rheinische ART
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rheinische ART 03/2019

ZEICHNUNG

Konzept

 

Im Museum Abteiberg geht man auf der Basis der Sammlung Etzold aktuell der Frage nach: Welche Relevanz hat die Zeichnung in der jüngeren Kunstgeschichte? 

 

Konrad Sieben Elementarstruktur, 1969/70, dahinter: Sol LeWitt Modular Piece, 1966, Foto: Uwe Riedel

  

Der Zeichnung kommt seit der späten Renaissance in Italien eine besondere Bedeutung zu. Die Kunsttheorie beschrieb sie Ende des 16. Jahrhunderts als Ursprung von Malerei, Skulptur und Architektur, als das animierende Prinzip, das allen kreativen Prozessen zugrunde liegt (disegno); der schöpferische Funke zeige sich genau in dem Moment, in dem die Hand des Künstlers auf dem Papier zu zeichnen ansetzt. Diese Überzeugung war in der Künstlerausbildung bis ins 20. Jahrhundert von Bedeutung und schwingt unterschwellig, auch wenn sie explizit so nicht mehr praktiziert wird, vielleicht bis heute mit.

     Mit den radikalen und rapiden Veränderungen in der Kunst, die sich in den 1960er Jahren in Europa und vor allem in den USA vollzogen, veränderte sich auch die Bedeutung, die Künstler der Zeichnung zusprachen.


Drei Schauen Die erste Folge KONSTRUKTION untersuchte die veränderte Rolle der Zeichnung in der konstruktivistischen Avantgarde in den 1920er Jahren sowie die Wiederkehr des Konstruktiven seit den 1960er Jahren. Die zweite Folge ALGORITHMUS rückte das Konvolut der frühen Computergrafik ins Zentrum. Künstler als Programmierer, die ein Konzept schreiben, das die Maschine ausführt! Mit dieser technischen Revolution ist die Brücke zur dritten und letzten Folge der Ausstellungsreihe geschlagen, schreibt das ausstellende Haus, die KONZEPT titelt und eine kleine Auswahl an Werken aus den 1960er und 70er Jahren von Marcel Broodthaers, Stanley Brouwn, Christo, Hanne Darboven, Walter de Maria, Marcel Duchamp, Michael Heizer, Sol LeWitt, Konrad Sieben und Timm Ulrichs zeigt.


Die Ausstellung fasst den Begriff „Konzept“ weit, geht aber zunächst von dem Jahrzehnt etwa zwischen 1965 und 1975 aus. Für diese Zeit ist der Begriff der „Conceptual Art“ prägend, wie ihn Sol LeWitt (1928-2007) in seinen theoretischen Schriften Ende der 1960er Jahre umriss. Mit der Skulptur Modular Piece (1966) ist ein Werk des US-amerikanischen Künstlers zu sehen. LeWitts künstlerische Denkweise und Formensprache erschließen sich vor dem Hintergrund der Minimal Art, in der modulare Elemente Neutralität versprachen, um als Bausteine für Variationen und Serien zu dienen. Conceptual Art / Konzeptkunst lässt sich in der durch ihn geprägten Auffassung so charakterisieren, dass die Idee mit der Ausführung eines Werks als gleichwertig zu betrachten ist. Wird die Zeichnung als künstlerisches Medium eingesetzt, dann erscheint sie nicht mehr als Ausdruck unmittelbarer Inspiration.

 

„Ideen allein können Kunstwerke sein. Sie sind Teil einer Entwicklung, die irgendwann einmal ihre Form finden mag. Nicht alle Ideen müssen physisch verwirklicht werden.“ (Sol LeWitt, „Sentences on Conceptual Art“, 1969)

 

Sol LeWitt Zertifikat zu Modular Piece, 1966, Foto: Archiv, Museum Abteiberg

 

Die Zeichnung nimmt etwa im Werk von Hanne Darboven (1941-2009) einen neuen Stellenwert ein, wie sich in Ohne Titel (I-Isp) aus dem Jahr 1966 nachvollziehen lässt, einer Zeichnung mit Bleistift und Kugelschreiber auf Millimeterpapier. Um die Mitte der 1960er Jahre basieren ihre Werke auf einer vorab von ihr festgelegten Systematik, die häufig von numerischen Relationen ausgeht, die sie dann zeichnerisch umsetzt.

     Konrad Sieben (*1946) stellt für seine Skulptur Elementstruktur (Gruppe Diagonal) von 1969/70 verschiedene Möglichkeiten zur Wahl, ihre Bestandteile – neun lose Aluminiumstreben – bei jedem Aufbau zu einer anderen Formation anzuordnen. In einem mit dem Objekt gleichberechtigt präsentierten Schaukasten befinden sich kleine Zeichnungen und winzige Papiermodelle als Anregung für Variationen. Hier ist Konzeptkunst ausdrücklich partizipativ; die Zeichnung dient als Anleitung zum Handeln.

