasmalereien von Campendonk, die er unter anderen am Starnberger See in der avantgardistischen Künstlergemeinschaft der „Blauen Reiter“ um Gabriele Münter (mehr) und Wassily Kandinsky malte, überraschend. Und wer die unnachahmliche, abstrakte Glasarbeit „Orange“, 1931 ein Jahr vor seinem Ableben von Thorn Prikker gefertigt, sieht, bekommt eine Ahnung davon, zu welcher ungeheuren Kreativität und Neuerung diese Künstler fähig waren.
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Die Ausstellung „Ihrer Zeit voraus – Johan Thorn Prikker, Heinrich Campendonk und Heinrich Nauen“ ist bis zum 10.03.2019 zu sehen.
Clemens Sels Museum
Am Obertor
41460 Neuss
Tel. 02131 / 904141
Öffnungszeiten
DI – SA 11 – 17 Uhr
SO 11 – 18 Uhr

 

Die Ausstellung ist Partner des Projektes "100 jahre bauhaus im westen" vom Kultur- und Wissenschaftsministerium NRW sowie der Landschaftsverbände Rheinland LVR und Westfalen-Lippe LWL. 

     Mehr Informationen www.bauhaus100-im-westen.de

 

 

 

 

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