 

Bei den Künstlern der Land Art, die sich Ende der 1960er Jahre in den USA und in Europa entwickelte, stehen „Konzept“ und „Zeichnung“ in einem anderen Verhältnis zueinander. Den gigantischen Dimensionen der in der Natur ausgeführten Arbeiten von Michael Heizer (*1944) wohnt eine graphische Dimension inne, die sich in vorab gefertigten Zeichnungen auf dem Papier genauso zeigt wie in Fotografien der ausgeführten Werke aus der Vogelperspektive, die Gräben und Einschnitte auf dem Boden als Zeichnungen auf der Erdoberfläche erscheinen lassen. 
     Durch eine völlig andere Erscheinungsweise zeichnen sich die Werke des Konzeptkünstlers Timm Ulrichs (*1940) aus, dessen Arbeit Das literarische Gesamtwerk 1968, Band I (1968) zu sehen ist: ein Plexiglaskasten, in dem zehn Meter eines abgespulten, durch den Künstler beschriebenen Schreibmaschinen-Farbbands aufbewahrt sind. In solchen Kunstwerken versteht die Ausstellung „Zeichnung“ gewissermaßen symbolisch: Zeichnung – traditionell an der Basis des kreativen, schöpferischen Akts – verlagert sich hin zu einer „Zeichnung im Geiste“, zur Idee als animierendes Prinzip.

 

Timm Ulrichs Das Literarische Gesamtwerk 1968, Band I, 1968, Foto: Uwe Riedel


Marcel Duchamp (1887-1986) ist mit dem Siebdruck Fliegende Herzen (1961) vertreten, vor dem Hintergrund, dass er ab Anfang der 1960er Jahre in den USA eine neue, große Popularität gewann und eine wichtige Inspiration für konzeptuell arbeitende Künstler wurde. Er hatte am Beginn des Jahrhunderts aus der Malerei des Kubismus heraus einen Ansatz entwickelt, in dem es weniger darauf ankam, das dargestellte Motiv mithilfe von malerisch-zeichnerischen Effekten zu vermitteln, als die Idee und das Prinzip des Dargestellten per se den Betrachtern kognitiv verständlich zu machen.


Die Schnittmenge der unterschiedlichen Positionen besteht darin, dass die individuelle handwerkliche Geste bei der Ausführung der Kunstwerke entweder eine geringere, oder im Verhältnis zur Konzeption gleichwertige Rolle spielt. Die Künstler weisen die Idee eines „schöpferischen Funkens“ zurück, der nach traditioneller Auffassung im ausgeführten Werk ablesbar wäre. Die Vorstellung des Künstlers als Genie – ein Künstlerbild, das sich über Jahrhunderte tradiert hatte – tritt vor dem nun in den Fokus rückenden Prozess der Werkgenese zurück, in dem das Werk nach vorab definierten Handlungsanweisungen vom Künstler selbst, aber auch von Anderen ausgeführt werden kann. „Der Wille des Künstlers ist dem von ihm ausgelösten Prozess von der Idee zur Vollendung der Arbeit untergeordnet.“ (Sol LeWitt, „Sentences on Conceptual Art“, 1969)


Als Teil der Ausstellung wird auch eine zeitgenössische Position gezeigt, die ein Schlaglicht auf konzeptuelle künstlerische Ansätze in der Gegenwart wirft. Thomas Locher (*1956) führt seine Wandarbeit Imperative / Aufforderungen, Befehle und Kommandos (Konzept: Firminy, 1993) an einem neuen Ort auf: dem Museumscafé. Es handelt sich dabei um eine Wiederaufführung einer Arbeit, die er 1993 für den Wohnkomplex Unité d´Habitation von Le Corbusier in Firminy entwickelte und die im Jahr 2012 als Schenkung aus Privatbesitz in die Sammlung des Museums Abteiberg einging.


Die Sammlung Etzold, seit 1970 als Dauerleihgabe im Museum, umfasst etwa 600 Exponate und beginnt bei den konstruktivistischen Avantgarden der 1920er Jahre. Sie hat ihren Schwerpunkt in Pop Art, Zero, Op Art, Minimal und Conceptual Art und anderen künstlerischen Bewegungen, deren Werke das Ehepaar Hans Joachim und Berni Etzold von den 1950er bis zu Beginn der 1970er Jahre in der Zeit ihres Entstehens ankaufte.

rART


Die Ausstellung „DIE ZUKUNFT DER ZEICHNUNG: KONZEPT Das Neue in der Sammlung Etzold“ – Folge 3, ist bis zum 01. September 2019 zu sehen

Städtisches Museum Abteiberg
Abteistraße 27
41061 Mönchengladbach
Tel. 02161 / 252637
Öffnungszeiten
DI – FR 11 – 17 Uhr
SA + SO 11 – 18 Uhr

 

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